Heinz-Walter Hoetter

Die Flucht des jungen Levi

 


 

Levi war ein junger, achtzehnjähriger Mann, der das schönste Leben hatte, welches man sich denken konnte.

Er lebte weit draußen auf dem Lande, wo es ruhig und ungestört zuging. Seine Eltern besaßen einen großen Gutshof, der etwa dreißig Kilometer von der nächsten Stadt entfernt lag.

Auf dem Hof gab es viele Tiere, wie frei laufende Hühner, zwei Hunde, mehrere Esel, eine große Anzahl Kühe und auf den nahe gelegenen Weiden grasten einige Rennpferde, mit denen sein Vater in den zurück liegenden Jahren schon mehrere Rennen gewonnen hatte, die gutes Preisgeld eingebracht hatten.

Wenn das Wetter gut war, konnte Levi in der freien Natur tun und lassen, was er wollte. Hier draußen auf dem Land hatte er allerdings nur wenig Freunde, weil das eben mal so war in einer abgelegenen Gegend. Manchmal kam der eine oder andere zu Besuch vorbei, was aber nicht so oft geschah.

Hin und wieder kamen auch Verwandte aus der Stadt zu ihnen raus, meistens am Wochenende, was etwa ein Mal im Monat vorkam. Das war für Levi dann immer eine besonders schöne und lustige Zeit. Es wurde viel gelacht, viel erzählt und es gab immer ein gutes Essen für alle.

Levi liebte seine Eltern und Großeltern über alles. Diese Liebe beruhte ganz auf Gegenseitigkeit.

Eines Tages kam sein Vater aus der Stadt zurück auf den Gutshof und berichtete davon, er habe sehr schlimme Sachen gehört. Die Nationalsozialisten planten, alle jüdischen Mitbürger überall in Deutschland zu vertreiben oder in große Lager zu stecken. Sie wollten auch alle Juden enteignen und ihnen ihre Besitztümer wegnehmen. Die Nazis strebten politisch danach, ein Deutschland nur mit Deutschen zu errichten, wo Juden einfach nichts zu suchen hätten.

"Auch wir sind Juden, jedenfalls die meisten von uns", sagte mein Vater nachdenklich zu mir. "Deine Mutter ist eine Jüdin, deine Tante und dein Onkel auch. Wir alle sind vermögend, was den Nazis sicherlich nicht passen wird. Sie werden uns bestimmt alles wegnehmen, wenn es soweit ist."

Die Meinung von Levis Familie war allerdings, dass das gar nicht möglich sei. Es gäbe doch eine lange Geschichte guten Miteinanders von Deutschen und Juden, die mit ihrer jüdischen Religion als fester Bestandteil zur deutschen Kultur zählten. Christen und Juden waren doch wie Bruder und Schwester. Selbst Albert Einstein war ein Deutscher mit jüdischen Wurzeln, der in der ganzen Welt als überragender Physiker bekannt geworden ist und dessen Geburtsstadt Ulm war.

Aber schon bald setzten die Nationalsozialisten, die seit ihrer Machtübernahme am 30. Januar 1933 diese immer weiter ausbauten und festigten, zum Sturm auf ihre jüdisch gläubigen Mitbürgerinnen und Mitbürger an. Männer, Frauen und Kinder wurden gewaltsam aus ihren Häusern und Wohnungen geholt und in so genannte Konzentrationslagern (KZ) gebracht.

Auch Levi ahnte vom kommenden Unglück über seine Familie so gut wie nichts. Erst als die Nazis in der dreißig Kilometer entfernten Stadt alle jüdischen Familien samt Kinder zusammentrieben, machten sich seine Eltern große Sorgen auch um ihre eigene Familie und den Verwandten in der Stadt, die dort lebten.

Und so kam, was kommen musste in diesen schlimmen Zeiten der Gewalt der Nationalsozialisten.

Eines schönen Tages erreichte die Verhaftungswelle der Nazis auch ihren wunderschönen Gutshof, wo Levi so lange in Ruhe und Frieden mit seiner Familie gelebt hatte.

Levi war gerade im Stall bei den Kühen, die er mit Futter versorgte, als er plötzlich im Wohnhaus gegenüber gellende Schreie hörte. Er wusste zuerst nicht, was eigentlich los war. Sein Großvater schien auf jemanden heftig und mit sehr lauter Stimme einzureden. Dann konnte man einen lauten Schlag, wie von einem Gewehrkolben, vernehmen und ein krachender Schuss fiel. Dann war es schlagartig still geworden.

Nach einer Weile erschien wie aus dem Nichts ein hoch aufgeschossener Mann in einem langen, schwarzen Ledermantel und einer Pistole in der Hand in der Eingangstür zum Stall. Offenbar suchte er nach weiteren Personen. Levi hatte sich aber noch schnell ganz hinten in einem Heuhaufen versteckt, und sein Körper zitterte vor Angst wie Espenlaub.

Der Mann im schwarzen Ledermantel, der wohl von der GESTAPO auf den Gutshof seiner Eltern geschickt worden war, drehte sich auf einmal um und rief mit lauter Befehlsstimme: "Hier ist niemand mehr. Ich glaube, das waren alle. Rücken wir wieder ab! Bewacht die Gefangenen gut! Alles aufsitzen, Männer!"

Levi blieb noch eine Weile im großen Heuhaufen so ruhig wie möglich sitzen, bis er keine Motorengeräusche der abfahrenden Fahrzeuge mehr hörte. Endlich wagte er sich nach draußen und schüttelte das Heu ab, das sich auf seiner ganzen Kleidung befand.

Alles war in Totenstille gehüllt. Nur das Plätschern des Wassers aus der Pferdetränke war zu hören.

Levi fasste sich mutig ans Herz und ging zurück ins Wohnhaus, woher die gellenden Schreie gekommen waren. Im Gang zum Wohnzimmer machte er eine schreckliche Entdeckung. Sein Großvater lag blutend auf dem Boden. Man hatte ihm den Schädel mit einem Gewehrkolben eingeschlagen, dann wohl einfach nieder geschossen und hier liegen gelassen.

Plötzlich öffnete sein Großvater die Augen, sah Levi mit schmerzerfülltem Gesicht an und sprach zum ihm mit leiser Stimme: "Mein lieber Junge, geh' in den Keller und suche nach einer Holztruhe, die in einem geheimen Raum hinter dem Regal mit den Einmachgläsern steht. Hier ist der Schlüssel dazu. In dieser Truhe befindet sich ein Teil unseres Familienvermögens, wie Goldmünzen und Papiergeld und einige andere für dich wichtigen Papiere. Mach' schnell, bevor die Nazis zurückkommen und das Haus nach Wertsachen durchsuchen. Deine Großmutter und deine Eltern haben sie mitgenommen. Ich glaube, man wird sie in irgendein KZ bringen. Ich denke, du wirst sie nie wiedersehen. Ich weiß das. Ich kenne diese brutale Mörderbande Hitlers nur zu genau."

Nach diesen Worten starb sein Großvater und schloss mit einem langen Seufzer für immer die Augen.

Der junge Mann weinte bitterliche Tränen. Er konnte einfach nicht begreifen, was geschehen war. Dann riss er sich aber zusammen und ging runter in den Keller, wo er schon nach wenigen Minuten das besagte Geheimversteck fand. Er öffnete die große Holztruhe, worin das Gesuchte lag. Er steckte alles in seinen mitgebrachten Lederrucksack, zog sich warme Sachen an, verließ das Haus und machte sich auf den Weg zur nah gelegenen Schweizer Grenze, die er heimlich nachts auf einem geheimen Weg überqueren wollte. Von der Schweiz aus würde er auf Umwegen nach Amerika per Schiff reisen, wo einige seiner Verwandten in New York lebten, bei denen er wohnen wollte und in Sicherheit war.

Schließlich schnappte er sich das alte Fahrrad seines Vaters und machte sich gut gerüstet auf den Weg.

Noch einmal winkte er mit Tränen im Gesicht seinem toten Großvater zu, den er mit einer dicken Wolldecke zugedeckt hatte. Ein letzter Blick noch auf den friedlich da liegenden Gutshof und die schöne, friedliche Umgebung, dann radelt er so schnell er konnte in Richtung Schweizer Grenze, die er aber erst um Mitternacht überqueren wollte.

Den geheimen Weg hatte ihm ein guter Freund verraten, der bereits Deutschland verlassen hatte. Was aus ihm geworden ist, hatte er nie erfahren.

Auch Levi wusste nur zu genau, dass diese Flucht eine Reise ins Unbekannte war.


 


 

ENDE


 

(c)Heinz-Walter Hoetter


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.10.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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