Katja Baumgärtner

Der blonde Junge

Ein blonder Junge. Er war Künstler. Die Farben seiner Kleider waren auffällig grell. Der Junge war schön. Er hieß Chrissi. Seine Lippen waren zusammengekniffen. Vielleicht hatte ihn früher einmal ein Mädchen wehgetan. Er weinte damals, biss aber dann seine Lippen zusammen. Er musste stark sein.

Gewiss ist Chrissi sehr empfindsam, den einmal biss er seine Lippen zusammen, als man ihn verletzte. Eigentlich verletzte man nicht ihn, sondern man ärgerte Ulrike, ein Mädchen, eine Klasse über ihm. Zumindest meinte er es, er wäre gemeint. Er mochte sie gern, doch er zeigte nicht seine wirklichen Gefühle und bemühte sich nicht großartig um Ulrike.

Chrissi saß einmal zufällig bei dem Mädchen. Er schaute sie an und leckte leicht seine Zunge. Das wusste Ulrike noch so genau, weil seine Nähe für sie ungewohnt war und weil ein Junge sich gegenüber ihr so verhielt. Er holte danach seinen Ordner aus dem Ranzen und schrieb Französischhausaufgaben. Chrissi schien erst mit Französisch, angefangen zu haben -wenigstens war er kein Fortgeschrittener. Er stand dann auf, gab seinem Freund zu verstehen, dass er jetzt gehe und verschwand.

Den Namen des Jungen erfuhr Ulrike aber erst viel später. Das passierte nur, weil sie öfters in der Cafetaria von ihren Erlebnissen erzählte. Während Ulrike einmal etwas erzählte, stellte ihr ein anderer Kerl nämlich Chrissi vor. Sie setzte sich distanziert zu ihm, stand auf und verschwand für eine kurzen Moment, verkleinerte dann den Abstand zu Chrissi und saß später noch wenig weit von ihm entfernt. Er schaute auf den Boden und lächelte in sich hinein.

Einige Zeit zuvor hatte sie von einem Christian Voigt gehört. Chrissi sei sicherlich die Kurzform von diesem Christian Voigt, dachte Ulrike. Er war vermutlich der Junge, der öfter auf Tafeln und Tischen schrieb. Sie bezog dieses Gekritzel auf Tafeln und Tischen auf sich, reagierte sie eine verletzte Zicke darauf und besserte die Kommatarfehler aus.

Als Chrissi eine Weile so saß, wendete er sich dauernd Ulrike ab, nahm seine rechte Hand und rieb sich dabei am Hosenbein. Ulrike beobachtete ihn genau. Er lächelte daraufhin in sich hinein, sah ihr nicht ins Gesicht sondern auf die Hand. Vermutlich war er verlegen, dachte Ulrike. Dies alles wusste Ulrike so genau, denn sie mochte ihn gut leiden, so wie er sie gut leiden konnte.

Ein Schulkamerad, der mit ihr herumscherzte, beobachtete Ulrike ernsthaft, lachte jedoch, als sie sich wieder zu ihm wendete, weiter. Sie erzählte von ihren Vögeln, die schon längst gestorben waren.

Bei ihrer Mutter schwärmte Ulrike von Chrissi. Er konnte toll malen. Auch erzählte sie der Mutter wie ihr der Junge den Hof machte. Vielleicht hatte Ulrike ihn mal unabsichtlich gekränkt, denn er hatte damals erwartet, dass sie sich zu ihm setzen würde. Sie tat es jedoch nicht, weil sie zu schüchtern war und sich schämte, wenn sie jemand gern mochte, und er sie als Freundin wollte. Dies war nachdem er seine Zunge leicht leckte und links neben ihr saß.

Zwei Jahre später starb Ulrike. Sie war immer sehr müde und konnte nicht mehr stehen. Ulrike starb in ihrem Kinderzimmer. Keiner wusste es - nur der engste Familienkreis. Freunde hatte sie keine mehr. Sie musste sehr gelitten haben und freute sich auf einen langen Schlaf. Sie dachte an nichts, nicht einmal an Chrissi, der Ulrike damals den Hof gemacht hatte.

Ihr Wunsch war ein leises Gehen. Ihre Familie beerdigte sie im Stillen.

Ihre Schulkameraden sahen Ulrike nie wieder. Chrissi erfuhr erst später von Ulrikes Namen und von ihrem Tod. Er war schon längst verheiratet.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.10.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Alle Haiku-Gedichte in "Den Wind jagen" von Heike Gewi sind im Zeitraum von Januar 2008 bis 2012 entstanden und, bis auf einige Ausnahmen, als Beiträge zur World Kigo Database zu verstehen. Betreiberin dieser ungewöhnlichen Datenbank ist Frau Gabi Greve. Mit ihrer Anleitung konnte das Jemen-Saijiki (Yemen-Saijiki) systematisch nach Jahreszeitworten für Bildungszwecke erstellt werden. Dieses Jahr, 2013, hat die Autorin die Beiträge ins Deutsche übersetzt, zusammengefasst und in Buchform gebracht. Bei den Übersetzungsarbeiten hat die Autorin Einheimische befragt und dabei kuriose Antworten wie "Blaue Blume – Gelber Vogel." erhalten. "Den Wind jagen" heißt auch, Dinge zu entdecken, die sich hoffentlich nie ändern. Ein fast unmögliches Unterfangen und doch gelingt es diesen Haikus Momente und zeitlose Gedanken in wenigen Worten einzufangen und nun in dieser Übersetzung auch für deutschsprachige Leser zugänglich zu machen.

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