Markus Göhler

Das Fenster zur Welt

Was für ein wohliges Gefühl es immer mit sich bringt, wenn man den morgendlichen Kaffee aufkochen hört. Seit einer ganzen Weile bin ich nun Frühaufsteher, um noch mehr von der Ruhe genießen zu können, die diese Zeit mir bereitet. Ich habe manchmal einen steifen Nacken vom stundenlangen beobachten und der Stuhl, der in meiner Küche steht, ist auch nicht der komfortabelste, aber diesen Preis nehme ich gerne in Kauf, um zu sehen, was sich mittlerweile täglich vor meinem Haus abspielt. Hier drinnen ist es staubig geworden, aber das stört mich nicht besonders. Besuch bekomme ich schließlich schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr. Immer noch etwas müde suche ich mir die sauberste Tasse aus dem Schrank, um sie gleich mit frischem Kaffee zu füllen. Ich nehme mir einen Moment dafür den Stuhl zu richten, damit ich heute mal wieder den linken Teil der Aussicht betrachten kann, den mir mein Küchenfenster präsentiert. Meine Freunde sagten mir damals schon ich würde viel zu viel Zeit für solche Kleinigkeiten verschwenden, aber wenn die Aussicht am Ende gut ist, womit habe ich dann meine Zeit „verschwendet“? Kaum habe ich die richtige Ausrichtung für meinen Stuhl gefunden, ist der Kaffee auch schon fertig. Die Tasse in meiner Hand wird schnell warm und während sie sich füllt, steigt mir ein angenehmer Duft in die Nase. Gespannt und voller Vorfreude auf das, was mir heute unter die Augen kommen wird, setze ich mich auf meinen gerade positionierten Stuhl und greife nach den Zigaretten in meiner Hosentasche. Ich stecke mir eine Zigarette an, nehme den ersten Schluck von meinem Kaffee und richte den Blick auf das Küchenfenster. So sehr ich auch eine lautlose Variante des Schauspiels wertschätze, so darf das Fenster doch nicht geschlossen bleiben. Es braucht nicht mal eine Sekunde und schon vernehme ich Geräusche, die mich Freiheit und Ursprung spüren lassen. Nun kann ich die Kulisse auf mich wirken lassen. Auf ein richtiges Frühstück verzichte ich zunächst, damit ich dem schönsten Moment des Tages meine volle Aufmerksamkeit schenken kann – der Sonnenaufgang. Majestätisch erhebt sie sich in der Ferne und küsst sanft das Land. So beginnt ein neuer Tag und so wird er vermutlich auch wieder sein Ende finden.

Moos umarmt die Fensterbänke in der Nachbarschaft und Gras sprießt aus dem Asphalt der Straße vor meinem Haus. Ein zugewachsenes Straßenschild verliert seine Bedeutung, da man nicht mehr entziffern kann, was es einmal aussagen sollte. Auch Hasen sieht man nicht mehr nur in den städtischen Parks, sondern mittlerweile fast überall. Erst letzte Woche sah ich noch ein schüchternes Reh, welches sich langsam in neue Territorien vorwagte. Ein Reh in einer Stadt, die schon lange keine mehr war. Menschen sind rar geworden und machen Platz für eine Menge verschiedener Tiere und Pflanzen, die sonst an ihre viel zu kleinen Grünflächen gebunden waren. Es ist so schön, so meditativ diese so fremdgewordene Welt so ungestört betrachten zu können. Mir war nie klar, dass es etwas so Simples und Natürliches ist, was mir zu meinem persönlichen Glück und Frieden gefehlt hat. Für die Erkenntnis und für die Tatsache, dass es jetzt da ist, bin ich jeden Tag aufs Neue dankbar. Und so sitze ich hier verträumt und voller Genuss mit meinem Kaffee und bin ganz für mich allein. Kein Rauschen von vorbeifahrenden Autos, welches durch die Stille schneidet und keine Gespräche vor meinem Haus, die mich abschweifen lassen, wenn ich sie höre. Wenn es für den Rest meines Lebens so weitergehen würde, würde ich vermutlich nichts vermissen und wenn mich doch mal die Einsamkeit packt, was sehr selten geworden ist, dann gibt es immer noch das Internet, welches mir schnell wieder klarmacht, wie überflüssig wir sind. Krieg, Abholzung des Regenwaldes und tonnenweise Plastik im Meer, um nur ein paar Dinge zu nennen, die wir nicht noch falscher machen konnten. Vielen Menschen scheint nicht klar zu sein, dass wir unsere Erde zum Leben brauchen. Sie würde auch wunderbar ohne uns auskommen. Umso mehr habe ich ein Gefühl von Gerechtigkeit, wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, denn sie holt sich, was ihr zusteht. So wie es jetzt ist, so soll es bleiben.

Völlig vertieft in meinen Gedanken, werde ich von meinem vibrierenden Handy in der Hosentasche überrascht. Während ich meinen Blick nicht vom Fenster abwende, hole ich es aus meiner Tasche und sehe nach, um was für eine Benachrichtigung es sich handelt. Es ist eine Benachrichtigung von meiner News-App: „Nach etlichen Versuchen wurde nun endlich ein wirksamer Impfstoff gegen das Coronavirus gefunden. Bereits mehr als 1.000.000 Infizierte geheilt.“. Die Nachricht trifft mich wie ein Schlag und ich bin fassungslos. Das Coronavirus. Ich hatte diese „Krise“ völlig vergessen. Schnell fange ich an zu zweifeln und starte eine Google-Suche, um die Echtheit der Benachrichtigung zu prüfen. In mir wuchs die Hoffnung auf einen Fehlalarm. Vergebens. Der Impfstoff ist bereits nahezu überall verfügbar. Ich fühlte mich so wehrlos und hilflos. Nichts kann ich tun, um zu verhindern, dass das zerstört wird, woran die Natur so lange gearbeitet hat. Meine Ruhe und mein Glück werden einfach mit Füßen getreten und mir sind die Hände gebunden. Es wird nun nicht mehr lange dauern, bis viel Geld in die Hand genommen wird, um alles in den hässlichen Ursprungszustand zurückzuversetzen. Das Grün und auch die Tiere werden größtenteils verschwinden und alles wird wieder vor Leblosigkeit nur so strahlen. Die menschliche Vorstellung von Sauberkeit, der ewige Dreck, wird wieder seinen alten Platz einnehmen und ich kann nur dabei zusehen. Und ich werde dabei zusehen. Ich werde schweren Herzens so lange dabei zusehen, bis auch das letzte Fünkchen Natur diese Stadt verlassen hat. Wenigstens die Gelegenheit Abschied zu nehmen, lasse ich mir nicht entgehen. Schließlich werde ich so etwas Wunderbares wohl nie wieder beobachten können. Niedergeschlagen wie ich war, wurde mir eine unangenehme Sache klar und ich schluckte schwer. Waren die letzten acht Jahre meines Lebens die Schönsten? Wahrscheinlich.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Markus Göhler).
Der Beitrag wurde von Markus Göhler auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.10.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Die Kicker von Lindchendorf von Manfred Ende



Humorvoll schreibt der Autor über eine Kindheit im Jahr 1949 in einem kleinen Dorf in der damaligen "Ostzone".
Armut ist allgegenwärtig und der Hunger ein ständiger Begleiter. Für den 11 jährigen Walter, mit der Mutter aus Schlesien vertrieben, ist es eine Zeit des Wandels, der Entdeckungen. Einfallsreichtum und Erfindungsgabe gehören zum Alltag.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Corona / Coronavirus (SARS-CoV-2)" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Markus Göhler

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Witwe von Markus Göhler (Horror)
für ein paar Pfund im Monat... von Rüdiger Nazar (Lebensgeschichten & Schicksale)