Qayid Aljaysh Juyub

Story IV: Im Namen des Volkes

Der Prozess vor dem Landgericht Lautere begann fünf Minuten nachdem Matadore und Publikum in die bescheidene Arena der bekanntlich blinden Justitia einzogen. Zum besseren
Verständnis für diejenigen von uns, die bisher noch nicht in den Genuss gekommen sind, in den hehren Hallen der Gerechtigkeit verweilen zu dürfen, sei erwähnt, dass diese im Allgemeinen und unser Ort der Handlung im Speziellen eher einem spartanisch ein-gerichteten Klassenzimmer glichen, als den ebenso wohl ausgestalten wie auch im gediegenen Design entworfenen Räumen, die man landläufig aus äußerst realistischen Gerichtsshows oder reißerischen, cineastischen Macwerken so kennt. Gleich hinter dem Eingang des Gerichtssaals befanden sich circa 20 unbequeme Stühle in zwei Reihen für potentielle Zuschauer des Schauspiels. Auf der linken und rechten Seite des Raumes gammelten jeweils drei einfache Bürotische vor sich hin, deren – vom Publikum aus gesehen – jeweils äußerster für die Kontra-henten und deren Anwälte reserviert waren. Der Richter wiederum residierte mittig, die streitenden Parteien sowie die Zuschauer fest im Blick, wobei auch hier die Einrichtung die Würde des Gerichts nicht gerade unterstrich. Kurz gesagt: Das Ambiente vermittelte eine absolut stimmige Impression vergleichbar einer sehr kostengünstigen, treudeutschen Leberwurst. Wie es nun seine zuvorkommende Art war, betrat Richter Wyschinski -Freisler mit einem – angesichts der sich erhebenden Anwesenden – zufriedenen Lächeln, das eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Gesichtsausdruck Napoleon Bonapartes nach seinem Sieg bei Austerlitz besaß, gemessenen Schrittes den voll besetzten Tempel der Gerechtigkeit und setzte sich würdevoll an seine bescheidene Wirkungsstätte. Als es nun Kombattanten und Publikum dem bescheidenen Rechtswahrer gleichtaten, eröffnete Wyschinski -Freisler das Verfahren.
„Ich möchte die streitenden Parteien und Zuschauer ermahnen, sich wieder zu erheben.“
Überrascht taten die Gemaßregelten wie geheißen. Der Angeklagte – ein recht schmächtiger Herr mittleren Alters – benutzte aufgrund seiner zahlreichen Blessuren, von denen die augenfälligste ein eingegipstes Bein darstellte, Gehhilfen und tat sich daher mit dem Aufstehen etwas schwer, während sich sein Verteidiger beeilte, die Anweisung zu befolgen.
„Angeklagter, das muss schneller gehen. Eine solche Haltung wird Ihnen hier nicht weiterhelfen!“
Nach circa fünfminütigem Schweigen setzte das hohe Gericht die Partie fort.
„Sie dürfen sich nun setzen, aber diesmal zackig, bitte.“
Wieder hatte der gehbehinderte Unruhestifter gewisse Schwierigkeiten, der Forderung mit der gewünschten Schnelligkeit nachzukommen.
„Angeklagter, Sie müssen dringend an Ihrer provokativen Attitüde arbeiten und stöhnen Sie hier nicht so herum. Wir sind hier nicht in der Negerschule!“
Der so Ermahnte hob zu einer schüchternen Einwendung an, wurde aber von seinem Verteidiger mit Hilfe eines dezenten Rippenstoßes zum Schweigen gebracht.
Umständlich kramte nun der gestrenge Gerichtsherr einen wohl gefüllten Aktenordner aus dem mitgebrachten krokodilledernem Pilotenkoffer und schlug diese mit gerunzelter Stirn auf.
„Beginnen wir also. Die Kontrahenten sollten zur Kenntnis nehmen, dass ich mich auf diesen Fall sehr intensiv vorbereitet habe. Weiterhin gedenke ich das Verfahren hart, aber gerecht zu führen. Kläger ist Herr Timur Lenk Tamerlan, wohnhaft in Lautere-Neukullm, vertreten durch Herrn Rechtanwalt Josef Carpet-Bagger.“
Ein wohlwollendes Zwinkern traf gönnerhaft den Kläger, einem sehr athletisch gebauten, jungen Mann ohne körperlichen Fehl und Tadel.
„Beklagter ist Desmond Lumumba, ebenfalls wohnhaft in Lautere, vertreten durch Herrn Rechtsanwalt Sir Archibald Skrotum.“
Falls daran der Leser daran zweifeln sollte, dass der Blick der Gorgo Medusa Menschen zu Stein erstarren ließ, wäre er durch selbigen, den der Richter nun dem unglücklichen Lumumba zuwarf, eines Besseren belehrt worden.
„Hmm, worum geht’s, ach ja! Aktenzeichen XY-ungelöst. Dem Beklagten wird zur Last gelegt, am 30. Februar dieses Jahres den Kläger durch einen tätlichen Angriff gravierend psychisch und physisch geschädigt zu haben. Aus den damit verbundenen körperlichen Einschränkungen sind Schadensersatzansprüche von insgesamt 7853 Euro ent-standen. Wir verhandeln den Fall jetzt in der ersten Instanz, wo sind die Zeugen!“
Mit Feldherrnblick gingen die stahlblauen Augen des Gerichtsherrn auf die Suche nach denselben.
„Herr Vorsitzender, wenn ich Sie unterbrechen dürfte?“
„Herr Carpet-Bagger reden Sie!“
„Danke! Der Streitwert beträgt 78530 Euro und wir sind hier in der Güteverhandlung. Da werden noch keine Zeugen geladen.“
„Guter Punkt! Wie ich bereits erwähnte, habe ich mich ausführlich mit den humanitären und juristischen Aspekten dieses Falles auseinandergesetzt und möchte daher den Tathergang nicht wiederholen. Mein Vorschlag in der Sache sind 78000 Euro Schadensersatz und eine persönliche Entschuldigung. Da gibt es die schöne Tradition der Proskynese oder alternativ dazu den Kotau. Herr Carpet-Bagger ist das so akzeptabel für Sie?“
„Nicht wirklich, Herr Vorsitzender! Mein Mandant hatte schon gravierende Schmerzen …“
„Dat geht scho okay Anwalt. Dat Richter weeß, wat Respekt is.“
Mit einer wegwerfenden Bewegung in Richtung des Angeklagten lächelte Timur seinen Richter verschwörerisch an.
„In Ihrem eigenen Interesse, Angeklagter, schlage ich vor, dass Sie uns ein weiteres Verfahren und dem Kläger seelische Pein ersparen. Sie sollten mein großzügiges Angebot annehmen, denn die volle Härte des Rechtsstaates kann in Ihrem Fall sehr schmerzen. Herr Skrotum, Sie haben das Wort.“
„Der Vergleich erscheint mir akzeptabel und fair, deshalb … “
Bevor der engagierte Verteidiger seinen Satz vollenden konnte, rüttelte sein neben Ihm sitzender Schützling ihn leicht an der Schulter und flüsterte eindringlich auf ihn ein.
„Zu meinem größten Bedauern verweigert mein Mandant die Annahme dieses vernünftigen Kompromisses und lehnt die Forderungen des Geschädigten kategorisch ab.“
Bedauernd schüttelte Wyschinski-Freisler sein weises Haupt.
„Manchen Menschen ist nicht bewusst, wie sehr sie sich vergehen! Sie haben es ja so gewollt Angeklagter. Herr Tamerlan, schildern Sie bitte in Ihren eigenen Worten den Tathergang!“
Mit selbstbewusstem Lächeln machte es sich das Opfer auf seinem Stuhl gemütlich.
„Dat war so: Ich, Genghis, Ögödei und Batu Khan gingen an nem Abend gerad mal so durche Gegend. Hey Jungs, alles senkrecht?“
Die drei treuen Gefährten in der vordersten Reihe der Zuschauerränge johlten lautstark, während Familie und sonstige Bekannte des Opfers auf den restlichen Plätzen dazu billigend schwiegen. Der leitende Diener der Justitia lächelte nachsichtig hinsichtlich der lautstarken Erwiderung des Grußes. Lässig setzte Timur Lenk seine aben-teuerliche Geschichte fort.
„Dat war nämlich nachem Training in unser Boxverein, dem ‚McMurder Incorporated‘. Da wollten wa noch in die Disco und hatten keine Kohle. Da hamm wa so jedacht, vielleicht finden wa so dat Penunze. Ja mei, da kimmt uns dat Vogel entjegen und hat keinen Respekt vor uns, da hatter nämlich so komisch jeglotzt. Boah eh, dat Genghis, dat is nämlich unser Champion, wollte dat freche Type gleich plattmachen, dat versteht nich keinen Spaß mit dat Mongolenehre und tut gerne Leute klatschen. Icke hab aber dat Genghis aufjehalten, weil ick in dat Herz total ne Freund vonne Menschen bin und dat schwatte Bastard noch ne Chance jeben wollte. Ich frag nämlich dat Batu Khan, wat ich für nen Mann bin, dat sacht dann immer: Du bissen fairen Mann. Ich hab dat schwattem Nejer dann jesagt: ‚Wat kieckste, willse ein vorm Maul?‘ Ick hab dann nen Arm ausjestreckt wejen ner Länge Abstand. Ick hatte echt voll Schiss…“
Interessant, wat? Da die vorherige Passage eigentlich dazu dient, mit Hilfe meines Phantasiedialektes die Kultiviertheit Rocky Klatschianos nebst seiner lustigen Gesellen zu unterstreichen, kommt im Anschluss noch eine Version in Klarsprech. Es sei hier aber noch angemerkt, dass unsere munteren Sportsmen, nicht der autochthonen Bevölkerungsgruppe – vermutlich sehr zum Bedauern einiger engstirniger Leute – angehörten, sondern einer Kultur mit einem sehr archaisch geprägten Wertekanon entstammten, der zusätzlich von den negativen Seiten der sogenannten ‚Leitkultur‘ korrumpiert wurde. So verkörperten unsere schlagfertigen Jungfaschisten sozusagen das Schlechte zweier Welten. Das mag nun für einige eine Überraschung sein, aber Rassisten lassen sich nicht einfach mit der Pigmentierung der Haut identifizieren. Ich persönlich glaube nicht an Nationen, Rassen, mono-theistische Religionen und sonstigem Blendwerk zum Wohle weniger Rosstäuscher. Ich denke, wir sind alle Individuen und jeder von uns ist einzigartig; schade nur, dass so viele den großen Betrügern auf den Leim gehen.
Und nun die versprochene Übersetzung:
„Das war nämlich nach dem Training in unserem Boxverein, dem ‚McMurder Incorporated‘. Da wollten wir noch in die Disco gehen und hatten kein Geld. Da haben wir so gedacht, vielleicht finden wir so das Geld. <baju-warischer Ruf des Erstaunens> , da kommt uns der Vogel entgegen und hat keinen Respekt vor uns, da hat er nämlich so komisch geglotzt. <unter Mantafahrern verbreiteter Gruß>, der Genghis, der ist nämlich unser Champion, wollte den frechen Typen gleich verhauen, der versteht nicht keinen Spaß mit der Mongolenehre und tut gerne Leute zusammenschlagen. Ich habe aber den Genghis aufgehalten, weil ich in meinem Herzen total ein Freund von den Menschen bin und dem schwarzen Bastard noch eine Chance geben wollte. Ich frage nämlich den Batu Khan, was ich für ein Mann bin, der sagt dann immer: Du bist ein fairer Mann. Ich habe dem schwarzen Neger (?) dann gesagt: ‚Was schaust Du mich so an, willst Du eine vor das Maul?‘ Ich habe dann einen Arm ausgestreckt wegen einer Länge Abstand. Ich hatte echt voll Angst … “
Klingt zwar wie der Google-Übersetzer, der Stil bleibt jedoch erhalten.
Unerklärlicherweise erhob sich brüllendes Gelächter im Publikum, das den gestrengen Richter nach Beendigung desselben reagieren ließ.
„Ihr Humor ist erfrischend Herr Tamerlan. Hinsichtlich des provozierenden Verhaltens des Angeklagten sind Sie in vorbildlicher Weise ruhig geblieben und haben versucht zu deeskalieren! Bitte fahren Sie fort!“
„Dann hat dat Type mir anjegriffen und hat nen Kopfstoß voll jegen meine Faust jemacht. Wat meine Kumpels sind haben mir natürlich zippie verteidigt, war echt nen harter Fight jegen dat Wilde. Dann hat dat Brutalo sich aufn Boden geschmissen und doch echt mitseiner Birne jegen meine Fuß jestoßen. Ich sach Dir, dat Fäuste und Füße taten echt tierisch weh. Dann bekamen wa voll Schiss von wegen dat Brutale und sind wechjelaufen.“
Wieder erschütterten Wogen der Heiterkeit den Gerichtssaal.
„Dann taten wa doch noch Jeld finden, weil dat Bandit uns als wa flüchteten mit seine Brieftasche bewerfen tat. Wa ham uns inne Nachtclub von dat Schock erholt. Icke hab echt voll dat Trauma!“
Lost in translation:
„Dann hat die Type mich angegriffen und hat einen Kopfstoß voll gegen meine Faust gemacht. Was meine Kumpels sind, haben mich natürlich sofort verteidigt, war echt ein harter Kampf gegen den Wilden. Dann hat der Brutalo sich auf den Boden geschmissen und doch echt mit seinem Kopf gegen meinen Fuß gestoßen. Ich sage Dir, die Fäuste und Füße taten echt tierisch weh. Dann bekamen wir große Angst vor dem Brutalen und sind weggelaufen.“
Wieder erschütterten Wogen der Heiterkeit den Gerichtssaal.
„Dann taten wir doch noch Geld finden, weil der Bandit uns, als wir flüchteten, mit seiner Brieftasche bewerfen tat. Wir haben uns in einem Nachtclub von dem Schock erholt. Ich habe echt voll das Trauma!“
„Das ist ungeheuerlich! Derartige brutale Attacken auf unseren Straßen von dreisten Banditen. Wie Läuse im Pelz einer brünstigen Katze vermehren Sie sich und nehmen uns unseren Lebensraum. Aber nicht mit mir, nicht mit mir!“
Streng sah der rasende Richter den vermeintlichen Übeltäter an. Der wiederum war vom bisherigen Verlauf des Prozesses dermaßen paralysiert, dass er schier nicht dazu fähig war, zu reagieren. Derweil richtete sich die Aufmerksamkeit des Anwalts Scrotum, den man im Kollegenkreis gerne auch bewundernd ‚Ischariot‘ nannte, nicht wirklich auf das aktuelle Geschehen, da Sir Archibald sich gerade damit beschäftigte, auf seinem Smartphone den 97. Level des Ego Shooters ‚Doomesday‘s Blow Up‘ zu erreichen.
Mitleidig betrachtete die vorsitzende Zierde der Gerechtigkeit das arme Opfer der Kopfattacken.
„Da haben Sie ja ein wirkliches Martyrium hinter sich, Sie armer Mensch! Das schränke Sie doch mit Sicherheit beruflich ein und hat doch auch sicherlich zu erheblichem Verdienstausfall geführt!“
Advokat Carpet-Bagger, der bisher in seinem Winkel das Geschehen breit grinsend zur Kenntnis nahm, räusperte sich leicht.
„Herr Richter, wie Sie sicher bei Ihrem intensiven investigieren der Aktenlage festgestellt haben, ist mein Mandant nicht berufstätig. Sie finden in den Unterlagen, wenn Sie mögen, auch eine genaue Auflistung aller Kosten, die meinem Mandanten in Folge des brutalen Angriffs auf Ihn entstanden sind.“
„Danke Herr Rechtsanwalt. Ich musste auch mit Entsetzen feststellen, welch großen volkswirtschaftlichen Schaden die Missetat eines einzigen Invasors haben kann. Da sehnt sich ein hochintelligenter, aufrechter usbekischer Mann nach einer anständigen Arbeit und das wird ihm alles genommen. Sicher möchte unser Geschädigter gerne fortfahren.“
„Klaro. Echt blöd jetzt, aber von wejen vonne Konstitution, wo schwach is, kann ick nich körperlich malochen. Dann hab ick noch dat fürchterliche Migräne inne Kopp, da jeht auch nix als Bürohengscht pannen. Ick sach Dich, jeden Tach muss ick mit dat furchtbare Schmerzen acht Stunden Training inne Boxclub machen, vonwejen meine Fight nächste Woche mitten Kubilai Khan, dat is zwar nen Weichei, aber listig wie ne Schlange. Dat tut so weh inne Händ und Füß, dat ich mich jeden Tach Viagra und Amphetamine beim Timudschin, dat is meine Apotheker inne Görlitzer Park, besorgen tu; ick kann nich mal nen Broiler mupfeln, ohne dat dat schmerzt inne Zähne. Um dat Haushalt und mir kümmert sich dat Rosi ausm Kontakthof, dat hat echt nen hohen Stundenlohn. Dat Medizin und dat Rosi is echt voll teuer. Nen Tier würden se echt voll wegputze.“
Here we go again:
„Klaro. Echt blöd jetzt, aber von wegen der Konstitution, die schwach ist, kann ich nicht körperlich arbeiten. Dann habe ich noch die fürchterliche Migräne im Kopf! Da geht es auch nicht, als Bürohengst zu arbeiten. Ich sage Dir, jeden Tag muss ich mit den furchtbaren Schmerzen acht Stunden Training im Boxclub machen, wegen meines Kampfes nächste Woche mit dem Kubilai Khan, der ist zwar ein Weichei, aber listig wie eine Schlange. Das tut so weh in den Händen und Füßen, dass ich mir jeden Tag Viagra und Amphetamine beim Timudschin, das ist meine Apotheker inne Görlitzer Park, besorge; ich kann nicht einmal ein Brathähnchen essen, ohne dass das schmerzt in den Zähnen. Um den Haushalt und mich kümmert sich die Rosi aus dem Bordell, die hat echt einen hohen Stundenlohn. Die Medizin und die Rosi sind echt voll teuer. Ein Tier würden sie echt voll töten.“
Timurs Tonfall veränderte sich gegen Ende seiner Aussage leicht ins Weinerliche, während die amtierende Zierde der bundesdeutschen Justiz dazu mitleidig sein Haupt schüttelte.
„Das ist wirklich berührend und herzerwärmend. Die keusche Maid, die den geschundenen Helden pflegt, der Heim vom Kampfe gegen die teuflische Drachensaat eilt; wie einst Weiland Siegfried oder Teja, der letzte Führer der Ostgoten. Aber als Richter soll man sich nicht einer Sache gemein machen, auch wenn es die Richtige ist. Sir Scrotum haben Sie noch irgendwelche Fragen an den Kläger? Ich werde aber nicht zulassen, dass Sie dem armen Manne noch mehr Pein zufügen!“
Trotz des eher schrumpfgermanischen Inhalts der blumigen Rede, raunte die Meute beifällig, Blut witternd.
Der engagierte Advocatus hatte gerade Level 98 erreicht und litt unter einem partiellen Aufmerksamkeitsdefizit.
„Offensichtlich hat der Verteidiger des Verbrechers keine weiteren Fragen mehr. Lumumba trete nun vor und bekenne, auf dass das Schwert der Gerechtigkeit Dich richten möge!“
Derweil verbreiteten sich im Publikum lautstarke Zeichen der Begeisterung, die sich durchaus mit dem Geheul eines hungrigen Wolfsrudels vergleichen ließen.
Das kriminelle Monster hatte inzwischen seine Contenance zurückgewonnen, obwohl ihm die Situation einfach nur surreal vorkam. Ruhig, wenn auch umständlich, erhob er sich von seinem Platz.
Bevor wir zum bitteren Ende kommen, sollten noch einige Dinge über Dr. Desmond Lumumba nicht unerwähnt bleiben. Lumumba floh hinsichtlich der misslichen Lebensumstände, die in jenen ungesunden Weltgegenden recht rasch und drastisch ein jähes Ende finden konnten, aus der Republik Kongo. Er beherrschte neben französisch auch englisch und war dabei seine Kenntnisse in der deutschen Sprache zu perfektionieren. Desmond arbeitete als Arzt im städtischen Klinikum und erfreute sich wegen seiner ruhigen, menschenfreundlichen Art großer Beliebtheit. Wie ihr euch schon denken könnt, unternahm er in krasser Fehleinschätzung der allgemeinen Sicherheitslage einen abendlichen Spaziergang, bei dem er von unseren vier Stammeskriegern zusammengeschlagen und ausgeraubt wurde.
„Das muss ein Traum sein! Ich verwahre mich gegen diese haltlosen Anschuldigungen. Ich habe fast den Eindruck, Sie sind überhaupt kein richtiger Richter …“
Passend zum wütendem Gemurre im Zuschauerraum verfärbte sich die Gesichtsfarbe Wyschinski-Freisler in blutiges Rot.
Sie sind ja ein schäbiger Lump! Wie kannst Du es wagen an mir zu zweifeln, ist denn niemand da, der die Ehre meines Tribunals verteidigen will?“
Timur sprang behände voller Einsatzbereitschaft auf.
„Herr Richter, falls se nen Päusken machen wollen. Wa uns um dat kriminelle Arschloch kümmern. Der Schwatte macht dann keene Probleme mehr!“
„Des Volkes Stimme!“
Der völkische Richter erhob sich zufrieden lächelnd.
„Ich werde dann einmal eine Zigarettenpause machen! Sie bleiben aber alle hier. Wenn ich zurückkomme, erwarte ich eine endgültige Lösung dieser Frage.“
„Moment, ich begleite Sie!“
Der advocatus diaboli des Klägers verspürte ein gewisses Unwohlsein.
„Carpet-Bagger, Sie bleiben hier! Gegen des Volkes Wille ist man machtlos!“
„So ist es. Ich wasche meine Hände in Unschuld und habe vom Kommenden nichts gewusst.“
„Ihr seid doch alle verrückt!“
Der finale Einwand des Delinquenten fand angesichts der Vorfreude der meisten Anwesenden wenig Beachtung.
Scrotum erreichte gerade Level 99, als Wyschinski- Freisler, unter Zurücklassung seines Pilotenkoffer, zufriedenstrahlend den Raum verließ, während die Hyänen über Ihre Beute herfielen.
So viel Spaß hatte er seit den Zeiten des Volksgerichtshofes und der Moskauer Schauprozesse nicht mehr gehabt. Die Bombe im Pilotenkoffer sollte in zwei Minuten explodieren und alle töten. Ein ausgezeichnetes Resultat! Mit einer Ausnahme würden die Anwesenden in ihre eigene Hölle fahren, denn die ist ebenfalls multikulturell. Und, nicht zu vergessen, es gab einen guten Menschen weniger auf der Welt. Das würde seinen Meister besonders erfreuen, denn allzu viele davon ließen sich auf dem Erdenrund nicht wirklich finden. Nach vollbrachtem Werk, sollte man sich doch ein wenig Entspannung gönnen! Vielleicht als Chefchirurg in der Sachsenklinik? Prof. Dr. Todd war zwar wenig subtil, gefiel ihm aber nicht schlecht.
Scrotum beendete gerade sein Spiel erfolgreich, als der Sprengsatzsatz detonierte, und Wyschinski-Freisler ward nicht mehr gesehen; vorerst.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.10.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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