Martina Welack

Der Leopard

Dunkel war es und der Geruch um ihn wurde langsam bestialisch. Er konnte sich kaum bewegen, ohne an die Wände zu stoßen. Sein Atem ging flach, jeder Teil seines Körpers schmerzte und er musste sich konzentrieren, um nicht in Panik zu verfallen. Zum wiederholten Male fragte er sich, wie es nur soweit hatte kommen können.

Von draußen drangen auf einmal Geräusche zu ihm. Erst entfernt, dann wurde anscheinend irgendwo eine Tür geöffnet und plötzlich standen die Stimmen genau vor seinem Gefängnis. „Deckel aufmachen!“ sagte die Unangenehmste davon in ganz ruhiger Tonlage. Es ruckelte ein paar Mal und ein kleiner Lichtspalt erschien direkt über ihm.

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Drei Wochen zuvor hatte alles noch ganz anders ausgesehen. Der Mann, den man „Leopard“ nannte, saß für gewöhnlich mit überschlagenen Beinen auf dem Schreibtisch, zurückgelehnt im teuren Ledersessel, in seinem Büro und verteilte Befehle an seine Mitarbeiter. Pah, Mitarbeiter. Dämliche Personen waren das. Zu nichts fähig, außer man betete es ihnen bis ins kleinste Detail vor. Recht machen konnten sie eh alle nichts und mehrmals am Tag fragte er sich, warum er ihnen überhaupt Gehalt bezahlte. Die wichtigsten Geschäftstermine nahm er sowieso lieber persönlich wahr. Eine Tatsache, die die meisten Geschäftspartner schon im Vorhinein erzittern ließ. Sein Ruf eilte ihm voraus und manchmal war die tatsächliche Gegenüberstellung im Termin dann noch bei weitem schlimmer als die Befürchtungen erwarten hatten lassen.

Seinen Spitznamen hatte er nicht umsonst von einem ehemaligen Geschäftspartner verpasst bekommen. Der Name hatte sich in Windeseile herumgesprochen und etabliert. Inzwischen mochte er ihn aber sogar selbst und identifizierte sich mit dem großen wilden Tier. Er war blitzschnell in seinen Gedankengängen, jeden Einwand seines Gegenübers schon erschlagend, bevor dieser ihn überhaupt fertig ausgesprochen hatte. Schlau und überaus stolz war er, ausdauernd in stundenlangen Verhandlungen, als würde er niemals müde werden oder auch nur im Entferntesten bereit sein, einen Kompromiss einzugehen. Und er war mit der Fähigkeit ausgestattet, anderen stets das Gefühl der Unterlegenheit zu geben.

Außerdem war er ein Einzelgänger. Beruflich verließ er sich eh am Liebsten auf sich selbst und auch privat brauchte er keine Familie, die ihn nur langweilen würde. Höchstens ein, zwei Mal im Monat traf er sich mit ein paar wechselnden Damen aus dem Bekanntenkreis, bevorzugte aber ansonsten, allein in seiner großen Penthousewohnung zu sein.


Und genau dort auf seiner schwarzen Ledercouch saß er jetzt. Sie wirkte in der minimalistisch eingerichteten Wohnung schon fast überdimensional. Der Leopard schwenkte ein Glas seines besten Whiskeys in der rechten Hand und begutachtete die Schlieren der goldbraunen Flüssigkeit. Klassische Musik spielte im Hintergrund aus der teuren Stereoanlage. Hätte er aufgesehen, hätte er aus dem Fenster die Lichter der Stadt, die die Nacht erhellten, sehen können. Ein Panorama, für das viele Menschen einiges geben würden.

Der Leopard ertappte sich dabei, wie er über ein Gespräch nachdachte, das er heute mit einem Mitarbeiter aus der Buchhaltung geführt hatte. Wie war gleich nochmal der Name gewesen… es fiel ihm im Moment nicht ein. In dem Gespräch war es darum gegangen, dass der Mitarbeiter einen Zahlendreher in der letzten Tabelle hatte. Eigentlich keine hohe Summe, es war nur ein minimaler Fehler in Höhe weniger Euro gewesen und hätte für die Tabelle sowieso gerundet werden können, da sie nur als Diskussionsgrundlage mit einem Vertriebspartner dienen sollte. Aber der Leopard konnte sich in sowas richtiggehend festbeißen. Er hatte dem Mitarbeiter vorgeworfen, solche Fehler ständig zu machen, unkonzentriert zu sein und unzuverlässig. Als Finanzmitarbeiter wohl völlig am falschen Fleck und außerdem auch noch überbezahlt. Dabei wusste er genau genommen gar nicht viel über den Mann, hatte ihn in den zehn, zwölf Jahren, die er wohl für ihn schon arbeitete, kaum auf dem Flur gesehen, geschweige denn mit ihm gesprochen. Und er hatte ihm mit Kündigung gedroht.

Daraufhin war der Mann erstarrt und hatte ihn mit großen, dummen Augen angesehen. Nein, nein, hatte er gesagt. Er hätte doch Familie, seine Frau wäre krank.. und die Kinder!

Den Leoparden machte sowas nur noch mehr wütend. Menschen ohne Stolz, die ihm schamlos ihre privaten Probleme auftischen wollten, wohl um Mitleid zu erhalten. Das widerte ihn an und er musste sich beim Gedanken daran schütteln.

 

Er nahm einen Schluck aus dem Glas und lies sich den Whiskey genussvoll über die Zunge fließen. Doch schon wieder kreisten seine Gedanken zurück zu dem Mitarbeiter. Schmidt hieß er! Oder Schmitt? Egal, es war ihm zumindest grob wieder eingefallen. Fast hatte er ein bisschen Mitleid, als er an den Mann dachte, wie er zitternd und eingeschüchtert vor ihm stand, mit gebeugtem Rücken und fast ehrfürchtig zu Boden blickend. Für ihn war in diesen Minuten wohl eine Welt zusammengebrochen. Dem Leoparden war so etwas normalerweise egal, wenn es ihn nicht sogar eher belustigte. Aber aus irgendeinem Grund konnte er nicht aufhören, an dieses Bild zu denken. Was wenn er diesmal zu weit gegangen wäre? War Schmidt nicht sonst eher zuverlässig und ihm jahrelang treu ergeben? Dass er kaum von ihm gehört hatte, sprach eigentlich nur für ihn.

Der Leopard schüttelte sich. Quatsch! Was sollte dieser Gedankengang denn? Er würde doch nicht, jetzt wo er langsam auf die 50 zuging, anfangen weich zu werden? Er stand ruckartig auf, stellte das Whiskeyglas auf dem Marmortisch ab und machte zwei stampfende Schritt vor zur Wand, die aus einer einzigen großen Panoramaglasscheibe bestand. Eigentlich wollte er hinaussehen auf die Stadt und sich wieder erhaben fühlen, wie schon so oft, als er hier gestanden hatte. Doch was stattdessen in seinen Blick fiel, war sein eigenes Spiegelbild in der Scheibe. Er trug immer noch die dunkelblaue Anzughose von Armani, dazu das maßgefertigte weiße Hemd. Seine Füße steckten noch in den teuren Lederschuhen. Nur Sakko und Krawatte hatte er beim Betreten der Wohnung abgelegt. Er war trotz seines mittleren Alters mit seinem Aussehen mehr als zufrieden. Vom Training mehrmals die Woche an den Geräten in seinem eigenen Fitnessraum, das gleich hinter der Tür seines Wohnzimmers lag, war er gut in Form. Sein Haarschnitt wurde wöchentlich beim Frisör im Untergeschoss des Wohnhauses aufgefrischt und sah deshalb auch stets tadellos aus. Strahlend weiße Zähne und die wenigen grauen Strähnen machten ihn noch attraktiver, als er eh schon war. Das einzige was ihn an sich selbst störte, als er sich nun so im Spiegel gegenüberstand, war der mürrische Blick und die fast schon schwarzen Augenringe. Er stellte erschrocken fest, dass sich um seinen Mund und auf der Stirn bereits tiefe Falten gebildet hatten, Wann war denn das geschehen?

Der Leopard wandte sich seinem Spiegelbild ab, seufzte tief und ließ sich zurück auf die Couch fallen. Er kramte nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher auf der gegenüberliegenden Wandseite an. Missgelaunt zappte er durch ein paar Programme.

Auf einmal klingelte die Haustür. Schrill und unterwartet war das Geräusch. Der Leopard reagierte genervt. Er hatte mit dem Pförtner doch vereinbart, dass er Besuch jeweils nur nach seiner vorherigen Ankündigung empfing. Vielleicht war es Barbara, dachte er. Mit der jungen, hübschen Rothaarigen hatte er sich jetzt bereits mehrmals getroffen, der Pförtner kannte sie auch bereits. Vielleicht hatte er sie deshalb einfach zu ihm raufgelassen, obwohl für heute kein Treffen vereinbart war? Sie wurde langsam lästig. Er müsste schauen, dass er sie baldmöglichst abservierte. Aber wenn sie heute schon mal da war… er kämmte sich mit der linken Hand über die Haare, während er aufstand und zur Tür ging… na dann würde ihm jetzt eine kleine Ablenkung sicherlich auch nicht schaden. Er legte sein charmantestes Lächeln auf und öffnete die Wohnungstür.

Doch es war nicht Barbara, die vor der Tür stand, sondern zwei schwarz maskierte, großgewachsene Männer sowie ein kleinerer, schmächtiger, welcher ihn nun direkt ansah und sagte „Schönen Abend, Chef!“ Der Leopard konnte gar nicht so schnell reagieren, wie ihm einer der großen Männer einen kräftigen Schlag mit der Linken auf seinen Kieferknochen verpasste, während ihn der andere zu Boden warf. Mehrere Fausthiebe trafen ihn in Oberkörper und Gesicht. Dann wurde es dunkel um ihn.

 

Sein Kopf dröhnte, als er wieder zu sich kam. Er spürte eine Blutspur über seinem Gesicht kleben, anscheinend aus einer Platzwunde an der Augenbraue. Er zuckte vor Schmerz zusammen, als er die Augenbraue leicht bewegte. Seine Hände waren mit Kabelbinder so fest hinter den Rücken gebunden, dass diese sich in das Fleisch schnitten. Er saß auf einem unbequemen Holzhocker ohne Lehne und der geneigte Oberkörper zeigte zu Boden. Er blinzelte und sah dort unter sich auf dem Holzboden einige Bluttropfen, die die Dielen bereits dunkel gefärbt hatten. Seine Schuhe waren ruiniert, dachte er und musste in der gleichen Sekunde über diesen lächerlichen Gedanken den Kopf schütteln.

Er musste sich eingenässt haben, seine Hose hatte dunkle Ränder und es roch säuerlich.

Mit einem Stöhnen setzte er sich gerade auf. Sein Magen schmerzte und er konnte nur gedämpft atmen. „Was … was zum Teufel…“ sagte er, mehr zu sich, als zu jemand anderem. Wo war er? Wie viel Zeit war vergangen? Erst jetzt sah er sich in dem Raum um.

Bis auf eine alte Glühbirne an der Decke, war es dunkel um ihn herum. Doch in der Ecke stand ein großer schwarzer Schatten, welcher nun näher auf ihn zukam und süffisant grinste. „Er ist aufgewacht!“ sagte er mit einer viel zu hohen Stimme. Die Tür hinter ihm öffnete sich und weitere Schatten traten in den Raum. Der Leopard sah von den Füßen hinauf zu den Gesichtern. Und er erschrak. Das direkt vor ihm, das war doch Herr Schmidt aus der Buchhaltung!! Und dahinter noch die Assistentin, die er eigentlich nur wegen ihrer kurzen Miniröcke eingestellt hatte. Neben sie traten jetzt zwei seiner Vertriebsleiter.. diese Dumpfbacken, dachte er! Das mussten die beiden großen Personen gewesen sein, die ihn überwältigt hatten. Und dann entdeckte er sogar die Putzfrau, die sich ein wenig schüchtern im Hintergrund hielt. Er musste sich ein kleines Lächeln fast unterdrücken, als er auf die Schar seiner so harmlosen, nervösen Mitarbeiter blickte. „Was ist hier los?“ fragte er. Doch er bekam keine Antwort. Stattdessen flog die Faust des Buchhalters ohne Vorwarnung gegen seine rechte Schläfe und er stöhnte vor Schmerz und Überraschung laut zusammen.

Als er wieder wach wurde, wusste er diesmal gleich wo er war. Die Mitarbeiter standen ihm immer noch unverändert gegenüber und starrten ihn an. Nun sprach endlich einer von ihnen, der Vertriebsleiter mit dem hässlichen Pagenschnitt. „Soso, ist der große Leopard nun also selbst zum Opfer geworden.“ Er trat noch näher an ihn heran und bückte sich zu ihm hinab. Er konnte seinen Atem, der nach Pfefferminzbonbons roch, fast schmecken. „Wir haben uns nun lang genug von Ihnen unterdrücken und mies behandeln lassen… und wir wissen, dass wir der Menschheit nun einen sehr großen Gefallen tun, mit dem, was wir mit Ihnen vorhaben.“ Der Leopard nahm das Ganze immer noch nicht ganz ernst und rief mit kraftvoller Stimme: „Pah, ihr Clowns etwa? Bindet mich sofort los und dann könnt ihr alle schon mal Eure Büros räumen! Ich werde Euch alle entlassen! Unglaublich, was ihr Euch erlaubt!!!“ … Ein neuerlicher Schlag, diesmal in den Brustkorb, überraschte ihn wieder. Er spürte etwas knacken und einen stechenden Schmerz in der rechten Seite. „Du machst Dich auch noch jetzt über uns lustig? Dann rate mal, wer nie wieder jemanden entlassen, unterdrücken, belästigen oder schlecht behandeln wird! Geschweige denn irgendetwas tun wird. Holt die Kiste!“

Die anderen Männer trugen eine kleine, dunkelbraune, alte Holzkiste aus einer Ecke des Raumes hervor. Dann packten sie ihn an den Schultern, hoben ihn brutal vom Hocker hoch und warfen ihn in die enge Box. Sie war viel zu klein, er konnte sich kaum bewegen, geschweige denn, eine bequeme Haltung einnehmen. „Wartet!“ es war mehr ein Krächzen, als ein Ruf, der aus seiner mit einem Mal staubtrockener Kehle kam. „Was wollt ihr von mir? Ich kann Euch Geld geben!“ Doch die Assistentin kreischte schrill „Geld?? Wir wollen kein Geld! Was wir wollen, hat wenig mit Deinem Überleben zu tun!“ Dann pressten sie den Deckel auf die Kiste. Der Leopard versuchte, sich von innen dagegen zu stemmen, doch sie waren zu kräftig in ihrer Überzahl und schließlich rastete der Deckel über ihm ein.

Er spürte, wie die Kiste hochgehoben und nach draußen getragen wurde. Dann wurde sie unsanft auf etwas geworfen und stechende Schmerzen fuhren durch seinen ganzen Körper. Einige Sekunden später hörte er, wie ein Motor angelassen wurde. Waren sie in einem Auto? Nein, er konnte ganz deutlich Tageslicht durch die Holzlatten scheinen sehen. Und er hörte Geräusche. Das klang wie ein Boot? Wasser? Konnte das sein? Waren sie auf einem Schiff unterwegs? „Hallo?“ rief er zögerlich nach draußen. Doch er bekam keine Antwort. Stattdessen fühlte er, wie die Kiste nun weggezogen wurde. Es wurde dunkler um ihn herum und dann fiel eine Tür ins Schloss. Was zurück blieb war Stille bis auf das Brummen des Motors.

Eine Zeitlang dachte er nur daran, eine möglichst bequeme Position zu finden. Die gefesselten Arme und der geringe Platz machten es ihm nicht einfach. Er bekam schwer Luft. Seine Magengegend und die Wunden in seinem Gesicht taten ihm weh. Die Minuten vergingen. Oder waren es Stunden? Er verlor jedes Zeitgefühl. Und irgendwann fing er an, nachzudenken. Herr Schmidt – der Buchhalter.. war das etwa die Rache für die Situation mit den falschen Zahlen in der Tabelle? Ok, ok, er gab ja zu, dass er vielleicht etwas zu hart reagiert hatte, aber war das ein Grund für eine Entführung? Und seine Assistentin? Er dachte daran, wie er ihr letztens, als er abends noch allein mit ihr im Büro gewesen war, an den hübschen Hintern gefasst hatte. Sie hatte ihn zwar abgewiesen, aber hatte dann ja auch sofort aufgehört sie anzufassen. Naja fast zumindest. Das dumme Ding trug doch die aufreizende Kleidung und hohen Schuhen bestimmt nicht ohne Hintergedanken? Woher hätte er denn wissen sollen, dass sie sich so anstellen würde?

Er rümpfte die Nase. Die Kiste stank schrecklich. Er konnte nicht mal sagen, ob das etwas was, dass vor ihm in der Kiste gewesen war, oder sein eigener Gestank nach Schweiß, Urin und getrockneten Blut.
Und warum die beiden Vertriebsleiter? Er hatte sie zwar vielleicht nicht immer mit Respekt behandelt, aber immerhin waren sie ja auch wirklich keine Koryphäen auf ihrem Gebiet. Vielleicht waren sie bemüht ihn zu beeindrucken und machten viele Überstunden, aber das war ja wohl auch das Mindeste für das riesen Gehalt das er ihnen zahlte! Natürlich erwartete er da auch großen Einsatz an den Wochenenden und es war ja wohl auch sein gutes Recht, zu schimpfen, wenn etwas nicht nach seinen Erwartungen lief, oder? Hatten die beiden eigentlichen Familien?

Und dann musste er an die Putzfrau denken. Sie hatte irgendeinen klischeehaften polnischen Nachnamen. Sie war schon jahrelang in der Firma, eine der ersten Mitarbeiter, die er damals eingestellt hatte. Und trotzdem hatte sie ihn inzwischen genervt. Er wollte sie einfach mal gerne austauschen, um frischen Wind zu bekommen. Außerdem hatte sie letztens tatsächlich nach mehr Gehalt gefragt. Hatte ihr die Assistentin inzwischen eigentlich schon die Kündigung ausgestellt? Nun bekam er tatsächlich den Anflug eines schlechten Gewissens. War das vielleicht wirklich oberflächlich, wie er mit seinen Angestellten umging? Müsste er sich mehr um sie sorgen oder kümmern? Menschlicher sein?

Quatsch, dachte er, Geschäft ist Geschäft und was privat ist, interessierte ihn nicht. War er ein guter Chef gewesen? War er ein guter Mensch gewesen?

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Ein kleiner Lichtspalt erschien direkt über ihm. Dann öffnete sich der Holzdeckel vollständig. Die beiden Vertriebsleiter schauten ihn grimmig an. Dann zogen sie ihn brutal an den Armen hinaus. Jetzt sah er, dass er sich in einer Kajüte oder Ähnlichem auf einem in die Jahre gekommenen Kahn befand. „Halt! Bitte! – Hört mir zu! Ich weiß, ich hab Euch Unrecht geta…“ fing er an zu stammeln. „Stop!“ rief die Putzfrau. „Sie haben uns allen das Leben zur Hölle gemacht. Uns fünfen, aber auch allen anderen Menschen, mit denen Sie jemals zu tun gehabt haben. Wir werden das jetzt beenden“. Dann zogen ihn die Männer hinaus an Deck und Richtung Reling. Er sah sich hektisch um, ringsum war nur offenes, wildes Meer zu sehen. Es war stürmisch und der Himmel voll dunkelgrauer Wolken. Kein anderes Boot oder Land war weit und breit zu sehen.

Nein, wartet doch!!“ rief er und versuchte sich mit aller Kraft loszustrampeln, er rammte seinen Kopf in die Bäuche der Männer und trat mit seinen Beinen um sich. Doch ohne eine Spur nachzugeben, hielten ihn die beiden großen Männer weiterhin schmerzhaft fest unter den Armen und hievten ihn schließlich scheinbar mühelos über das Geländer. Dann ließen sie los.

Der Aufprall auf dem Wasser tat erstaunlich weh, er spürte jeden der verletzten Knochen. Er tauchte tief ein und schluckte vor Schock erstmal einige Schlucke vom salzigen Wasser, bevor er wieder an die Oberfläche gelang. Um sich über Wasser zu halten strampelte er heftig mit den Beinen und bewegte den Oberkörper mit den gefesselten Armen so gut es ging. Er schrak zusammen, als er die stechenden Schmerzen in der Rippengegend spürte. Die Schweine haben sie mir gebrochen, dachte er.

Er sah, wie das Boot sich langsam entfernte. An Deck sah er dunkle Schatten, die seine Mitarbeiter sein mussten. Das Wasser fühlte sich eiskalt an. Er hatte Probleme, Luft zu bekommen.

Verzweiflung stieg in ihm auf, er würde nicht lange durchhalten können in dieser Situation! Und dann? Elendig ertrinken? Erfrieren? Gab es hier Haie? Er spürte, wie die Panik von ihm Besitz ergriff und er unwillkürlich noch heftiger zu treten begann. Halt, halt!!! Ich kann mich ändern!!! Er wollte schreien, doch kam kein Laut über seine zitternden Lippen. Eine Welle überraschte ihn und wieder schluckte er Meerwasser. Er musste noch heftiger kämpfen, um oben zu bleiben.

Die Panik wich langsam bloßer Wut. Sie würden nicht umkehren und weit und breit war keine Rettung in Sicht, nur Wellen über Wellen. Sie wollten ihn einfach seinem Schicksal überlassen.

Aber dass er gleich aufgeben würde – darin hatten sie sich geirrt, dachte er. Leoparden können schwimmen. Ein hässliches Grinsen erschien in seinem Gesicht. Und wie er schwimmen würde, selbst mit gefesselten Armen und diesen elendigen Schmerzen. Das würden sie schon sehen. Die kalte Gischt spülte ihm übers Gesicht, während er den kleinen Kahn am Horizont verschwinden sah. Er hustete wieder Salzwasser aus. Und er fühlte, wie seine Muskeln schwach wurden.

Ende.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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