Hans K. Reiter

Das bayerische System

Wenn einer eine Wampe hat (bayerisch ausgesprochen „Wamp’n“, wobei das nachgesetzte „n“ quasi mit einem Luftstoß durch die Nase gepresst wird, also wenn einer so etwas hat, dann hat er meistens zu viel der leiblichen Genüsse gefrönt, mit Schwerpunkt Fressen und Saufen. Was viele vielleicht nicht wissen, auch das bayerische Bier birgt zu einem gewissen Anteil Kalorien, weshalb es hierzulande in erster Linie auch als Nahrungsmittel eingestuft ist.

 

Personen:

Mechthilde Oberländer,

Thomas Jägermeister,

...und andere Bewohner des Ortes

 

 

„I woaß gar net, warum sich die Leut‘ wegen einem Stückl Stoff so aufregen können“, brummte einer am Tisch.

„Sind ja net alle, sondern nur a paar“, meinte ein anderer.

Wie üblich waren am Stammtisch nur Männer versammelt. Auf Nachfrage, warum das so sei, bemerkte einer: „Weil d‘ Weibsleit dahoam san, des war immer scho so und des wird a so bleim, weil sich des so g’hört.“

 

Obwohl, genau betrachtet stimmte es so auch wieder nicht, denn mit am Tisch saß Mechthilde Oberländer vom Bayerischen Rundfunk. Und sie stellte die Fragen.

„Warum genau san Sie jetzt eigentlich hier?“, dröhnte ein Bass von gegenüber.

„Es ist wegen der Reportage über bayerisches Brauchtum und wir meinen, der Stammtisch gehört dazu wie die Messe am Sonntag“, antwortete Mechthilde.

„Die Mess und die Kirch’n, da hat sich aber scho einiges getan, vor allem seit sie oft gar koan Pfarrer mehr ham für die Gotteshäuser“, meinte einer aus der Runde.

...oder uns dann oan herschicka von oben oder vom Ausland, kaum, dass a a Wort Deitsch ko“, ergänzte der kleine Glatzkopf genau neben Mechthilde. „Aber lieawa sans uns oiwei no, ois de Preissn, weil die verstenga uns ja scho rein mental net.“

 

„Deitsch konnst du doch selber ned. Frag doch mal die Frau Mechthilde, ob’s dein Kauderweltsch überhaupt verstanden hat?“, hob einer an, der bisher ganz ruhig zugehört hatte.

„Natürlich, er, der Jägermeister“, konterte der Angesprochene und fügte hinzu: „Host leicht schon zvuie von dem Zeigl g‘suffa, des dein Nama trogt?“

 

Alle lachten, auch der Thomas Jägermeister stimmte mit ein. Am Stammtisch, soviel war klar, wurde ausgeteilt, aber auch eingesteckt und wer solches nicht vertrug, hatte in dieser Runde nichts verloren.

 

„Wegen des Stückerl Stoffes...“, hakte Mechthilde nach und sah dabei dem Thomas direkt ins Gesicht.

„Ja, schau‘n Sie, bei uns ist das kein Problem. Wenn Sie in so manches Haus oder in so manche Stube gehen wollen, wär’s eh g’scheiter, Sie hängen sich so einen Lappen vor’s Gesicht, damit Sie des G’stank der kaum von Frischluft heimgesuchten Begegnungsstätte nicht umhaut.“

Und wieder wieherten alle reihum.

„...oder gehn‘s vielleicht a mal in Thomas sei Schlafzimmer, da werden‘s Augen machen!“, heizte einer das Gewiehere noch weiter an.

„...aber net, wenn sei Oide dahoam is, weil des tät er ned überleben, und Sie wahrscheinlich a ned!“

 

„Nein, aber jetzt mal im Ernst“, versuchte es Mechthilde erneut. „Wie haltet ihr es mit der Regel?“

„Wie schon gesagt“, ergriff Thomas wieder das Wort, „wir haben damit kein Problem. Wie überhaupt der normale Bayer, jedenfalls in unserer Gegend, das von der Obrigkeit Verordnete ziemlich widerspruchslos hinnimmt, es sei denn, es wäre gegen seinen Besitz oder seine Weltanschauung gerichtet. Und, weil das aber jeder in den Regierungsebenen weiß, würden derartige Anordnungen erst gar nicht erteilt werden. Ham’s me?“

 

„Und wenn doch...?“, gab sich Mechthilde mit der Antwort noch nicht zufrieden.

Die Köpfe der Stammtischbrüder waren jetzt ausnahmslos dem Thomas zugewandt, so als wollten sie deutlich machen, dass er gleich aussprechen würde, was sie alle dachten. Thomas war schließlich nicht nur der Bürgermeister, Thomas war eben der Thomas, und was er sagte, hatte immer schon Gewicht gehabt.

„Dann passen wir unsere Ansichten an oder, was auch, aber eher selten vorkommt, wir finden einen Weg zur Regierungspartei und lassen dort unsere Meinung kundtun.“

 

„Sie lassen ihre Meinung kundtun...?“, unterbrach Mechthilde ungläubig.

„Ja, freilich, was glauben Sie denn? Wir latschen doch nicht selber hin, weil das keinen Sinn macht, wir schicken zum Beispiel unseren Abgeordneten im Landtag oder den Pfarrer, wenn es ein Hiesiger ist, vielleicht auch jemand anderen, je nachdem, um was es geht. Wir haben sozusagen ein Netzwerk von Fürsprechern, und das wird in aller Regel weiterhelfen. Was meinen Sie, um ein einfaches aber plausibles Beispiel zu nennen, wie schnell so ein Berufspolitiker in die Gänge kommt, wenn er aus irgend einem Anlass gerne ein Spalier Gebirgsschützen hätte, sei es, weil die Tochter heiratet oder ein politischer Empfang stattfindet oder aus andern Gründen, jedoch keiner der Schützen ginge hin. Das wäre doch mehr als blamabel für den Herrn oder die Dame, meinen Sie nicht?“

 

„Das heißt also, Sie und Ihre Landsleute befolgen kritiklos, was angeordnet wird?“, fragte Mechthilde nach.

„Sehen Sie,“ fuhr Thomas nach einem ausgiebigen Schluck aus dem Krug fort, „Sie haben es noch nicht so richtig verstanden. Das Prinzip ist, es wird keine Anordnungen geben, denen wir mehrheitlich nicht zustimmen würden. Die Abstimmung läuft vorher. Nur so machen Anordnungen doch überhaupt erst einen Sinn. Urdemokratisch ist das. Deshalb ist es auch so wichtig, dass es bei uns in Bayern zu keinem Regierungswechsel kommt. Das historisch gewachsene System könnte sonst dem Untergang geweiht sein. Und was dann ist...?“, Thomas‘ Stimme war unheilvoll bis zu einem kaum noch wahrnehmbaren Flüstern gesunken.

 

„...Aber dann bräuchte es ja eigentlich keine Anordnungen“, wandte Mechthilde zaghaft ein.

„Genau! Ich glaube, jetzt verstehen Sie, wie bayerische Politik funktioniert. Für uns, die wir dazugehören, da haben Sie völlig recht, bräuchte es Anordnungen nicht, aber für all die anderen schon. Da wir aber die Mehrheit sind oder stellen, gibt es eben auch stets eine Mehrheit für etwaige Anordnungen, wie im Übrigen jegliche Meinungsumfragen auch bestätigen.“

 

„Und wenn Sie mal nicht die Mehrheit haben, was ist dann?“, wagte Mechthilde noch einen letzten Versuch.

„Das habe ich eigentlich schon erklärt“, sagte Thomas leise. „Wir haben bisher immer eine Mehrheit gehabt. Auch, wenn wir mal koalieren müssen, wie jetzt mit den Freien Wählern. Das bayerische Prinzip wird dadurch nicht angetastet. Und beim nächsten Mal werden auch jene wieder die richtige Partei wählen, die es diesmal nicht getan haben, weil sie genügend Zeit hatten, über die Vorzüge einer Gemeinsamkeit nachzudenken.“

 

„Mit Ausnahme in der Stadt, zum Beispiel!“, flocht Mechthilde ein.

„In der Stadt gibt’s noch die Roten, jetzt zusammen mit den Grünen. Aber dies wird keinen Bestand haben, denken Sie an mich. Unser Ministerpräsident ist doch schon dabei den Grünen die Wurst vom Brot zu klauen. Und schon sehr bald werden sie kapieren, dass sie ohne unsere Partei nichts bewegen können, nicht im Land und nicht im Bund. Und dann kommt die Zeit, wo die Grünen die Roten auch in der Stadt nicht mehr brauchen.“

 

Mechthilde Oberländer packte ihr Aufnahmegerät in die Tasche. Das war eine Lehrstunde bayerisch, politischer Folklore, dachte sie. Aber vielleicht funktioniert es ja tatsächlich so, wie die paar Leute vom Stammtisch glauben.

 

Die Sendung wurde bis heute mangels guten Willens oder besserer Einsicht nicht ausgestrahlt.

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