Konrad Johann

Rätselraten im Wartezimmer

 

 

 

Rätselraten im Wartezimmer

 

 

Manchmal, wenn man nachts nicht schlafen kann, kommen einem die sonderbarsten Ideen. In vielen Fällen spielen die Finanzen eine nicht unerhebliche Rolle dabei. Seit der Einführung des Euro haben die Leute weniger Geld zur Verfügung. Es ist eine Tatsache : Die Renten wurden halbiert, bei den Preisen für Lebensmittel und andere Gebrauchsgüter hat man beim Etikett einfach nur Mark gegen Euro ausgetauscht. Natürlich sehen die Politiker die Misere ganz anders. Sie leugnen diese Entwicklung, in dem sie sagen, diese vermeintliche Teuerung käme den Menschen nur so vor. Vielleicht hätte ich diese Behauptung auch aufgestellt, wenn ich das Gehalt eines Ministers hätte. Wie dem auch sei. Um noch in den Urlaub fahren zu können und sich ein kleines Auto zu leisten, muß man auf irgendeinem Gebiet sparen. Und da hatte ich vor ein paar Jahren, mitten in einer schlaflosen Nacht eine geniale Idee. Um ehrlich zu sein, zu dieser grandiosen Erleuchtung verhalf mir eigentlich meine Frau Karin. Aber der Reihe nach. Die Mehrzahl unserer Bekannten sind vermögender als wir. Einige sind sogar Millionäre. Zum Glück, oder vielleicht auch zum Unglück, bin ich überhaupt nicht neidisch. Es ist mir völlig egal, ob jemand wohlhabender ist als ich. Allerdings muß ich zugeben: Es ist immer noch besser, Geld zu besitzen, als keines zu haben und den Spruch „ Geld macht nicht glücklich“ hört man immer von den Leuten, die genug davon besitzen. Der eigentliche Grund für meine generelle Ebbe im Portemonnaie ist aber, so nehme ich an: Ich liebe das Geld zu wenig und meine Zuneigung gehört anderen Dingen, meinem Hobby, der Musik, zum Beispiel. In den wenigsten Fällen bringen Hobbys etwas ein. Diese brotlosen Künste, wie Karin sie nennt, verursachen nur Kosten . So ganz Unrecht hat sie damit nicht und dem Vorwurf , anstelle von sieben Gitarren hätten zwei auch genügt, konnte man eine gewisse Berechtigung nicht absprechen. Ich muß gestehen, von einer planvollen Ökonomie verstehe ich herzlich wenig, deshalb hat Karin auch die Haushaltskasse, worüber ich sehr erleichtert bin. Neben der Musik gibt es noch etwas, das ich gerne praktiziere, nämlich Kreuzworträtselraten. Da Karin ebenfalls eine fleißige Raterin ist , wirft sie mir hierbei wenigstens keine“ brotlose Kunst“ vor. Dennoch kosten auch die Rätselhefte Geld und ich soll ja unsere Ausgaben minimieren.- Aber nun wieder zu meiner genialen Idee.-

Jeder weiß, daß man bei einem Arztbesuch in den meisten Fällen sehr viel Zeit mitbringen muß. Um die Wartezeit einigermaßen erträglich zu gestalten, liegen in den Wartezimmern diverse Lesemappen für die älteren Patienten bereit. Die jüngeren Arztbesucher fummeln allesamt an ihren Smartphones herum. In den zahlreichen Zeitschriften findet man natürlich auch immer einige Kreuzworträtsel. Nun habe ich mitbekommen, daß die Hefte immer am Donnerstag angeliefert werden, deshalb finden meine Arztbesuche nur noch donnerstags statt, ausgestattet mit einem Kugelschreiber. Das Gute bei unserem Gesundheitssystem ist, daß man auch zum Arzt gehen kann, ohne ernsthaft krank zu sein. Z.B. zum Blutdruck messen. Letzten Donnerstag war es wieder so weit, Rätseltag. Mein Arztbesuch findet grundsätzlich ohne vorherige Terminabsprache statt. Das wäre nämlich ausgesprochen unklug, weil ich mindestens drei Rätsel schaffen möchte, mit anderen Worten, möglichst lange in der Praxis aufhalten. Manchmal bin ich ziemlich frustriert, weil nur ein einziger Patient vor mir ist. Da schaffe ich gerade mal ein halbes Rätsel. So kann es dann auch mal sein, daß ich die Patienten, die nach mir in die Sprechstunde kommen, den Vortritt lasse, was dann bei ihnen zu erheblichen Irritationen führt.

Heute ist mein Glückstag. Das Wartezimmer, bis auf einen freien Platz , brechend voll. Ich nehme mir eine Zeitschrift vom Tisch und setze mich dort hin. Da ich ein erfahrener Ratefuchs bin, weiß ich inzwischen in welchen Zeitschriften die meisten Rätsel zu finden sind. Kugelschreiber aus der Tasche und los geht’s.

Auf dem ersten Blick scheint es ein leichtes Rätsel zu sein.

Waagerecht: Fortbewegungsmittel, 4 Buchstaben, - Auto

Senkrecht: Stürmische Naturerscheinung, 5 Buchstaben, - Orkan

Waagerecht: Gartenblume, Mit dem „n“ von Orkan ergibt das - Nelke

Senkrecht: Raubfisch, 9 Buchstaben. Ich versuche es mit- Hammerhai

Waagerecht:Deutsche Großstadt . Mit dem „H“ von Hammerhai, wäre das- Hamburg

Aber dann stelle ich fest, die Zahl der Buchstaben paßt nicht. Ich brauche nämlich 8. Hamburg hat aber nur 7. Hannover kommt in Frage, doch dann heißt im nächsten Feld die Südfrucht nicht Apfelsine, sondern Appelsone und der längste Strom der Erde nicht Nil, sondern Nal. So allmählich wird mir die Raterei lästig. Irgendwie ist das nicht mein Tag.

Die erforderlichen senkrechten Wörter passen nicht mit den waagerechten zusammen. Aber klein beigeben will ich auch nicht und so schreibe ich alles was mir gerade einfällt in die kleinen Felder. Aus Venus wird Wellu, aus Afrika wird Oflika und aus Marzipan wird Nabelkan. Schließlich habe ich das Rätsel bis auf wenige Felder auf diese Art gelöst, als mich die MTA aufordert ins Sprechzimmer zu kommen. Früher hießen diese Damen noch Arzthelferinnen, heute MTA, zu deutsch: Medizinische-Technische- Assistentin. Das ist natürlich was besonderes und hört sich zumindest nach Abitur an. Ich lasse die Zeitschrift auf meinem Platz liegen und dann rein zur Ärztin. Was mir fehlt, will sie wissen. Da ich das nicht so genau weiß, schlage ich ihr vor, den Blutdruck zu kontrollieren. Außerdem habe ich manchmal Rückenschmerzen, besonders wenn ich lange gelegen habe. Sie sagt, in diesem Fall wäre das normal. Die Menschen bewegen sich zu wenig , sitzen stundenlang vorm Fernseher oder im Auto oder vertreiben sich die Zeit mit Kreuzworträtsel, anstatt spazieren zu gehen oder Sport zu treiben. Ich stimme ihr zu.

Es zeigt sich, daß die Ärztin ihren Beruf sehr ernst nimmt und außerordentlich gründlich ist.

Um bei Ihrem Rücken auf Nummer Sicher zu gehen“, so sagt sie, „ lassen wir ein MRT machen.“ MRT, wieder so ein Fremdwort. Inzwischen weiß ich, es heißt übersetzt: Magnet- Resonanz- Tomographie. Besser bekannt als Kernspintomographie. Die Medizienerin ist nicht nur sehr gründlich ,sondern obendrein auch sehr gefällig. Sie übernimmt sogar die Anmeldung bei der Radiologie für mich, „weil die Wartezeit gewöhnlich so unendlich lang ist, bis man einen Termin bekommt. Wird direkt aus der Praxis angerufen, geht es meistens schneller. Ich möchte doch noch einen Moment im Wartezimmer Platz nehmen.“

Der Raum ist immer noch voller Patienten und die Smartphones haben ebenfalls immer noch Hochkonjuktur, aber wir durch ein Wunder ist mein vorheriger Platz frei geblieben. Diese Hürde wäre also genommen. Nur der Patient neben mir, der ist neu und was muß ich sehen ? Er hat mein Rateheft in der Hand und ist gerade dabei ein Schreibwerkzeug aus seiner Jacke zu angeln. Ich schiele vorsichtig zu ihm hinüber und ahne nichts Gutes und tatsächlich, er schlägt meine angefangene Rätselseite auf.

Die nächsten zwei Minuten passiert erst mal gar nichts, doch dann entnehme ich seinem Gemurmel, begleitet von einem leichten Kopfschütteln, daß ihm einige Ungereimtheiten aufgefallen sind. Dann stößt er mich an. „ Hier, sehn Sie sich das an, da hat einer bei der Frage, Deutscher Dichter, anstatt Schiller, Schepper geschrieben. Oder hier, bei Weltall, ist die richtige Antwort: Universum. Was schreibt der Dummkopf ? Andersrum.- Deutsches Fotomodel ist bei ihm, Heidi Dumm. Die Dame heißt Klum. Jede zweite Frage ist falsch beantwortet, der Idiot hat das ganze Rätsel versaut. Wie kann ein Mensch nur so blöde sein.!“ Inzwischen hat er sich so in Rage geredet, mit einem immer lauter werdenden Tonfall, daß die anderen Patienten alles mitbekommen. Diese wiederum haben gesehen, daß ich das Heft vorher in der Hand hatte und so wissen sie auch, daß ich es war, der das Rätsel vermasselt hat. Der eine oder andere wirft mir einen ungläubigen und verständslosen Blick zu, als würde er sagen wollen : So doof sieht der eigentlich gar nicht aus. Wieder andere grinsen ganz unverschämt und die Schadensfreude steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Aber dann gibt es auch noch eine andere Sorte und deren besorgte Mienen tun am meisten weh. In ihren Augen erkenne ich aufrichtiges Mitleid mit so einem armen Hund, der sich so gerne weiterbilden möchte, den aber Mutter Natur mit so wenig Geist gesegnet hat. Doch dann hat das Schicksal endlich ein Einsehen und ich werde erlöst. Die MTA ruft mich nämlich auf und ich kann die Höhle des Löwen endlich verlassen. Sie händigt mir den Termin zum MRT aus und ich verlasse Hals über Kopf die Praxis. Sie ruft mir hinterher, „ Auf Wiedersehen, bis nächsten Donnerstag !“ Aber da kann sie lange warten. Nächsten Donnerstag bin ich beim Zahnarzt. Ob ich Zahnschmerzen habe ? Nein, nur eine Vorsichtsmaßnahme. Kreuzworträtsel lassen sich auch ohne Zahnschmerzen lösen.

 

 

 

 

© Konrad Johann 1998

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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