Brigitte Waldner

Dem sterbenden Feuersalamander


Vom Parkplatz zur Kirche führt ein asphaltierter Fußweg.
Zum Friedhof gelangt man über eine Treppe aus Steinblöcken,
sowie über eine barrierefreie Rollstuhlrampe.
Dort erblickte meine Hündin am Sonntag
einen prächtigen schwarzorangen Feuersalamander,
der gemütlich über die Steinplatten ging.
Ich zog meine Kamera aus der Tasche.
Bevor ich ihn fotografieren konnte,
ließ er sich von der endlos langen Rampe
ins darunter liegende Gebüsch fallen.
Das waren gute dreißig bis vierzig Zentimeter
im freien Fall. Erst blieb er regungslos liegen.
Als er mich bemerkte, kroch er tiefer ins Gebüsch.

Am Dienstag fand eine Beerdigung statt.
Als ich ein paar Stunden danach zum Friedhof ging,
begegnete ich dem Feuersalamander wieder.
Er lag auf der moosgrünen Böschung,
sein Inneres war durch den Mund
nach Außen geflutscht durch Quetschung.
Als sich der Leichenzug der Kirche genähert hatte,
überquerte der Feuersalamander wohl gerade
im elegantesten Zeitlupentempo den Fußweg.
Jemand der Trauergäste war auf ihn draufgetreten.
Vielleicht war er von einem Rad der Barre,
wo der blumengeschmückte Sarg mit dem Leichnam lag,
von Männern in grauen Mänteln geschoben, lieblos überfahren worden.

Den sterbenden Feuersalamander schupste jemand
mit dem Schuh vom Asphalt auf die Böschung,
wo er sein kurzes Erdenleben aushauchte.
Feuersalamander sind eine aussterbende Spezies.
Ein einzelner Spaziergänger nimmt Rücksicht,
aber in der Gruppe ist der Mensch rücksichtlos.
Es wird alles niedergetrampelt, was vor die Füße kommt,
und niedergefahren, was vor die Räder kommt.
Ich hauche dem Feuersalamander neues Leben ein.
Es ist genau der Schöne auf dem Foto,
der jetzt in der Ewigkeit des Internets
dem einen zur Mahnung, dem anderen zur Erinnerung
ins Herz kriecht.

© Brigitte Waldner

 

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