Karl Wiener

Liebeslyrik

(Konzept für eine Lesung im Literaturzirkel eines Seniorentreffs)

 

Unmittelbar nach dem Krieg unterrichteten uns sogenannte „Neulehrer“, heute nennt man sie „Quereinsteiger“. Zumeist waren es  Kriegsheimkehrer, wenig älter als wir. Unser Deutschlehrer, Herr Voigt, genannt Gaggi, war ein durch Kriegseinwirkung abgebrochener Germanistikstudent. Mit viel Hingabe und wenig Erfolg versuchte er, uns die Dichtkunst des Mittelalters nahezubringen. Ich war einer der wenigen, bei denen seine Mühe auf Gegenliebe stieß und höre ihn noch heute dozieren:

 

 Minne entouc niht eine, si sol sîn gemeine, sô gemeine daz si dur zwei herze gê und dur dekeinez mê.

 (Liebe taugt nichts, ist sie einsam, schön ist sie nur gemeinsam,  so gemeinsam, daß sie zwei Herzen verbindet und kein anderer Zugang findet)

Angeregt durch die begeisternde Hingabe meines ehemaligen Deutschlehrers habe ich später versucht, Gedichte von Walther v.d. Vogelweide (1170-1230) in heutigem Deutsch nachzuempfinden: 

Zunächst das Gedicht „herzeliebe“. Damit argumentiert Walther von der Vogelweide gegen die höfische Sitte der „hohen Minne“, der einseitigen Anbetung vornehmer Damen. In meiner Version heißt das Gedicht:

 

Wahre Liebe

 

Herzallerliebstes Fräulein mein,

Gott laß dich immer glücklich sein.

Könnte ich denken an dich ohne Schmerz,

wäre mir nicht so bange ums Herz.

Was sollte ich Schöneres dir sagen

als daß dir niemand holder ist.

Oh weh, wie muß mein Herz sich plagen.

 

Sie verübeln mir,

daß ich ein einfach Mädchen frei.

Doch sollten sie bedenken, was wahre Liebe sei.

Ich kann jene nur verachten,

die stets nach Gut und Schönheit trachten,

denn diese traf die Liebe nie.

Oh weh, wie lieben die?

 

Schönheit birgt viel Haß und Neid.

Ihr zu dienen bringt oft Leid.

Die Liebe macht dem Herzen Mut,

ist wichtiger als Geld und Gut.

Die Liebe macht die Frauen schön,

jedoch die Schönheit umgekehrt

macht Frauen noch nicht liebenswert.

 

Ich ertrag’s wie ich’s ertrug

und wie ich’s immer will ertragen.

Du bist schön und hast genug,

was sie auch immer dazu sagen.

Was sie auch sagen, ich bin dir hold

und nehm dein kleines Fingerlein

für aller Königinnen Gold.

 

 

Das Gedicht „Der Glückshalm“ besingt einen verliebten Jungen, der einer Blume nacheinander die Blütenblätter ausreißt, um herauszufinden, ob er geliebt wird oder nicht. Ich nenne das Gedicht:

 

Das Blumenorakel

 

Voll Zweifel habe ich gesessen

und ohne Hoffnung schon gedacht,

ich sollte besser sie vergessen,

als Zuversicht in mir erwacht.

Ein Hoffnungsschimmer ist’s, so klein,

wenn ich’s euch sag, ihr spottet mein.

Doch kleinster Trost ist mir willkommen.

Lacht nur, wenn ihr es erst vernommen.

 

Ein Blümlein hat mich froh gemacht:

Es sagt, sie werde meine Braut.

 Das Blümlein habe ich befragt,

wie ich’s von Kindern abgeschaut.

So gebt nun Acht, ob sie’s tut oder nicht:

’Sie liebt mich, sie liebt mich nicht, sie liebt mich, sie tut es’.

So oft ich auch frage, das Ende ist immer ein gutes.

Allein der Glaube gibt Zuversicht.

 

 

Ein weiteres Gedicht  könnte heute folgendermaßen klingen:

 

Unter Linden

 

Auf der Heide unter Linden

könnt ihr unser Bette finden:

Gebrochene Blumen, zerdrücktes Gras

am Waldesrand in einem Tal.

Gar lieblich sang die Nachtigall.

 

Heimlich stahl ich mich zum Orte

wo mein Liebchen meiner harrte:

Voll Sehnsucht ward ich dort empfangen,

wir küßten uns wohl tausendmal.

Gar lieblich sang die Nachtigall.

 

Behüte Gott, wenn andre wüßten,

wie leidenschaftlich wir uns küßten.

Daß wir voll Lust einander liebten,

weiß nur ein kleines Vögelein.

Doch das mag wohl verschwiegen sein.

 

 

Ende der sechziger Jahre war ich einige Jahre für eine Eisenacher Firma tätig. Den Wohnsitz meiner Familie behielt ich bei und arbeitete im wöchentlichen Wechsel vor Ort und zu Hause. In Eisennach wohnte ich in einem Hotel und vertrieb mir nach Feierabend die Zeit mit der Erkundung der wunderschönen Umgebung. Mein Weg führte mich oft zur Wartburg. An einem kalten und regnerischen Wochentag waren wir, ein Kollege und ich, dort die einzigen Besucher. Eine junge hübsche Studentin führte uns beide allein durch die Burg. Im Sängersaal erwähnte sie ein Liebeslied, dessen Text Sie sicher alle kennen:

Dû bist mîn, ich bin dîn.
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist das sluzzelîn:
dû muost ouch immêr darinne sîn.

 

Die Verse werden oft als „ältestes Liebesgedicht in deutscher Sprache“ bezeichnet. Der Autor der um 1180 verfassten Zeilen ist nicht eindeutig bekannt. Der Text findet sich in der „Tegernseer Briefsammlung“ am Ende eines lateinischen Liebesbriefes einer Dame bzw. Nonne an einen Mönch. Manche sagen, der Mönch könnte den an ihn gerichteten Brief selbst geschrieben haben.

Unsere freundliche Burgführerin spielte eine Melodie zu diesem Text ein und erklärte, daß diese  1206 beim „Sängerkrieg auf der Wartburg“ hier im Sängersaal  gesungen worden sei. Abgesehen davon, daß der Sängerkrieg wohl nur eine Legende ist, gab es diese Melodie zu jener Zeit noch gar nicht.  Sie wurde von Siegfried Köhler komponiert. Unser Chor sang sie unter seiner Leitung 1947 erstmalig im Bankettsaal der Albrechtsburg zu Meißen. Ich ließ es mir nicht nehmen, das wunderschöne Liebeslied anzustimmen, die junge und hübsche Studentin fiel ein, und so erklang es unter den erstaunten Augen meines Begleiters als Duett im Sängersaal auf der Wartburg.

 

00 Jahre nach Walther v.d. Vogelweide hat Johann Sebastian Bach das Liebesgedicht eines nicht zweifelsfrei bekannten Autors für das Notenbüchlein der Anna-Magdalena vertont:

 

Willst du dein Herz mir schenken,
so fang es heimlich an,
daß unser beider Denken
niemand erraten kann.     
Die Liebe muss bei beiden
allzeit verschwiegen sein,
drum schließ die größten Freuden
in deinem Herzen ein.

 

              Mitunter versammelte sich unser Jugendchor nach einer gelungenen Veranstaltung gegen Mitternacht zum Abschied auf dem Marktplatz. Wir stellten uns im Kreis auf und stimmten behutsam und leise dieses und andere wunderschöne Liebeslieder an. Die Fenster der Häuser rings um den Marktplatz öffneten sich eins nach dem anderen und wir hatten bald ein andächtig lauschendes Publikum.

 

Heutzutage, da sich Gefühlsausbrüche Jugendlicher mitunter  in Worten wie „echt geile Scheiße eh“ erschöpfen und Liebesbotschaften mit Hilfe vorgefertigter Symbole, sogenannter emojies,  ausgetauscht werden, ist es um die Liebeslyrik schlecht bestellt. Statt über Haut und Spitzenunterwäsche streicht ihre Hand auf der Benutzeroberfläche ihres Smartphones. Ich bin zuversichtlich, daß dieser Trend  im Laufe der Zeit wieder verschwinden wird. Mit dem Gedicht „Hip und Hop“  habe ich versucht, das Phänomen einzufangen:

 

Ich bin gerade am Fummeln mit Mandy,

da tönt in der Hose das Handy

den sound vom geilsten der Rapper,

doch Mandy fährt fort mit Gepläpper.

Ich schreie sie an: Oh Scheiße!

Halt die Schnauze Baby, sei leise,

und der Rest der Chose bleibt hängen

in den löchrigen Jeans, den zu engen.

 

 

Einige meiner eigenen Gedichte im Sinne der alten Liebeslieder sollen jedoch zu einem versöhnlicheren  Ende führen:

 

Der erste Kuß

 

Wir schlendern am Ufer, Hand in Hand,

und lassen uns nieder im weichen Sand.

Mein Kopf schmiegt sich innig in deinen Schoß,

ich spüre den Herzschlag in deiner Brust,

die Seele füllt sich mit Glück und Lust.

Mein Blick umfängt dein schönes Gesicht,

dein Haar glänzt seiden im Sonnenlicht,

ein glückliches Lächeln umspielt deine Lippen.

Ich schau zu dir auf, du beugst dich herab 

und küßt mich zärtlich auf Wange und Mund.

 

 

 

Jugendliebe

 

Du, meiner Jugend banges Sehnen,

Du, meiner Träume schönes Bild,

was weißt du noch von unsren Plänen,

von denen heute nichts mehr gilt?

 

Ich hab die Stunden nicht vergessen,

da wir geküßt und viel gelacht.

Die Zeit war viel zu kurz bemessen,

die wir in Liebe zugebracht.

 

 

Dein Lächeln

 

Komm ich nochmal auf diese Welt,

dann streb ich nicht nach Gut und Geld.

Ich werd’ ein Maler, der gefällt

und male nur ein einzig Bild,

ein einzigartiges Porträt,

danach verlaß ich das Metier.

 

Weil nun die Kunstwelt darauf drängt,

wird es im Louvre aufgehängt,

wo es den Blick der Menge fängt,

und alle, die das Bildnis sehn,

finden dein Lächeln wunderschön.

 

 

Die vier Elemente

 

Wenn meine Liebe Feuer wär,

sie würde dich verbrennen,

die Erde leg ich dir zu Füßen,

die Luft ist voll von meinen Küssen,

wärst Wasser du,

ich wollt in dir versinken.

 

 

                                                     Abschied

 

Es ging die Liebe uns verloren,

sie fand nicht Rhythmus, fand nicht Reim

und war zum Sterben auserkoren,

ein jeder geht für sich allein.

 

 

Freundschaft

 

Wer du auch bist,

ich liebe dich.

Solltest du gehn,

vergiß mich nicht.

Und brauchst du Rat,

so sag es mir.

Was du auch tust,

ich traue dir.

Wen du auch liebst,

bleib dir stets treu.

Doch packt dich später mal die Reu

und weißt du nicht wohin mit dir,

dann denk daran, daß ich mich freu,

kommst du dereinst zurück zu mir.

 

 

Das Lied der Nachtigall

 

Um Mitternacht erklingt seine Weise

am Ufer des Weihers, im dichten Ried,

mal schluchzend und klagend, dann wohltönend leise,

trällert der Vogel der Liebsten sein Lied,

ein Lied, dessen Wohllaut die Herzen berührt

und den nächtlichen Lauscher zum Träumen verführt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Leben und Tod eines Schmetterlings

 

Der Schmetterling, er holte tief Luft

und breitete seine Flügel.

Ihn lockte der Blumen süßer Duft,

er flattert von Hügel zu Hügel.

 

Doch bald gehörte sein ganzes Herz

einer kleinen roten Rose,

die in lauer Sommernacht

zu einer herrlichen Blüte erwacht.

Er besuchte sie oft und gerne.

So haben sie viele Stunden verbracht,

sie haben geküßt und haben gelacht

und zählten gemeinsam die Sterne.

 

Bei Regen und bei Sonnenschein,

kurzum, bei jedem Wetter,

gaben sie sich ein Stelldichein

im Schutz ihrer duftenden Blätter.

Und immer wieder zog’s ihn mit Macht

zur Rose, mit der er so manche Nacht

in inniger Liebe zugebracht.

 

Der Sommer schwand, das Jahr verging,

es alterte auch der Schmetterling.

Noch immer besuchte er dann und wann

die Blume, der er zugetan.

Es fiel ihm schwer, so weit zu laufen.

Manchmal verharrte er, um zu verschnaufen.

Die Abendkühle machte ihm Pein,

und mitunter schlief er auch ein.

 

Er träumte im Schlummer von mancher Nacht,

die er mit seiner Rose verbracht.

Er träumte noch immer als ihn im Schlaf

ein bitterkalter Windstoß traf.

Da war es um den Falter geschehen,

und keiner hat ihn je wieder gesehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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