Susanne Radlach

Morgen am See

Tau hat sich in Gräsern und Schilfhalmen verfangen, seine Tropfen glitzern im ersten Morgenlicht. Glatt wie ein Spiegel liegt der See vor mir.

Feuchte Luft liegt wie leichter Nebel auf dem Wasser. Das Bootshaus am anderen Seeufer ist kaum zu erkennen. Ein weißer Reiher schwebt mit langsamen Flügelschlag vorbei. Ein wenig später folgt ein zweiter. Beide Vögel schwingen sich lautlos hinauf zum hellblauen Himmel und ziehen vor dem weißen Halbmond vorbei.

An langen Stangen, die weit aus dem Wasser ragen, ist ein Fischernetz befestigt. Zwischen den Stangen hängt es durch. Die Reihe von spinnwebdünnen Dreiecken zieht sich in den See hinaus. Dahinter schwimmen Kormorane auf der glatten Wasserfläche, gut erkennbar an ihren langen Hälsen.

Plötzlich entschließen sie sich aufzufliegen. Vom Zentrum des Schwarms schwimmt ein jeder nach einer anderen Richtung, schlägt mit den Flügeln und kämpft sich aus dem Wasser. In einer langen Reihe flattern sie dicht über dem Wasser davon.
Ich atme tief ein. Es liegt ein leichter Blütenduft in der Luft und ein wenig riecht es nach See. Es ist ruhig hier am Ufer. Nur das Krächzen einer Krähe aus der Ferne und das leise Meckern eines Schafes vom Bauernhof am anderen Ufer sind zu hören.
Dann rauscht es plötzlich. Ich sehe mich um und kann mir nicht erklären, woher dieses Rauschen kommt. Es verstummt. Dann erklingt es noch einmal. Und verstummt erneut. Wieder und wieder, in unregelmäßigen Abständen ertönt dieses Rauschen. Es erinnert mich an Brandungsrauschen. Doch woher soll das kommen an diesem stillen Morgen an diesem kleinen See? Es ist kein technisches Geräusch. Es kommt nicht vom Wasser vor mir, nicht vom anderen Ufer, nicht aus der Siedlung. Wenn es ertönt, kommt das Rauschen von links. Doch dort ist nur Seeufer und Wald.

Ich wundere mich und gehe langsam auf den glatten, feuchten Steg hinaus. Als ich am Ende des Steges stehe, liegt der ganze See vor mir. Keine Welle bewegt das Wasser.

Einige Blesshühner schwimmen in der Ferne. Es ist still. Ein Raubvogel zieht über dem Wald seine Kreise und nähert sich dem Ufer. Die Blesshühner schwimmen zusammen und bilden bald einen einzigen dunklen Fleck auf dem Wasser. Plötzlich schlagen sie aufgeregt mit den Flügeln. Welch eine Aufregung! Der Raubvogel kommt näher, das Gewimmel der Blesshühner wird wilder. Und dann höre ich es wieder, dieses gewaltige Rauschen! Es sind die Blesshühner, die durch ihren Flügelschlag und das Spritzen auf dem Wasser dieses Rauschen erzeugen.

Der Raubvogel dreht ab. Das Rauschen verstummt und die Blesshühner verteilen sich wieder ruhig schwimmend. Als sich der große, schwarze Vogel erneut nähert, wiederholt sich das Schauspiel.

Ich bin fasziniert. Aus einzelnen, wehrlosen kleinen Vögeln machen die Blesshühner einen großen, wimmelnden Schwarm und verwirren damit den Raubvogel. Er kann durch das Gewimmel kein einzelnes Huhn erkennen und greifen. Als der Raubvogel erfolglos zu anderen Revieren abdreht, verlasse auch ich den stillen See, in mir eine warme Freude über dieses fesselnde, lehrreiche Naturschauspiel.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Vom Ufer aus von Hans Witteborg



Die Gedichte begleiten durch die vier Jahreszeiten und erzählen wie die Natur erwacht, blüht und welkt, wissen von reicher Ernte zu berichten. Der Spätsommer im Park, winterliche Gefilde oder Mailandschaften scheinen auf. Der Autor verwendet meist gereimte Zeilen, zeigt sich als Suchender, der neues Terrain entdecken möchte. Der Band spricht von den Zeiten der Liebe, zeigt enttäuschte Hoffnungen und die Spur der Einsamkeit. Wut und Trauer werden nicht ausgespart. Es dreht sich das Kaleidoskop der Emotionen. Der kritische Blick auf die Gesellschaft und sich selbst kommt zum Zuge. Kassandras Rufe sind zu hören. Zu guter Letzt würzt ein Kapitel Humor und Satire. So nimmt der Autor seine Zettelwirtschaft aufs Korn, ein hoffnungsloser Fall.

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