Monika Litschko

Die Kamera - Das vierte Medaillon Teil 8

 

„Hast du nicht verstanden, was ich gesagt habe? Du wirst dieses Medaillon nie bekommen. Sage mir, warum du die anderen Medaillons aktiviert hast? Sie sind dir nicht von Nutzen.“
„Damit alle Tore sich öffnen, auch die Kleinsten“, antwortete Ida und lachte boshaft. „Und wenn die Tore auf sind, werde ich noch mehrere öffnen. Die Menschheit wird sich uns unterwerfen müssen. Du meinst, ich kann dich nicht besiegen? Du kommst aus dem Reich der Toten und willst dich rächen. Das ist so lächerlich.“
„Ohne dieses Medaillon, bleiben die Tore zu. Du bist nur ein Schatten, der leider einmal zu mir gehört hat. Heute Ida, werden wir es beenden.“

Mir wurde mulmig. Hatte Jana vergessen, dass die vier Tore sich öffnen mussten, damit es beendet werden konnte? Da Ida mich nicht sehen konnte, ging ich zu Jana und erinnerte sie daran.
„Ich weiß“, flüsterte sie. „Ich werde den Zauber sprechen, aber erst muss ich an den Spiegel gelangen.“

„Mit wem flüsterst du?“, fragte Ida unsicher und schaute sich um.
Jana gab ihr keine Antwort und blickte stattdessen auf einen Spiegel, der hinten im Flur hing. Dann ging sie langsam rückwärts.
„Was hast du vor?“
„Was denkst du, ist der eigentliche Spiegel?“, fragte Jana und zog eine Braue hoch.
Ida wurde nervös. „Dieser hier, ich weiß es.“
Jana lachte leise. „Das glaubst du, aber ich weiß es besser. Ida, ich werde den Spiegel zerstören und die Tore verschließen. Schau dann genau hin. Warum denkst du, hängte er direkt neben der Schlafzimmertür? Es sind immer die stillen Spiegel, wusstest du das nicht?“

Die Gestalten, die sich im Spiegel zeigten, neben dem Ida stand, tobten und schlugen um sich. Sie drückten ihre Gesichter dagegen und rissen die Münder weit auf. Mit aufgerissenen Augen verfolgten sie das Geschehen.

Senoknanoks Ichs aus den Vergangenheiten griffen nach ihren Dämonenpeitschen, als Ida auf Jana zustürmte, um ihr das Medaillon zu entreißen. Da das zu Janas Plan gehörte, sprang sie, kurz bevor Ida zugreifen konnte, zur Seite und rannte zum Spiegel. Ida, die ins Leere griff, stieß einen gellenden Schrei aus und folgte ihr.

„Ich öffne die Tore für dich!“, rief Jana und drückte das Medaillon gegen den Rahmen. „Mit der Magie des Ordens, öffne ich die Tore der Hölle. Möget ihr diese Welt betreten.“

Die Spiegel zerbarsten unter lautem Getöse. Dunkle Wolken drangen aus ihnen und ein heftiger Wind tat sich auf. Gestalten, die sich an Scheußlichkeit übertrafen, sprangen hervor und fegten über den Flur. Sie jagten die Stufen herunter und teilten sich auf. Es schien kein Ende in Sicht. Ida hatte ihren Wirt aufgegeben und zeigte ihre wahre Gestalt. Ein Abklatsch von Jana, nur böse und abstoßend.
„Warum öffnest du die Tore?“, schrie Ida aufgebracht. „Was bezweckst du damit?“
„Euer Ende“, antwortete Jana ruhig. „Nur euer Ende.“

Ich bezweifelte, dass Ida sie verstanden hatte, dafür war es zu laut, denn diese Gestalten schrien und jaulten teilweise wie kranke Wölfe. Nichts und niemand schien sie aufhalten zu können. Siegessicher ließen sie ihrer zerstörerischen Natur freien Lauf. Zerstörten, was ihnen im Wege stand und drängten nach draußen.
Senoknanoks Ichs traten hervor und schwangen ihre Dämonenpeitschen mit lautem Knall. Die, die sie trafen, zerbarsten und verglühten auf dem Boden. Als sie erkannten, was los war, legte Ida ein Höllenfeuer, welches schnell um sich griff. Damit hatten wir nicht gerechnet.

„Was sollen wir tun?“, rief ich Marius zu.
„Ich werde das Tor jetzt schließen!“, rief er nervös. „Es geht nicht anders, denn Ben und Iris würden in den Flammen umkommen. Wenn ich dieses Tor schließe, schließen sich auch die anderen Tore. Simon, die Beiden müssen hier raus und auch Jana.“
Ich schaute mich um und enddeckte Jana, die neben Iris kniete.
„Sie muss aufwachen“, sagte sie und rüttelte sie an den Schultern. „Iris, wach auf. Bitte Iris.“
Iris hustete und öffnete die Augen. „Was ist passiert?“, fragte sie schläfrig. „Jana, mein Gott, du bist tot. Bin ich auch tot?“
„Nein Iris, ich werde dir später alles erklären, aber jetzt müssen wir hier raus. Steh auf, sonst werden wir verbrennen.“
Iris fragte nichts mehr, sondern bemühte sich, aufzustehen. Jana stützte sie und zog Iris in den hinteren Flur.
„Wir gehen hinten raus. Komm Iris, beeile dich. Noch ist das Feuer im vorderen Bereich.“

Als ich sicher war, dass sie es schafften, rannte ich nach unten. Marius hatte das Tor geschlossen und winkte mir zu. Senoknanoks Ichs hatten ganze Arbeit geleistet und einen Großteil der Brut, die sich im Haus befand, vernichtet.
„Marius, du bist sichtbar, kümmere dich um Ben, er ist in der Küche!“
„Nicht nötig, er hat es bis zur Haustür geschafft! Jetzt raus hier!“

Noch fraß das Feuer sich durch die obere Etage. Senoknanok musste jetzt alles geben, denn die Sache sollte schnell erledigt werden. Es fehlte jetzt noch, dass die Anwohner von lautem Sirenengeheule geweckt wurden. Wer Senoknanok aus dem Hier und Jetzt war, konnte ich nicht erkennen, aber das war egal. Heerscharen von widerlichen Gestalten strömten aus allen Himmelsrichtungen auf uns zu und versuchten zu zerstören, was sich ihnen in den Weg stellte. Ich gab Jana und Marius, die sich um Ben und Iris kümmerten ein Zeichen, sich in Sicherheit zu bringen, da sie neben Senoknanok die einzig Sichtbaren waren. Das Schicksal der Menschheit lag nun in den Händen des Hünen. Auch wenn die Portale endgültig verschlossen waren, stellten die, die es durchschritten hatten, eine große Gefahr dar. Senoknanok schien meine Gedanken erraten zu haben, denn er holte noch unzählige seiner Ichs aus der Vergangenheit, damit sie an seiner Seite kämpften. Unzählige Dämonenpeitschen zischten durch die Nacht und trafen ihre Ziele. Als sich die Masse ausgedünnt hatte, griffen die Hünen in ihren ledernen Beutel und bliesen die erste Asche vom Anbeginn der Zeit auf ihre Opfer. In diesen Ascheregen warf Jana das Medaillon, welches, als es zu Staub zerfiel, den restlichen Kreaturen grelle Schreie entlockte, bevor sie verglühten. In diesem Szenario drangen die Flammen des Hauses nach außen und explodierten mit einem lauten Knall. Fensterscheiben zerbarsten und schlugen vor unseren Füßen in den Boden. Ben und Iris klammerten sich aneinander und gaben sich gegenseitig Schutz. Bens Blick suchte nach Jana, die neben Marius stand. Er war verwirrt, verstand nicht, was hier geschehen war. Vielleicht dachte er, zu träumen. Darüber nachzudenken war jetzt müßig, denn Fenster öffneten sich und ich hörte das Heulen von Sirenen. Wir mussten weg. Da ich meine Kamera immer bei mir trug, stellte ich sie so ein, dass der phosphorzierende Nebel uns Sicherheit gab.

„Zum Friedhof!“, sagte Marius ernst.
„Zum Friedhof“, antwortete ich und drückte die Taste sieben, damit uns die Lichtspirale von hier fortbrachte.
Senoknanoks Ichs aus der Vergangenheit waren dorthin zurück gegangen, wo sie eine Aufgabe zu erledigen hatten. Wir konnten also in Ruhe von hier fort.

Nun standen wir vor Janas Grab und fühlten uns sicher. In der Ferne sahen wir den Feuerschein, hörten Sirenen und waren erleichtert. Nur Ben und Iris standen verständnislos dabei und schauten Jana fragend an. Ben weinte, als Jana nach seiner Hand griff.
„Ben, es ist in Ordnung. Mit Iris hast du eine gute Frau an deiner Seite. Ich werde wieder zurück gehen, in meine Welt.“
Marius unterbrach ihre Erklärungen und berührte die Beiden an den Schultern. „Jetzt wissen sie alles.“

„Du warst eine weiße Hexe und bist wegen Ida von uns gegangen, damit Melanie in Sicherheit ist“, flüsterte Ben. „Ich habe nie etwas geahnt. Und Melanie wird an ihrem zwanzigsten Lebensjahr wie du werden.“
„Wie solltest du auch, ich durfte dir ja nichts sagen“, antwortete Jana. „Ben, Iris ist eine gute Frau. Sie konnte nichts dazu, dass Ida sie für ihre Zwecke missbraucht hat. Ich dachte, wenn ich sterbe, wird ihr alle Kraft genommen. Leider war das ein Irrtum. Sie hat über die Jahre Kraft gesammelt, bis sie stark genug war. Und noch etwas, du hattest das Recht auf ein neues Glück. Du musst keine Angst vor dem Tag haben, an dem Melanie erkennen wird, dass sie anders ist. Sie wird etwas ahnen, aber nicht darüber reden, denn das darf sie nicht. Da das Medaillon zerstört ist, wird irgendwann eine andere weiße Hexe kommen und ihr wortlos eines überlassen. Dieses Medaillon wird sie beschützen, wenn auch sie es beschützt.“
Iris weinte und nahm Jana in den Arm. „Es tut mir alles so leid. Weil, dein Leben hätte auch anders verlaufen können. Nun habe ich deinen Platz an Bens Seite eingenommen. Jana, ich werde Melanie eine gute Freundin sein oder wie eine Mutter. Aber ich bin nicht ihre Mutter, das wirst immer du sein.“
Jana lächelte. „Ich weiß Iris, ich weiß. Seit gut zueinander und passt auf meine Melli auf. Darf ich Ben in den Arm nehmen?“
Iris nickte und wischte sich die Tränen fort, die unaufhaltsam über ihre Wangen rannen.
„Ben, ich habe dich so geliebt. Im Endeffekt wäre es sowieso besser gewesen zu gehen, als immer mit dieser Lüge leben zu müssen. Werdet glücklich, bitte.“
Ben lächelte tapfer, obwohl man ihm ansah, wie schwer sein Herz gerade war. „Holst du Melanie zurück, Jana? Ich habe dich auch so sehr geliebt. Ist es schlimm, wenn ich dir sage, dass ich Iris auch innig liebe?“
„Das ist sogar sehr schön, Ben. Ja, ich bringe Melanie zu euch zurück. Das heißt, wenn Senoknanok mich zurückbringen wird.“

Senoknanok, der etwas mitgenommen aussah, nickte sofort. „Ich werde dich jetzt zurückbringen, Jana.“
Jana drehte sich zu Marius und reichte ihm die Hand. „Du bist ein Engel der Zwischenwelten und kennst den Ort, an dem ich jetzt lebe. Weißt du, ich erinnere mich nicht mehr, wie es dort ist. Wo es ist und ob es dort schön ist. Und ich denke, wenn ich wieder dort bin, erinnere ich mich nicht mehr an dieses Leben. Nun werde ich Melanie holen und dann verlasse ich euch.“
„Du lebst an einem wunderschönen Ort, das kann ich dir sagen.“

Da Jana wusste, dass Ben und Iris mich nicht sehen konnten, winkte sie mir kurz zu. Ich stand etwas entfernt und filmte mit meiner Kamera das Geschehen, das auch mir ans Herz ging.
„Ich hole nun mein Kind zurück“, flüsterte Jana und schloss die Augen. Für einen Augenblick zerflossen ihre Konturen und verschwanden dann ganz. Als sie sich wieder manifestierte, hielt sie Melanies Hand.
„Mom, was ist passiert? Wo kommst du her? Und warum stehe ich an deinem Grab?“
„Melanie, es ist egal, wo du warst und was passiert ist. Du bist wieder hier bei deinem Dad und bei Iris. Irgendwann wirst du alles wissen und akzeptieren. Ich liebe dich so sehr.“
Jana drückte Melanie an sich und gab Marius ein Zeichen. Dieser berührte die Schultern der Floyds und ließ sie vergessen was passiert war. Senoknanok war mit Jana längst verschwunden und auch Marius hatte uns verlassen.

Die Floyds waren verwirrt, da sie nicht wussten, was sie auf dem Friedhof machten, vor Janas Grab. Aber alles konnten wir ihnen nicht ersparen. Sie würden sich wundern, dass ihr Haus den Flammen zum Opfer gefallen war. Auch da mussten sie durch. Aber ich ahnte, dass ein leichter Hauch des Übersinnlichen ihr Herz berührt hatte. In vier Jahren würde Melanie sich an diese Situation erinnern und schweigen. Ihrem Vater und Iris zuliebe. Ich war mir sicher, das neue Medaillon suchte schon nach ihr. Aber bis dahin, sollte sie unbeschwert leben.

Wisst ihr, ich bin müde und deshalb werde ich euch heute nicht verraten, warum und wieso ich das mache, was ich täglich mache. Habt Geduld, beim nächsten Mal, versprochen.


©Monika Litschko

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.10.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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