Peter Kröger

Grappa. Ein Anstoß.

 


 

 

 

 

 

Ich legte auf. Nun galt es. Ein Wagnis? Ein Versuch. Eine Chance bei gutem Verlauf. Als ich in Pöseldorf ankam, war die gnädige Frau außerhäusig und die Tür zur Villa stand offen. Ich klingelte. Man wusste ja nie. Nichts rührte sich. Ich trat ein. So weit, so gut. Den Grundriss hatte ich im Kopf.

Auf dem Küchentisch lag unübersehbar die aufgeschlagene Zeitung mit den Kontaktanzeigen, meine war rot markiert, daneben ein Mobiltelefon und ein paar verstreute Geldstücke, wie in reichen Haushalten üblich, schätzungsweise fünf Euro, vielleicht sechs. Die Luft war zum Schneiden, weil der dicke Jan Niedermeyer - einst ein stattlicher Schalter und Walter, ein schneidiger Dagobert, seit langem aber nur noch ein Schatten seiner selbst, ein Keucher, Röchler, ein Abschiednehmer, so seine Gattin - weil also dieser Magnat noch immer Schweiß und anderes, Unaussprechliches, wenn auch Allzumenschliches, abzusondern schien und zwar direkt vor mir auf dem Küchenboden, wo Janni, wie ich ihn freundschaftlich bis heute nenne, im Bademantel auf dem Küchenboden kniete, als lebte er noch, seine hohe Stirn an der Kühlschranktür angelehnt, seine weit geöffneten Augen ins Nichts gerichtet. Ich wandelte durch die riesige Villa und dachte nach. Wie war nun vorzugehen? Ein Arzt musste benachrichtigt werden, die Polizei, ein Bestatter. Mir fiel erst jetzt auf, wie wunderbar dieser Herbst war. Nicht zu vergleichen mit den Jahren zuvor. Und speziell in diesem Tag steckte Pfeffer, das war überdeutlich. Sogar eine echte Leiche gab es.

Es klingelte an der offenen Tür. Das verabredete Zeichen. Kurz darauf stand Frau Niedermeyer vor mir und umarmte mich. Genau mein Typ, kein junges Gemüse, was wollte ich mehr? Wo ist Jan?, fragte sie scheinheilig und küsste meine Wangen. Herrlich. Dieses Theater! In der Küche, sagte ich ernst. Es geht ihm nicht gut. Was war ein Gift, nach dem niemand suchte noch suchen musste? Was war ein Plan, den es nicht gab und dennoch geben durfte? Sehnsucht floss in unseren Adern. Die Zeit drängte. Das Wie und Wo dessen, was folgte, lag ganz in den Händen der wilden Gespielin;  wir liebten uns in Windeseile auf dem Küchentisch. Die Niedermeyer leitete das Geschehen in souveräner Manier und navigierte lässig auf hölzernem Terrain, als sei dieses nicht ganz unsportliche Treiben ein Ausdruck spielerischer Unbekümmertheit; der Tisch hielt stand, knorrig-fest, unbeugsam, feinste Pöseldorfer Ware. Das Kleingeld steckte ich ein. Parkgroschen, dachte ich, haben oder nicht haben, Pöseldorf war teuer. Jan verzog keine Miene. Seine Zeit war um. So endeten wir alle. Das Leben ging weiter. Ich mochte ihn.

Arzt und Bestatter trafen ein. Die Polizei stellte Fragen, pflichtgemäß. Unser Leben währet siebzig Jahre, sagte ich demütig. Ich war ein Freund der Familie, was sonst. Der Arzt unterschrieb den Totenschein. Der Kommissar nickte. Johanna Niedermeyer weinte Tränen der Trauer und Glückseligkeit. Es lief wie am Schnürchen. Wir beide also. Die Witwe Niedermeyer. Und ich.

 

Junger Mann sucht resolute Frau, gern älter, die Italien mag und guten Grappa. Placet expiriri. Durch dick und dünn. Wer will?

 

Das war der Anzeigentext. Und nun? Schnur geben, einfach laufen lassen, dachte ich. Seit zwei Stunden kannten wir uns. Die Dienstleister zogen ab mit dem dicken Janni im Gepäck. Ein Fläschchen mit feinstem Tresterbrand wurde geöffnet, die Fenster der schönen Villa aufgerissen. Warme Herbstluft strömte herein. Schon klirrten die Gläser. Auf unser Wohl! Wir mochten uns. Viva Italia! Die Zeichen standen auf Vielleicht. Unser Glück begann.

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