Karl Wiener

Sinn und Unsinn der Digitalisierung

 

Vielleicht wird mancher sagen, daß ich die Zeichen der Zeit nicht verstanden habe, wenn ich Zweifel an der ausschließlichen Nützlichkeit der Digitalisierung hege. Schon in den frühen 60 er Jahren haben wir Programme zur Lösung unserer eigenen technischen Probleme geschrieben, teilweise noch für Röhrenrechner im Maschinencode. Im ersten Schritt übertrugen wir dem Rechner die zeitaufwendige Lösung großer Gleichungssysteme. Jahrzehntelang entwickelten wir dann Anwenderprogramme, nach heutigem Sprachgebrauch „Apps“, dem jeweiligen Stand der Entwicklung entsprechend für Großrechner und schließlich für Personal Computer. Unsere Programme sollten Fachkollegen die tägliche Arbeit erleichtern. Heute ist diese Entwicklung auf dem Gebiet der Technik, der Medizin der Wirtschaftsführung und der Formgestaltung weit fortgeschritten. Ohne Digitalisierung ist eine erfolgreiche Arbeit auf vielen Fachgebieten nicht mehr denkbar.

Unsere Arbeit begann mit der Analyse der Denkweise potentieller Anwender. Da wir Programme für die Lösung von Problemen unseres eigenen Fachgebiets schrieben, fiel uns das im Prinzip nicht schwer. Bald aber wurde mir bewußt, daß die Anwendung unserer Programme auch eine Uniformierung der Denkweise der Fachkollegen zur Folge haben muß. Noch heute frage ich mich oft, wenn ich mit einem Fremdprogramm nicht gleich klarkomme, was die Programmentwickler wohl darüber dachten, wie ich denke. Die Programmierung der Anforderungen des alltäglichen Lebens bringt also auch eine Uniformierung des alltäglichen Denkens mit sich und drängt schöpferisches Denken zurück. Ihre Benutzung verdrängt induktives Denken und fördert das deduktive Denken. Die Suche nach der besten Lösung eines Problems wird abgelöst von der Suche nach dem Weg, den sich der jeweilige Programmierer als besten Weg zur Lösung des Problems vorgestellt hat.

Problematisch erscheint mir dieser Aspekt auf dem Gebiet der virtuellen Freizeitgestaltung. Da steigt zum Beispiel ein erwachsener Mensch mit weichen Knien aber strahlend vor Freude von einem Spezialsessel, auf dem er mit Hilfe einer Brille eine virtuelle Achterbahnfahrt erlebt hat. Wo bleibt da der qualitative Unterschied zu Cybersex? Mir kommt da ein bekannter Spruch in den Sinn: „Irrtum sprach der Igel als er von der Klobürste stieg“. Jugendliche, die die reale Welt erkunden sollten, versuchen als sogenannte Gamer tage- und nächtelang virtuelle Herausforderungen zu bestehen. Statt über Haut und Spitzenunterwäsche streicht ihre Hand auf der Benutzeroberfläche des Bedienungspanels. Das fördert zwar die Entwicklung der Fingerfertigkeit und des Reaktionsvermögens aber nicht die Entwicklung der Sprachfertigkeit und des schöpferischen Geistes.

Ich sehe durchaus den enormen Vorteil des mobilen Telefons. Man kann an jedem Ort und zu jeder Zeit notwendige Verbindungen aufnehmen - man kann, aber man muß nicht. Heute wird vielerorts um Diskretion gebeten. Dessen ungeachtet belästigt privates Kommunikationsbedürfnis sehr oft die Öffentlichkeit. Dabei erscheint es unwichtig, ob der „Lautsprecher“ gerade den Kinderwagen schiebt, joggt oder einen Sonntagsspaziergang mit der Familie unternimmt. Keiner von denen ist gedanklich dort, wo er sich gerade befindet. Ich habe mich an solchen öffentlichen Privatgesprächen schon ungefragt beteiligt, wurde aber nicht wahrgenommen.

Es wurde gesagt, daß der sogenannte arabische Frühling ohne das Smartphone nicht möglich gewesen wäre. Inzwischen ist der arabische Frühling längst zum bitterkalten Winter geworden. Das Smartphone dient weltweit auch zur Verabredung asozialer Handlungen, von denen Flashmob und Mobbing noch das geringste Übel sind. In sogenannten öffentlichen Foren äußert sich jeder Dummkopf, meist anonym, zu jeder Angelegenheit, von der er ohnehin nichts versteht. Mir scheint, daß die Haßbotschaften anonym verfaßt werden, weil der Betreffende seinen eigenen Namen nicht schreiben kann. Mitunter kommt mir der Gedanke, daß die Einführung der Motorradsitzbank anstelle des erhöhten Soziussitzes vor einem halben Jahrhundert die Menschen einander näher gebracht hat als all die fälschlich als „sozial“ bezeichneten Netzwerke.

Die Digitalisierung des Schulunterrichts hat eine eminente Bedeutung, wenn in Krisenzeiten Präsenzunterricht nicht möglich ist. Dabei besteht aber die Gefahr, die Schüler zu passivem Wissenserwerb zu verleiten, d.h. auswendig zu lernen. Ohne digitale Hilfsmittel ist der Schüler gezwungen, sein Wissen mit eigenen Worten wiederzugeben. Gegebenenfalls kann der Lehrer durch Einhelfen Wissenslücken schließen. Digital gestützter Fernunterricht birgt die Gefahr zum Quiz zu verkommen. Besonders bei Prüfungen besteht die Tendenz, drei Antworten auf jede Frage vorzugeben, von denen dann nur noch die vermeintlich richtige Antwort anzukreuzen ist. Damit ist der Schüler der Notwendigkeit enthoben, seine Gedanken in eigene Worte zu kleiden. Die Sprachlosigkeit wird auch dadurch verstärkt, daß sich die Programmierer von Schreibprogrammen anmaßen, schon beim ersten und jedem weiteren Buchstaben das Wort nach eigenem Ermessen zu Ende zu führen.

Oft trifft man auf die unzutreffende Meinung, Dienste im Netz seien kostenlos. Das ist natürlich falsch. Schließlich müssen Programmierer und Provider, aber auch Youtuber und Influencer, bezahlt werden. Sie finanzieren sich aus Werbeeinnahmen und das nicht schlecht. Jede alte Oma, die im Supermarkt eines der beworbenen Produkte kauft, bezahlt das zusammen mit der erworbenen Ware von ihrer Rente. Mit der Digitalisierung des Alltags kann man zwar geistige Wüsten nicht in blühende Landschaften verwandeln, wenn man es aber geschickt anstellt, kann man damit unermeßlich reich werden.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.10.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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