Peter Kröger

Venedig

 

 

 

Telpmann liebt die Sängerin bis zur Selbstaufgabe, sage ich zu Sorge auf dem Bahnsteig, so was hat die Welt noch nicht gesehen. Obwohl doch bekannt ist, dass sie auf Assberg abfährt, der seinerseits Bärbel Schürwinter vergöttert, die ich für asexuell halte und zwar nicht, weil sie den aasigen Assberg ignoriert, dazu gehört nicht viel, sondern weil sie jeden ersten Samstag im Monat den Lindenbaum auflegt (eine schrecklich öde Aufnahme mit Fischer-Dieskau) und viermal im Jahr den Tod in Venedig liest, stell dir vor, Sorge, sage ich, den Tod in Venedig, sie hat also in den letzten fünf Jahren, seit Assberg ihr nachstellt, zwanzig Mal den Tod in Venedig gelesen, solche Menschen, ereifere ich mich gegenüber Sorge, sind asexuell, mögen sie Schürwinter oder Müller oder meinetwegen sogar Telpmann heißen.

Aber Telpmann gehört allein deshalb schon nicht zum Heer der Asexuellen, weil er weder den Tod in Venedig noch die Trantüte Fischer-Dieskau kennt oder einen sonstigen Hang zu blutleerem Gestammel und Gesumme hat, wie ich Sorge, augenzwinkernd-verschwörerisch mitteile. Der immer leicht tolpatschige Telpmann liebt und begehrt also ausgerechnet die Sängerin, die scharf auf Assberg ist, normalerweise ein Ausschlusskriterium, sage ich zu Sorge, aber nicht für Telpmann, für Telpmann nicht, wer liebt, flüsterte er mir einmal sturzbetrunken in der Gaststätte Blauer Affe zu, wer liebt, pfeift auf den Einwand, auf jeden Einwand, auf alles. Kannst du das nachvollziehen, frage ich Sorge (damit es wie ein Gespräch aussieht), und Sorge verzieht das Gesicht und sagt nichts, und später wird er vermutlich sagen, ich habe ihn totgelabert mit Telpmann-, Assberg- oder Schürwintergeschichten, die keine Sau interessieren. Kein Wunder, denn Sorge ist selbst scharf auf Schürwinter, während mich Schürwinter völlig kalt lässt ebenso wie die von Telpmann bis zur Selbstaufgabe geliebte und angebetete und verehrte singende Frau, die, wie wir wissen, ganz anders als etwa der jaulende Bariton Fischer-Dieskau eine berühmte ausdrucksstarke Schlagersängerin in einem Balkanland ist, die Balkanländer bringen berühmte Schlagersängerinnen hervor, immer schon taten sie das, und diese hier hat Telpmann den Kopf verdreht. Und zu Sorge sage ich, was willst du mit der Schürwinter, nie und nimmer kriegst du eine Asexuelle rum und wenn, dann nur zu einer unglücklichen Ehe, auf lange Sicht machst du dich unglücklich, sieh das doch ein, Sorge, aber du siehst es ja ein und dennoch ändert es nichts, du bist wie Assberg, was rede ich, schlimmer als Assberg, denn Assberg ist von dumpfen Instinkten gesteuert und kreuzdämlich, während du weißt, wovon die Rede ist und mit den Schultern zuckst. Sorge, das muss man dir lassen, ich sage immer, Sorge weiß was gespielt wird, und wenn ich es sage, nickt sogar Assberg, gell, Sorge, es ist zum Totlachen, zum Piepen, lach nur.

Und plötzlich rührt sich Sorge, er, der sich sonst nie rührt, rührt sich, er frage sich nur in dem ganzen Kuddelmuddel, so Sorge, warum die Schlagersängerin auf Assberg abfahre, der dumm wie ein Nasenhaar sei, dumm wie ein Nasenhaar, dumm, dumm, dumm, ein Feind wirkmächtiger Ausgelassenheit obendrein, zumindest hasse er den Balkanschlager wie die Pest, warum also Assberg der Schwarm der Sängerin sei, niemand wisse es, unbegreiflich seien die krummen Pfade der Leidenschaft. Die Schürwinter, sagt Sorge, vergöttere er nicht trotz, sondern wegen ihrer Asexualität, die allerdings keinesfalls angeboren sei, sondern sich quasi aus der wiederholten Lektüre des Klassikers Tod in Venedig allmählich entwickelt habe und somit erworben sei und somit eine Geschichte habe, die ihn, Sorge, mit großer Ernsthaftigkeit Anteil an ihrem Schicksal nehmen lasse, Assberg das Nasenhaar interessiere es lediglich unter dem Aspekt einer erfolgreichen Jagd, die Schlagersängerin interessiere es, weil Balkanbewohner sich einfach für alles obenhin interessierten, also auch für Schürwinter und ihre erworbene Asexualität, und daran wüchsen sie, Balkanbewohner, Schlagersängerinnen, ganz zu schweigen von Schlager singenden Balkanbewohnerinnen, ich wisse das, Sorge sagt: Wir sind uns einig, nur in der Beurteilung Fischer-Dieskaus unterscheiden wir uns, aber darüber zerbricht keine Freundschaft.

Ich glaube Sorge kein Wort, denke ich, oder ich glaube ihm alles, es läuft auf dasselbe hinaus, sein Vortrag ist kernig, im Gegensatz zu Telpmann oder Assberg ist Sorge ein sogenannter kerniger Typ, den Lüge und Wahrheit gleichermaßen kleiden, der allerdings keinen Unterschied macht zwischen dem Angeborenen und dem Erworbenen, wie er behauptet, man muss es nehmen, wie es kommt, heißt sein Leitspruch, ob er auf Sorge selbst zutrifft, sei dahingestellt, aber er glaubt an das Magische in diesen Worten, das reicht. Brächte man Telpmann und Schürwinter zusammen, den wahnhaft Verliebten und die Asexuelle, bliebe Sorge doch wohl die Spucke weg, denke ich amüsiert. Verliebte er sich allerdings zeitgleich in die Schlagersängerin, und löste das Problem im Handumdrehen, und der Kreis, unser Kreis, schlösse sich. Wer seufzt, überdauert. Ich müsste jetzt zu Assberg und reinen Tisch machen, sage ich zu Sorge, Assberg ist die zentrale Figur, wenn wir uns Assberg wegdenken, entfiele der Gegenstand unserer gemeinsamen Betrachtung´über den Sauhaufen zur Gänze, du weißt wie ich, Sorge, sage ich zu Sorge, dass es im Grunde einzig und allein der aasige Assberg ist, der im Zentrum unserer Überlegungen steht, nehmen wir an, ich erdrosselte ihn, wie ich es vorhabe, dann wäre der Weg für Telpmann frei, denn die Balkan-Sängerin griffe umgehend nach dem rettenden Strohhalm, und das ist Telpmann, während du der asexuellen, sinnenfeindlichen Schürwinter endlich ungebremst nachstellen könntest, ohne auf Assberg achten zu müssen, der ja erdrosselt, sagen wir, zwischen verdreckten Leergutkisten hinter dem Blauen Affen läge, beziehungsweise demnächst liegt und zwar selbstverschuldet, wie sich wohl versteht, niemand liegt zufällig tot zwischen verdreckten Leergutkisten hinter seinem Stammlokal und ist ohne Schuld.

Weil du, wie ich weiß, nicht auf den Kopf gefallen bist, sage ich dem verblüfften Sorge, fragst du dich, wo denn mein persönlicher Nutzen liegt, und die Frage ist natürlich berechtigt, da ich in dieser Neuordnung des Kuddelmuddels, wie du es nennst, kein Begünstigter bin. Vielleicht liegt es daran, dass ich Zeit meines Lebens, folglich seit neunundfünfzig Jahren als sogenannter Begünstigter in Liebesdingen ausscheide, also ein gewisses Spezialistentum und ästhetisches Interesse als neutraler Beobachter und gelernter Überleber erlangt habe, ich habe, sage ich zu Sorge lachend, den Tod in Venedig höchstens zehnmal gelesen, wahrscheinlich nur acht- oder neunmal, die Schürwinter lasse ich dennoch als sogenannter typischer Leser dieser hochintellektuellen Schmonzette weit hinter mir. Mehr noch als alles, was wir mit dem Begriff Asexualität umschreiben, erheischt der Tod in Venedig nämlich die Neigung eines Nichtbegünstigten der Freuden der Liebe, ich kritisiere wie du weißt, rufe ich Sorge zu, den doppelten und dreifachen Genitiv auf das Schärfste, dennoch führt er in seiner leiernden Dumpfheit geradewegs zum neutralen Beobachtertum und somit zum Tod in Venedig und somit auf der Überholspur an Mademoiselle Schürwinter vorbei, die ihre Asexualität lediglich vorschützt, um ihren Lesegewohnheiten einen rationalen Anstrich zu geben und ihre Ruhe zu haben, denn wir wollen nicht vergessen, dass wahre Asexualität eine Spielart des Rationalen ist, des zutiefst Rationalen, selbst Freud, lieber Sorge, sage ich dem grinsenden Sorge, nahm früh vom Ficken Abstand, und niemand wird ihn als irrationale Persönlichkeit abstempeln wollen.

Irgendwas wollte ich, richtig, ich war in Gedanken auf dem Weg zu Assberg, um ihn zu erwürgen, er ist mir körperlich unterlegen, aber wer um sein Leben kämpft, entwickelt ungeahnte Kräfte, Assberg ist auf seine Weise ein zäher Hund, du kennst ihn, ein richtig zäher Hund, sage ich Sorge, du musst mir helfen, damit es schneller geht, du hältst ihn, und ich würge, in diesem Fall rechne ich mit einem zwei- bis dreiminütigen Ringen, dann fällt Assberg, then fall Assberg, könnte man sagen, der liebestolle Telpmann greift sich die Balkansängerin, du umgarnst die Schürwinter Bärbel und bekehrst sie oder wirst auch asexuell, ich tippe auf Letzteres, sage ich zu Sorge, möglicherweise erliegt sie auch deinem Werben und schreit mehr, Sorge, mehr, wer kann etwas ausschließen in diesen verdrehten, verflixten Zeiten, jedenfalls muss Assberg weg, tage- ja, wochenlang habe ich über dieses Thema nachgedacht, die Sängerin geht an Telpmann, die Schürwinter an dich, man muss es nehmen, wie es kommt, würdest du sagen, ich, der Nichtbegünstigte, der sogenannte neutrale Beobachter, stieße nach getaner Arbeit im Blauen Affen mit mir selbst an, oder ich erschieße mich jetzt gleich an Ort und Stelle, sage ich zum genervten Sorge, wenn du Assberg sein Leben schenkst, schenken willst, erhänge ich mich, weil Erwürgen nicht geht , hast du schon darüber nachgedacht, warum es viel mehr Selbstmörder als Mörder gibt? Wenn du es nicht weißt, frage ich Telpmann, die Balkan-Tante, den bekloppten Assmann und die Asexuelle, oder vielleicht erwürge ich den ganzen Sauhaufen einer nach dem anderen, nicht mal du bleibst am Leben, manchmal überleben gerade die, die nicht am Leben hängen, also ich, Sorge, sage ich dem jetzt sichtlich mitgenommenen Sorge. Aber sei unbesorgt, letztlich mache ich das, was ich immer mache im November, ich fahre nach Venedig, Venedig-Spezialisten wählen den November als Reisemonat, du weißt doch genau, wovon ich rede. Der Tod in Venedig fährt mit, die verpassten Gelegenheiten des Lebens fahren mit, die Mordlust fährt mit, die Selbstmordlust fährt mit, und in zwei Wochen begrüßen wir uns im Affen, als sei nichts gewesen, nun schau nicht so, wie sagt man, bedröppelt, sage ich dem traurig dreinschauenden Sorge, dieses Jahr fahren wir nicht zusammen, einmal im Leben möchte ich den Tod in Venedig in einem Zug lesen ohne die leiseste Störung, seit Jahren störst du mich bei der Lektüre mit deinen blöden Anmerkungen zu Nebel, Dogen-Geschiss und Gondelseligkeit, großer Gott nein, dieses Jahr nicht, ich spüre es, diesmal wirst du die Rialtobrücke nicht mit einem atonalen, völlig deplatzierten Lindenbaum entehren, der weitaus schlimmer als Fischer-Dieskau klingt, alles soll anders werden, grüß den Saustall, alle vier, und trinkt auf mein Wohl. Drecksack, Schmierlappen, scher dich zum Teufel, sagt Sorge und bleibt traurig am Bahnsteig zurück, und ich besteige den Nachtzug Richtung Lagune, einen Balkanschlager auf den Lippen, und greife nach einer Schmonzette.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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