Horst Lux

MAREIKES WELT 2 --- Schlangen

 

      Ein durchdringender heller Schrei, aus voller Kehle intoniert und dabei so herzzerreißend schrill, dass selbst ein Eremit in der Wüste urplötzlich vor Schreck ertaubt wäre. 
»Paappiii!«

      Ich bin überzeugt, dass Mareike sich ernstlich und schmerzhaft verletzt hat, springe von meinem Schreibtisch auf, rase barfuß zur Terrassentür, stürze über ein Dreirad und noch weiteres dort malerisch verteiltes Spielzeug, prelle mir kräftig das Schienbein, falle glücklicherweise auf den Rasen und liege buchstäblich auf der Nase.
Mareike steht seelenruhig vor der Felssteinmauer, die unseren Garten von der freien Natur abgrenzt und ruft zum wiederholten Male im höchsten Diskant: »Pappi, komma schnell, ganz schnell!«

      Ich erhebe mich von meiner unfreiwilligen Liegewiese, reibe mit schmerzverzerrtem Gesicht das lädierte Schienbein, eile sodann schnell zu der Kleinen, die immer noch vor der Steinmauer steht. Sie schaut mich mit ihren wunderschönen blauen Äuglein kurz an, gleichzeitig beobachtet sie eine bestimmte Stelle in der Feldsteinmauer. Aufgeregt trippelt sie von einem Beinchen auf das andere.

      Nachdem ich nun durch Augenschein festgestellt habe, dass ihr nichts geschehen ist, beruhigt sich mein Puls doch wieder etwas. 
Jeder Vater und jede Mutter kennt solche plötzlichen Mini-Katastrophen, die durch die Kleinen hervorgerufen werden können. Wie schön, wenn sich dann alles wieder in Wohlgefallen auflöst.

Ich streichle meiner Kleinen sacht über den Kopf und frage dann so ganz nebenbei, was sie denn so aufgeregt hat.
»Pappi, da war eine gaaanz große Schlange!« sagt sie daraufhin und breitet ihre Ärmchen weit auseinander. »Und die ist da reinekrochen.«
Ihr kleiner Zeigefinger weist dabei aufgeregt in eine der unzähligen mit Steingewächsen bewachsenen Mauerritzen.
Zunächst bin ich doch etwas perplex. Eine Schlange? Hier in unserem Garten? Leben denn hier etwa Kreuzottern oder Ringelnattern? Ist mir eigentlich nicht bekannt. Doch dann fällt der Groschen bei mir. Eine Schlange hätte in die schmalen Mauerspalten überhaupt nicht hineinkriechen können. Also: Eine Blindschleiche! Davon habe ich auch schon einige im Garten gesehen. Darauf hätte ich auch gleich kommen können.

»Du, Mareike, wie sah die denn aus, deine Schlange?«
frage ich das Mädchen. 
»Ooch - so silber oder so gold oder so oder auch schwarz«, sagt die Kleine, »weiß nich so genau, die war ja so schnell.«

»Aber, sooo groß, wie du sagst, war sie doch sicher nicht?« frage ich.
Sie schaut mich an, schüttelt dann ihr Köpfchen, dass die Zöpfchen fliegen und meint dann, wieder mit beiden Händen eine Länge anzeigend:
»Aba ganz schön riesig!«

      Gut. Warum sollen fünfundzwanzig Zentimeter nicht riesig sein? Ist eben alles relativ.
»Du Pappi, wenn die da nu wieda rauskommt? Is das nich gefährlich?« 
Ganz ernsthaft fragt sie das, ihre kleine Stirn legt sich in nachdenkliche Falten.
Nachdem ich nun spürte, wie sie dieses Thema doch beschäftigte, klärte ich sie über Blindschleichen auf.

      So ganz überzeugen kann ich sie allerdings wohl nicht, denn die Skepsis ist ihr ins Gesichtchen geschrieben. Gut, denke ich, dann eben anders.
»Weisst du, Schätzchen, die kann gar nicht so schnell wieder raus! Sie hat doch keine Beine. Wie soll sie sich da denn so schnell umdrehen? Die muss rückwärts wieder rauskriechen! Und das dauauauert - da bist du längst weg!«

      Ein bisschen ungläubig schaut sie schon drein, dann jedoch scheint dieses Thema doch abgehakt, jedenfalls fast! Ich sehe sie nämlich noch mehrfach zu diesem Mauerritz laufen, um ihre »Schlange« zu überwachen!

      Ich denke mal, die arme Blindschleiche hat schon längst einen anderen Ausgang gefunden und stört sich an unserer Konversation überhaupt nicht. 
Es gibt halt immer mehrere Möglichkeiten im Leben. Aber das wird Mareike noch früh genug erfahren!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.10.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Es wurde sehr viel geschrieben über jene Jahre der unseligen Diktatur eines wahnwitzigen Politikers, der glaubte, den Menschen das Heil zu bringen. Das meiste davon beschreibt diese Zeit aus zweiter Hand! Ich war dabei, ungeschminkt und nicht vorher »gecasted«. Es ist ein Lebensabschnitt eines grünen Jahzehnts aus zeitlicher Entfernung gesehen, ein kritischer Rückblick, naturgemäß nicht immer objektiv. Dabei gab es Begegnungen mit Menschen, die mein Leben beeinflussten, positiv wie auch negativ. All das zusammen ist ein Konglomerat von Gefühlen, die mein frühes Jugendleben ausmachten. Ich will versuchen, diese Erlebnisse in verschiedenen Episoden wiederzugeben.

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