Ann-Kathrin Heine

Die Kunst zu lieben

Für die Menschen, die ich liebe, würde ich sofort alles stehen und liegen lassen, ohne auch nur einen Moment dabei zu zögern. Die Wahrheit aber ist, dass man fast nie das zurückbekommt, was man selbst bereit ist zu geben. Für manch einen könntest du dir beide Hände verbrennen, und doch könnte er sich nie dazu überwinden, seinen kleinen Finger für dich zu krümmen. Für manche einen könntest du Ozeane überqueren, während derselbe für dich nicht einmal über eine Pfütze springen würde. Du erkennst vielleicht, worauf ich hinaus will. Es geht darum, dass du in einer Welt, in der die meisten nur noch auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, keine bedingungslose Loyalität und noch weniger aufopferungsvolle  Nächstenliebe erwarten kannst. Zumindest nicht in dem Maße, in dem du es bereit bist zu geben. Darauf zu hoffen, dass du in so einer Welt genau das selbe zurückbekommst, was du gibst, ist wie als würdest du dich mit geschlossenen Augen vor eine Backsteinmauer stellen, aber erwarten, beim Öffnen deiner Augen deinem eigenen Spiegelbild gegenüberzustehen. Also erwarte nicht, dich selbst in anderen Menschen wiederfinden zu können.

Und dennoch: Sei nicht traurig, noch betrübt, noch zornig, sollte dir so ein Ungleichgewicht widerfahren. Ist es doch eigentlich ganz verständlich und nachvollziehbar, dass sich jemand davor schützen will, zu viel zu geben. Denn wenn man mal genauer darüber nachdenkt, muss man wohl oder übel feststellen, dass niemand mit einer derart großen Egozentrik geboren wurde, dass er niemals dazu in der Lage ist oder war, gleiches mit gleichem aufzuwiegen. Nein, ganz im Gegenteil. Ich denke, wenn es eine Sache gibt, die alle Menschen unter den Sternen miteinander vereint, egal ob groß oder klein, dick oder dünn, schwarz oder weiß und alles andere dazwischen, dann ist es die Fähigkeit zu Lieben. Wenn man also davon ausgeht, dass ein Jeder von uns einst mit einem Herzen, welches sich nach Liebe sehnt und danach, diese Liebe zu erwidern, auf die Welt gekommen ist, dann muss einem Jeden, dem diese Fähigkeit, dieser tiefsitzende Wunsch danach, Liebe zu erfahren, abhanden gekommen ist, im Laufe seines Lebens so viel unaussprechliches widerfahren sein, dass sein Herz sich im Sinne der Selbsterhaltung davor verschlossen hat. Ein solcher Mensch fürchtet also nicht das Geben selbst, sondern sich in jenem Prozess selbst zu verlieren. Du würdest schließlich auch keine Rose an einem Ort pflanzen, wo sie zuvor erdürrt ist.

Erfreue dich also der Fähigkeit, andere an deinem Rosengarten teilhaben zu lassen. Denn nicht diejenigen, die am meisten von allen geliebt werden, sterben am glücklichsten. Nein, es sind viel mehr diejenigen, die ein Maß an Liebe so unendlich groß wie der Ozean in ihrem Herzen tragen und es schaffen, dieses ein Leben lang ohne zu erkalten bewahren können, die ihren letzten Atemzug auf dieser Erde mit einem Lächeln auf den Lippen nehmen. 

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