Wolfgang Hoor

Die Buße in der Sakristei

Buße in der Sakristei

Samstagnachmittag 1953. Die Geschwister Anna und Hilde sind fertig, sie sollen Wolf mitnehmen zur Beichte in der Kirche. Wolf ist noch nicht fertig. Er sitzt im Jungenzimmer und liest Karl May. Um halb vier ist er mit Dieter verabredet, dann wollen sie zum Kieselhumes, dort gibt es ein Samstagsspiel des 1. FC Saarbrücken gegen Kaiserslautern. Sie wissen, wie sie umsonst ins Stadion kommen. „Wolf, nun mach endlich“, ruft Anna. „Wenn wir spät in die Kirche kommen, um zu beichten, sitzen da bestimmt schon 20 Leute vor den Beichtstühlen, dann können wir ewig warten, bis wir drankommen.“

Wolf flüchtet mit seinem Karl May in den Abstzellraum. „Er ist nicht im Jungenzimmer“, hört er Hilde. „Wahrscheinlich ist er schon vorausgelaufen. Ich gehe dann schon mal.“ – „Der will sich bestimmt wieder drücken!“, schimpft Anna. „Ich schau noch mal nach. Der ist nie und nimmer vorgelaufen!“ Er hört die Schwester die Stufen heraufstapfen. Jetzt bloß kein Geräusch! Er hat die Schwestern schon vor zwei Wochen an der Nase herumgeführt. Er will zum Sportplatz, nicht zur Kirche. Er hat keine schwere Sünde begangen, was soll er da groß beichten? Und was rauskommt, weiß er auch: Drei Vaterunser, fünf GegrüßetSeistDuMaria. Das hätte er hier im Abstellzimmer in drei Minuten gebetet. Dafür muss er doch nicht eineinhalb Stunden in der Kirche sitzen.

Aber er hat nicht abgesperrt. Er hat vergessen abzusperren. Er sitzt auf dem Stuhl mit der zerbrochenen Sitzfläche. Seine Schwester wird rot vor Wut. „So machst du das also!“ Sie reißt ihm den Karl-May-Band aus der Hand, wirft ihn auf den Boden und zerrt ihn hinter sich her. „Er ist nicht vorgelaufen, er hat sich im Abstellraum versteckt“, berichtet die Schwester. Und damit er ihre Wut spürt, kriegt er drei heftige Schläge auf den Hintern.

Also muss er mit zur Kirche. Der Nachmittag ist kaputt. Er kann Dieter nicht mehr Bescheid sagen, der wird sich sehr über Wolf ärgern. Verdammt! Die große Schwester sucht das Gebetbuch für ihn raus und los geht’s. Unterwegs treffen sie auf Bruno, der den beiden sehr bekannt ist. Anna mag ihn ganz besonders, weil er der einzige große Junge aus der Nachbarschaft ist, der sich besonders um sie bemüht. Für Wolf ist der große Bruno ein Vorbild, weil er die Jungpfadfinder unter sich hat.

„Gehst du auch beichten?“, fragt Anna. Bruno lacht. „So ungefähr. Aber eigentlich nicht wirklich. Ich bin heute Nachmittag die Buße.“ Anna und Wolf verstehen nicht, was diese Bemerkung soll. „Die Buße nach der Beichte“, sagt er und lacht geheimnisvoll. „Der Wolf wird schon merken, was das ist.“ Und dann legt er den Arm um Annas Schulter und die neigt den Kopf zu ihm. „Kannst heute froh sein, dass du keine Jungensünden auf dem Kerbholz hast. Für schöne fette Jungensünden gibt’s heute was Besonderes.“ Er schaut Wolf eindringlich an. Der versteht nicht genau, was Bruno sagen will, aber es klingt irgendwie bedrohlich.

In der Kirche muss er sich wie alle, die jetzt erst hereingekommen sind, hinknien, im Gebetbuch das Sündenregister aufschlagen und schauen, was passt. Dem Sündenregister nach zu urteilen hat er gar nicht viele Sünden. Dass er zum Fußballplatz wollte, steht nicht als Sünde im Gebetbuch, und dass er sich im Abstellraum versteckt hat, schon gar nicht. Er muss innerlich grinsen. Er könnte mal ausprobieren, was der Pastor sagt, wenn er beichtet: Ich habe mich im Abstellraum einschließen wollen, aber vergessen abzusperren. Aber lieber nicht. Der Pastor könnte nachfragen, nachfragen, nachfragen, und dann kämen vielleicht doch noch andere Süden raus.

Nach kurzer Zeit kann er sich schon setzen. Er wird sagen, was er immer sagt und was immer stimmt: Er war unandächtig, ungehorsam, hat sich gestritten, hat Süßigkeiten genascht, dies sind seine Sünden, die er von Herzen bereut. Und jetzt hat er Zeit, an das Fußballspiel zu denken. Hoffentlich trifft Schnitte wieder. Schnitte kriegt den Ball im Strafraum. Flitzt blitzschnell durch die gegnerische Mannschaft, ein paar Tricks und TOR, TOOR, TOOOOOOR. Schnitte hat wieder getroffen. Der Wunderfußballer aus Saarbrücken! Bald wird ihn jeder in ganz Deutschland kennen. Schnitte vor, noch ein TOOOOOOOOR.

Irgendwie ist es an diesem Nachmittag in der Kirche aber anders als sonst. Hans aus seiner Klasse kommt aus dem Beichtstuhl. Er war vor zwei Wochen mit ihm und Dieter und einem anderen Jungen auf dem Fußballplatz. Er hat einen roten Kopf. Ein paar Klassenkameraden wollen ihm Platz machen. Er schüttelt den Kopf und geht an den Bankreihen neben den Beichtstühlen vorbei, er steuert auf den Altarraum zu, er betritt den Altarraum, er verschwindet hinter dem Altar. Was macht der denn? Ist der verrückt geworden? Das ist doch strengstens verboten. Wolf weiß das. Er ist Messdiener. Der Hans kann doch nicht einfach in die Sakristei gehen!

Nachdem Hans in Richtung Altar verschwunden ist, geht noch ein anderer, ein Junge, der vor zwei Wochen mit dabei war, in Richtung Altarraum. Es ist ein Freund von Hans. Und dann kommt der Priester aus dem Beichtstuhl und winkt Wolf aus der Bank heraus. Ja, was will der denn von ihm? Mehrere andere haben schon gedacht, sie wären gemeint, aber der Pastor schüttelte den Kopf. „Der Wolf soll kommen!“, sagt er. „Aber der ist doch später gekommen als wir!“, beschweren sich einige. „Der Wolf soll kommen“, wiederholt der Pastor ungeduldig. Da gibt es keine Widerrede.

Wolf erhebt sich schließlich und kniet sich auf das Sünderbänkchen im Beichtstuhl. „Vor vier Wochen war meine letzte …“ – „Das kannst du dir jetzt alles sparen“, sagt der Pastor. „Es ist mir zu Ohren gekommen, dass du vor zwei Wochen auf dem Fußballplatz warst statt in der Kirche zum Beichten. Stimmt das?“ Wolf nickt. Wer hat ihn denn verpetzt? Der Hans wird das doch wohl nicht gebeichtet haben. Auf den Fußballplatz zu gehen ist doch keine Sünde!

„Deine Sünden kenne ich alle“, sagt der Pastor. „Du wirst sagen: Ich war unandächtig, ungehorsam, ich habe mich gestritten, ich habe Süßigkeiten genascht. Das sind alles normale lässliche Sünden. Aber dass du wegen Fußball die Beichte geschwänzt hast, das ist eine dicke Sünde. Vielleicht keine schwere, aber doch unter den lässlichen Sünden eine ganz riesige. Und darum ist die Buße heute nicht drei Vaterunser und fünf GegrüßetSeistDuMaria, sondern ein Gang in die Sakristei. Also sage ich dich von deinen Sünden los …“ Wolf kann nicht mehr richtig zuhören. Die Fußballer sind aufgeflogen. Gut, dass Dieter evangelisch ist. Er wäre auch in die Sakristei geschickt worden.

Der lange Weg in die Sakristei führt an vielen vielen Bänken vorbei. Er weiß immer noch nicht, was ihm blüht, aber er ahnt etwas. Eine riesige lässliche Sünde, hat der Pastor gesagt. Er denkt an seinen Lehrer. Der fragt immer montags, ob alle in der Kirche waren, und wer nicht in der Kirche war, muss sich über die Bank legen und kriegt was mit dem Rohrstock auf den Hintern. Wolf zuckt zusammen. Wird es ihm gleich auch so ergehen? Aber man muss doch nur einmal im Jahr beichten. Es gibt keine Samstag-Beichtpflicht. Das mit der riesigen lässlichen Sünde ist doch Quatsch. Es muss doch auch noch was anderes geben als Kirche und Sünden.

In der Sakristei kann doch gar nicht geprügelt werden, das kann doch nicht sein, das ist doch ein heiliger Ort! Und wer sollte denn da prügeln? Der Kaplan kommt nicht in Frage, der sitzt doch selbst im Beichtstuhl. Wer, wer? Und im Altarraum hört man schon Geräusche, Klatschgeräusche. Er könnte jetzt einfach gehen. Aber dann wäre seine Beichte ungültig. Die Buße muss sein, und die findet in der Sakristei statt. Er MUSS dahin. Himmel, was spielt sich da ab? In der Nähe des Altars darf man doch nicht den Hintern versohlt bekommen!

Er geht um den Altar herum, er öffnet die Tür zur Sakristei. Und da ist es sehr dunkel. In der Mitte, auf einem Stuhl sitzt eine Gestalt, und über ihren Beinen liegt eine andere, man kann nicht sehen, wer das ist. Aber hören kann man es. Scharf schlägt ein Gegenstand auf eine Erhebung ein, zuerst in langsamen Abständen, dann schneller schneller schneller; da zuckt ein Körper hoch, da wird gekämpft und noch einmal gekämpft, und dann kommen Schreie, schrille schreckliche Schreie. Da wird einer gefoltert. Wolf dreht sich um. Nur weg hier!

„Hierbleiben!“, ruft eine Stimme. „Wer wegläuft, kriegt die doppelte Portion!“ Wolf erstarrt. Wessen Stimme war das? Kennt er die? Er kennt sie. Und die Schläge gehen weiter. Wolf weint, weil der andere so schrecklich leidet. „Aufhören, aufhören mit dem Schlagen“, ruft Wolf. „Hier ist die Sakristei. Ein heiliger Ort.“ Jetzt hören die Schläge wirklich auf. „Geh zu dem anderen!“, sagt die Stimme, die Wolf kennt. „Die Arme in den Nacken!“ Im matten Zwielicht sieht Wolf eine zweite Gestalt. Dann geht plötzlich das Licht an. In einer Ecke der Sakristei stehen zwei Jungen in Wolfs Alter. Und mitten in der Sakristei, auf einem einfachen Stuhl sitzt – Bruno, der Freund seiner Schwester und sein Pfadfinderführer.

Wolf starrt Bruno lange an. Der hätte die Jungen eben so unerbittlich geschlagen? „Was machst du denn hier in der Sakristei“, ruft Wolf. „Das ist doch der Raum für die Priester und die Messdiener.“ – „Ich hab dir’s doch auf dem Weg zur Kirche schon gesagt. Ich bin heute die Buße. Sag mir erst mal, was du hier machst und warum du mich bei meiner Arbeit störst.“ – „Ich habe das Klatschen und die Schreie gehört und da bin ich hergekommen.“

Bruno nickt. „Gut, dass du aus Mitleid gekommen bist. Dich hat nicht etwa der Pastor geschickt?“ – „Wieso sollte er?“ – „Weil es ein paar riesengroße lässliche Sünden gegeben hat. Und diese besondere Buße für diese Sünden gibt es in der Sakristei.“ Wolf wird rot. Er könnte sich jetzt herausreden. Aber er will Bruno nicht anlügen. „Der Pastor hat mich geschickt“, sagt er fast tonlos.

Bruno klatscht in die Hände. „Also bist du auch wegen der Buße hier“, sagt Bruno, jetzt ganz freundlich. „Ich hab‘ dir doch auf dem Weg zur Kirche gesagt, dass ich heute die Buße bin. Ist eine Tracht Prügel nicht eine schöne Buße für eine so riesengroße lässliche Sünde?“ – Wolf fällt keine Ausrede ein. „Eine Buße muss man hinnehmen, wie sie verkündet wurde. Danach ist die Seele weiß wie ein Betttuch nach der Wäsche. Ist das nicht schön?“

Bruno ist ganz sanft. Er zieht Wolf an sich, streichelt über sein Haar. „Zu Hause ist eine Tracht Prügel oft nicht das Ende des Ärgers. Da grollen Mama oder Papa noch weiter. Bei der Buße ist danach wirklich Schluss. Siehst du die beiden? Hans und Paul, Ihr könnt jetzt gehen. Euch ist jetzt alles vergeben. Eure Seelen sind rein wie am Tag eurer Taufe.“ Hans und Paul sind in Windeseile verschwunden.

„Nur deine arme Seele, mein lieber Wolf, ist noch nicht so weit.“ Und so fliegt auch Wolf über die Beine von Bruno. Auch auf Wolfs Hintern klatscht zuerst gemächlich und vorsichtig und dann immer rascher und unerbittlicher die Haarbürste. „Merkst du, wie die Sünden weggewaschen werden“, sagt Bruno freundlich. „Ach, das muss doch Spaß machen, auch dir muss es Spaß machen, dass alles wieder ins Lot kommt.“

Wolf ist noch nie mit so freundlichen Worten so unerbittlich verprügelt worden. Und während er zu Hause jetzt spätestens anfangen würde zu weinen, spürt er, dass es eine Ehre ist, über den Beinen seines Pfadfinderführers zu liegen. Und als Bruno fragt: „Ist es jetzt genug, Wolf?“, da sagt der Wolf: „Das musst du wissen, Bruno. Du bist ja heute Nachmittag die Buße“ Da merkt Bruno, dass er es nicht übertreiben darf. Er stellt Wolf auf den Boden, klatscht noch einmal freundlich auf seinen Po. „Du kannst mit mir kommen. Ich warte noch auf die Anna.“

  1. Anna kommt, Bruno und Wolf und Anna gehen zurück nach Hause. Die Anna legt wieder ihren Kopf auf Brunos Schulter, der Wolf geht an der Hand von Bruno, den er jetzt noch viel aufrichtiger als früher verehrt. Aber das nächste Mal, denkt Wolf, gehe ich doch wieder ins Stadion, und wenn es schief geht wie heute, gibt es eben eine Tracht Prügel, die so ähnlich ist wie ein verdammt heißes Bad und die Seele reinigt.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.10.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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