Wolfgang Küssner

Ein glühendes Tête-à-Tête

„Hallo und guten Abend. Ist der Platz noch frei? Darf ich mich zu Dir setzen,“ waren die ersten Worte des aus der Dunkelheit fast unbemerkt, ganz langsam angeschwirrt gekommenen Glühwürmchens. „Bitte gern, herzlich Willkommen,“ antwortete das leicht gedimmte Glühbirnchen, „der Platz ist gerade wieder frei geworden.“ „Bei dem sommerlichen Wetter Ende Juni sollte das nicht wundern. Besten Dank,“ so kommentierte unser Glühwürmchen. Es rückte den Stuhl zurecht und nahm Platz, griff zur Getränkekarte. Seine Augen wanderten zwischen den angebotenen Getränken und dem Glühbirnchen hin und her; schauten sich im Garten des Gasthauses um. „Schön ist es hier am Rande des Waldes, ein idyllischer, romantischer Ort,“ stellte kurz darauf das Glühwürmchen mit einem etwas auffälligen Wimpernschlag fest. „Ein lauer Wind säuselt durch die Blätter, die Stadt ist fern. Ein Abend zum Genießen, zum Verlieben.“

„Und heute ist,“ so griff das Glühbirnchen den Gesprächsfaden auf, „Siebenschläfertag. Das habe ich zumindest vorhin vom Nebentisch mitbekommen. Gehört sich zwar nicht, war aber auch nicht zu vermeiden.“ „Oh, was sagt uns das“, war die sich sofort anschließende Frage des Glühwürmchens, „was hat es damit auf sich? Hast Du das auch erfahren?“ „Wenn ich das richtig mitbekommen und verstanden habe, so besagt eine wohl alte Bauernregel, dass das heutige Wetter die nächsten sieben Wochen andauern wird,“ plauderte das Glühbirnchen. „Ach, das wird ja immer schöner. So lass ich mir den Sommer gefallen. Sieben Wochen Genuss, sieben Wochen Liebe.“

Genuss ist ja ganz okay, aber was soll das permanente Gerede von Liebe, dachte sich das Glühbirnchen. Sagte aber nichts. Der Ober kam, um die Bestellung aufzunehmen. „Darf ich Dich auf einen Drink einladen? Als kleines Dankeschön sozusagen, an diesem Tisch, neben Dir sitzen zu dürfen,“ offerierte das Glühwürmchen. „Das tut wirklich nicht nötig. Aber: Okay. Danke.“ Und an die Bedienung gerichtet: „Ich nehme dann ein kühles Mineralwasser.“ „Du darfst gern etwas anderes ordern, einen Longdrink, einen Rot- oder Weiß-Wein, wo nach auch immer Dir ist,“ ermunterte der Käfer. Doch das Glühbirnchen bedankte sich mit dem Hinweis, das Alkohol ihr schnell in die Birne steigen würde. „Akzeptiert,“ und an den Ober gerichtet, „dann bringen Sie uns bitte ein Miniralwasser, schön kühl und eine Caipirinha.“  Kaum war die Servicekraft gegangen, wollte das Glühwürmchen vom Glühbirnchen wissen, ob es häufiger in diesem Gasthaus verkehre. „Nun,“ so die Antwort, „ich wurde hier zwar nicht eingestellt, wohl aber eingeschraubt. Gehöre sozusagen zum Inventar. Bin somit recht häufig hier.“ Das Glühwürmchen musste schmunzeln, hatte über die Antwort nicht weiter nachgedacht. Fand die Worte einfach nur lustig.

Die Getränke wurden serviert. „Lass uns auf den schönen Abend anstoßen,“ meinte das Glühwürmchen. Und sofort kam die Anschlußfrage: „Wie heißt Du eigentlich?“ „Ich heiße ganz einfach Glühbirnchen. Und Du?“ „Ach, das ist aber ein Zufall, denn ich heiße ganz einfach Glühwürmchen. Das klingt sehr ähnlich, findest Du nicht auch? Und beide Namen enden mit der Silbe chen. Darauf sollten wir uns gleich noch einmal zuprosten.“ Die Gläser klirrten erneut. „Beim Anstoßen muss man sich in die Augen sehen, sonst bedeutet es Unglück,“ reklamierte der Käfer. „Komm, noch einmal. Auf unser Wohl.“

Nun begann das Glühbirnchen zu erzählen: „Eine gute Bekannte von mir ist als Schreibtischlampe bei einem Lehrer tätig. Und sie hat mir von einem mitgehörten Gespräch beim Lehrer berichtet, wo es genau um diese Endung chen ging. Die Eingeweihten würden es Suffix nennen.“ Das Glühwürmchen hörte sehr interessiert zu. „Die Wortendung chen bedeutet eine Verkleinerung, eine Verniedlichung. Aus Maus wird Mäuschen, aus Hase ein Häschen, aus Glühwurm Glühwürmchen usw.“

„Ach, das ist aber schön. Und das hast Du Dir alles merken können, behalten? Einfach toll. Bewundernswert.“ Und dann kam das Glühwürmchen ins Schwatzen: „Das chen ist wie für uns beide geschaffen. Stell Dir vor, ich würde Glühwurm heißen, wie klingt denn das? Da denkt man doch eher an Glühwein, an Kälte und Sodbrennen, oder? Oder bei Dir – Glühbirne. Das klingt doch nach glühenden Kohlen, nach einer Alternative zum Bratapfel, oder?“ „Das verstehe ich nicht.“ „Na, Bratapfel, Schmorbraten, Glühbirne.“ Jetzt mussten beide herzhaft lachen. „Darauf sollten wir anstoßen: Auf den schönen Abend, auf das chen und auf uns beide.“ Die Gläser klirrten.

Das Glühwürmchen rückte mit dem Stuhl etwas näher. Augen und Hinterteil leuchteten hell. Dann, mit sanfter Stimme, ein Kompliment: „Du leuchtest so schön und warm, wie bekommst Du das hin?“ Eher etwas ernüchternd, sachlich die Antwort des Glühbirnchens: „Ganz einfach. Wenn ich unter Strom stehe, beginne ich zu strahlen. Aber beachte bitte, nicht jeder der unter Strom steht, ist eine Leuchte.“ Beide mussten erneut lachen. Dann weiter: „Naja, und für romantische Stimmungen sorgt dann eine leichte Dimmung.“ Der Ober schaute aus etwas Distanz dem Tête-à-Tête zu, mochte gar nicht stören; nach weiteren Wünschen fragen. An diesem Tisch knisterte es gewaltig. Ob der Funke auch überspringen wird?

„Dein strahlendes Hinterteil,“ so nun das Glühbirnchen, „ist aber auch sehr hübsch anzusehen. Die Leuchtkraft gefällt mir. Ein toller grüner Ton. Darf ich fragen, wie Du das anstellst?“ Das immer heftiger strahlende Glühwürmchen rückte den Stuhl noch etwas näher. Die beiden vorderen Beinchen berührten zärtlich das Glühbirnchen und dann sprach er mit warmer, weicher Stimme: „Es ist unter uns ja kein Geheimnis. Eine chemische Reaktion setzt in unserem Körper eine Energie frei, die dann bei spätabendlichen Flügen zu leuchten beginnt. Das ist für unsere Art der ganz natürlich Weg, zueinander zu finden. Du weißt selbst am besten um Deine eigene Flugfähigkeit, um die all unserer Weibchen.“ Das Glühbirchen schaute den Käfer etwas fragend an. Wie bitte, dachte sie. Das habe ich nicht ganz verstanden? Meine Flugfähigkeit? Fliegende Glühbirnen? Habe ich da irgendetwas überhört, nicht mitbekommen? Liegt hier irgendein Mißverständnis vor?

Das Glühwürmchen bemerkte es natürlich sofort, hatte es doch nur Augen für das Glühbirnchen. „Dein Gesicht sieht ein wenig zweifelnd aus, lässt auf Fragen schließen. Richtig? Du bist noch sehr jung, hübsch. Vielleicht habe ich mich ein wenig dumm ausgedrückt. Soll ich es Dir erklären, Dich aufklären?“ „Wenn Du magst, ein paar Worte zum besseren Verständnis wären sicherlich ratsam, täten gut,“ so die leicht zögerlichen Worte unseres Glühbirnchens. „Also nun denn,“ setzte das Glühwürmchen an, „wir Männchen fliegen mit dem leuchtende Hinterteil, um ein Weibchen zu finden. Unsere Weibchen können, wie Du weißt, nicht fliegen, geben aber ebenfalls mit dem Licht im Hinterteil einen Hinweis auf ihren jeweiligen Aufenthaltsort. So finden wir dann zusammen.“ „Und warum wollt ihr zusammenfinden, zusammensein?“ klang die dem Glühwürmchen nun wohl etwas mehr Bekennendes abfordernde Frage.

Mit leicht rotem Kopf und leuchtendem Hinterteil erklärte der Käfer etwas stotternd, „naja, äh, um zusammenzukommen, um äh uns natürlich äh zu lieben und äh, zu paaren.“ Es war raus. Erleicherung machte sich nach diesen Worten breit. Er schaute sich kurz um, ob er auch nicht zu laut gewesen war, andere Gäste ihn hätten hören können. Doch es war bereits spät geworden, die meisten Tische schon geräumt. Etwas flüsternd fügte er noch hinzu: „So eine äh Paarung, musst Du wissen, erleben wir Männchen nur einmal. Es ist das höchste in unserem Leben. Wir werden danach von Euch Weibchen verzehrt. Und da ist man verständicherweise ein bisschen wählerisch, mit wem man die letzten Momente in seinem Leben verbringen möchte.“ Der Käfer schaute noch einmal um sich und flüsterte dem Glühbirnchen ins Ohr: „Du bist so schön. Ich liebe Dich. Lass uns zusammenkommen. Komm näher. Ganz nah. Wir sollten uns paaren. Jetzt.“

Das Glühbirnchen errötete nach diesen bekennenden und leidenschaftlichen Worten des Glühwürmchens kurz und - erlosch. Vom Eingang des Gasthauses war deutlich das gerufene Wort „Feierabend“ zu vernehmen. Dem Käfer blieb die Peinlichkeit erspart, einer offensichtlichen Fehleinschätzung erlegen zu sein, dieses erkennen und sich eingestehen zu müssen. Ein abruptes Ende für ein glühendes Tête-à-Tête.

Oktober 2020

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