Bettina Forst

Vorlese-Geschichte für den Herbst

„Sag mal“, sagte Conny und steckte sich eine Weintraube in den Mund, „warum sind
Weintrauben grün und Pflaumen blau?“ Connys großer Bruder sah seine kleine Schwester
fragend an. „Also“, wiederholte Conny und kaute eine Weintraube nach der anderen, „warum
sind Weintrauben grün und Pflaumen blau?“„Stimmt. Viele Weintrauben sind grün“, sagte der
große Bruder, „aber es gibt auch blaue Weintrauben. Es gibt sowohl grüne als auch blaue
Weintrauben.“

„Jaaa“, räumte Conny mit gedehnter Stimme ein, „aber grüne Pflaumen sind total sauer“.
Conny verzog ihr Gesicht: „Grüne Pflaumen schmecken überhaupt nicht. Aber egal ob grüne
Weintrauben oder blaue Weintrauben – beide Weintraubenfarben sind lecker“, sagte Conny
und ließ sich eine dicke grüne Weintraube in den Mund fallen. „Hmm“, murmelte der große
Bruder etwas ratlos und schnitzte weiter an seinem großen kugelrunden Kürbis. Dann sagte
er: „Pflaumen sind eben keine Weintrauben.So wie dieser Kürbis. Er ist zwar orange, aber er
ist trotzdem keine Orange und auch keine Möhre.“„Eine Möhre ist ja auch lang, ein Kürbis ist
dagegen so dick wie, wie ...“.

Conny überlegte, „so dick und so schwer und so rund wie eine Melone.“ Sie dachte kurz nach
und fügte hinzu: „Aber eine Melone ist trotzdem kein Kürbis. Eine Melone ist von außen
dunkelgrün und innen ganz rot. Außerdem stecken in einer Melone tausend Kerne.“ „Stimmt“,
sagte der große Bruder und nickte zustimmend, „ ein Kürbis ist eben ein ganz gewöhnlicher
Kürbis und keine Wassermelone. Aber dieser Kürbis hier“, sagte der große Bruder und drehte
dabei den großen, schweren Kürbis vorsichtig in seinen Händen, senkte seine Stimme und
flüsterte: „Dieser Kürbis, Conny, ist ein Wunderkürbis“. Er schnitzte mit einem kleinen Messer
einen Mund und zwei Augen in den Kürbis hinein und sagte beschwörend: „Du wirst sehen,
wenn es dunkel wird, dann fängt er an zu glühen und zu leuchten. Dann glänzen seine Augen
und aus seinem Mund flackert geheimnisvolles Licht.“

Conny stutzte für einen Augenblick, dann aber sagte sie mit kräftiger Stimme: „Unsinn, erzähl
mir keinen Unsinn. Ein Kürbis ist kein Wunderkürbis, und ein Kürbis ist keine Laterne. Einen
Kürbis kann man kochen und essen, eine Laterne nicht.“ Sie naschte die letzte Weintraube
und vertiefte sich wieder in ihre Arbeit.

„Was machst du da eigentlich die ganze Zeit?“, erkundigte sich ihr großer Bruder. „Das siehst
du doch“, sagte Conny, „ich male.“ Conny malte ein Blatt Papier nach dem anderen voll. Mal in
grün, mal in rot, gelb, blau oder lila. „Was hast du denn mit den ganzen Blättern vor?“, wollte
der große Bruder wissen. Conny schmunzelte. „Sieh mal nach draußen“, sagte sie, „was siehst
du?“ Der große Bruder sah aus dem Fenster: „Ich sehe unseren Garten“. Conny nickte: „Und
weiter? Was siehst du noch?“ „Ich sehe die Bäume im Garten. Eine Kastanie, einen Ahorn und
unsere Apfelbaum.“ „Genau“, sagte Conny und sah dabei ihren großen Bruder an und runzelte
die Stirn, „aber es wird nicht lange dauern und dann ...“ Conny schwieg. „Und was dann?“,
fragte der Bruder ungeduldig. „Es dauert nicht lange, und sie ... und sie werden ...“. Conny
begann zu stammeln, holte tief Luft und sagte dann hastig: „Sie werden all ihre schönen
bunten Blätter verlieren. Und damit sie nicht ganz nackt und kahl da stehen und frieren,
macheich ihnen schöne, neue Kleider.“ Und Conny malte große Blätter in apfelgrün, pflaumenblau
und sonnengelb, nahm Wäscheklammern, lief hinaus in den Garten und befestigte die Blätter an den Zweigen.

Als die Dunkelheit hereinbrach, nahm der große Bruder den Wunderkürbis unter seinen Arm
und ging hinaus in den Garten. Er blickte sich eine Weile um. Ja, das war ein guter Platz. Er
legte den Kürbis unter den Apfelbaum, nahm die Streichholzschachtel aus seiner Hosentasche
und zündete die dicke Kerze an, die er in den Kürbis hineingestellt hatte. Und schon flackerte
die Kerze im Wind, der Kürbis leuchtete und seine großen Augen glühten golden in der
dunklen Nacht.

Conny war ihrem großen Bruder leise gefolgt, hatte sich hinter einem Baumstamm versteckt
und beobachtete das Geschehen aus sicherer Entfernung. Als die Kürbisaugen plötzlich
anfingen zu leuchten, zuckte sie erschrocken zusammen. Das war ja unglaublich! Der Kürbis
lebte und war ein echter Wunderkürbis! Dann auf einmal sah sie, wie sich ganz langsam der
feuerrote Kürbismund zu öffnen begann. Conny erschrak. Aber schließlich wagte sie sich ein
paar Schritte nach vorne und lief rasch zu ihrem großen Bruder hin. Der Feuermund stieß
heisere Laute aus und räusperte sich. Conny und ihr großer Bruder knieten sich auf die Erde,
pressten vorsichtig ihre Ohren an den Kürbis und versuchten zu verstehen, was der
Wunderkürbis ihnen sagen wollte. Mit rauer Stimme erzählte der Kürbismund abenteuerliche
Geschichten aus fernen Ländern und raunte leise ächzend von vergangenen Zeiten.

Conny und ihr großer Bruder trauten ihren Ohren kaum, lauschten aufgeregt mit erröteten
Wangen, bis sich urplötzlich eine gewaltige Sturmböe aus dem Nichts erhob, wild aufbrauste,
die Luft mit ohrenbetäubendem Lärm zerzauste, mit einem schnellen, kräftigen Windschlag
den Kürbis anfauchte – fffffhhh – und sein Licht erlosch.Conny sprang vor Schreck auf und rannte
in Windeseile sofort ins Haus zurück. Ihr Herz klopfte vor Aufregung. Dann warf sie
schüchtern einen Blick aus dem Fenster: Ein Tosen und Wogen, Ahorn, Kastanie und
Apfelbaum bogen sich und krümmten sich zu allen Seiten, der Sturm heulte im Geäst - aber
die bunten Blätter in apfelgrün, pflaumenblau und sonnengelb: Sie tanzten, jubelten und
jauchzten fröhlich im Wind.

(C) Bettina Forst, bettinaforst@web.de

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.10.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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