Qayid Aljaysh Juyub

Story VI: Lebe Deinen Traum

Das Ganze halt, in Linie angetreten! Links um! Rechts um! Richt euch! Stillgestanden!“
Fahnenjunker Steiner betrachtete seinen Schützentrupp mit kritischer Verachtung, während die Mitglieder desselben sich mit wenig Elan bemühten, die gewünschte Formation im rutschigen Schnee einzunehmen. Er liebte es seine Untergebenen wie dressierte Meerschweinchen herumturnen zu lassen, aber dieser müde Haufen machte wirklich keinen Spaß!
„Das gibt es doch nicht, ihr elenden Luschen! Ihr bewegt euch wie bettlägerige Omas! Der ‚Alte Fritz‘ hätte euch dafür Spießrutenlaufen lassen! Na endlich!“
Der Feldherrnblick des Offiziersanwärters ruhte widerwillig auf seinen legendären Legionen, deren vier Mit-glieder eine eher nicht lineare Figur einnahmen. Derweil brach an diesem klirrenden Winterabend Anno Domini 1984 allmählich die Dämmerung herein.
„Bei unserer glorreichen Wehrmacht wäre eine solche Schlamperei nicht vorgekommen. Das waren noch richtige Soldaten: Sauber und ordentlich! Rührt euch!“
Entrüstet schüttelte der verhinderte Wehrmachtsjunker das stahlhelmbewehrte Haupt.
„Hört zu ihr Knalltüten! Im Rahmen des Manövers ‚Schmutziger Sachse‘ wird unsere Einheit hier an der äußersten rechten Flanke der 3. Kompanie des Panzer-grenadierbataillons 999 die Verteidigung vorbereiten und diese Kampfstände besetzen.“
Der Nachfahre unzähliger preußischer Drillmeister deutete mit herrischer Geste auf drei elende Löcher, die je mehrere hundert Meter auseinander lagen und deren äußere beiden im schwindenden Licht nur schlecht erkennbar waren. In bonapartistischer Manier fuhr Fahnenjunker mit seiner Ansprache fort.
„Soldaten, wir sind an der äußersten Flanke der ganzen Division. Das heißt: Die Linie endet hier und nur hier! Rechts von uns steht niemand! Wir sind die letzte Bastion gegen die rote Flut. Ich erwarte, dass die Stellung bis zuletzt gehalten wird!“
Mit einem heroischen Glitzern in den Augen redete sich der Durchhaltespezialist allmählich in Rage.
„Als Reserve steht unser Schützenpanzer circa 1 km südöstlich im Gotenwald bereit und wird mit seiner 20 Millimeter Kanone potentielle Angriffe feindlicher Infanterie- und Panzereinheiten aufhalten. Ich erwarte, dass jeder Mann bis zum letzten Blutstropfen seine Pflicht tut!“
Berauscht von der eigenen Beredsamkeit entgingen dem heroischen Offiziersanwärter die Mienen seiner wenig begeisterten Untergebenen, deren Ausdruck zwischen Langeweile und völliger Geistesabwesenheit schwankten.
„Hauptgefreiter Zibulla vortreten!“
Ein recht bullig gebauter Mensch mit dumpfem Blick, dessen grobes und kompaktes Haupt an die Quadratur des Kopfes erinnerte, tat wie ihm sein Meister geheißen.
„Ich ernenne Sie zu meinem Stellvertreter und vorläufigen Kommandeur dieser Einheit! Zeigen Sie sich dieser großen Verantwortung gewachsen!“
„Jawohl, Herr Fahnenjunker.“
„Zurück ins Glied!“
Mit dem erhebenden Gefühl ein großer Feldherr zu sein, setzte unser Hannibal seine Befehlskette fort.
„Ich komme nun zur Truppenaufstellung: Guderian, Sie übernehmen den Westen! Watterott und Buje sind die Hauptkampftruppen im Zentrum. Zibulla, Sie halten den Osten. Ich selber richte meinen Kampfstand im Schützenpanzer ein und koordiniere von dort aus die Gefechtshandlungen. Zibulla, da wir über keine Funkgeräte verfügen, schicken Sie mir einen Melder, wenn Ihre Stellung überrannt wird oder bei sonstigen besonderen Vorkommnissen. Ferner sorgen Sie dafür, dass die Männer Ihre Stellungen beziehen, wenn ich mich gleich in mein Hauptquartier begebe.“
„Jawohl Herr Fahnenjunker.“
„Abteilung stillgestanden. Präsentiert das Gewehr.“
Seine Ehrenformation verlassend, bewegte sich das militaristische Wunder in Richtung seines gut beheizten Hauptquartiers, in der Eile vergessend, die nicht eben perfekte Ausführung seiner Befehle gebührend zu honorieren – es war halt zu kalt für unseren abgehärteten Generalfeldmarschall!
Sobald ihr Kommandant auf seinen Weg zum ewigen Ruhm aus dem Gesichtsfeld entfleuchte, hörten Guderian, Watterott und Buje auf, Männchen zu machen. Zibulla hingegen – noch immer in strammer Haltung – ging nun daran, stolz seine kommissarische Kommandogewalt wahrzunehmen.
„Rühren!“
Die überraschten Gesichter seiner drei Kameraden verwirrten den unkomplizierten Geist des Hauptgefreiten.
„Los Männer, auf geht’s in die Schützengräber!“
„Schützengräben, Du Hirni!“
Watterott betrachtete seinen kommissarischen Herrn und Meister leicht genervt.
„Und jetzt spiel Dich nicht so auf, sondern verkrümele Dich in Dein Loch.“
Trotz Watterotts eher schmächtigen Statur verschüchterte dessen selbstbewusste Art eine Untertanenseele wie Zibulla zutiefst.
„Na gut, da will ich mal nicht so sein. Ich gehe auf Stellung.“
„Ja, geh nur!“
Schief lächelnd betrachtete der renitente Untergebene seinen wenig überzeugenden Vorgesetzten bei seinem Abgang. Derweil hatten Guderian und Buje – ersterer unbeteiligt, da gewöhnt an solche Auftritte; letzter erstaunt – die Szene verfolgt.
„Patrick, ich mache mich mal vom Acker in mein Loch. Du bleibst am besten mit dem Neco zusammen.“
Guderian schickte sich an, seinen Gefechtsstand zu beziehen.
„Guddi, aber keine Tüte! Wenn Zibulla das mitkriegt, denunziert der Dich bei dem Arschloch und das gibt Riesenärger. Du weißt doch, dass der Typ gerne den Spitzel macht.“
„Na klar!“
„Und wir gehen dann mal in das Scheißloch in der Mitte Neco, da ist es zumindest windstill.“
Watterott und der ‚Neco‘ – eine zu jenen Zeiten gebräuchliche Bezeichnung für Neulinge, die wohl vom englischen ‚Newcomer‘ abgeleitet wurde – begaben sich wortlos in die etwas geräumigere Grube im Zentrum der bescheidenen Hauptkampflinie. Mittlerweile war die Dämmerung einer bleiernen Dunkelheit gewichen, die Watterott dazu veranlasste, mit seiner Taschenlampe für ein wenig, mit Hilfe eines Filters gedämpfte, Beleuchtung zu sorgen.
„Sage mal Buje, wie heisst Du eigentlich mit Vornamen?“
„Harry!“
„Dann hol mal den Wagen! Oh Mann, da müssen Dich Deine Eltern echt gehasst haben; ich bleibe besser bei Buje."
Wie bist Du eigentlich zu unserem Haufen gekommen? Also Zibulla, der kleine Judas, ist ein hoffnungsloser Säufer und wohl der mieseste ‚Uffz-Anwärter‘ aller Zeiten. Zumindest war er das, bevor er mehrmals die Unteroffiziersprüfung versemmelte. Ist ein 12-Ender und wird wohl noch seine letzten 8 Jahre als Hauptgefreiter abreißen. Guddi ist ein kleiner Junkie! Nicht Hardcore, aber der raucht so ziemlich alles. Ich habe die Tochter meines ehemaligen Kompaniechefs gepoppt, das hat natürlich diesem Affenarsch gar nicht gefallen. Also sag schon, wie bist Du hier gelandet?“
„Ich habe Oberstleutnant von Hohenlohe ausgelacht.“
„Den Bataillonskommandeur? Das musst Du mir aber jetzt genauer erklären!“
„Na ja, ich musste mal wieder ne Extrawache schieben, weil Gruppenführer Bromann meine Stiefel nicht hell genug geleuchtet haben. Jedenfalls haben wir gerade unsere Runde gedreht, als wir gerade am Wachlokal vorbeikamen und Hohenlohe samt Adlatus herausgestürzt kamen. Der Wichtel hat wohl wieder eine seiner Überraschungsparties geschmissen und dieses Mal traf es wohl uns. Jedenfalls machte der dann einen Hellraise sondergleichen, vonwegen schlampiger Kleidung und einer dem Wachdienst unangemessene Haltung; wir sind dem wohl nicht wachsam genug durch die Botanik gestapft. Normalerweise spiele ich den ‚braven Soldaten Schwejk‘ für diese arroganten Quadratschädel, aber als ich das Männeken mit seiner quäkenden Stimme so durch die Gegend hüpfen sah, fühlte ich mich gleichzeitig an einen wütenden Vorgartenzwerg und Rumpelstilzchen erinnert. Ich hielt es nicht mehr aus und habe einen Lachanfall bekommen. Das Ende vom Lied war, dass sie mich zum Panzergrenadier degradierten und mich hierher versetzten.“
„Ne üble Sache. Aber wenn es Dich beruhigt, egal was Du jetzt noch machst, zu ner mieseren Truppe können die Dich nicht mehr verschicken.“
Zufällig richtete Buje seinen Blick in Richtung Westfront und bemerkte dort einen kleinen, aber sehr deutlich erkennbaren, roten Punkt.
„Sieht so aus, als ob Guderian gerade etwas rauchen würde.“
Ärgerlich nahm Watterott das vermutete Geschehen in Augenschein.
„Verdammter Idiot, der Typ kifft bestimmt schon wieder. Hoffentlich ist Zibulla schon so dicht, dass er nichts mehr mitkriegt. Ich schau mal nach. Bleib Du hier und lenkst unseren Judas ab, falls der auftauchen sollte.“
Flugs krabbelte der besorgte Kamerad aus der gewaltigen Befestigungsanlage und bewegte sich stetiger Vorsicht auf die vermutete Drogenhöhle zu. Buje ließ seinen Blick zwischenzeitlich Ost und West schweifen, als nach einigen Minuten ein seltsames und für ihn verwirrendes Ereignis eintrat. Aus dem Dunkeln hörte der Beobachter einen leichten Aufprall, der in Verbindung mit leisem Fluchen auf einen Stolperer Watterotts hindeutete, während er gleichzeitig aus den Augenwinkeln eine Lichterscheinung über Guderians Gefechtsstand wahrnahm. Als nun der Panzergrenadier seine volle Aufmerksamkeit auf Guddis Wirkungsstätte richtete, begrüßte ihn von dort nur noch die Dunkelheit. Leicht konfus wartete der Zurückgebliebene ab, bis nach einer guten Viertelstunde sein Compagnon zurückkehrte.
„Er ist weg, verdammt. Ich habe die unmittelbare Umgebung durchsucht. Der ist auch nicht pissen.“
„Hast Du auch das seltsame Licht bemerkt?“
„Welches Licht? Du ziehst Dir doch nicht auch was rein? Jedenfalls haben wir keine Zeit für Spinnereien! Wenn unser Drogenbaron hier durch die Wälder irrt, ist der bis morgen tiefgefroren. Wegen dem Denunzianten habe ich mich nicht getraut, seinen Namen laut zu rufen. Ist zwar blöd, aber wir müssen jetzt schnell diesen verdammten Zibulla holen, um vernünftig suchen zu können!“
Der so Titulierte genehmigte sich gerade den dritten kräftigen Schluck aus seiner mit Jägermeister gefüllten Feldflasche, als sein fröhliches Gelage durch die zwei ungebetenen Besucher jäh gestört wurde.
„Du bist doch nicht etwa voll Zibulla?“
Voll ungerechter Empörung blitzte das angeheiterte Haupt aller Gefreiten Watterott an.
„Wat isch? Isch bin so wat von nüchtern!“
„Dann komm mal aus Deinem kleinen Loch hervor, ich muss mit Dir reden!“
Umständlich kletterte der Stellvertreter des Schützentruppführers aus seiner übel riechenden Grube hervor.
„Wat is denn?“
„Hör zu! Guderian ist wohl beim Pinkeln vom Weg abgekommen und muss sich verirrt haben. Wir drei sollten das auf dem kleinen Dienstweg lösen und gemeinsam nach Guddi suchen; erspart uns allen Ärger.“
„Kommt nischt inne Tüte, isch bin Führer hier. Buje, Du gehst auf melden. Wir warten hier aufen Fahnenjunker.“
„Also gut Addolf! Du denunzierst uns ja sowieso, da schadet es auch nicht, Deinen Herrn und Gebieter zu holen. Buje, sei so gut und informiere unseren wundervollen Anführer. Ich fürchte, wenn wir Zibulla losschicken, findet der den Weg nicht und wir müssen zwei weiße Wanderer suchen. Ich fange schon einmal an, mit Zibulla die Gegend abzuklappern. Zumindest scheint der noch gerade stehen zu können.“
„Isch will ma nich so sein, so machen wa dat!“
Mit gewohntem Durchsetzungsvermögen unterwarf sich der befehlsgewohnte Hauptgefreite den durchaus vernünftigen Anordnungen seines Untergebenen. In-zwischen machte sich Buje kommentarlos auf den Weg zur strategischen Schützenpanzerreserve.
„Also hopp Zibulla! Wartest Du auf Weihnachten! Lass die Hosen wackeln!“
Der Suchtrupp machte sich zielstrebig, wenn auch zu einer Hälfte leicht schwankend, auf den Weg.
Einige Zeit vor dem Aufbruch der Rettungsexpedition unterhielten der Obergefreite Franz Knoddelhuber und Stabsunteroffizier Erwin Lommer, dessen jüngerer Bruder mit seinem Untergebenen intim befreundet war, munter im Inneren ihres heruntergekommenen Schützenpanzers.
„… und als unsere Gurke mal wieder wegen Motorschadens in der ‚Inst‘ war, mussten wir Richtschützen ja auf Anordnung von Fatzo persönlich mit dem Schützentrupp Gräben ausheben und das bei 20 Grad minus.“
Breit grinsend unterbrach der Panzerkommandant seinen Untergebenen.
„Obergefreiter Knoddelhuber, das habe ich überhört. Ich möchte auch nicht, dass man Hauptmann German Höring beispielsweise ‚Fette Sau‘ – vom Redner betont – oder ‚Schweinsgesicht‘ – ebenfalls betont - nennt! Aber rede weiter!“
„Also dieser Fatzke kommt vorbei und starrt mich an wie die Schlange das Kaninchen. Dann fängt der an, mich vollzulabern: Er hätte sich gerade die Zunge am heißen Kaffee verbrannt und ähnlichen Mist. Dann kam aber der Hammer. Glotzt der Typ mich doch mitleidig an und meint dann: ‚Auch die Herren Richtschützen müssen irgendwann ins Gelände und nicht nur ihr armen Schweine vom Schützentrupp!‘ Hat es gesagt und war schneller weg, als ich meinen vor Erstaunen geöffneten Mund wieder schließen konnte. Bei dem Typen überkommt mich manchmal das große Kotzen.“
„Das ist ja noch gar nichts, im Vergleich zu von Hohenlohe. Also Franz, dieser zu kurz geratene Choleriker hat definitiv einen Napoleonskomplex. Ich habe ihn beim letzten Bataillonsappell dabei beobachten können, wie er seine Hand in bewusster Pose zwischen die Knöpfe seiner Uniformjacke schob. Außerdem redet der zunehmend in der dritten Person, so wie Julius Caesar.“
Lommer nahm die übliche, leicht wippende Pose seines Bataillonskommandanten ein und versuchte dessen schrille Stimme zu parodieren.
„Wenn der Oberstleutnant befiehlt den Hügel zu halten, dann hat das Bataillon bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone zu kämpfen, während der Obstleutnant Verstärkung holt…“
Ein lautes Pochen gegen die Heckklappe unterbrach jäh die künstlerische Darbietung. Knoddelhuber blickte mit einer unguten Vorahnung zum Eingang des gut beheizten Mannschaftsraums, in dem er es sich mit seinem jovialen Vorgesetzten gemütlich gemacht hatte und öffnete diesen. Herein gestolpert kam der vor Kälte zitternder Fahnenjunker.
„Steiner, was zum Teufel hast Du denn hier zu suchen?“
Ein warnender Blick des Richtschützen ließ den Panzerkommandanten sich besinnen.
„Na dann setz Dich mal zu uns! Was gibts?“
Der Angesprochene jedoch konzentrierte seine Aufmerksamkeit zunächst auf Knoddelhuber.
„Obergefreiter, stillgestanden. Was ist das für eine unvorschriftsmäßige Haltung, wenn ein Vorgesetzter den Raum betritt. Hopp, 120 Liegestütze!“
„Moment Steiner. Knoddelhuber, Sie müssen die Einsatzbereitschaft unserer schweren Artillerie überprüfen und die Panzerketten ölen. Treten Sie jetzt ab. Ihre Bestrafung übernehme ich später persönlich.“
Der Obergefreite beeilte sich aus der Reichweite des personifizierten Sturmgeschützes bundesdeutschen Militarismus zu kommen. Als dieser vorläufig seinem Zugriff entronnen war, aktivierte der Fahnenjunker umgehend den Verschlussmechanismus der Heckklappe.
„Verdammt kalt, was Steiner?“
„Einem deutschen Soldaten kann Kälte nichts ausmachen. Ich bin nur hier, um das Gefecht von hier aus zu leiten; wegen des strategischen Überblicks. Als eher unbedarften Unteroffiziersdienstgrad mag Ihnen das fremd sein. Derartiges erlernt man durch intensives Studium der Militärphilosophie! Vorallendingen, wenn man die Werke des großen Samuraiführers Sun Tzu studiert. Der sagte schon im Mittelalter: ‚Der Krieg ist Vater aller Dinge.‘ Verstehen Sie wohl nicht, aber Sie können nichts dafür. Dafür bin ich ja ein angehender Offizier.“
„Ich erblasse förmlich vor Ihrem Wissen. Ich dachte doch wirklich, den Spruch hätte so ein oller Grieche namens Heraklid abgelassen und dass es im antiken China Samurai gegeben haben soll, ist mir auch völlig neu.“
„Sehen Sie Lommer, man lernt nie aus…“
Hier kürze ich leserschonend ab, da die folgende Konversation, die zu wesentlichen Teilen aus den vermeintlichen Vorzügen der glorreichen Wehrmacht, dümmlichen Sprüchen, militärischem Unwissen und den nicht verstandenen, sarkastischen Einwürfen Lommers bestand. Steigen wir also wieder ein, als einige Zeit später ein erneutes Klopfen, den überaus geistreichen Dialog unterbrach.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“
Lommer, der kurz vor einem Tötungsdelikt stand und vermutlich aus mildernden Umständen freigesprochen worden wäre, atmete erleichtert auf.
„Am besten Steiner, Du machst mal auf.“
Unwillig, weil die behagliche Wärme zu entweichen drohte, öffnete der geschmeidige Redner die Pforte zu Winterbundeswehrwunderwelt. Davor stand Buje, der es eilig hatte, seine Meldung hinter sich zu bringen.
„Herr Fahnenjunker, Sie müssen mitkommen. Der Gefreite Guderian ist verschwunden.“
„Was ist das für eine ungeheuerliche Sauerei! Nehmen Sie gefälligst Haltung an, Sie Saukerl und machen Sie eine vernünftige Meldung. In der Wehrmacht gab es kein so mieses Menschenmaterial! Stillgestanden. 300 Liegestütze, hopp, hopp.“
Der Stabsunteroffizier fühlte sich angesichts der Tatsache, dass der humanistisch gesinnte Offiziersanwärter kurz davor war durchzuknallen, bemüßigt einzugreifen.
„Überlassen Sie den Mann mir, Steiner. Ich werde ihn schon disziplinieren. Als Unteroffizier bin ich ja eher der Mann fürs Grobe.“
Derweil hatte sich der tödlich beleidigte Menschenführer leidlich beruhigt.
„Stimmt Lommer, für niedere Disziplinarmaßnahmen sind Sie schon eher geeignet. Der Kerl gehört Ihnen!“
„Zu gütig, Herr Fahnenjunker. Also Buje, reden Sie!“
Eingeschüchtert gab der kleine Rebell seine Version des wundersamen Verschwindens Guderians wieder.
„Deshalb kommen Sie zu mir? Weil der kleine Kacker vermutlich im Wald eine Wurst legt! Zibulla wird das schon richten! Und nun zur Bestrafung Lommer!“
„Ich fürchte Herr Fahnenjunker, dass Sie sich schon um Ihre Männer kümmern sollten. Außerdem ist mein Dienstgrad Stabsunteroffizier.“
„Sie haben mir nicht zu befehlen, wie ich meine Truppen führe, Herr Stabsunteroffizier!“
„Natürlich nicht, Herr Fahnenjunker. Aber ich glaube nicht, dass es Ihr Onkel gutheißen wird, wenn einem Ihrer Männer ernstlich etwas passiert. Schließlich fürchtet unser Oberstleutnant schlechte Presse mehr als der Teufel das Weihwasser!“
Der Hinweis auf seinen bisher wohlgesonnenen Ver-wandten bewog den unwilligen Offiziersanwärter seinen Entschluss nochmals zu überdenken.
„Warum muss ich immer alles alleine machen. Also gut. Buje: Sie machen jetzt 400 Liegestütze in der Schneewehe da. Marsch, marsch. Ich werde jetzt zu meinen Truppen gehen und für soldatische Ordnung sorgen. Wenn ich zurück bin, habe ich meinem Onkel einiges über Ihr Verhalten zu berichten Lommer!“
Nassforsch schritt der gewaltige Kriegsmann seinem Schicksal entgegen.
„Das Du der Hackfresse nicht schon längst den Marsch geblasen hast, wundert mich!“
Knoddelhuber als unfreiwilliger Zeuge der Szene konnte sich eines Kommentars nicht enthalten.
„Wenn dieser Hitlerjunge nicht Hohenlohes Neffe wäre, hätte ich dem vermutlich schon im stillen Kämmerlein eine reingehauen. Buje: Hören Sie mit den Faxen auf. Gehen Sie in den Schützenpanzer und wärmen Sie sich auf, bevor dieser Nazi-Jungen-Junker Sie wieder in die Krallen bekommt…“
Steiner erreichte die leeren Stellungen seiner bescheidenen Truppe eine gute Viertelstunde später. Von seinen bedauernswerten Untergebenen fand sich keine Spur, obwohl er im Kommandoton die auswendig gelernten Sprüche in den Wald schrie. Waren diese Bastarde trotz seiner kompetenten und menschenfreundlichen Führung etwa gemeinschaftlich desertiert? Zuzutrauen wäre es Ihnen! Da lobte er sich doch die Wehrmacht, dort gab es keinen Defätismus. In solch tiefgründigen Gedanken versunken, bemerkte er erst spät das fliegende Objekt, das circa 10 Meter über seinem teutonischen Schädel starr in der Luft stand. Ihm fiel auf, dass das Teil Ähnlichkeit mit einem Kinderkreisel besaß und ungefähr so groß, wie ein kleiner Hubschrauber war – für die Kenner unter uns: So zwischen R22 und BO105! Eine Teufelei der Sowjets? Seine Gedanken brachen ab, als ihn ein blaues Licht, das von dem Objekt ausging, erfasste.

*

Guderian erwachte auf einer blauen Wiese und blickte einem rosa Einhorn in die lächelnden Augen. Was für ein Wahnsinnstrip, dabei hatte er sich doch nur einen einzigen Joint reingezogen. Als er sich allmählich erhob, fiel ihm die Sache mit dem blauen Licht wieder ein; diese Erinnerung währte aber nicht lange. Selig lächelnd sah er die Ecstasy-Sträucher und die gigantischen Joint-Pflanzen an. Da wusste er: Dies war das Land hinter dem Regenbogen, wo das Gras auf den Bäumen wuchs. Dort, wo er hingehörte (…)

Zibulla erwachte im Bett seiner eigenen Kasernenstube. Warum war er eigentlich nicht im Wald und was war das für ein komisches Licht, indem er und Watterott plötzlich badeten? Dann fiel ihm ein, wer er eigentlich war: Nachdem er eine tolle Karriere durch die Unteroffiziersdienstgrade durchlaufen hatte, beförderte Oberstleutnant Hohenlohe ihn höchstselbst zum Haupt- und Kompaniefeldwebel seiner persönlichen Prätorianergarde; alle respektierten und fürchteten ihn. Als sein Blick auch noch auf seine umfangreichen Spirituosenvorräte fiel, lächelte Zibulla selig (…)

Watterott erwachte schweißgebadete in seinem Luxusbett neben dem Topmodel, das sich ihm gestern an den Hals geworfen hatte. Seit er den Jackpot gewonnen hatte, war er der Koi im großen Karpfenteich. Was war das nur ein unmöglicher Traum: Er beim Bund als voll der Loser! Er beschloss das Model für eine weitere Runde zu wecken (…)

Ein Fußtritt in die Seite weckte Steiner auf unangenehme Weise.
„Aufstehen Soldat, Zeit für den Angriff!“
Als er die Augen öffnete, bot sich ihm der Anblick eines unrasierten Unteroffiziers in ebenso zerlumpten wie verdreckten Wehrmachtsuniform.
„Wo ist das UFO? Wo bin ich nur und was ist das für eine Ruine?“
„Du willst mich wohl verarschen Schütze Steiner. Wir sind noch immer in Stalingrad, eingekesselt und völlig im Arsch! Und nun auf zum fröhlichen Krepieren. In der Hölle haben Sie schon einen Platz für Dich reserviert!“ (…)
Steiner verlor im Gegensatz zu seinen ehemaligen Untergebenen nicht das Gedächtnis. Er befand sich nicht unter jenen, die auf Geheiß Ihrer unmenschlichen Herren an der Wolga elendiglich verreckten, sondern ging in sowjetische Kriegsgefangenschaft; zu den Wenigen, die zurückkamen, gehörte er aber auch nicht.

Also Freunde, bedenkt gut, was ihr euch wünscht, denn es könnte in Erfüllung gehen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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