Wolfgang Küssner

Vorspiele und Höhepunkte - 3. Akt

Nähern sich Liebhaber:innen, Kenner:innen der Szenerie dem Opernhaus zur meist abends stattfindenden Aufführung, so gilt der erste Blick dem kleinen Glaskasten neben den Eingängen mit der Liste über die Besetzung der heutigen Aufführung. Ist der Zettel weiß, findet die Veranstaltung wie offeriert statt; ist der Zettel rot, so gibt es für diesen Opernabend mindestens eine Änderung. Es ist dann ärgerlich, wenn große Namen, langerwartete Interpreten nicht auftreten können, kam man doch heute nur ihretwegen an den Spielort. Doch Sänger:innen sind Menschen, mit Gefühlen, mit kleinen und mit großen Wehwehchen, mit guten und mit schlechten Tagen.

Ein weiterer, spannender Moment sind dann die Minuten direkt vor Beginn der Vorstellung. Die Gäste haben ihre Plätze eingenommen, der Saal wird abgedunkelt. Die Frage: Öffnet sich der Vorhang oder erscheint der Intendant mit einer kurzen Mitteilung wie z.B.: Der Kammersänger sei bedingt durch die Anreise aus dem kühlen New York etwas indisponiert, wolle aber versuchen, seine Rolle zu gestalten, die Vorstellung zu retten. Vorsorglich bitte man um Nachsicht, um Verständnis. Soweit, sogut. Der Abend scheint gerettet. Wirklich?

Nach der Pause, so vor etlichen Jahren selbst erlebt, trat der Intendant erneut vors Publikum, musste diesmal allerdings mitteilen, dass sich der Zustand des Sängers verschlechtert habe und die Aufführung zu seinem großen Bedauern nicht fortgeführt werden könne. Er hoffe auf das Verständnis des Auditoriums. Als wäre es das Stichwort, stand ein Besucher auf, hob seine linke Hand und bot an, die Rolle des erkrankten Kammersängers zu übernehmen, den Abend zu retten. Es war zufällig ein Kollege vom Fach. Große Freude. Der zweite Akt begann, wenige Minuten verspätet, mit einem kurzen Vorspiel, gefolgt von vielen Höhepunkten. Das Auditorium begeistert.

Die Romantiker waren auch begeistert; von den ersten Regungen einer demokratischen Revolution in Europa. In Italien entstand eine Bewegung zur nationalen Einigung, das Stichwort dazu: Risorgimento. Die Musik von Giuseppe Verdi wurde zum Symbol für die Hoffnungen des italienischen Volkes. 28 Opern-Werke hat Verdi (1813-1901) komponiert. Drei seiner beliebtesten Meisterwerke sind Rigoletto (♫42), Il Trovatore (♫43) und La Traviata (♫44 + ♫45), die Geschichte einer an Tuberkulose erkrankten Prostituierten. Nebenbei bemerkt: Eine der erfolgreichsten Opern der Musik-Geschichte. Giuseppe Verdi verzichtete nach und nach auf Bravour-Arien und schuf, ähnlich wie Wagner, Gesamtkunstwerke. Die Charaktere der Personen und die Dramatik wurden stärker herausgearbeitet. Beispiele sind Otello (♫46) und Verdis letzte Oper Falstaff (♫47).

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand das Anliegen, Opern realistischer zu gestalten. Bizets Carmen hatte den Auslöser gegeben und leitete die Bewegung des Verismo (d.h. Wahrheit) ein. Menschen aus dem Volk, wie beispielsweise die Arbeiterinnen einer Zigarettenfabrik in Carmen, standen im Mittelpunkt des Geschehens. Zu den erfolgreichsten Verismo-Opern zählen Cavalleria Rusticana von Mascagni (♫48), Der Bajazzo von Leoncavallo (♫49) und von Puccini die Opern La Boheme (♫50) und Madame Butterfly (♫51).

Bereits in der ersten Hälfte des 18. Jh. kam die Oper von Italien aus nach Russland, doch ein eigener Stil bildete sich erst im 19. Jh. heraus. Der sich überall in Europa entwickelnde Nationalismus beeinflusste auch das künstlerische Schaffen in Russland. Mikhail Glinka schuf 1836 die erste russische Oper in italienischer Balcanto-Tradition mit dem Titel Ein Leben für den Zaren (♫52). Impulse russischer Volksmusik waren in diesem Werk allerdings auch zu hören. Fünf Namen sind an dieser Stelle zu nennen, die versuchten, der russischen Musik neues Leben einzuhauchen: Mily Balakireff, Alexander Borodin, Cesar Cui, Modes Mussorgsky und Nikolai Rimsky-Korssakoff. Große Popularität erreichte Modest Mussorgsky mit seinem Boris Godunov, einem vertonten Drama von Puschkin (♫53).  Tschaikowski war mit den 5 Komponisten bekannt, seine Liebe galt aber mehr der westlichen Musik, insbesondere der von Mozart. 10 Opern hat Pyotr Iljitsch Tschaikowski zu Papier gebracht, davon werden auch heute noch Eugen Onegin (♫54) und Pik Dame häufiger aufgeführt.

Für die russische Musik im 20. Jahrhundert stehen Namen wie Igor Strawinsky mit Die Nachtigal, Serge Prokofjeff mit Die Liebe zu den drei Orangen (♫55) bzw. Krieg und Frieden, sowie Dimitri Schostakowitsch mit Die Nase und Die Lady Macbeth des Mzenker Kreises.

Die Engländer unterhielten sich im 17. Jh. mit aus Musik, Tanz und Drama bestehenden Maskenspielen. An ernsten Opern, die aus Italien kamen, war man weniger interessiert, weil nicht gewöhnt. Henry Purcell war es, der 1689 mit Dido und Aneas die erste echte Oper schuf (♫56). Heute als Meisterwerk eingestuft. Purcell hätte so etwas wie eine englische Oper begründen können, starb jedoch bereits im Alter von 36 Jahren. Und so wurde bis Mitte des 20. Jahrhunderts keine Oper mehr in England komponiert.

Nun gut, man hatte Georg Friedrich Händel im Land. Seine 36 Opern im italienischen Stil feierten Erfolge in London (♫57). Große Anerkennung fand auch The Beggar´s Opera (♫58 + ♫59), ein Vorläufer der Dreigroschenoper. Rossini und Verdi waren mit ihren Werken in London erfolgreich, gleiches gilt für Mozart und Wagner, die die Gunst des englischen Publikums erlangen konnten. Doch ein englischer Komponist zeigte sich erst 1944. Sein Name: Benjamin Britten. Sein Werk: Peter Grimes (♫60).

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts begann der Einfluss Richard Wagners deutlich zu schwinden. Neue Komponisten mit neuen Ansätzen traten auf den Plan. Da wäre Claude Debussy mit seiner einzigen Oper Pelleas et Melisande (♫61) zu nennen. In Deutschland gab Richard Strauss mit seiner Salome von 1905, nach einem Schauspiel von Oscar Wilde, neue Impulse. Vier Jahre später folgte die noch eigenwilligere Elektra (♫62). Sein größter Erfolg war allerdings Der Rosenkavalier, eher Mozart musikalisch verpflichtet (♫63).

Die sogenannte Zweite Wiener Schule sprengte unter Arnold Schönberg die bis dato praktizierte Dur-Moll-Tonalität. Neue Kompositionstechniken wurden entwickelt, es entstand von Alban Berg, einem Schüler Schönbergs, nach Büchners Schauspielfragment, die Oper Wozzeck. 1937 folgte dann Lulu. Von Bert Brecht und Kurt Weill wurde 1928, nach Vorlagen von The Beggar´s Opera, das sozialkritische Stück Die Dreigroschenoper uraufgeführt (♫64). Die Musik ist karg und hart, zeitgenössische Tanz-Rhythmen lassen bitterböse Ironie entstehen. Die Kompositionen von Kurt Weill wurden im Dritten Reich von den Nazis als entartet klassifiziert, verboten.

Auch wenn in den führenden Opernhäusern in aller Welt überwiegend Repertoire der sogenannten Klassiker zur Aufführung kommen, so schaffen Komponisten bis in unsere Zeit hinein neue Opernwerke. Igor Strawinsky 1951 The Rake´s Progress; Luigi Nono 1960 Intolleranza; Hans Werner Henze 1965 Der junge Lord, Alois Zimmermann in gleichen Jahr Die Soldaten; Philip Glass 1976 Einstein on the Beach; Wolfgang Rihm 1992 Die Eroberung von Mexico; Stewart Wallace 1995 Harvey Milk; Helmut Lachenmann 1996 Das Mädchen mit den Schwefelhölzern und viele mehr. Die Geschichte der Oper ist eine lebendige Geschichte; mit Witz und Humor, voller Leben und manchmal auch Politik, mit Vorspielen und Höhepunkten.

 

Hier die im Text erwähnte Auswahl ♫ für die Ohren; auch als Recherche-Hilfe im Internet bei YouTube und anderen zu verwenden:

♫42 – Verdi, Rigoletto, Arie des Herzog von Mantua „La donna e mobile“, Luchiano Pavarotti

♫43 – Verdi, Il Trovatore, Arie des Manrico, “Di quella pira”, Jonas Kaufmann

♫44 – Verdi, La Traviata, Brindisi „Libiamo“, Anna Netrebko & Rolando Villazon

♫45 – Verdi, La Traviata, Arie der Traviata „Estrano“, Diana Damrau

♫46 – Verdi, Otello, Arie der Desdemona „Ave Maria“, Maria Callas

♫47 – Verdi, Falstaff, Arie des Falstaff 1. Akt, Luis Cansino

♫48 – Mascagni, Cavalleria Rusticana, Duett Santuzza und Turiddu „Tu qui Santuzza“, Maria Callas & Guiseppe di Stefano

♫49 – Leoncavallo, Der Bajazzo, Arie des Canio, „Recitar!  Vesti la Giubba“, Placido Domingo

♫50 – Puccini, La Boheme, Arie des Rodolfo „Che gelida“, Ramon Vargas

♫51 – Puccini, Madame Butterfly, Der Summchor

♫52 – Glinka, Ein Leben für den Zaren, Polonaise

♫53 – Mussorgsky, Boris Godunov, Coronation scene, Bryn Terfel, The Royal Opera

♫54 – Tschaikowski, Eugen Onegin, Lensky´s Aria, „Kuda, kuda, kuda vi udalilis”, Nicolai Gedda

♫55 – Prokofjeff, Die Liebe zu den drei Orangen, Der königliche Marsch

♫56 – Purcell, Dido and Aeneas, Arie des Dido „Belinda”, Eva Zaïcik

♫57 – Händel, Arie „Cara sposa”, Philippe Jaroussky

♫58 – Gay, The Beggar´s Opera, Lied „Cold and raw“, Paul Elliott

♫59 – Gay, The Beggar´s Opera, Lied „Greensleeves“, D. Kai Ma

♫60 – Britten, Peter Grimes, Four Sea Interludes

♫61 – Debussy, Peleas et Melisande, Duett, Gerald Finley, Berliner Philharmonker

♫62 – Strauss, Elektra, Arie der Elektra „Orest!“, Leonie Rysanek

♫63 – Strauss, Der Rosenkavalier, Final Trio, Kiri TeKanawa, Katherine Ciesinski & Kathleen Battle

♫64 – Brecht/Weill, Die Dreigroschenoper, Die Moritat von Macky Messer, Kurt Gerron

Und was ist mit Aida und Parsifal, Tosca und La Wally, mit Hänsel & Gretel und Nabucco, Turandot und Billy Budd, mit Idomeneo und Nixon in China, mit Fausts Verdammnis und Zar & Zimmermann, mit Manon Lescaut und Die Meistersinger von Nürnberg, mit Macbeth und Tristan & Isolde, mit Don Carlos und Ein Maskenball? Wo bleiben all die anderen 30.000 nicht erwähnten Opern, könnte die Frage auch lauten und sich somit selbst beantworten. Es sollte hier erstens keine unendliche Geschichte entstehen; zweitens Zeit vorhanden sein, all die schönen Werke zu hören; und drittens zu eigener Entdeckung inspirieren. Viel Spaß mit all den Vorspielen und Höhepunkten.

 

Ende

 

September 2020

© 2020

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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