Wolfgang Küssner

Der Fisch mit dem Regenschirm

Also mal ehrlich: Der Fisch mit dem Regenschirm. Ist das so richtig, so gewollt? Regenwurm als Köder wäre verständlich; in der Regenzeit mit etwas mehr Fantasie vorstellbar; unter einer Regenwolke, im Regenschauer mag mit viel gutem Willen noch akzeptabel sein; Regenrinne, Regentonne, Regenlache wären allerdings schon recht grenzwertige Orte für einen Fisch. Und Regenwald käme genauso abwegig daher, wie Der Fisch mit dem Regenschirm. Wie soll beides zusammenpassen? Da hat doch ein Fehlerteufelchen die Finger im Spiel gehabt. Fische leben immer noch im Wasser, oder hat sich das in den letzten Stunden verändert? Da ist doch irgendetwas schief gelaufen. Hatte der Autor außer Wasser, Tee und Zucker noch andere Zutaten in seiner Tasse? Auf jeden Fall ein recht fragwürdiger Anfang für eine Geschichte. Nun, was den Tee betrifft: Klares Nein. Keine weiteren Zutaten. Und bezüglich der Überschrift: Kein Teufelswerk. Richtig. Hier die aufklärende Geschichte:

Es war einmal ein Fisch... Halt! Stop! Moment mal. Ja, es war einmal ein Fisch. Das ist aber kein guter Anfang, das muss viel besser formuliert sein. Es war schließlich nicht irgendein Fisch, von dem hier zu lesen sein soll. Es war ein ganz besonderer Fisch, zwar kein sonderlich großer, doch ein schöner, bunter, farbenprächtiger und - ein wenig neugieriger Fisch.

Nun gut! Zweiter Anlauf, jetzt hoffentlich passender, würdiger: Es war einmal ein kunterbunter, bewunderswerter, schöner,  ausgesprochen farbenprächtiger Papageifisch, der von allen Nachbarn am Riff  wegen seiner Schönheit geschätzt und geliebt wurde. Das Licht der Unterwasserwelt hatte er im warmen, türkisfarbenen, klaren Wasser nahe einer kleinen Kokos-Insel in den sonnigen Tropen erblickt. Korallen- und Felsenriffe, Wiesen mit Seegras bildeten seinen Lebensraum. Dieses paradiesische Fleckchen Wasser teilte er sich mit anderen Meeresbewohnern wie den entfernt verwandten Barschen, mit Clown- und Lippfischen. Man kannte sich untereinander, die Gewohnheiten, die Vorlieben, die Macken der Nachbarn. Unser Papageifisch wurde von seinen Freunden übrigens Lora genannt. Wird bei der Fisch-Art vermutlich keine allzu große Überraschung sein. Oder?

Eines Tages schwamm Lora auf der Suche nach einer kalten Mahlzeit im warmen Wasser, blickte nach oben und sah über sich, in nur wenigen Metern Entfernung, den vorübergleitenden Rumpf eines Segel-Schiffes. Gerade in diesem Augenblick fiel etwas über Bord. Ein Arm versuchte noch danach zu greifen, zu retten, doch vergeblich. Ganz langsam schaukelte der über Bord gegangene Gegenstand dem Grund näher. Lora war keineswegs neugierig, wollte aber doch gern wissen, was denn da vor ihren Fischaugen auf dem Meeresboden gelandet war.

Zwei kurze Schläge mit den Flossen; der Papageifisch steuerte langsam auf das Teil zu. Komisch, denn zur selben Zeit tat ein anderer Fisch, Lora entgegenkommend, genau das Gleiche. Lora schüttelte erstaunt den Kopf. Der andere tat es ebenso. Lora bewegte sachte eine Flosse, der andere tat es ihr gleich. Was immer Lora vor der silbernen Fläche tat, ihr Gegenüber reagierte genauso.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass Lora nie zuvor einen Spiegel gesehen hatte, geschweige sich selbst, ihr eigenes Spiegelbild. Ach, war das aufregend. Lora schwamm ein paar mal um den nun vor ihrer Haustür liegenden Spiegel herum. Nach wenigen, anfänglich noch zögernden, Momenten meinte Lora, weder die Scheibe noch der andere Fisch würden eine Gefahr für sie darstellen. Schnell hatte sich Vertrauen zu dem Glas und dem anderen Fisch eingestellt; begann ein entdeckungsreiches Spiel.

Zunächst nahm Lora ihr schönes, buntes Schuppenkleid wahr. Das warme Orange ihrer Augen umrandeten Pupillen, die so schwarz wie eine Tropennacht aussahen. Die Partien um die Öffnung der Augen herum waren in hellem Azurblau gehalten. Ach, wie schön sah diese Farbe aus, zum verlieben. Die Fläche über dem Maul strahlte in Türkis. Und in den Winkeln ihres Fischmauls entdeckte sie leichte Orange-Töne. Farbtupfer bis in die kleinste Ecke. Die Kinnpartie war in einem helle Blau gehalten, ein Farbton, der sich in filigranen Streifen auch an den Vorderseiten der Flossen zeigte. Die Fläche der Flossen in Orange mit leicht dunklen Punkten gesprenkelt. Oh, das war hübsch anzuschauen.

Dann der Bauch in rötlichen Pastell-Tönen. Die ganze Partie von Kopf und Rücken in leuchtendem, kräftigem Gelb. Lora fand sich einfach nur schön. Nein, sie war wunderschön. Mehr und mehr verliebte sie sich in ihr Bild. Die Entdeckung ging weiter. Lora stellte sich die Frage: Wie mag ich wohl von hinten aussehen? Ein einfacher Flossenschlag, eine leichte Drehung, geringfügig angestrengt das linke Auge über die nicht vorhandene Schulter gerichtet, und sie besah sich und ihr Spiegelbild; sah die gleichen bunten, schönen, leuchtenden Farben. Dieses Kleid gefiel Lora ausgesprochen gut.

Das selbstverliebte Spiel des Papageifischs vor dem Spiegel, immer wieder von Äußerungen des Entzückens wie Oh! Ja! Toll!  Schön! unterbrochen, fand vor den Augen einer immer größer werdenden Schar von Meeresnachbarn statt. Von Lora natürlich unbemerkt. Diese beobachteten eine gewisse Zeit das Schauspiel mit leichtem Kopfschütteln; entdeckten eine neue, bis dahin unbekannte, Macke bei ihrer Unterwasser-Nachbarin. Einige fassten sich schon mit der Flosse an die Stirn, flüsterten gar: Wo soll das bloß hinführen? Das nimmt ja langsam krankhafte Züge an. Doch Lora ließ sich nicht stören. Solch einen Moment musste sie ganz einfach auskosten. Der pure Genuss. Wer weiß, wann sich eine solche Gelegenheit wieder ergeben würde.

Allmählich wurde es den anderen Fischen jedoch zu bunt. Sie hatten genug gesehen und blubberten: Man müsse unbedingt etwas unternehmen, könne nicht einfach zuschauen. Doch was? Was könnte unternommen werden? Ein älterer Barsch meinte, man sollte versuchen, den Spiegel einfach gemeinsam umzudrehen, dann hätte das selbstverliebte Spiel ein Ende. Im Grunde sollte es am Grund rasch zu lösen sein. Zumindest von der Idee her. Die Umsetzung war allerdings dann etwas ganz anderes. Denn das spiegelnde Glas war für die Flossen der Fische viel zu schwer, ließ sich überhaupt nicht bewegen.

Und nun? Ein Lippfisch hatte folgenden, unproblematisch zu lösenden Vorschlag: Alle Anwesenden sollten kräftig mit ihren Flossen klatschen; der Lärm würde Lora einen riesigen Schreck einjagen und vom Spiegel vertreiben. Die Anregung wurde von allen für gut befunden, lediglich eine Qualle hatte, wohl wegen fehlender Flossen, anfangs Einwände. Doch als sie gebeten wurde, den Einsatz für die Aktion zu geben, war auch ihre Zustimmung da. Eins, zwei und auf drei klatschten dann alle Fische kräftig mit ihren Flossen. Das Wasser brauste gewaltig auf.

Und Lora erschrak in der tat heftig. Genau wie angedacht. Der Plan ging also auf. Denn in ihrer großen Selbstverliebheit, hatte Lora die anderen Fische vergessen, aus den Augen verloren, nur sich selbst gesehen. So war es ein enormer Schreck für sie. Der Papageifisch verließ unverzüglich, fluchtartig den Spiegel, schwamm direkt zu seiner Wohnhöhle. Freude auf vielen Fisch- Gesichtern. Oh, Ziel erreicht? Leider nicht. Nein! Sogar weit verfehlt. Denn Lora holte nur einen Regenschirm, kam jetzt mit diesem, natürlich aufgespannt, zum Spiegel zurück. Und ihr Spiel begann erneut; linke Seite, rechte Seite, Brustbereich, Kopf, Rücken. Oh!, Ah! Toll! Schön!

Die Nachbarn rieben sich mit den Flossen die Augen. Einige hatten vor Verwirrung fast vergessen ihre Kiemen zu betätigen, Sauerstoff zu tanken. Träumten sie? War das hier wirklich, was sich da vor ihren Augen abspielte? Ein Fisch? Im Wasser? Mit Regenschirm? Andere schwimmende Zuschauer meinten schon, Lora habe jetzt wohl endgültig den Verstand verloren.

Der lebenserfahrene Barsch wagte sich vor. Tippte kurz mit seiner Flosse, wie ein alter Vertrauter, auf Loras Hinterkopf, was manchmal dem Denkvermögen dienlich sein soll. Dann, mit seiner tiefen Bass-Stimme die vorsichtige Frage: Lora? Alles klar? Und Lora gab zur Antwort: Natürlich, was soll unklar sein? Ich kann mich sehr klar, ausgesprochen deutlich im Spiegel erkennen... Naja, meinte der Barsch, ein Fisch, in seinem Element, mit Regenschirm? Irgendwie schon außergewöhnlich, gewöhnungsbedürftig.

Und Lora begann von einer Regenbogenforelle zu erzählen, die sie meinte, vor einiger Zeit im Wasser gesehen zu haben. Die anderen Fische krümmten sich vor Blubbern. Was willst Du gesehen haben? Eine Regenbogenforelle? Hier im Meer? Hier bei uns? Regenbogenforellen leben in süßem Wasser. Lora reagierte leicht schnippisch: Na, dann waren es wohl Heringen. Und weiter: Oder irgend ein anderer Fisch: Jedenfalls habe ich deutlich schillernde Schuppen gesehen; Farben wie bei einem richtigen Regenbogen. Dieser Fisch hatte sich eindeutig dort aufgehalten, wo ein Regenbogen von den Strahlen der Sonnen auf eine Regenwand gezaubert wurde und das Meer berührte. Und genau dort erhielt der Fisch das schillernde Schuppenkleid angezogen. Regenbogen können nämlich abfärben. Und seit dieser Zeit muss er dieses Regenbogenkostüm tragen. Ein paar Fische verdrehten leicht die Augen, schauten etwas nachdenklich, zweifelnd drein.

Lora hatte sich ein wenig in Rage geredet. Ohne Frage, ein Regenbogen ist ausgesprochen schön anzusehen, doch ich möchte so intensiv bunt und farbenprächtig wie bisher bleiben. Es gefällt mir. Sehr gut sogar. Ich will keine schillernde Figur werden. Zwei bunte Clownfische sahen sich kurz an, nickten verständnisvoll, nachvollziehbar, zustimmend. Und als ich vorhin den Regen prasseln hörte, so Lora weiter, habe ich schnell zu meinem Schutz den Schirm geholt, denn draußen sind, schaut nur noch oben, eindeutig Sonnenstrahlen zu sehen. Ein Regenbogen wird also gleich folgen.

Wort bei Wort, oder besser Blub bei Blub, erfuhr Lora, dass es gar kein prasselnder Regen war, den sie vorhin meinte gehört zu haben; sondern das die Meeresnachbarn um ihr Wohl in Sorge waren. Nun hörte sie vom Versuch der vielen anderen, nicht gerade kräftigen, Fische, sie vom Spiegel wegzulosten. Ein zunächst geplantes, einfaches Umdrehen des Spiegels war fehlgeschlagen. So wurde die Idee geboren, durch heftiges Klatschen, das schon stark wie Regen klingen kann, ihr einen Schreck einzujagen. Eine wohlwollende Nachbarschaftshilfe hatte ihren Lauf genommen. Leider mit einem etwas anderen Ausgang, als geplant. Die Enttäuschung war dem Blubbern der Erzähler deutlich anzumerken. Als Lora das nun hörte, wurde ihr warm ums Herz; jetzt war sie richtig gerührt. Und wären die Fische nicht im Wasser gewesen, so hätte man mindestens eine Träne über Loras Wange laufen sehen können.

Eine zunächst noch still zuhörende Qualle entschwebte vom Ort des Geschehens mit ihrem quengelnde Nachwuchs und der Bemerkung: So ein Quatsch, dafür verschwendet man die Zeit. Die Lora ist doch nicht mehr ganz richtig im Kopf. Die Aussage hatte Lora noch mitbekommen und konterte, denn sie war keineswegs aufs Maul gefallen, mit der schon recht spitzen Äußerung: Erstmal einen Kopf haben!

Du hast wohl zuviel Sonne abbekommen, meinte, offensichtlich durch die Qualle ermutigt, einer von den vielen Lippfischen. Ein Sonnenschirm wäre ratsamer gewesen, schützt er doch vor Sonnenstrahlen; Regenschirme schützen, wie der Name sagt, vor Regen, nicht jedoch vor Regenbogen. Doch auch hier wusste Lora, unser Papageifisch, zu antworten: Einen solchen Regenbogenschirm gibt es aber nicht. Ätsch! Also muss man sich zu helfen wissen; Ideen sind in solchen Situationen gefragt. Da zeigt sich, was ein Fischkopf ist. Ja, da hatte Lora, der Fisch mit dem Regenschirm, recht.

Und seit jenen, längst hinter uns liegenden,Tagen hat kein Papageifisch sein farbenprächtiges Schuppenkleid einbüßen müssen. Die Geschichte zeigt, Fisch und Regenschirm passen sehr wohl zusammen. Übrigens sind Papageifische heute nur noch sehr selten mit einem Regenschirm anzutreffen. Und wenn, so geht es weniger um Schutz als um gelebte Tradition, um Erinnerung an eine längst vergangene Zeit.

Die Papageifische haben im Laufe der Jahre gelernt, dass vom Regenbogen keine Gefahr ausgeht. Und nebenbei sei erwähnt: Transparente, einfarbige als auch bunte, Schirme in allen nur vorstellbaren Farben und Kombinationen sind im Angebot, sogar solche, die in ihrer Gestaltung an einen Regenbogen erinnern. Aber einen echten Regenbogenschirm, nee, den gibt es bis auf den heutigen Tag leider nicht. An dieser Stelle soll allerdings auch nicht verheimlicht werden: Es ist sehr schwer, käme einem wirklichen Wunder gleich, einen Regenbogen zu berühren,in seiner Pracht zu baden, mit ihm eins zu werden, sich von ihm gar farbenprächtig ankleiden zu lassen.

 

September 2020

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