Wolfgang Küssner

Bruder Jakob

... schläfst du noch? Schläfst du noch? Möchte man in diesen Tagen laut fragend singen, oder laut singend fragen. Egal. Da könnte Bruder Jakob christliche Nächstenliebe praktizieren, den Notleidenden helfen, den Hungernden zu essen geben, doch er scheint erneut in tiefem Schlaf zu liegen. Vielleicht hat er den in den zurückliegenden Jahren erlittenen Verlust vieler einst Gläubiger noch nicht verkraftet. Vielleicht ist er resigniert, verpasst nach der Aufnahme der Geflüchteten, okay, es waren meist keine Christen, erneut die Chance, seine Häuser attraktiv zu machen, wieder zu füllen.

Seit Monaten beherrscht ein Virus das Leben auf diesem Globus, kein Kontinent blieb verschont. Weit über eine Million Menschen verloren bisher ihr Leben. Ein Ende der Pandemie ist nicht abzusehen. Im Gegenteil, in diesen Tagen schießen die täglichen Neu-Infektionen in immer neue Rekordhöhen. Die Regierungen diverser Länder sind gefordert, mit drastischen Maßnahmen ein weiteres Voranschreiten der Erkrankungen zu stoppen. Lockdown! Shotdown! Jedenfalls: Schluss mit lustig.

Restaurants, Theater, Bars, Kinos, Konzerthäuser, Museen, Freudenhäuser, Galerien, Fitness-Studios und diverse andere Einrichtungen müssen schließen, oder werden, wie die bevorstehenden Weihnachtsmärkte, gar nicht erst eröffnet. Verstehe einer diese Maßnahmen. Es fehlt hin und wieder an Logik. Nicht alles ist einfach, nachvollziehbar. Die hoffentlich greifende Zauberformel lautet Kontakte beschränken. Schulen und Kitas dürfen den Nachwuchs weiterhin unterrichten; nicht selten überfüllte Busse und U-Bahnen verkehren unverändert; Kantinen und Kirchen sind von den strengen Maßnahmen nicht betroffen, bleiben somit geöffnet. Hallo, Bruder Jakob! Jetzt käme dein Auftritt. Die große Chance.

Die Kirchen seien, so ist aus Regierungskreisen zu hören, ein besonders sensibler Bereich, folglich sind Gottesdienste unter entsprechenden Hygieneauflagen erlaubt. Kurz zur Erinnerung: Restaurants hatten auch Hygieneauflagen für ihren Betrieb zu erfüllen. Restaurant bzw. Kantine. Da stellt sich die berechtigte Frage, wo ist der Unterschied, wie fllt wohl die Definition für Kantine aus. Bei Wikipedia ist nun zu lesen: Eine Kantine ist eine Gaststätte (!) innerhalb eines Unternehmens oder einer öffentlichen Einrichtung (!), die der Verpflegung der Mitarbeiter mit vornehmlich warmen Mahlzeiten, in den Arbeitspausen, in der Regel der Mittagspause, dient. Weiter heißt es dann bei Wikipedia: Zeitliche Ausnahmen sind u.a. (!) Krankenhaus- und Theater-Kantinen. ..... Im Regelfall können nur Mitarbeiter und Besucher (!) des Betriebes die Kantine besuchen. ..... Deshalb unterscheiden sich Kantinen von der Gastronomie vor allem durch die Zugangsbeschränkungen für Gäste.

Hallo! Bruder Jakob! Hat es jetzt endlich bei dir klick gemacht? Der ökonomische Erfolg vieler Unternehmen basiert darauf, dass zunächst die entsprechenden Gesetzteslücken ausfindig gemacht, diese dann mit entsprechenden Konzepten zum eigenen Vorteil genutzt wurden. Und nun könntest du in Aktion treten, Bruder Jakob.

Zwischen Kirche und Gasthof gab es in der Geschichte immer eine enge Beziehung. In unmittelbarer Nähe eines jeden Gotteshauses befindet sich ein Haus der Gäste. Häufig gings nach dem Gottesdienst direkt zum Frühschoppen, um hier nur ein kleines Beispiel zu nennen. Und da nun die Gasthäuser  geschlossen bleiben, könnte Bruder Jakob den Gemeindesaal in Zusammenarbeit mit dem nächsten Gastwirt doch einfach zur Kantine erklären, oder? Sollte Bruder Jakob schlafen, so darf natürlich auch der nächste Gastwirt an der Kirchen-Pforte klingeln, die Kooperation suchen. Die Kirchen-Kantine (siehe oben u.a.) ist Begegnungsstätte für die Mitglieder der Gemeinde und ihre Besucher (siehe Definition oben), also für künftige, neue Gemeindemitglieder. Das Haus könnte sich wieder füllen. Alles klar Bruder? Verstehst du den Ansatz?

Und sollte der Hinweis kommen, die Gemeinde verfüge über keinen entsprechenden Saal, so wäre darüber nachzudenken, die Aktivitäten direkt in der Kirche durchzuführen. Das Thema Verzehr im Gotteshaus sollte kein Problem sein, bekanntlich werden zu speziellen Anlässen Oplaten offeriert, wird Wein in den heiligen Hallen getrunken. Der Titel dieser nun täglich in geweihten Räumen stattfindenden Veranstaltung könnte lauten: Abendmahl einmal anders. Oder: Das andere Abendmahl.

So neu scheint diese Idee gar nicht zu sein. Bei Google war zu einem sehr berühmten Bild zum Thema Abendmahl zu lesen: Leonardo da Vinci – Tickets für das letzte Abendmahl in Mailand. Doch warum Mailand. Und es muss nicht das letzte Abendmahl sein. Von Flensburg bis Passau und von Wesel bis Bautzen sollte ein Abendmahl auch ohne da Vinci möglich sein. Gleiches gilt von Bregenz bis Eisenstadt, von Linz bis hin nach Klagenfurt.

Der notleidenden Gastronomie könnte geholfen werden, den Hungrigen Speisen serviert. Das ist doch nichts anderes als gelebte, praktizierte christliche Nächstenliebe.

Bruder Jakob, Bruder Jakob,... hörst du nicht die Glocken? Ding, dang, dong. Ding, dang, dong.

 

November 2020

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