Björn Rateike-Pingel

Geschichte III - Leere

„Du musst Dich jetzt endlich mal zusammenreißen!“, er stand auf und ging in die Küche, ich hörte wie er den Kühlschrank öffnete und fragte: „Möchtest Du auch ein Bier?“

Ich wusste, dass er Carlsberg gekauft hatte; viele Jahre war es mein Lieblingsbier, aber das war lange her.

Als sich irgendwann mein Geschmack änderte, hatte ich mich nicht getraut es ihm zu sagen; ich wollte nicht undankbar sein und trank weiter das Bier, das er extra für mich gekauft hatte. Hier schien die Zeit stehengeblieben zu sein.

Ich bejahte seine Frage und er kam mit zwei Flaschen Carlsberg zurück ins Wohnzimmer, Gläser hatte er nicht mitgebracht, er wusste, dass ich aus der Flasche trank. Das war allgemein bekannt. Ich wollte nicht aus fremden, schmutzigen Gläsern trinken. „Ich bin ein Flaschenkind“, sagte ich, immer mit einem freundlichen Lächeln.

Damals, zuhause, trank ich mein Bier schon aus einem Glas, aus meinem Glas, ein sauberes Glas, vor dem Einschenken des Bieres noch einmal mit kalten, klarem Wasser ausgespült.

Damals hatte ich ein Zuhause. Damals hatte ich eine Familie. Damals hatte ich einen Job.

„Wie sind denn jetzt Deine weiteren Pläne?“, fragte er.

Ich hatte gewusst, dass er diese Frage stellen würde. Was sollte ich darauf antworten; ich hatte keinen Plan. Ich hatte ein Ziel. Ich wollte einen ähnlichen Zustand wiederherstellen, in dem ich noch vor zwölf Monaten gelebt hatte – Wohnung, Familie, Job. Aber ich hatte keine Idee wie ich dorthin kommen sollte. Und ich hatte auch keine Energie mehr mich auf den Weg zu machen.

Mit einem Schlag war damals alles vorbei. Sie hatte einen Krankheitsschub, dieses Mal schlimmer als je zuvor. Sie hatte schlimmste Wahnvorstellungen und schrie mich an. Sie wollte, dass ich meine Sachen packe und die Wohnung verlasse. Ich nahm den Handgepäckkoffer, füllte ihn mit dem Nötigsten für drei, vier Tage und verließ die Wohnung. 

Da war ich noch sicher, dass sie sich wieder beruhigen würde. Sie beruhigte sich nicht.  Alles wurde schlimmer – für sie und für mich.

„Ich hätte darauf bestehen sollen, dass sie zum Arzt geht. Ich hätte darauf bestehen sollen, dass sie sich in therapeutische Behandlung begibt. Du weißt, sie ist erblich vorbelastet.“, sagte ich und nahm einen Schluck Bier aus der Flasche, damit er nicht sah, dass mir die Tränen in die Augen stiegen.

„Du musst jetzt an Dich denken.“, sagte er und nahm ebenfalls einen Schluck aus seiner Bierflasche. Vielleicht musste er auch mit den Tränen kämpfen.

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