Laura Noh

Morgen ganz bestimmt

Marina will schreiben. Nicht erst seit heute, Marina will schon schreiben solange sie denken kann. Ganz früher, als sie noch kleiner war, vielleicht 12 oder 13 da wollte sie Journalistin werden. Und dann Buchautorin. Es war dieses romantische Bild, bis spät abends, im Kerzenschein, mit einem Glas Rotwein - so wie das Erwachsene halt machten - und einem danebenstehenden, gut gefüllten Bücherregal an einem kleinen Schreibtisch zu sitzen und Zeile für Zeile, Buchstabe für Buchstabe zu tippen. Im Hintergrund spielt ein Plattenspieler leise Klaviermelodien, draußen weht ein Wind, der Äste und Zweige gegen die dünnen, hölzernen Fensterrahmen schlägt. Leichte Regentropfen prasseln gegen das Fenster und sie tippt und tippt, verliert sich in Geschichten, in Figuren, kreiert und erschafft, hat alle Macht, über leben und sterben, über lieben und hassen. Das war der Ort, an dem sich Marina damals gesehen hat in 40 Jahren. Dieser Plan hat sich geändert. Wobei eigentlich nicht, sie würde gerne noch immer Abends mit leisen Pianoklängen bei einem gemütlichen Glas Rotwein neben dem Bücherregal sitzen und schreiben. Aber sie weiß nicht worüber. Und sie weiß auch nicht wie. Da ist nur dieser Wunsch schreiben zu wollen, doch der Rest bleibt aus. Was ist dein Hobby? Wird sie manchmal gefragt, und dann sagt sie schreiben, weil sie das ja auch gerne macht, beziehungsweise halt gerne machen würde. Aber da ist nichts Geschriebenes auf dem weißen Papier. Der Scroller der Maus steht in der obersten Zeile des Word-Dokuments, ganz links und blinkt. Er blinkt und blinkt und blinkt und kein Buchstabe kein Zeichen erscheint auf dem Desktop, wie auch. Sie schreibt ja keinen. Manchmal fühlt sie sich blöd, fast wie ein Betrüger aber nicht gegenüber irgendjemandem sondern vor allem gegenüber sich selbst. Eigentlich, denkt sie sich dann, Schwindel ich mir seit Jahren und Monaten vor, dass ich gerne ! schreibe . Aber wirklich tun tu ich es nicht. Aber warum? Warum zur Hölle schreib ich nicht? Das sind die ersten Buchstaben, die sie mit Entschlossenheit auf das digitale Papier wirft „WARUM ZUR HÖLLE SCHREIB ICH NICHT?!“ Danach dann kurz auf Instagram, kurz die letzten drei unbeantworteten WhatsApp-Nachrichten beantworten, dann steht sie auf und macht sich einen Bananen-Milchshake. Dann fällt ihr auf, dass sie auch schon lange nicht mehr auf dem Klo war. Nachdem all das erledigt ist, geht sie wieder zurück in ihr Zimmer und starrt auf den Laptop auf dem Schreibtisch. Da sind keine hölzernen, alten Fensterrahmen, da ist kein romantisches Bücherregal, gefüllt mit allen wichtigen Werken der letzten Jahrhunderte. Da ist auch kein Glas Wein, das auf sie wartet. Da steht ihr 3 Jahre alter Laptop und zeigt noch immer das Stückchen Papier mit diesem einen Satz in der obersten Zeile. Sie bleibt im Türrahmen stehen. Manchmal, wenn sie denkt, dass sie jetzt etwas schreiben möchte, dann ist es wie wenn sie Ihrem größten Feind die Hand geben will. Eine Anziehung zu jemandem, vor dem sie sehr viel Angst hat, dass er ihr weh tun könnte. Aber trotzdem ist all das so attraktiv und reizend, dass sie ihren Blick nicht davon nehmen kann. Ähnlich wie jetzt ihr Blick auf dem Laptop klebt, während ihre Gedanken abschweifen. Da sitzt er, der Feind und Tröster, der Freund und Peiniger. Sie setzt sich auf den Schreibtischstuhl und blickt auf die weiße Bildschirmfläche. Langsam bewegen sich die Hände auf die Tastatur zu. Und jetzt? Jedes Wort könnte das falsche sein, könnte nicht richtig ausdrücken, was in ihrem Kopf und in ihrem Herzen vorgeht. Jeder Satz könnte nicht exakt das treffen, was sie sagen will, nicht nur der Welt, sondern besonders sich selbst. In ihrem Kopf, da kann sie schreiben, da schreibt sie mit ihren Gedanken täglich ganze Bände, da schreibt das Herz Verse, Reime, Gedichte und das G! efü hl ganze Romane. Aber was, wenn ihr das mit den Händen nicht gelingt? Das weiße Blatt guckt sie verurteilend an. Sie wird es heute wieder nicht tun. Eigentlich weiß sie es schon jetzt. Heute ist sie noch nicht soweit. Sie steht wieder auf und gießt sich in der Küche ein Glas Wasser ein. Da ist sie wieder, die Enttäuschung, es wieder nicht getan zu haben. Dann eben heute nicht und dafür wann anders denkt sie sich. Sie kann immer noch mit 50 Jahren dasitzen, am alten kleinen Schreibtisch, mit leiser Musik und einem Glas trockenen Rotwein. Die Äste und Zweige werden auch in 100 Jahren noch gegen Fenster wehen, während leise Tropfen gegen die Scheiben prasseln. Sie geht ins Badezimmer. Im Spiegel sieht sie ihr Gesicht, leichte Falten umranden die Augen und den Mund. Marina ist jetzt 45, aber heute war nicht der Tag. Heute nicht. Morgen wird sie sich der Angst stellen. Morgen ganz bestimmt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.09.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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