Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, Teil 30

 

  • 17 -

Wiesel spürte jede einzelne Schwiele an seinem Hintern und verfluchte den Unheimlichen, der seit dem frühen Morgen ohne Unterlaß durchgeritten war. Erst jetzt, wo sie das Sumpfland erreichten, war er notgedrungen langsamer geworden. Im Schrittempo folgte Wiesel nun dem Unheimlichen über einen schmalen Pfad durch die morastige, weitläufige Moorlandschaft. Das Hexenmoor. Wiesel gefiel es hier überhaupt nicht. Das Moor hatte etwas an sich, das ihm die Haare zu Berge stehen ließ. Wollte man den finsteren Geschichten über die vielen Reisenden, die im Moor verschwunden sein sollten, Glauben schenken, müßte eigentlich ein Schild am Wegesrand stehen und verkünden:

Wegen Überfüllung geschlossen

Da Wiesel keines entdecken konnte, gab er sich der trügerischen Illusion hin, daß die Legenden, die sich um dieses Moor wie Efeu um einem Turm herum rankten, vermutlich frei erfunden oder zumindest maßlos übertrieben waren. Trotzdem zuckte er jedesmal erschrocken zusammen, wenn ein paar Blasen rechts oder links des Weges die Oberfläche des Moores durchbrachen und einen fauligen Gestank verbreiteten. Wiesel hatte dann jedesmal das Gefühl, als würde ihm ein verschollener Reisender einen Gruß vom Grund des Moores schicken. Er ahnte nicht, wie dicht er damit an der Wahrheit lag.

Einstweilen ritten die ungleichen Gefährten jedoch unbehelligt weiter, sah man einmal von den Millionen Mücken ab, die sich über eine anständige Mahlzeit freuten. Die Sonne stand schon ziemlich tief im Westen, als die Mücken endlich satt und der Pfad breiter wurde. Wiesel war nur zu bewußt, daß dieser sie unweigerlich zu dem Ort führen würde, den er am liebsten nie wieder in seinem Leben gesehen hätte, die Hütte Hedwigs.

Ein hölzerner Wegweiser mit der Aufschrift

Hedwigs Hütte, nur Bares ist Wahres“

wies eine Meile später daraufhin, welche Art von Besuch Hedwig schätzte. Wiesel hoffte nur, daß der Unheimliche nicht mit leeren Taschen auf dem Weg zu der Hexe war. Wer wußte schon, was diese sonst als Bezahlung verlangen würde? Nun, zumindest würde er das bald herausfinden, denn eine halbe Meile voraus schälte sich die einzige, größere Erhebung einer Insel gleich in diesem morastigen Umfeld aus dem Dämmerlicht des ausklingenden Tages. Ein paar Raben kreisten plötzlich wie Aasgeier über ihren Köpfen. Ihr schauriges Gekrächze hallte weit über das Moor und rief offensichtlich die Hexe auf den Plan, denn als die Hufe ihrer Pferde den Inselboden berührten, wartete sie schon in der offenen Tür.

Wiesel war alles andere als erfreut hierüber. Bisher war ihm der Anblick der Hexe erspart geblieben, so daß diese nur eine Schreckgestalt war, die seiner Phantasie und der lebhaften Schilderungen einiger Zechkumpanen entstammte. Mit Schrecken mußte er jedoch feststellen, daß die Wirklichkeit die Phantasie bei weitem übertraf. Hedwig war nicht nur häßlich, sie war ein Alptraum. Wirres schwarzes Haar quoll unter einem spitzen, einen guten halben Schritt hohem, ehemals schwarzen Hut mit breiter, umlaufender Krempe hervor und verdeckte nur unzureichend ihre verunstalteten Gesichtszüge. Ein krumme Nase, die wie ein stolzer Bugspriet hervorsprang, kämpfte mit ein paar sehenswerten Warzen um die Vorherrschaft in der Ruine ihres Gesichtes. Wiesel wurde es flau im Magen, als er realisierte, daß die kohlschwarzen Augen der Hexe ihn fixierten, wie jemand, der auf dem Wochenmarkt etwas Schmackhaftes für seinen Suppentopf entdeckt hat. Mit spinnenhaften Fingern kratzte sie sich ihr spitzes Kinn und leckte sich die rissigen Lippen. Bekleidet war sie mit einem schwarzen Kittel, der dermaßen verwahrlost wirkte, daß jedes Waisenhaus diesen als Spende entsetzt abgelehnt hätte. Auf ihrer rechten Schulter saß starr ein Rabe, den Wiesel zunächst für ausgestopft hielt, bis die Hexe ihn mit einer unwirschen Handbewegung verscheuchte. Krächzend flog er zu dem First des Strohdaches hinauf, das dermaßen vermoost und mit Unkraut bedeckt war, daß es ein kleines Biotop für sich bildete. Die Wände der Hütte waren bis zur Brusthöhe aus Steinquadern erbaut worden und gingen dann in halb verfaulte Baumstämme über, in denen zwei Löcher als Fenster klafften. Ein hoher, gemauerter Kaminschlot durchbrach das Dach. Eine giftgrüne Wolke quoll aus ihm hervor, was darauf schließen ließ, das Hedwig was Leckeres auf dem Feuer hatte.

„Schön, daß ihr die alte Hedwig besuchen kommt. Möge der gute alte Gott Ichhatteeuchjagewarnt wohl gesonnen sein“, begrüßte sie die beiden mit finsterer Stimme und sorgte so dafür, daß beide blaß wurden. Hedwig stellte das mit Genugtuung fest. Sie liebte diese Eröffnung, da sie den Besuchern genug Spielraum ließ, sich vorzustellen, was passieren könnte, sollte der Gott einen schlechten Tag haben. Es war schon bewundernswert, mit welcher Geschwindigkeit so mancher Besucher in der Vergangenheit Wörter wie Betrug oder Feilschen nach eingehender Beschäftigung mit den möglichen Optionen aus seinem Wortschatz gestrichen hatte. Natürlich hatte gelegentlich auch der eine oder andere trotzdem versucht, Hedwig über den Tisch zu ziehen, und genoß nun als fröhliche Amphibie ein gesundes Leben in grüner Umgebung, worüber sich insbesondere die einheimische Storchenpopulation freute.

Es war daher nicht verwunderlich, daß es Wiesel seine ganze Willenskraft kostete, es dem Unheimlichen gleich zu tun und sich vom Pferd zu schwingen. Der herrschte die Hexe in gewohnt charmanter Art an.

„Schön wär’s wenn du den Trank fertig hättest, um den ich dich bat.“

„Laß erst mal das Gold sehen.“

„Nicht hier draußen. Der Gestank ist ja nicht zum aushalten.“

Hedwig jedoch machte keine Anstalten, dem Wunsch zu entsprechen und ihren Gast in die Hütte zu führen. Statt dessen schlurfte sie an dem Unheimlichen vorbei und näherte sich zielstrebig dem schlotternden Wiesel, der das baldige Ende seiner fünfundzwanzig Sommer gekommen sah. Zu seiner Überraschung sah die Hexe aus der Nähe betrachtet zwar nicht unbedingt besser aus, wirkte dafür aber deutlich jünger, als Wiesel gedacht hatte. Aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung mit zwielichten Geschäftspartnern, hatte er einen natürlichen Instinkt für Betrüger entwickelt. Und der läutete gerade Sturm. Die angeblich so alte Hedwig bewegte sich zwar vorgeblich gebrechlich, aber sie hatte sich nicht gut genug in der Gewalt, um einen zum Teil erstaunlich federnden Gang und fließende Bewegung zu kaschieren. Irgend etwas war hier gewaltig faul, und das war nicht nur der Geruch aus dem Moor, stellte Wiesel fest. Außerdem stimmte irgend etwas mit ihrer Haut und Nase nicht. Beides sah nicht echt aus. Während Wiesel diese seltsamen Eindrücke zu verarbeiten versuchte, schlich die Hexe um ihn herum, wie der Wolf um das Lamm.

„So knackig“, seufzte sie.

„So gesund“, lobte sie.

„Und sooooo frisch“, endete ihr Urteil, wobei sie dem überraschten Wiesel in den Hintern zwickte und ihm im Vorbeigehen lüstern zuzwinkerte.

„Den nehm‘ ich als Anzahlung“, teilte sie dem ungeduldig wartenden Unheimlichen mit, was Wiesel gelinde gesagt mit nackter Panik erfüllte. Die Hexe wollte ihn zwar nicht als Zutat für ihre Tränke, dafür aber vernaschen, was nach Wiesels Ansicht mindestens eben so schlimm war. Entsetzt blickte er zu dem Unheimlichen hinüber, der ihm nur finster zunickte.

„Ich habe eine neue Aufgabe für dich“, teilte er ihm düster mit.

Dann folgte er der Hexe in die Hütte und ließ einen verzweifelten Wiesel bei den Pferden zurück. Ein wenig, aber wirklich nur ein ganz klein wenig plagte ihn das schlechte Gewissen. Hätte er dem Unheimlichen nicht besser mitteilen sollen, daß mit Hedwig irgend etwas so gar nicht zu stimmen schien?

Dann zuckte er nur die Achseln, denn er hatte das untrügliche Gefühl, daß der Unheimliche das ohnehin bald allein herausfinden würde. Außerdem hatte er gerade genug eigene Probleme. Er war dermaßen mit dem Gedanken an Flucht beschäftigt, daß er nicht bemerkte, wie sich hinter ihm das stinkende Naß des Moors teilte und ein paar höchst bemerkenswerte Bewohner ausspuckte, die offenbar aus einem schlimmen Albtraum ausgebüxt und nun auf der Suche nach Kundschaft waren.

 

– 18 –

Vögel stoben protestierend tschilpend aus den Baumwipfeln auf, als sich ein halbes Dutzend Mitglieder der Flüsterbande durch das Unterholz kämpften. Zwei von ihnen schleppten seit den frühen Morgenstunden murrend ein großes, engmaschiges Netz. Der Rest trug einen stoischen Gesichtsausdruck zur Schau, der ihren Anführer im Bärenfell gelegentlich verzweifeln ließ. Er war schon gestraft, mit so einer Gruppe unterwegs zu sein, vier Vagabunden von erlesener Dummheit und ein Gnom, der regelmäßig rote Pilze mit weißen Tupfen in sich hinein stopfte. Es hätte den Bären nicht verwundert, wenn die Hälfte schon wieder vergessen hatte, warum sie überhaupt unterwegs waren.

„Ich freu‘ mich schon auf den Fisch“, stöhnte in diesem Augenblick einer der Netzträger, ein Muskelprotz, der in der Regel nicht weiter dachte, als seine Keule reichte.

„Ja, ja, ja. Wigo liebt frischen Fisch“, freute sich der Gnom an seiner Seite und hüpfte dabei auf der Stelle, wie ein geisteskrankes Riesenkaninchen. Eigentlich hatte der Bär ihn als Späher vorgesehen. Allerdings war Wigo vom letzten Späherausflug nicht zurückgekehrt. Nicht, weil er die Gesellschaft seiner Kumpane scheute. Er hatte vielmehr schlicht den Weg nicht wiedergefunden. Nur dem Zufall war es zu verdanken gewesen, daß ein Jagdtrupp den Gnom einen Mond später gefunden hatte. Seitdem stopfte er unentwegt Pilze in sich hinein, vorzugsweise die rote, weiß getupfte Variante.

„Wir gehen nicht auf Fischfang, ihr Idioten“, wetterte der Bär und erhielt dafür ein strammes „Woll“.

„Kaninchen sind sowieso schmackhafter“, meldete sich der zweite Netzträger zu Wort, ein untersetzter Glatzkopf mit einem Vollbart, der einem Zwerg Ehre gemacht hätte.

„Zum letzten Mal, wir fangen das Mädchen für diesen Finsterling und bringen es zur alten Hedwig“, tobte der Bär. Manchmal sehnte er sich nach der Zeit zurück, als er noch an der Esse gestanden und Eisen geschmiedet hatte. Dummerweise hatte er eines Tages Streit mit seinem Brötchengeber gehabt und ihm mit dem Brandeisen nachhaltig seine Meinung vermittelt. Seitdem lebte er im Wald (der Bär, nicht der Brötchengeber!). Bei diesen Gedanken fiel sein Blick mißbilligend auf die beiden Netzträger, deren Marschgeschwindigkeit nur unwesentlich über der einer gewöhnlichen Nacktschnecke rangierte. Er bedauerte zutiefst, kein Brandeisen zur Hand zu haben.

„Jetzt legt gefälligst mal einen Zahn zu, wie heißt es doch so schön: Nur der müde Vogel hängt am Turm!“

„Äähmm Chef“, wandte der vordere Netzträger vorsichtig ein. „Muß es nicht heißen nur der prüde Vogel kränkt den Wurm?“

„Unsinn“, ereiferte sich sein Hintermann. „Richtig heißt es: Nur der rüde Vogel bläst zum Sturm.“

„Was hat denn das mit dem Fisch zu tun?“, wollte der Gnom wissen.

„Vielleicht verträgt der Vogel keinen Fisch und hängt deshalb am Turm“, überlegte der vordere Netzträger.

„Und bläst darum vor Verärgerung zum Sturm“, ergänzte sein Hintermann. „Das ergibt Sinn.“

Schnauzeeee!“, brüllte der Bär mit einem leichten Anfall von Hysterie in der Stimme. „Schluß mit diesen dämlichen Sprichwörtern, sonst hänge ich euch persönlich an den Turm!.“

Woll“, erklang es unisono.

Der Bär seufzte und verdrängte die verlockenden Gedanken, die mit seinen beiden Händen und den Hälsen dieser unsagbaren Trottel zu tun hatte, denn zwischenzeitlich hatten sie endlich den Weg nach Versmas erreicht, der an dieser Stelle durch die dichte Bewaldung vom Drachenwald führte. Dankbar, nach stundenlangem Marsch endlich rasten zu können, ließen die Männer zuerst das Netz und dann sich selbst auf den moosigen Waldboden fallen. Der Bär grunzte bei diesem Anblick strammer Unternehmungslust. Dann musterte er die Bäume, die den Weg säumten. Er brauchte zwei Gleichstarke, die sich direkt gegenüberstanden, um das Netz in Stellung zu bringen. Der Bär hatte zwar nicht verstanden, warum ein solcher Aufwand notwendig war, um ein Mädchen zu ergreifen. Allerdings hatte der Unheimliche ihm versichert, daß sie möglicherweise nicht allein unterwegs sei und man bei ihr mit allem rechnen mußte. Außerdem verfügte die Flüsterbande über keine Pferde, so daß ein Reiter mit dem Netz am besten beizukommen war. Der Bär grunzte zufrieden, als er ein paar Schritt den Weg hinunter zwei kräftige, ausladende Buchen entdeckte, die für sein Vorhaben wie gemacht zu sein schienen. Jetzt hieß es nur noch, die Falle vorzubereiten und auf den großen Fang zu warten.

 

Wird fortgesetzt

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus-Peter Behrens).
Der Beitrag wurde von Klaus-Peter Behrens auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.10.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Die blauen Märchen. Märchen für kleine und grosse Kinder von Elke Anita Dewitt



"Wie willst du mir denn helfen, liebe Birke?", seufzte Elise traurig.
"Ich kenne viele Geschichten, die der Wind mir zugetragen hat. Als Kind hast du mich mit Wasser und deiner Fürsorge genährt. Heute nähre ich dich mit meiner Kraft und meinen Geschichten."
"Erzähle mir deine Geschichten, lieber Baum," sagte Elise.
Da begann die Birke zu erzählen. "Dies sind die Geschichten der Blauen Märchen."
So lyrisch beginnt eines der "Blauen Märchen", die Elke Anita Dewitt in ihren neuen Buch erzählt und die voller Zauber nicht nur Kinder begeistern, sondern auch das Kind gebliebene Herz, das in jedem Erwachsenen schlägt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus-Peter Behrens

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Artefaktmagie Teil 3 (vorläufiger Titel) von Klaus-Peter Behrens (Fantasy)
Der Kuss, der auf seinen Lippen loderte von Margit Farwig (Fantasy)
Absurder Dialog von Klaus-D. Heid (Absurd)