Hella S.

Die Posaune oder der Posaunenengel

Vielleicht waren es Engel, die mich inspiriert haben, denn von meinem ersten Gehalt als Kindergärtnerin kaufte ich mir eine Zugposaune, Jazzposaune war die richtige Bezeichnung. Ich verdiente 1964 fünfhundertvierzig DM, nicht am Tag, im Monat. Davon ging noch die Miete von 80 DM ab und Essen natürlich auch. Irgendwie war mein Anfang mit der Posaune ganz anders, denn ich konnte gar kein Blasinstrument spielen, außer Blockflöte.

Zuerst musste ich mal in den Kirchenchor, denn ich war neu in Berlin und der Kindergarten in dem ich arbeitete war ein kirchlicher. Kaum sang ich im Chor, da wollten sie auch noch, dass ich in den Posaunenchor eintrat. Mit der Blockflöte? Nein, sie hatten ein Tenorhorn in irgendeiner Ecke liegen. Ich versuchte es tapfer, doch schnell merkte ich, dass die Ventile nicht so mein Ding waren, es war für mich unlogisch wie man durch das Drücken eines Ventils einen bestimmten Ton heraus bekam und langweilig war es auch. Es war wie mit einem Hut, das Instrument stand mir nicht.

Zugposaune wäre schön, elegant im Aussehen und wunderschön im Klang. So kaufte ich mir von meinem ersten Gehalt eine Jazzposaune. Spielen konnte ich das Instrument noch nicht, aber eins war mir gleich klar: Wenn ich den Zug ganz weit herauszog, waren die Töne tief. Den Ansatz um überhaupt Töne zu fabrizieren zeigten mir die Posaunenbrüder. Dann schaute ich aus dem Augenwinkel, was mein Nachbar mit dem Zug machte und probierte es einfach. Leider konnte ich zu Hause nicht üben, da ich zur Untermiete wohnte und obwohl meine Vermieterin schwerhörig war mit ihren 81 Jahren, wäre es doch auch für sie zu laut gewesen. Sehr schnell konnte ich im Posaunenchor mithalten und es machte riesigen Spaß. Dann gab es noch ein besonderes Erlebnis, denn ich lebte nur ein Jahr in Berlin: Das war ein Bläserkonzert aller Berliner Blaskapellen im Olympiastadion und ich war dabei und spielte mit Freuden fast jeden Ton.

Nachdem ich wieder in meine Heimat zurückzog. Konnte ich mein Posaunenspiel fortsetzen. Hier war ich als Kind schon im Kirchenchor und deshalb suchte ich auch Anschluss an den Posaunenchor. Am Anfang habe ich mich irgendwie durchgemogelt, ich spielte manche Töne nur leise oder gar nicht, es hat sich nie jemand beschwert. Auch hier gab es ein paar lustige Ereignisse. Erstens war ich damals die einzige Frau im Posaunenchor und noch dazu mit Posaune, denn wenn ein Mädel mitspielte in einem anderen Chor, dann blies sie die Trompete. Nach den Proben gingen wir immer in die Kneipe um noch ein bisschen zu plaudern und unseren Durst zu stillen und der war gewaltig. Einmal trank ich 14 Biere und 4 Schnäpse. Ich war ziemlich betrunken. Ein Posaunenbruder brachte mich immer mit dem Auto nach Hause und ich dachte nur noch: Hoffentlich schaffe ich den Pattweg von der Straße bis zum Haus, denn der machte eine leichte Kurve, die in solch einem betrunkenen Zustand noch mehr Kurven aufwies. Ich bin heile ins Haus gekommen. Was danach war kann sich jeder denken.

Alle Adventssonntage ab 7 Uhr brachen wir auf zum Kurende blasen. An einem Morgen passierte es dann, das eine oder andere Instrument fror ein, aber die Musik blieb, wurde nur einsilbiger. Der Eine oder Andere konnte immer mal wieder ein Stückchen blasen und alle freuten sich dann auf das kleine Schnäpschen, das immer mal wieder aus irgendeinem Haus gebracht wurde. Es war aber auch sehr frostig! Diesmal war ich trinkfester, zumal mir ein älterer Herr eine Tafel Schokolade statt einen Schnaps anbot, er fand das für eine so junge hübsche Dame angebrachter, wie er sagte.

Einige Jahre spielte ich zu Kirchenfesten im Posaunenchor. Als ich zu Hause mal übte kam mir eine Idee und ich fand sie so komisch, dass ich sie gleich ausführte. Ein paar hundert Meter im Wald bei uns gab es eine Hütte in der die Jäger ab und zu ihr Halali bliesen. Auf jedes Signal antwortete ich mit der Posaune. Ob die sich wohl gewundert haben? Und dass es noch dazu eine Frau war, die in den 60ger Jahren so reagierte, konnte diese damals reine Männergesellschaft sicher nicht glauben. Sie haben mich nie erwischt.

Als ich dann meinen Mann kennen lernte, nötigte der mich, meine schöne Jazzposaune zu verkaufen. Er war Orchester-Musiker und spielte Geige, das kann man vielleicht verstehen, oder auch nicht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.10.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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