Peter Kröger

Mutter wird begraben (Ein Märchen)

 

 

 

Mutter wird heute begraben. Wir laufen an den Schaufenstern des kleinen Städtchens entlang, reden irgendwas und hoffen auf gutes Wetter. Die Wolken machen uns nervös, wie andere Menschen ein leerer Kühlschrank nervös macht oder schlechte Blutwerte oder das Nahen eines hungrigen Bären in der Tundra. Wir wollen keinen Regen, wir wollen nicht durch Schlamm und tiefe Pfützen stapfen, wenn schon keine Sonne, dann doch bitte auch keinen Regen, Mutter hat Regen gehasst, gut, es stimmt nicht ganz, manchmal mochte Mutter Regen ganz gern, vor allem, wenn es schüttete wie aus Eimern, das mochte sie, nur Landregen, feinen Landregen verabscheute sie, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, denken wir plötzlich im selben Moment, aber auch das stimmt nicht ganz, manchen vergeben wir und manchen vergeben wir nicht, manche kommen uns vor wie ein Landregen, um im Bild zu bleiben, eine Plage, manche wie ein Platzregen, ein Freund, mit dem wir nachsichtig sind, Mutter hätte das verstanden, Vergleiche, auch ganz schräge, lagen ihr, doch Mutter wird heute begraben, und mit etwas Glück wird sich das Wetter halten.

Wir haben die Schaufenster hinter uns gelassen und bewegen uns Richtung Friedhof. Wir versuchen uns die Mutter als kleines Mädchen vorzustellen, denn Mütter sind irgendwann kleine Mädchen gewesen. Es fällt uns schwer, wir tappen im Dunkeln, nur wir waren Kinder, behaupten wir hilflos. Und später, als die Mutter immer noch jung war, viel jünger jedenfalls als wir heute und mit uns Kindern in die Berge zum Wandern fuhr, mit dem Vater zum Tanzen ging und mit uns durch das Städtchen wandelte, in dieses und jenes Lädchen mit uns spazierte, mit uns schimpfte und uns lobte, glaubten wir, dass alles immer so weiter ginge, das Wandern, das Tanzen, das Spazieren, das Schimpfen und Loben, und niemals enden würde. Dennoch begab es sich irgendwann, viele Jahre später, dass erst der Vater und vor ein paar Tagen schließlich die Mutter starb, die genau genommen vor allem den Walzer mochte und das Wandern in den Bergen vor allem dann, wenn es wie ein Spazieren war, und genau genommen wollten auch wir nicht völlig und reinen Herzens, dass alles immer so bliebe, wie es war, wir wollten groß und stark und flügge werden und alles hinter uns lassen, den Vater, die Mutter, das Nest, dem wir entstammten. Und sie, die Eltern, verloren irgendwann das Spiel, wenn es denn eines ist, wie wir es nun unsererseits verlieren werden oder längst verloren haben, Eltern und Kinder, Kinder und Kindeskinder.

Und alles geht weiter, mit uns und ohne uns, und heute wird die Mutter begraben, und wenn sie nicht gestorben ist … - aber sie ist gestorben und es heißt, etwas gruselig, der Nächste möge sich bereithalten, und über uns ist niemand mehr, und hinter uns beginnt bald schon das Drängeln, und bald schon gehören wir zum alten, zum ganz alten Eisen, grad so wie Vater und Mutter, die schließlich begraben wurden, erst der Vater und heute die Mutter.

Und wir gehen und gehen und reden irgendwas und schweigen und reden wieder, die Schaufenster sind fern, und der Friedhof rückt in greifbare Nähe, und wie im Schlaf erreichen wir ihn, wie im Schlaf betreten wir die Kapelle und nehmen Platz, wie im Schlaf sehen wir Sarg und Blumengebinde und vergeben – da ist es wieder – unseren Schuldigern, aber nicht allen, das überlassen wir überirdischen Naturen, denn wir sind fehlbar, sogar die Mutter war fehlbar, der Vater, die Urahnen und alle, die folgen werden. Wir sagen der Mutter Lebewohl, die Schaufenster sind fern und der Sarg ist geschlossen und nun regnet es doch, es schüttet, wir treten ins Freie und stapfen durch den Morast, wir gehen langsam, der Weg endet, und schließlich wird der Sarg herabgelassen in nasse Erde.

Haben wir auch nichts vergessen, die junge Mutter, die alte Mutter, die starke, die schwache, was wir hörten von Krieg und Elend, dem nackten Überleben, nein, wir vergessen nichts, aber wir behalten es heute für uns, jeder für sich, die Erinnerung sagt 'Wir', aber jeder meint etwas anderes mit diesem 'Wir', und doch meinen wir das Gleiche.

Was soll nur aus uns werden, elternlos, denken wir wie auf Kommando, wir stehen am offenen Grab, wir schauen dir hinterher, zu dir hinunter, liebe Mutter, ja, wir denken die Worte 'liebe Mutter', und es regnet weiter, aber jetzt wird es ein Landregen, wo die Mutter doch Landregen so hasste im Gegensatz zum Platzregen, doch vielleicht ändert sie ihre Meinung, dort, wo sie jetzt ist, und wir schauen uns an, die Übriggebliebenen, denn das sind wir, Übriggebliebene, Mutter will die Kinder zählen, heißt es, wir sind angetreten, und gleich wird es uns wieder fortreißen, Mutter, sagen wir, grüß' den Vater, Asche zu Asche, Staub zu Staub, eben warst du noch da, jetzt bist du fort, ein Indianer kennt keinen Schmerz, heißt es, das ist leicht gesagt, aber du zwinkerst uns zu und nun preisen wir plötzlich den Regen, sogar den Landregen und hoffen auf ein Wiedersehen und Vergebung und einen Walzer im Himmel am Jüngsten Tag.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.10.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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