Daniel Winterstein

Der Auftragskiller

Um diese nächtliche Zeit wirkte die Straße einsam und kalt wie ein einzelner Stern am Himmel.
Drago beobachte sie aufmerksam aus dem dunklen Hausflur, in dem er mit hochgeschlagenen Kragen ausharrte. Seine Zielperson war männlich, einen Kopf kleiner und von schmächtiger Statur. Er würde keine nennenswerte Herausforderung für ihn darstellen.
Dabei liebte er Herausforderungen. Besonders den Nahkampf, das kurze Kräftemessen zwischen ihm und seinem potenziellen Opfer. Und er liebte den letzten, flehentlichen Blick um Gnade, nachdem er sie bezwungen hatte. Denn Gnade war nur etwas für Feiglinge und Schwächlinge.
Seine heutige Beute hieß Kasimir Saladin. Er war der ‚Buchhalter’ von Vladimir Gregorius, Dragos Boss. Gregorius war ein skrupelloser Anführer der russischen Mafia der nicht lange herumfackelte, wenn er jemand auf dem Kiecker hatte.

Diesmal hegte er Verdacht gegen Saladin, in dessen ‚Buchhaltung‘ Unstimmigkeiten aufgetaucht waren. Doch statt Saladin zur Rede zu stellen, handelte Gregorius. Oder er ließ jemand handeln. Und an dieser Stelle kam Drago ins Spiel. Ein Hüne von Mann und nicht minder eiskalt als sein Auftraggeber, dessen Befehle er so kritiklos befolgte, wie ein Hund den Kommandos seines Herrchen.

Am Ende der Straße verließ eine schmächtige Gestalt das Lokal. Es war Saladin. Drago beobachtete gespannt, wie der Buchhalter gemächlich eine Zigarette anzündete und sich auf den Weg machte. Bedächtig zog er sein geschärftes Mordwerkzeug aus der Halterung unter dem Mantel hervor und fuhr mit dem Zeigefinger prüfend über die scharfe Klinge des langen Armee-Messers. Währenddessen sein ahnungsloses Opfer langsam näher kam.
Die Zigarette in der herabhängenden Hand des Buchhalters leuchtete wie ein schwirrendes Glühwürmchen, das nicht von seiner Seite wich. Als der kleine Mann den offenen Hausgang passierte bewegte der Mörder seinen muskelbepackten Körper geräuschlos wie eine Katze. Mit einer geschmeidigen Bewegung trat er von hinten an seine Beute, packte zu und riss sie grob in die Düsterheit des Hauseinganges.

Drago hoffte auf ein klein wenig Gegenwehr, die dem Ganzen mehr Würze verleihen würde. Aber sein Gegenüber hing schlaff wie ein nasser Sack zwischen seinen Pranken. Hart drückte er den Buchhalter gegen die Hauswand und hielt ihm jetzt die riesige Klinge an den Hals. Saladins Zigarette glitt ihm aus den Fingern und rollte funkensprühend über den Boden davon. Drago verzog den Mund zu einem süffisanten Grinsen. Er würde zumindest das kleine Vorspiel auskosten.

„Guten Abend, Kasimir! Du weißt, wer ich bin?“
Saladin starrte ihn entgeistert an, dann nickte er stumm.
„Gut, mein Freund! Gregorius schickt mich, wie du dir sicher denken kannst. Er ist sehr verärgert darüber, dass du ein Teil seines Geld unterschlagen hast.“
Drago suchte nach Anzeichen von Angst in dem Gesicht seines Gegenübers. Doch der Kerl wirkte lediglich unangenehm überrascht.

„Was soll der Blödsinn?“, stieß der Buchhalter heißer hervor.
„Ich habe niemanden bestohlen. Da … da muss ein Irrtum vorliegen.“

„Aber sicher, mein Freund! Du hast niemand bestohlen - und ich bin der wiederauferstandene Lenin“, entgegnete der Hüne spöttisch, nahm das Messer vom Hals des Buchhalters und ließ die Klinge wie eine Liebkosung langsam nach unten zum Bauch gleiten.

„Du bist ein verdammter Betrüger, mein Freund!“, flüsterte Drago leise„Keine gute Voraussetzung für ein langes Leben.“

„Was meinst du damit? Willst du mich umbringen? Ich habe nichts getan!“, sagte Saladin im trotzigen Ton.

Das Grinsen des Killers wurde breiter. Der Kerl hatte mehr Eier in der Hose, als er vermutet hatte.
„Du hast es erfasst, mein Freund!“, raunzte er leise. "Deine Zeit ist abgelaufen." 

Er setzte die Spitze des Messers an und stach zu. Saladin zuckte stöhnend zusammen und sank langsam in die Knie. Genüsslich zog Drago die Klinge aus dem sterbenden Körper und wischte lässig das daran haftende Blut an der Jacke des Buchhalters ab. Auftrag erledigt. Zielperson eliminiert. Ha, ha, Zielperson eliminiert! Das klang wie aus einem dieser amerikanischen Agentenfilme. Gregorius würde wie immer zufrieden sein.
Drago lugte links und rechts aus dem Hauseingang. Die Straße war menschenleer. Soeben schickte er sich, an sein Messer in die Halterung zurückgleiten zu lassen, als ...

„Drago …, du bist ein dummer Mensch!“

Der Killer wirbelte herum und starrte ungläubig in das blasse Gesicht des Buchhalters - der wieder aufrecht vor ihm stand. Wieso zur Hölle lebte der Kerl noch? 
„Ich habe nie Geld unterschlagen“, sagte Saladin in einem fast sanften Tonfall, der kaum vermuten ließ, dass er gerade eine dreißig Zentimeter lange Stahlklinge in den Unterleib gerammt bekommen hatte. 

„Weder von deinem Boss noch von jemand anderen.“
Drago schüttelte ungläubig seinen massigen Schädel.

"Du bist ja von der ganz harten Sorte, mein Freund, hast wohl ein paar Wodkas zu viel geschluckt, was?“ Drohend hob er das Messer. 

„Ich glaube, da habe ich das richtige Rezept für …“
Doch bevor Drago den Satz beenden konnte, schoss blitzschnell die Hand des schmächtigen Mannes vor und legte sich wie ein Schraubstock um seine Kehle. Der Killer grunzte verdutzt auf. Nie hätte er diesem kleinen Mistkäfer so viel Kraft zugetraut. Nach ein paar Schrecksekunden reagierte der Hüne schließlich und stieß erneut mit dem Messer zu. Doch diesmal zuckte Saladin kaum. Vielmehr erhöhte er als Gegenantwort den Druck auf Dragos Kehle und raubte dem Killer die Luft.
Dieser Bastard muss auf Drogen sein!, schoss es ihm durch den Kopf. Nur so konnte er sich erklären, wieso dieser Hurensohn immer noch stand und ihn mit einer unmenschlichen Kraft würgte.

Drago schnappte japsend nach Luft. Dunkle Schleier zogen plötzlich vor seinen Augen auf – und mit einmal verspürte er ein fast vergessenes Gefühl: Todesangst. Schlagartig wurde ihm klar, dass diese halbe Portion drauf und dran war ihn mit nur einer Hand zu erledigen. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein. Mit aller Kraft versuchte er die dünne Hand des Buchhalters von seinem Hals zu reißen, aber dessen Finger rührten sich nicht einen Millimeter von der Stelle. Verzweifelt kämpfte er gegen die aufsteigende Schwärze in seinem Kopf an. Seine einzige Chance lag in seinem Messer. Mit schwindender Kraft stemmte er es in die Höhe. Diesmal würde er die Klinge direkt durch das Auge in das beschissene Hirn dieses Irren rammen.
Doch Saladin entwendete es ihm mit einer Leichtigkeit, als wäre es der Lolly aus der Hand eines kleinen Mädchens. Im nächsten Augenblick wirbelte er den größeren und viel schwereren Mann ohne sichtliche Anstrengung herum und drückte nun ihn hart gegen die Wand. Drago röchelte wie ein altersschwacher Hund.

„Zur Hölle … wer … bist du?“
Jetzt war es Saladin, der lächelte.
„Deine Frage sollte eher lauten: Was bist du? Doch das würde ein plumper Mensch wie du wohl kaum verstehen.“ Mit einem leichten Bedauern in der Stimme fügte er hinzu: „Zu schade, dass dein Boss ein so misstrauischer und dummer Mensch ist. Mir hat der Job gefallen, war eine gute Tarnung für meine ... sagen wir Sorte. Und Geld hat keine nennenswerte Bedeutung für mich. Meine Vorliebe besteht aus einem anderen Stoff. Und den gibt es für mich meistens umsonst, verstehst du?"

Drago glotzte ihn verständnislos aus glasigen Augen an.
„Natürlich verstehst du nicht", sagte Saladin lächelnd und zuckte mit den Schultern.
"Leider kann ich nach diesem Vorfall nicht mehr für Gregorius arbeiten. Nicht, wenn er mich für einen Dieb hält. Darum werde ich Gregorius noch einen kleinen Besuch abstatten bevor ich endgülzig die Stadt verlasse.“

Saladins Mund näherte sich dem Hals des Killers. Gleich darauf spürte Drago benommen einen heißen Schmerz an seiner Kehle. Wie aus einem undichten Luftballon entwich die Lebenskraft aus Dragos sonst so starken Gliedern - und machte einem wohligen Gefühl existenzieller Bedeutungslosigkeit Platz ...

Als der schmächtige Mann aus dem dunklen Hauseingang trat, lag die Straße so verlassen wie zuvor im matten Licht der Laternen. Mit einem Taschentuch wischte sich Saladin den Mund sauber, holte eine neue Zigarette aus seinem Päckchen und zündete sie an. Genüsslich sog er an dem Glimmstängel und entließ eine weiße Rauchwolke in den kalten Nachthimmel. 


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.10.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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