Jürgen Skupniewski-Fernandez

Der Lebensbaum

Es war einmal…,

so fangen nicht nur alte Märchen und Sagen an, sondern auch wunderbare Geschichten.

Einst lebte in Europa, das Land habe ich vergessen und  spielt  in unserer Geschichte keine Rolle, eine junge Familie. Das Paar war sehr glücklich und erfüllte sich einen Traum; ein kleines Haus mit großem Garten.  Die junge Frau war der Natur so innig verbunden, dass sie schon als kleines Mädchen nur eines im Sinn hatte: Einmal einen herrlichen Garten zu besitzen.Kein Wunder, dass sie das Glück gar nicht fassen konnte, als ihr Mann ihr eines Tages diesen Wunsch erfüllte; denn auch er teilte mit ihr die Liebe zur Natur.

Nach kurzer Zeit kündigte sich Nachwuchs an. Ein Sohn wurde geboren. Sie tauften ihn auf den Namen Dominique. Kurz vor seinem vierten Geburtstag äußerte er den Wunsch einen eigenen Baum haben zu dürfen. Über die Jahre wuchs der Garten zu einer wilden Schönheit heran. Naturbelassen sollte alles wachsen und gedeihen. Den Tieren einen Ort der Ruhe schenken; darauf legte die junge Mutter sehr großen Wert. Dem Ehemann war es nur Recht. Kein Rasen mähen und Unkraut jäten oder Büsche beschneiden. Lediglich die Rosen am Haus bedurften der menschlichen Hand.

Der kleine Dominique war schon ganz aufgeregt und fieberte seinem Geburtstag entgegen. Er hatte schon ganz genaue Vorstellungen von seinem Baum. Ein Ginkgo Baum sollte es sein. Sein Vater schaute da nicht schlecht und war etwas überrascht, als der kleine Mann seinen unwiderruflichen Wunsch mitteilte. Als dieser ihn fragte, warum es denn unbedingt ein Ginkgo Baum sein sollte, erzählte Dominique  dem Vater von dem japanischen Märchen, von dem Ginkgo Baum, der ein Wunderbaum war, von der kleinen Prinzessin und ihrem großen Bruder. Wie beide sich so lieb hatten und immer für einander da waren. Seine Mutter lachte daraufhin. Es war Dominiques Lieblingsmärchen. Sie musste ihm immer wieder vorlesen und dann stellte er ihr fortwährend Fragen über Fragen.

Nun war es endlich soweit. Endlich Geburtstag! Die junge Mutter fuhr an diesem Tag mit einem aufgeregten Dominique in eine Gärtnerei und Baumschule. Das Gelände der Gärtnerei strahlte eine herrliche und friedliche Ruhe aus. Überall nur Pflanzen, Blumen, Sträucher, kleine Bäumchen und auch große, soweit das Auge reichte. Es duftete, grünte und blühte, als würden alle Pflanzen zu einem Wettbewerb antreten.

 

Zwischen den Beeten erkannten Mutter und Sohn einen alten Mann. Er ging schon etwas gebückt und kam mit kräftigen Schritten auf beide zu.  Als er sich ihnen näherte sahen sie, dass er fast bis zur Schulter reichende Haare trug, die zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden waren. Dem nicht genug, sein Bart war auch nicht ohne. Dominiques Mutter glaubte schon dem personifizierten Nikolaus begegnet zu sein. Aber sein Äußeres störte sie überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, er war von einer sehr feinen Aura: liebenswürdig, verständnisvoll – eben halt ein naturverbundener Mensch.

„Guten Tag“, sagte Dominiques Mutter freundlich. Der Gärtner nickte und lächelte sie an. Der kleine Junge schaute erwartungsvoll auf den alten Mann.

„Wir wollen uns nach einem Bäumchen umsehen, einem…….“

„Nichts sagen Mama!“ fiel Dominique ihr ins Wort. „Du brauchst nichts sagen, er weiß das doch“, sprach der Junge und strahlte.

Die junge Frau war etwas irritiert und schwieg daraufhin. Der Gärtner kehrte ihnen den Rücken zu und bat sie ihm zu folgen.  Sie bogen nach rechts ab und kamen zu einem Gelände, dass über und über mit jungen Bäumen bepflanzt war. Es war ein sehr sonniger Platz. Der alte Mann blieb plötzlich stehen und wandte sich an Dominique.

„Da ist dein Bäumchen, es wartet schon auf dich“. Da stand es im spätnachmittäglichen Sonnenschein mit leuchtend grünen Blättern. Als würden sie vor Freunde strahlen, so anmutig war die Szene, dass selbst Dominiques Mutter sichtlich berührt war. Dominique lief auf das kleine Bäumchen zu. Blieb stehen und berührte mit seinen kleinen Händen den zarten Stamm und streichelte sanft ein paar Blätter.

„Mein Baum, mein Ginkgo Baum! Endlich habe ich meinen Baum!“ Die Freude war riesengroß. Seine Mutter allerdings blieb sprachlos und glaubte sich in einem Traum versetzt. Der Gärtner stellte  die Pflanze in eine Schubkarte und fuhr sie bis zu ihrem Auto. Vorsichtig legte er das Bäumchen in den Kofferraum auf eine Decke.

„Sie haben meinem Sohn eine so große Freude gemacht. Er ist ganz aus dem Häuschen. Aber, wie kann das sein? Woher wussten Sie, dass wir nach so einem Bäumchen suchten??? Ich begreife das nicht!“

Der Alte antwortete mit seiner warmen Stimme und lächelte:

„Das Leben hat seine eigenen Geheimnisse. Wer die Sprache des Herzens versteht, kennt auch die Antworten“. Daraufhin machte er kehrt und ging zurück in seine Gärtnerei. Dann verschwand er im rotbraunen Abendzimt der untergehenden Sonne zwischen den langen Schatten der Bäume.

Dominique suchte einen schönen sonnigen Platz für seinen Ginkgo. Seine Eltern halfen ihm beim Einpflanzen und  sie freuten sich mit ihm über seinen Baum. Es verging kaum ein Tag, den er nicht bei ihm verbrachte. So zogen die Jahre vorüber. Aus dem Bäumchen wurde ein stattlicher Baum und der kleine Dominique wuchs zu einem jungen Mann heran.  Als er zwanzig Jahre alt war überraschten ihn seine Eltern mit einem ganz besonderen Geschenk: er bekam eine kleine Schwester. Er nannte sie seine kleine Prinzessin und versprach ihr für immer auf sie zu achten, gemeinsam mit dem Ginkgo Baum. Wenn er von der Uni kam, dann nahm er die kleine Maja an die Hand und bei schönem Wetter verbrachten die Geschwister unter dem Ginkgo.

Doch eines Tages kam Maja, sie war gerade sechs Jahre alt geworden, aus dem Garten ins Haus gestürmt. Sie war ganz durcheinander und rief nach ihrem Bruder. Ihre Mutter schnellte aus der Küche und fragte nach dem Grund ihrer Aufregung.

„Mama, wo ist Dominique? Ist er schon da? Dominique! Dominique!“, rief sie mit kräftigem Stimmchen. Sie lief die Treppe hinauf und riss die Tür zu Dominiques Zimmer auf. Er lag etwas geschwächt auf seinem Sofa. Ein Buch ruhte aufgeschlagen auf seinem Bauch. Er schaute sie fragend an.

„Dominique, der Ginkgo Baum, der Baum, seine Blätter werden braun“. Sie schluchzte dabei und sah ihren Bruder traurig an. Seine glasigen Augen schauten sie an und versuchten zu lächeln.

„Komm Prinzessin“, und zog seine kleine Schwester an sich. Maja spürte seine heißen Wangen. Das Fieber hatten sie gerötet.

„Ist alles gut?“, fragte sie zögernd und schaute ihn an. Sie spürte, dass da etwas mit ihren großen Bruder nicht stimmte. Da erscheinen auch schon die Eltern an der Zimmertür und schauten ratlos auf die Geschwister.

„Dominique, du glühst ja förmlich“, sagte seine Mutter zu ihm und legte kurz ihre Hand auf seine Stirn.  Es wurde ein Arzt gerufen, der entschied, dass man ihn ins Krankenhaus zur Untersuchung einlieferte.

Dominiques Krankheitsbild verschlechterte sich von Tag zu Tag und parallel verlor der Ginkgo Baum mehr und mehr seine Blätter. Traurig sah Maja auf den Baum. Tränen liefen ihr über die Wangen, wenn sie so vertieft und hilflos auf ihn schaute. Aber es gab keine Anzeichen, dass sich der Ginkgo erholte. Maja spürte in ihrem kleinen Kinderherz, das Dominique und der Baum im Laufe des Lebens eine Symbiose geworden waren.  Ihr Schicksal war eng verknüpft. An dem Tag, als das letzte Blatt vom Baum fiel, starb auch Dominique ohne seinen Baum noch einmal gesehen zu haben.

Er hinterließ seinen Eltern einen Brief mit einer ganz großen Bitte: Man möge seinen Körper verbrennen und sich nach seiner kleinen geliebten Schwester richten. Sie wusste, was zu tun war.

Zwar verstanden die Eltern nicht so ganz diesen besonderen Wunsch, dass ausgerechnet Maja über das Verbleiben der Asche ihres geliebten Sohnes entscheiden sollte, aber sie wollten ihm seinen letzten Wunsch erfüllen. Nach dem die Zeremonie im Krematorium abgeschlossen war erhielt Maja im Einvernehmen ihrer Eltern die Urne mit der Asche ihres Bruders überreicht.

Sie saß stumm im Auto und hielt das Gefäß fest im Schoß. Zuhause angekommen ging sie schnurstracks zum Ginkgo Baum, der nackt und traurig im Garten stand.  Majas Vater wollte den abgestorbenen Baum in den kommenden Tagen absägen und entfernen.

Sie nahm die Urne und schüttete die Asche ihres Bruders um den Stamm.

„Nun seid ihr wieder zusammen, Du und Dein Ginkgo. Ich habe euch beide lieb“.

Majas Eltern standen gerührt im Garten und verfolgten die Aktion ihrer Tochter.

Später am Abend zog ein Unwetter auf und es fing fürchterlich an zu regnen. Ein wahres „Sauwetter“, wie es so schön heißt. Doch am nächsten Tag lichteten sich die Wolken und die Sonnenstrahlen erwärmten den blattlosen Baum. Zwei Tage später rief Maja aus dem Garten nach ihren Eltern. Sie sollten doch schnell zum Ginkgo kommen. Da sahen sie alle das kleine Wunder. Überall lukten frische kleine Triebe aus den totgeglaubten Ästen hervor. Maja lachte und tanzte um den Baum herum.

„Dominique leeebt! Dominique leeebt!“,sang sie fortwährend. Da mussten auch die Eltern erkennen, dass das ein wirkliches Wunder war.

Und die Jahre vergingen. Maja wuchs zur jungen Frau heran. Ihr Vater war bereits verstorben als sie ihr erstes Kind bekam. Sie nannte ihren Sohn Dominique, nach ihrem Bruder. Und später las ihre Mutter ihrem Enkelsohn das japanische Märchen vor, das sie ihrem Sohn immer vorgelesen hatte. Die Geschichte von der kleinen Prinzessin und ihren Bruder und vom Wunderbaum, dem Ginkgo.

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.10.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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