Patrick Rabe

Die Flamme

Die Flamme

 

Kurzgeschichte von Patrick Rabe

 

Mittlerweile hatte man die Zarenfamilie im Keller einquartiert. Dort war es dunkel und eng. Hauptmann Pjotr vermutete einen Sturm der Konterrevolutionäre auf das Schloss, um die Romanovs zu befreien. Erzählt hatte er das Zar Nikolaus nicht. Er sprach von umherziehenden Mörderbanden. Jedoch intern spukte Pjotr und seinem engsten Vertrauten bei der bolschewikischen Bewachungsgarde, Andrei, noch etwas anderes durch die Köpfe. Ein Gespenst, das nicht nur in Russland, sondern in ganz Europa umging. Und dieses Gespenst war nicht der Kommunismus. Immer wieder sahen sie sich aus hektisch aufflackernden Augen an, die in der Glut ihrer im Akkord gerauchten Zigaretten zunehmend einen fiebrigen Glanz bekamen. „Er wird zu Nikolaus wollen, wenn er kommt, nicht?“, fragte Andrei. „Ja.“, sagte Pjotr. Aber am meisten fürchte ich mich vor seinen drei Fragen.“ Andrei zündete sich noch eine Zigarette an. „Pjotr, du musst aber immer auch einkalkulieren, dass wir verrückt geworden sind. Die Lage im Staat ist so unübersichtlich und verwirrend, da kann uns schlichtweg die Hirnplatte bei irgendeinem Glas Wodka zuviel rausgesprungen sein.“ Pjotr sah Andrei aus unergründlich tiefen Augen an. Und vor diesem Blick fürchtete  er sich. Wenn Pjotr diesen Blick bekam, wusste Andrei, dass er sich seiner Sache wieder sicher war, und jeder Zweifel an seiner merkwürdigen Theorie aus ihm verschwunden war. Und dann sah er irgendwo auf dem Grund der Pupillen dieser Augen ein Feuer tanzen; gelb, schweflig, irr; wie der Blick von jenem Wunderheiler, und diese Flamme tanzte zuckend in der Iris von Pjotrs Augen wie ein Kosake, der eine Mazurka aufs Parkett legt.

 

Das Fest tobte. Irgendwo oben auf der Brüstung stand Zar Nikolaus und riss eine Flasche besten Tokayer in die Luft, drehte sie köpflings um, hielt sie sich an die Lippen und ließ ihren Inhalt in einem Zug brennend in seine Kehle laufen. Das angenehm süße Getränk rauschte seine Speiseröhre hinab wie ein Waldbrand. Zar Nikolaus lachte. Feuer. Das war die russische Seele. Und der ganze Festsaal im Schloss von St. Petersburg war in das rötliche Licht der Kandelaber getaucht. Rasputin hatte ihn überzeugt. Es war die Zeit Seiner Wiederkunft. Und die Romanovs waren Günstlinge des Heilands. Natürlich. Es konnte nicht anders sein. Er war Nikodemus. Der einzige Pharisäer, der zu Jesus gehalten hatte. Und wer dieser Schlawiner Rasputin war, wusste er natürlich auch. Obwohl dieser erwartungsgemäß nicht damit herausrückte. Aber… warum nicht vorfeiern? Sie, die russische Zarenfamilie, hatten Jesus Christus an ihrem Hof als Heiler, Prediger und Berater. Nicht Kaiser Wilhelm. Nicht Königin Victoria. Sondern er. Zar Nikolaus, der zweite. Nikolay Alexandrowitsch Romanow. Rasputin war der weiße Reiter. Das zweischneidige Schwert, das aus seinem Mund hervorging, war seine Zunge, es stand für seine Art, Dinge manchmal rätselhaft auszudrücken. Und natürlich hatte dieses Schwert ihn auch oft durchbohrt. Aber er, Nikolaus, hatte alle Tests bestanden. Auch die drei letzten Fragen, die Rasputin ihm im Bernsteinzimmer gestellt hatte. Und seitdem wusste, er, dass er Gnade bei Gott gefunden hatte. Sein Sohn Alexei war vom Blutsturz geheilt worden und erfreute sich bester Gesundheit. Wie Wasser waren Nikolaus die quälenden Konflikte seiner Jahre von ihm abgeflossen und hatten jenen Stachel, der mit einem Widerhaken in seinem Fleisch saß, herausgespült. Und da hatte er auf dem Parkettboden des Bernsteinzimmers Europa gesehen, das von den dunklen Fluten der Schuld überrollt wurde, wie die Armee des Pharao auf ihren Streitwagen am Schilfmeer. Ja, es war seine Schuld, die wie eine dunkle Suppe über Europa hinfloss, und er sah aus ihr Walfische, Seeschlangen und Leviathane hervorkommen, die alle europäischen Fürsten fraßen. Bis auf ihn. Er sah fragend in Rasputins Augen. „Heißt das, meine Schuld ist mir vergeben?“ „Weide meine Lämmer.“, sagte Rasputin und sah ihn mit diesem flackernden Blick an. Und dann lachte er es. Dieses scheußliche, irre, sich überschlagende, meckernde Rasputinlachen. Das einzige, wegen dem Nikolaus manchmal dachte, er könne sich dennoch irren, trotz aller Zeichen und Wunder. Rasputin begann dann, wie immer, zu tanzen. Genau wie die gelbe, schweflige Flamme in seinem Blick. Ein fester Schritt nach rechts, ein Stolperer nach links, und dann hüpfte er mit zuckenden Beinen über das Parkett des ehrwürdigen Bernsteinzimmers, dass Nikolaus dachte, er habe noch nie jemanden so tanzen sehen. Rasputin tanzte schneller, als ein Mensch tanzen kann. Und dennoch so präzise Formen, Figuren und Pirouetten, dass man entweder glauben musste, er habe es von dem besten Ballettmeister der Welt gelernt, oder eben… er WAR…der… Und nach solchen Unterredungen brauchte Nikolaus stets eine ganze Flasche klaren Wodka. Aber war er wieder alleine, war er sicher. „Ja, Herr, du weißt doch, dass ich dich liebe…“ murmelte er. Und er fiel, schwummerig und betrunken von dem ihm das Hirn verdunkelnden Wodka auf den Boden des Bernsteinzimmers und weinte bitterlich.

 

Mitten in der Menge dieses schwitzenden Festes stand die kleine Anastasia. Rasputin hatte sich unsterblich in sie verliebt, obwohl sie noch fast ein Kind war. Diese wunderbaren, dunklen Augen. Dieser kluge Blick, der alles wusste. Diese Seele, die aus jenen Augen sprach. Das einzige, was seinen wilden Brand beruhigen konnte, die Flamme, die ihn verzehrte, die zwei irren Skorpione, die ihm auf ihren flinken Füßen durch die Venen krochen, um irgendwo in seinem Körper ihr Liebesspiel abhalten zu können, nach dem das Weibchen das Männchen stets verschlang, und es dann doch erneut gebar, als seinen eigenen Sohn. Immer, wenn Rasputin diese zwei Skorpione spürte, war es aus mit seiner Heiligkeit und seiner ungetrübten Gottesnähe, die er sich auf ungezählten Pilgerfahrten erworben hatte, durch die Versenkung in unzähligen Klöstern, durch Fasten, Einreibungen und Waschungen, durch intensives Studium der heiligen Schrift, die weißen, kühlen Mauern der griechischen Klöster und den blauen Himmel über der Ägäis. Er spürte dann Alexander den Großen. Das Trampeln der Soldatenstiefel. Das Heer, das ihm bedingungslos folgte. Den Rausch, in kürzester Zeit die ganze Welt zu erobern. Und die sündige Liebe Alexanders zu Hephaistion. Und dann war er auch David. Und Hephaistion war Jonathan. Und Davids Psalmen verbrannten in der Liebe zu Sauls schönem Sohn und konnten Saul nicht mehr besänftigen. Und sie beide wurden zu Absalom und verfingen sich mit ihren langen Haaren im Baumgeäst. Und der Speer des Feindes traf Absalom von hinten. Und der Stahl seiner Spitze wurde manchmal noch vom Wasser von Rasputins Tränen und dem Balsam seiner Liebe zu Holz verwandelt, das er immer kleiner werden lassen konnte, bis es nur noch ein winziger Splitter war. Und dann überlebte Absalom. Manchmal aber gelang es nicht. Dann raste das Feuer des alexandrischen Krieges durch Rasputins Blut. Dann war ihm Krieg, Schlacht und Vergeltung wichtiger als Liebe, Trost und Heilung. Dann war er der Feind, der Absalom vom Baum abnahm, ihm begütigend sagte: „Du bist gerettet!“, und ihm dann mit seinem Krummsäbel den Kopf abschlug. Und dann spürte Rasputin die Skorpione. Wie sie in seinen Venen umherrannten und sich jagten. Je nachdem, wo in seinem Körper sie ihre Hochzeit abhielten, fiel sein ihn dann befallender Veitstanz mehr oder weniger glimpflich aus. Befremdlich war es trotzdem immer für alle anderen. Aber wenn die Skorpione es schafften, ihre Vereinigung in seinem Kopf unter seinem Kranium abzuhalten, war alles zu spät. Dann kam der epileptische Anfall. Und die anderen Mönche fanden Rasputin zuckend und wimmernd auf dem Boden der Klosterzelle liegend vor. Er brauchte dann immer tagelange Bettruhe, zugezogene Vorhänge und Stille. In dieser Zeit konnte und durfte auch niemand Rasputin aus den Psalmen vorlesen, etwas, was ihn sonst immer wieder ins seelische Gleichgewicht brachte. Tat man es jedoch in der Zeit nach einem solchen Anfall, verzog sich Rasputins Gesicht zu einer gequälten Grimasse und er hielt beide Hände schützend an seinem Kopf und greinte wie ein geschlagener Säugling.

 

Anastasia stand bei dem Geländer der großen Freitreppe und sah träumend ins Festgeschehen. Es war etwas Schönes, das kommen würde, das wusste sie. Aber anders als alle anderen bei Hofe fasste sie es nicht in Worte, stellte keine Vermutungen an, enthielt sich jeden Urteils. Nicht nur, weil sie so jung war. Sondern weil sie nach der Heilung ihres Bruder Alexei verwandelt war. Sie wusste etwas, was kein anderer wusste. Dass es keinen Tod gab. Und manchmal fragte sie sich, warum nicht mal Rasputin das zu wissen schien, und dann wurde sie traurig. So unendlich traurig, dass sie schreien hätte können vor Verzweiflung. Das war eine Traurigkeit, tiefer als die Welt, von der manch anderer Europäer sagte, dies sei die russische Seele. Doch Anastasia wusste: es war mehr. Es war jenseits aller Worte. Es war das Geheimnis des Lebens. Plötzlich stand Rasputin vor ihr. Schwankend. Anastasia wollte nicht wissen, wie viele Wodka und Tokayer er an diesem Abend schon getrunken haben mochte. Aber er war ganz ruhig. Seine Augen waren nur unendlich traurig. „Du bist die Auferstehung und das Leben!“, murmelte er mit schwerer Zunge. Anastasia sah ihn an. „Du bist Sulamith!“, sagte Rasputin. Anastasia sah ihn an. „Du bist die Braut des Lammes!“. Anastasia zuckte vor Schreck zusammen. So urplötzlich war der Irrsinn noch nie über Rasputin gekommen. Er hatte es geschrien. Oder eigentlich mehr gekreischt. Mit einer hellen, sich überschlagenden Stimme wie die einer Baba Jaga. Wie Blitze zuckte das schweflig-gelbe Feuer aus seinen Augen. Und Anastasia spürte, wie diese Flamme in ihr Herz zuckte und sie auflodern ließ wie einen brennenden Dornbusch. Innerhalb von Sekunden spürte sie ihre Kindheit einschmelzen und sich selber aufblühen in die Frauschaft, spürte, wie sie schöner und schöner wurde, und wie all ihre Hoheit und Majestät ihr plötzlich zur Verfügung stand, die vorher allenfalls als Keimanlage in ihr geschlummert hatte. Und in diese Hoheit nahm sie den taumelnden Rasputin wie in einen Mantel, und ein Pfahl ging von ihr aus und durchbohrte ihn, zerfetzte und zerfledderte ihn, dass nur noch sein zerschlissenes Obergewand übrig blieb und in Fetzen über die Tanzfläche wehte. Und er war jener Eine und ihre dunklen Augen durchdrangen sich, und sie stürzten in eine Nacht so tief wie der Abgrund bei den Bergen Gileads, ihre Seelen tranken Würzwein, ihre Münder labten sich am Traubenkuchen, und Oleander, Hennasträuche und Granatäpfelbäume beschirmten das Lager ihrer Lust. Anastasia fiel hintenüber und der betrunkene Rasputin strauchelte und stürzte lallend wie ein Mehlsack über sie. Zar Nikolaus, der oben an der Freitreppe stand, sah es aus den Augenwinkeln und schüttelte missbilligend seinen Kopf.

 

Draußen fiel ein Schuss. Pjotr und Andrei zuckten zusammen und waren schlagartig wieder in der Realität. „Geh mal nach ihnen schauen.“, sagte Pjotr. Sein dünner Schnurrbart bebte. „Du glaubst nicht wirklich, dass er schneller sein kann, als er selbst, oder?“, fragte Andrei. „Ach, was weiß ich.“, seufzte Pjortr und sah Andrei mit leidenden Augen an. „Man hätte Rasputin nicht töten dürfen. Verbannen ja. Aber nicht töten.“ Andrei sah seinen Vorgesetzten mitleidig an. Auch er war jener merkwürdig hypnotischen Wirkung Rasputins erlegen. Und diese schien selbst nach seinem Tod noch die Gehirne derer zu verwirren, die ihn gekannt hatten.

 

Andrei ging die paar Stufen zu dem Gelass hinunter, in dem man die Romanovs versteckt hatte. Er gab das verabredete Klopfzeichen. „Andrei?“ hörte er die heisere Stimme von Nikolaus von drinnen fragen. „Ja.“, bestätigte dieser. „Seid ihr da drinnen wohlauf?“ „Ja“, sagte Nikolaus. „Aber allmählich wird es uns hier zu eng. Glaubt ihr wirklich, dass heute Nacht ein Angriff bevorsteht? Wir würden so gerne wieder einmal nach oben und uns ein bisschen bewegen.“ „Ich persönlich glaube gar nichts.“, sagte Andrei. „Es ist Hauptmann Pjotr, der dieser Meinung ist. Ich für meinen Teil bin der Ansicht, Russland hätte seinen Hang zum Übersinnlichen und zu schwammigen Ahnungen längst irgendwo in der sibirischen Tundra beerdigen sollen.“ „Ja, ich weiß.“ Nikolaus Stimme klang niedergeschmettert und voller Reue. „Machen sie doch mal die Tür auf, Andrei. Ich möchte unbedingt mal wieder ihr Gesicht sehen. Es gibt mir Trost.“ Andrei entriegelte die Tür. Dicht gedrängt standen die Romanovs in dem dunklen Raum. Anastasia und Maria schluchzten. Der ehemalige Zar Nikolaus sah mit seinem mittlerweile völlig verwilderten Bart aus wie ein Räuber aus den Wäldern. Auf seiner Stirn stand der Schweiß. „Die Nacht ist bald um.“, sagte Andrei. „Wenn bis zum Morgengrauen nichts geschieht, könnt ihr wieder nach oben.“ Andrei schloss die Tür und schob den Riegel wieder vor. Dann ging er nach oben. Gerade als er die Laterne, die er zum Leuchten auf der Kellertreppe mitgehabt hatte, auf dem Tisch abstellen wollte, sah er es. Und sein Herz blieb beinahe stehen vor Schreck. Auf dem Fußboden lag Pjotr. Tot. Mit kalkweißem Gesicht, von sich gestreckten Gliedmaßen und voller Angst aufgerissenen, starren Augen.

 

Es war schneller gegangen, als man einen Gedanken fassen konnte. Plötzlich war Licht im Raum. Geblendet zuckten die Romanovs zusammen. An die Tür gelehnt stand ein Mann mit wirren, langen Haaren, einem verfilzten Bart und brennenden Augen. Es war Rasputin. In seiner Hand hielt er die Pistole von Hauptmann Pjotr. Starr ging sein Blick in die angstvoll aufgerissenen Augen von Nikolaus. „Du hast dein Zarentum verspielt, Shimon.“, sagte Rasputin mit ausdrucksloser Stimme. Europa taumelt in den Abgrund wegen dir. Was hast du dazu zu sagen?“ „Liebst du mich denn gar nicht mehr, Herr?“, stammelte Nikolaus erstickt. Über Rasputins Gesicht huschte ein Lächeln. „Weißt du nicht mehr, was ich dir in der letzten Nacht im Bernsteinzimmer gesagt habe? Man darf mich nicht töten. Wenn man das tut, erachte ich alles nur noch für ein Spiel, und dann spiele ich eben auch. Zum Beispiel russisch Roulett. Und tanzen kann ich dann noch schneller. Nur dass es dann eleganter ist, als zu meinen Lebzeiten. Und, wie ich dir schon sagte, ich kann dann auch schneller tanzen als ich selbst. Das gilt für alles andere auch. Natürlich auch für das Schießen.“

 

Nikolaus sah seinen alten Freund aus angstgeweiteten Augen an. „Willst du nicht die drei Fragen stellen?“. Rasputins Mundwinkel zuckte verächtlich. „Du bist ja immer noch so ein schleimiger Feigling, Peterchen. Ich glaube, du musst heute mal auf Mondfahrt gehen.“ „Nein, bitte nicht!“ schrie Nikolaus und bekam einen Tremor, der sich von seinen Händen aus über seinen ganzen Körper ausbreitete, bis er nur noch ein zitterndes Etwas war. „Na“, fragte Rasputin, „spürst du die Skorpione?“ „Ich habe Angst.“, sagte Nikolaus und in seine Augen traten Tränen. Rasputin seufzte. „Es ist alles deiner Tochter zu verdanken, dass die Sache immer wieder glimpflich abgeht.“, sagte er. „Sie hat ein gütiges Herz.“ Anastasia verkroch sich, ebenfalls zitternd, unter dem Kleid ihrer Mutter. „Was willst du? Wie willst du es haben?“, fragte Nikolaus. Rasputin räusperte sich. „Du bekommst heute mal drei andere Fragen. Und wenn du sie nicht beantworten kannst, werde ich auf dich schießen. Das ganze Magazin dieser Pistole ist voll. Du musst meinen Kugeln so schnell ausweichen können, wie ich im Leben tanzen konnte. Denn dann kannst du auch tanzen wie ein Blitz und wirst jeder Gewalt, die von oben oder unten kommt, ausweichen können. Wenn ich dich aber nur einmal treffe, erschieße ich dich und deine gesamte Familie.“ Nikolaus atmete schwer aus. Er wusste, dass es unmöglich war, Rasputin umzustimmen. Er wagte nur einen kleinen Einwand. „Hier unten ist es doch viel zu eng.“ „Ja.“, sagte Rasputin. „Wie in einem Walfischbauch.“

 

Nikolaus machte seinen Rücken gerade und sah Rasputin in die Augen. Seine Familienangehörigen versuchten, hinter seinem Rücken Schutz zu suchen. „Gut.“, sagte Rasputin. „Dann mal los. Nikolaus. Was kann ein Wal auf keinen Fall durch seine Speiseröhre bekommen?“ Nikolaus lachte erleichtert. Rasputin schien ihn davonkommen lassen zu wollen. „Einen Menschen!“ sagte er und sah seinen alten Freund aus beinahe schon glücklichen Augen an. „Richtig.“, entgegnete Rasputin nüchtern.  „Weide meine Lämmer.“ „Zweite Frage. Was brennt als Lampenöl auf Schiffen auch bei starken Stürmen und heftigem Seegang am Längsten und ist aus Waltalg gemacht?“ Nikolaus lachte lauthals auf. Das konnte doch jetzt nicht Rasputins Ernst sein. Es war offenbar wirklich nur noch alles ein Scherz. Die Fragen im Bernsteinzimmer waren teilweise so schwer gewesen, dass nicht einmal der studierteste Mensch der ganzen Welt sie hätte beantworten können. Man hätte schon die gesamte Bibliothek von Alexandria auswendig kennen müssen. Nikolaus sah Rasputin in die Augen und seine Stimme bebte vor unterdrücktem Lachen. „Lebertran!“ rief er triumphierend. Rasputins Gesicht verzog sich zu einem schiefen Lächeln. „Weide meine Lämmer.“ sagte er. Umständlich wischte er die Pistole an seinem Gehrock ab und rieb sie blank. „So, Nikolaus. Und hier kommt meine dritte Frage. Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er vorher nicht in der Mutter war?“ Nikolaus zitterte. Diese Frage war ein direktes Schriftzitat. Entweder Rasputin erwartete, dass er im genauen Wortlaut antwortete, oder sich etwas total originelles, Eigenes dazu ausdachte. Die Bedingung war nur, dass es wahr und geisterfüllt war. Nikolaus stockte. Eisige Bäche der Angst liefen ihm über die Schulter. Er stammelte. „Ein Mensch kann im Leben von Neuem geboren werden durch Geist und Wasser.“ Rasputin lachte schallend. „Oh, Nikolaus. Nummer sicher. Wie enttäuschend!“ „Lauft!“, schrie Nikolaus zu seiner Familie gewandt. „Versucht an ihm vorbei zu kommen, und die Tür zu öffnen. Ihr könnt es schaffen. Nur tut es jetzt!“ Aber alle verharrten stumm und mit vor Schrecken geweiteten Augen. Rasputins Augen wurden zu tartarischen Schlitzen. Er sah jetzt aus wie Dschingis Khan, der mongolische Feldherr. Seine Stimme war ein gepresstes, irres Kreischen. „Lern texanisch tanzen, du Kosake! Amerika wird die nächste Weltmacht. Du musst mit blauen Bohnen umgehen lernen, sonst mache ich dich zu Chili con Carne!“ „Nein!“, schrie Nikolaus. Und dann geschah das Unglaubliche. Rasputin begann, um Nikolaus und seine Familie herumzutanzen und schoss gleichzeitig immer wieder. Er tanzte schneller als er selbst. Mal war er hinter den Romanovs, mal vor ihnen, mal über ihnen, mal unter ihnen. Und alle hatten auch das Gefühl, dass er durch sie hindurch tanzte. Und immer wieder schoss er. Die Schüsse kamen gleichzeitig aus allen Richtungen. So, als wäre dies ein ganzes Erschießungskommando, und als kämen die Schüsse aus deutlich mehr als aus einer Waffe. Minutenlang ging das so. Und dann stand Rasputin wieder vor Nikolaus und sah ihn an. Der ehemalige Zar fühlte an seinem Körper abwärts. Er war gänzlich unverwundet. Aber seine Familie lag von tausenden Kugeln durchsiebt in ihrem Blut auf dem Kellerboden. „Weide meine Lämmer!“ kreischte Rasputin mit einer Stimme wie ein pfeifender Sirenenton.  „Du Ungeheuer!“, schrie Nikolaus entsetzt. „Eine Kreuzigung ist kein Spaziergang, Nikodemus-Kaiphas. Und deine eine Gegenstimme hat mir damals nichts genützt. Aber du solltest der Kugel ausweichen können. So, wie du jetzt tanzen kannst.“ Mit unglaublicher Langsamkeit richtete Rasputin die Waffe auf Nikolaus. Nikolaus wusste, dass das ein Test war. Aber er konnte nicht mehr widerstehen. „Du bist nichts weiter als ein dreckiger, versoffener Mönch mit epileptischen Anfällen!“ schrie er. „Woher soll ich wissen, ob du mir nicht all die Jahre lang immer nur totalen Blödsinn erzählt hast! Und schau, was du mit meiner Familie gemacht hast!“ Nikolaus wankte einen Schritt auf Rasputin zu und griff nach seiner Waffe. Rasputin wischte diesen Angriff mit einer lässigen Handbewegung weg und sagte mit tonloser Stimme: „Das ist alles schön und gut, Nikolaus. Aber du vergisst eines. Ich bin tot. Du hast mich ermorden lassen. Feige hast du mir irgendwelche Schergen geschickt, sodass ich denken sollte, es handle sich nur um irgendeinen Händel und sei nichts als Zufall. Was für ein brutaler Mord, Brutus. Oder soll ich dich gleich Kain nennen?“ Nikolaus erstarrte. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. „Weide meine Lämmer!!!“ Rasputins Stimme war wie ein Donner. Dann schoss er. Er schoss Zar Nikolaus mitten ins Herz, und wie eine gefällte Eiche stürzte er zu Boden.

 

Andrei sah herunter auf das Gemetzel. Die gesamte Zarenfamilie war tot. Und man konnte das unmöglich den Bolschewiki in die Schuhe schieben. Irgendeiner der Revolutionsführer musste sich etwas ausdenken, um dieses Blutbad plausibel zu begründen. Da sah Andrei plötzlich, dass sich unter diesem Haufen aus toten Menschenleibern etwas bewegte. Es war eines der Mädchen. Andrei klopfte das Herz bis zum Hals. Mutig griff er zu und holte das kleine Geschöpf unter den Leichen hervor. Es war Anastasia. „Anastasia!“, rief Andrei unter Tränen. „Meine Fürstin! Meine Herrin! Meines Fußes Leuchte! Du lebst!“ „Ich lebe.“ sagte sie.  „Und du sollst auch leben.“ Andrei wusste nicht, wie ihm geschah. Er hob Anastasia hoch und vollführte ein paar ungeschickte Schritte eines überschwänglichen Freudentanzes. Dann küsst er die Zarentochter auf die Stirne, setzte sie wieder auf den Boden, stieß die Tür auf und rief: „Lauf, Anastasia! Du wirst es schaffen!“ Und das kleine Wesen lief, ohne sich noch einmal umzusehen, die Treppe des finsteren Gelasses hoch, und aus dem Gutshaus nach draußen, wo eine dünne Decke Neuschnee lag. Anastasia atmete auf und sah zum  dunklen Himmel hoch. Zarte, kleine Schneeflocken fielen herab und benetzten Anastasias Gesicht und Hände. In ihr war eine große Ruhe und Dankbarkeit.

 

Wladimir Iljitsch Uljanov, dem die von ihm angeführten Revolutionäre den Namen Lenin gegeben hatten, weil er an den sibirischen Fluss Lena verbannt worden war – Lenin bedeutet „Der zur Lena gehörige“- war zutiefst beunruhigt. Man hatte die Zarenfamilie getötet. Das war nicht der Plan gewesen, und ganz und gar nicht in seinem Sinne. Irgendjemand musste eigenmächtig gehandelt haben. Lenin hatte sich sofort in einen Zug gesetzt und war nach Jekaterinburg gefahren, wo die Romanovs untergebracht worden waren. Die Revolution durfte deswegen nicht fehlschlagen! Es ging um alles. Es ging um das Wohl des russischen Volkes, um die Abschaffung der Zweiklassengesellschaft, und letztendlich um die Einheit aller Menschen in der Internationale als gleichberechtigte Brüder und Schwestern. Es war zum Greifen nah. Lenin ruckelte sich in seinem Sitz der ersten Klasse zurecht und öffnete seinen Rucksack. Darin war ein gerahmtes Bildchen, das er nun hervorholte. Eine winzige Ikone. Keiner aus seiner kommunistischen Liga durfte das wissen. Aber ohne die Mutter Gottes würde er nie irgendwohin gehen. Zumindest nicht zu wichtigen oder schwierigen Anlässen.  Zärtlich streichelte er über das Bild. „Lena.“, murmelte er. „Mein herzallerliebstes Lenchen, mein Sonnenschein!“ Sinnend blickte er auf Marias goldene Aureole, ihren umhüllenden, blauen Mantel und ihre strengen, nach russisch-orthodoxer Art gemalten, aber wunderschönen, ruhigen und kraftspendenden Augen. Sie waren wie ein Quell, der in ihm zu einem Fluss wurde, auf dessen schäumendem Wasser die Sonne munter sprenkelte. Maria, Magdalena, Helena, Lena. Namen für die Sonne. Und er war Lenin. Ewig ihrer. In seinen Augen brannte eine ruhige Flamme.

 

Patrick Rabe, 27. Oktober 2020, Hamburg.

© by Patrick Rabe

 

(Natürlich ist diese Geschichte Literatur und keine genaue Abbildung des tatsächlichen, historischen Geschehens.)

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