Karl Wiener

Wir werden weiter marschieren...

Es war mitten im Krieg. Auf den Schlachtfeldern wurde seit Jahren gestorben. Die deutsche Wehrmacht hielt große Teile Europas besetzt. Auf unseren Wohnort wirkten sich die Kriegshandlungen noch nicht unmittelbar aus. Wir spürten die bedrohliche Lage vor allem durch die zunehmende Zahl der trauernden Familien, die Väter oder Söhne an der Front verloren hatten. Die Bombenangriffe beschränkten sich noch auf Berlin und westdeutsche Großstädte wie Köln, Hamburg und Bremen, Immer mehr ausgebombte Familien kamen in unsere Stadt.

Zu Schuljahresbeginn übernahm ein anderer Lehrer unsere Klasse. Der wollte, daß wir nach der Meldung durch den „Klassenführer“ ein Lied singen. Er deutete auf mich. Ich sollte das Lied anstimmen. Er wollte natürlich zackige HJ-Lieder hören und nannte als Beispiel „Es zittern die morschen Knochen“. Ich mußte darüber lachen, denn ich kannte diese Art Lieder nicht und dachte, der Lehrer mache einen Witz. Der war jedoch sehr erbost und ernannte einen anderen Vorsänger. Heute weiß ich, wie das Lied endet: „Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“. Ja, die Welt fiel in Scherben, aber sie gehört glücklicherweise nicht ihnen.

Wie so oft war ich wieder einmal mit dem Fahrrad unterwegs. Vor einer geschlossenen Bahnschranke mußte ich warten. Auf den Gleisen stand ein langer Güterzug. Es herrschte beklemmende Stille. Niemals werde ich die blassen Gesichter vergessen und die hoffnungslos verzweifelten Augen hinter den mit Stacheldraht gesicherten Luken der Viehwaggons. Diese Menschen kehrten nie zurück. Ich würde ihnen gern an diesem Ort der Begegnung ein Denkmal setzen, bestehend aus miteinander verschweißten Eisenbahnschienen, die so angeordnet sind, daß aus jeder Perspektive ein von Stacheldraht durchwobener Davidstern zu sehen ist.

Das Frühjahrshochwasser hatte die Uferbefestigung eines Baches zerstört. Täglich wurden russische Kriegsgefangene durch den Ort getrieben. Sie mußten bis zum Bauch in eiskaltem Wasser stehend mit bloßen Händen das angeschwemmte Geröll entfernen. Abends führten sie einen zweirädrigen Tafelwagen mit sich, auf dem sie Kameraden, die den Strapazen nicht gewachsen waren, zurück ins Lager brachten. Ich weiß nicht ob diese noch lebten oder tot waren. Wieso sah ich all diese schrecklichen Dinge, von denen andere später nichts gewußt haben wollten?

Der Krieg kam immer näher. Die deutsche Wehrmacht hinterließ auf ihrem Rückzug verbrannte Erde. Sie sprengte Industrieanlagen, sprengte Brücken und zerstörte das Schienennetz. Die alliierten Truppen überschritten schließlich die deutschen Grenzen. Täglich überflogen große Bomberverbände die Stadt. Zu dieser Zeit suchten die Menschen nicht mehr im Luftschutzkeller Schutz. Allzu viele waren unter den zusammenstürzenden Häusern begraben worden oder sind im Rauch der brennenden Gebäude erstickt. Die Leute standen auf der Straße und blickten gebannt nach oben. Der Angriff konnte schließlich auch uns gelten. Ein deutsches Jagdflugzeug schoß einen der Bomber in Brand. Die Menschen neben mir jubelten triumphierend. Der Pilot konnte das stürzende Flugzeug noch einmal abfangen und in schneller Folge sprangen kleine Punkte aus der Maschine. Ich kannte die Zahl der Besatzungsmitglieder dieses Flugzeugtyps und zählte stumm die sich öffnenden Fallschirme. Es waren elf. Alle konnten sich retten.

Einmal war ich in der Nachbarstadt unterwegs, als die Sirenen einen Tagesangriff ankündigten. Gleich anderen suchte ich mich durch Flucht aus dem Stadtgebiet in Sicherheit zu bringen. Ich trat kräftig in die Pedalen. Neben mir bemühte sich eine junge Frau, Schritt zu halten. Sie beklagte sich über die Grausamkeit angloamerikanischer Luftangriffe. Ich hielt ihr entgegen, daß zuerst deutsche Bomben das englische Coventry zerstört hätten und die deutsche Luftwaffe laut deutscher Propaganda ganz England „coventrisieren“ wollte. Ich habe das genau so wenig vergessen, wie die bange Ungewißheit der Bombennächte, in denen deutsche Städte zu Staub zerfielen.

Die Rote Armee hatte einen langen und opferreichen Weg zurückgelegt. Von Leningrad und Stalingrad war sie über die Grenzen Deutschlands vorgedrungen. Das Ende des Kriegs nahte. Die Naziführung agierte immer gereizter. Ich habe die Todesmärsche erschöpfter KZ-Häftlinge gesehen und die Knüppel mit denen sie vorwärts getrieben wurden. Pioniersoldaten errichteten Straßensperren und bereiteten Brücken zur Sprengung vor. Durch Wiederbelebung der Legende vom „Werwolf“ sollte die Bevölkerung für den Fall der Besetzung zu konspirativem Widerstand aufgestachelt werden. Viele Jugendliche meines Alters fanden noch im April 1945 in sinnlosen Kämpfen den Tod. Um all dem zu entgehen flüchteten wir zu Fuß in das Dorf, in dem meine Großmutter wohnte. Dort erlebten wir die letzten Wochen des Kriegs.

Einer der Bauern des Dorfes hatte seinen polnischen Zwangsarbeiter über Jahre hinweg drangsaliert. Als er ihn wieder einmal mit der Mistgabel bedrohte, setzte sich dieser zur Wehr. Der Pole wurde verhaftet. Ein Standgericht verurteilte ihn zum Tode. In einem nahegelegenen Steinbruch wurde er aufgehängt. Ich sah das Hinrichtungskommando auf einem Lastwagen durchs Dorf fahren. Zur Abschreckung mußten die polnischen Zwangsarbeiter aus den umliegenden Dörfern Zeugen der Hinrichtung sein. Ein Schwager des ermordeten Polen, der mit Vergeltung gedroht hatte, wurde erschossen. Die Dorfbewohner befürchteten nun, daß die Ermordung der polnischen Zwangsarbeiter katastrophale Folgen haben könnte. Die letzten Trupps deutscher Soldaten zogen durch das Dorf. Sie hatten den Befehl, keine Gefangenen zu machen und befürchteten, daß dieser Befehl auf sie zurückwirken wird. Einer von ihnen, ein neunzehnjähriger Soldat, hatte Tränen in den Augen als er davon berichtete. All das verbreitete ein Gefühl der Angst und der Ohnmacht.

Schließlich näherte sich die Front. Eines Morgens kamen sie. Ich sah verstohlen aus dem Fenster. Männer in erdbraunen Uniformen sprangen, mit der Maschinenpistole nach allen Seiten sichernd, von Deckung zu Deckung. Später durchkämmten sie die Häuser. Ich hörte Schritte auf der Treppe. Schließlich klopfte es an die Tür. Ich öffnete. Vor der Tür stand ein russischer Soldat mit der Maschinenpistole im Anschlag. Er fragte nicht unfreundlich: „Ponimeisch po russky?“. Sinngemäß richtig doch grammatisch falsch echote ich: „ Ne ponimeisch po russky!“ Das waren die ersten russischen Worte, die ich in meinem Leben sprach. Der Soldat wiederholte mit belustigter Miene meinen Fehler: „Ne ponimeisch“. Noch immer lächelnd drehte er sich um und polterte die Treppe hinunter. Der Vorfall zeigt, daß Völkerverständigung nicht so sehr darauf beruht, daß man die Sprache des anderen beherrscht, sondern darauf, daß man einander versteht und einander Respekt erweist. Er hat tatsächlich angeklopft, etwas nachdrücklich zwar, und gewartet, bis ihm aufgetan wurde.

Draußen herrschte naßkaltes Wetter. Die von schwerem Kriegsgerät durchpflügten Wege waren kaum passierbar. Deutsche Artilleriegranaten schlugen im Dorf ein. Im Haus hatte sich ein Trupp Rotarmisten einquartiert. Sie nahmen, was ihnen wertvoll erschien. Es war ratsam, ihnen dabei nicht im Weg zu stehen. Einer der Rotarmisten trat auf uns zu. In der Hand hielt er ein Paar abgetragene Schnürstiefel, die er in irgendeiner Ecke gefunden hatte. Er deutete auf seine lehmverkrusteten Stiefel, bei denen sich die Sohlen teilweise vom Oberleder gelöst hatten, und auf mich. Wir begriffen, daß er die Schuhe bitter nötig hatte und wissen wollte, ob ich die Schuhe noch brauchte oder ob er sie haben könnte. Die bittende Geste war in dieser Situation so unerwartet, daß sie uns zu Tränen rührte. Der Soldat verstand unsere Tränen wohl falsch, denn er versuchte, uns die Schuhe mit beschwichtigender Gebärde zurückzugeben. Erst nach langem Zureden war er bereit, sie als Geschenk anzunehmen. Diese ausgetretenen Schuhe sind für mich das wohl wertvollste Geschenk, das ich je in meinem Leben machen durfte. Ich hoffe, daß es ihm vergönnt war, trockenen Fußes und gesund nach Hause zurückzukehren.

Am 8. Mai 1945 ging der Krieg mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands zu Ende. Für mich war dies ein Tag der Befreiung. Diejenigen, die sich allein an erfahrenem Leid orientieren und weniger an dem Leid, das durch sie oder mit ihrer Duldung anderen zugefügt wurde, bleibt es ein Tag der Niederlage. Viele haben das wohl bis heute noch nicht begriffen.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Karl Wiener).
Der Beitrag wurde von Karl Wiener auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Wunder der Weihnacht von Werner Gschwandtner



Eine schwere Lungenkrankheit, als Atypische Pneunomie diagnostiziert eröffnete für die Familie Winters einen schweren und vor allem Kostspieligen Leidensweg. Über ein Jahr lang kämpfte ihr acht Jähriges Mädchen nun schon gegen diesen zähen Erreger, doch in der kommenden Weihnachtszeit drohte alles "Aus" zu sein - nur ein Engel in Amy Samanthas Träumen konnte dem kleinen Mädchen nun noch neuen Mut und Hoffnung geben.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wahre Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Karl Wiener

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der aufgeblasene Frosch von Karl Wiener (Gute Nacht Geschichten)
Behinderte Liebe von Heinz Säring (Wahre Geschichten)
Abschied unterm Regenbogen von Michael Reißig (Kinder- und Jugendliteratur)