Wolfgang Hoor

Der kleine Brill oder die richtige Einstellung zum Sonntag

Der kleine Brill oder die richtige Einstellung zum Sonntag

1957. Deutschunterricht in der Klasse neun an einem humanistischen Gymnasium. Vorne, auf erhöhtem Pult, liegen Hefte. Unser Klassenlehrer, ein älterer, behäbiger, massiger Mann, gibt Deutscharbeiten zurück. Er greift nach einem Heft, schlägt es auf, liest ein paar fehlerhafte Stellen vor, korrigiert sie, ruft den Aufsatzschreiber nach vorne und sagt ihm die Note. Dann das nächste Heft. Man langweilt sich. Der Lehrer ist gutmütig, die Spannung mäßig, die Fünfen sind rar. Die Prozedur interessiert nur den, dessen Arbeit gerade besprochen wird. Die Noten sind Gerichtsurteile, aber weil es kaum Fünfen gibt, fühlt sich kaum einer erniedrigt.

Erst als der kleine Brill, der vor mir sitzt, zusammenzuckt, weil ein Satz von ihm dran ist, steigt die Spannung. Der kleine Brill! Er kommt vom Lande aus einer Arbeiterfamilie; ein bisschen Vieh haben sie zu Hause. Er kann herrlich singen, aber Deutsch kann er nicht. Er kauft sich Interpretationen, lernt Inhaltsangaben auswendig, memoriert Charakteristiken, übt gliedern und begründen - und schreibt Fünfen, eine nach der anderen. Ohne Furcht und Tadel kämpft er, voller Hoffnungen, bis zur nächsten Katastrophe. Seine Gedanken sind nicht tief, sagt der Lehrer, er schreibt ungereimt und vielfach am Thema vorbei. Ich glaube, was der Deutschlehrer sagt, er ist ein gutmütiger Mensch, ich mag ihn. Aber den kleinen Brill mag ich auch. Heute warte ich auf den Durchbruch, ich zittere mit ihm. Der Aufsatz war nicht schwer, keine Charakteristik oder Interpretation, sondern ein freies Thema. „Wie ich meinen Sonntag verbringen möchte.” Das muss er doch geschafft haben!

Der Deutschlehrer beginnt mit ein paar Kleinigkeiten. Wie schreibt man...? Was sagt man, wenn...? Dann macht er eine längere Pause. Jetzt müsste er Brill nach vorne rufen und ihm die Note sagen. Es hat alles ganz versöhnlich begonnen. Doch dann geschieht das Unerwartete. Aus Brills Aufsatz wird eine längere Passage kommentarlos vorgelesen. Sie handelt vom Sonntag, an dem man lange ausschlafen kann, bis elf, halb zwölf, vom Sonntag, an dem man zu nichts verpflichtet ist, nichts tun muss. Kein Kirchgang, aber die Schlagerparade, kein gemeinsamer Spaziergang, aber die Vorfreude auf den Western im Kino des Nachbarortes. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen. Was für ein Sonntag! So also kann es auch sein, sonntags, und keine Missstimmung, keine Langeweile, jede Menge Kameraden, die auch ins Kino wollen. Alles ist, wie ich finde, einleuchtend und verständlich dargestellt, nicht ungereimt, nicht am Thema vorbei. Das muss eine ordentliche Note sein, denke ich. Endlich. Brill hat es geschafft! Ich lehne mich zurück und warte auf den lobenden Kommentar.

Oder??? Die Pause nach dem Vorlesen dauert lange. Es ist sehr still geworden. Dann fragt der massige Mann in verändertem Tonfall, nicht ärgerlich, aber doch etwas von oben herab, und seine Wangen blähen sich dabei auf, ob ihm, Brill, beim Wort „Sonntag” wirklich nichts anderes einfalle als „ausschlafen” und „faulenzen”? Ob DAS für ihn Sonntag bedeute? Sonntag, der heilige Tag in der Woche! Brill zuckt zusammen. Sonntag! Das Wort hat ihn erschlagen. Er bekommt einen roten Kopf und die gewohnte Fünf. Jetzt bleibt es eine Weile ruhig. Diejenigen, für die die Note noch aussteht, warten jetzt mit gemischten Gefühlen. Also war der Aufsatz doch nicht so leicht! Am Thema vorbeischreiben - nicht wissen, was Sonntag wirklich bedeutet und was er von einem verlangt, das war die Falle gewesen!

Es dauert lange, bis meine Arbeit drankommt. Sie wird nicht vorgelesen. Ich habe mir den Sonntag so zusammengedichtet, wie es meinem Vater hätte gefallen können: mit Kirchgang, gemeinsamen Mahlzeiten, mit Lesen und einem ordentlichen Spaziergang; ich habe ein paar schöne Ausdrücke für das Zusammensein in der Familie gefunden, habe die Zuversicht ausgedrückt, dass der Sonntag das gegenseitige Verständnis in der Familie fördere. “Gut!” steht am Rand. Ich habe mir ausgemalt, dass mein Vater und ich mit Geige und Harmonium wie zu Weihnachten Hausmusik betreiben, (was bisher noch nie vorgekommen ist). “Sehr gut, sehr tief!” steht am Rand. Ich atme tief durch. Gut, dass nichts von der Sonntagslangeweile im Aufsatz steht, nichts von der einschläfernden Predigt im Gottesdienst, dem Schweigen bei Tisch, dem Gezerre unterschiedlicher Interessen beim Spaziergang. Und die Arbeit trägt das Gütesiegel “Zwei plus”. Einige schwerfällige Ausdrücke wie immer, aber tiefe Gedanken. Das Gütesiegel dringt über die Augen ins Hirn und in den Magen, durchdringt den ganzen Körper und bewegt das letzte Flimmerhärchen. Gut. Tief. Thema voll erfasst.

Obwohl Brills Sonntag mich immer noch fasziniert, fange ich an zu glauben, dass die Noten gerecht sind. Es stimmt eben. „Sonntag” soll etwas Feierliches, Schweres sein. Da kann man nicht einfach schreiben, was man wirklich macht und empfindet. Ich gebe Brill meinen Aufsatz zu lesen, damit er besser versteht, warum seiner am Thema vorbei ist. Jetzt, mit der „Zwei plus” drunter, kann ich die Arbeit ohnehin jedem in die Hand drücken, der mich vielleicht ohne das Gütesiegel der Note wegen meinem feierlichen und unrealistischen Sonntag ausgelacht hätte. Brill liest und fragt am Ende. “Wie machst du das bloß?”

Hätte mir damals jemand gesagt, ich hätte einen Aufsatz ganz nach den Wunschvorstellungen der christlich orientierten Lehrer und Eltern geschrieben, ich hätte ihn nicht verstanden. Nein, das waren schon meine eigenen Wünsche, die ich niedergeschrieben hatte, herausgefiltert aus dem wirklichen Sonntagseinerlei, das ich kannte. Es waren damals für mich keine Phrasen und keine Lügen. Ich wünschte mir einen christkatholischen Beamtenkindersonntag, weil ich den proletarisch-faulen Arbeiterkindersonntag nicht kannte. Brill hatte Wünsche niedergeschrieben, die ich mir bis dahin gar nicht hatte vorstellen können und die ohne Zweifel auch meine hätten werden können. Aber meine Zwei und seine Fünf verboten mir, sowas ernsthaft in Erwägung zu ziehen

„Wie machst du das bloß?” fragte mich Brill mit rotem Kopf und herabhängenden Mundwinkeln. Er war vernichtet. Ich wusste damals noch nicht, dass ich ihm hätte antworten müssen: Ich wachse eben im richtigen Elternhaus auf. Meine Eltern haben die richtige Einstellung. Ich wusste nur, dass er mir sehr leid tat. Warum hatte der Lehrer seinen Aufsatz vorlesen müssen? Warum hatte er ihn vor der Klasse blamieren müssen? Früher, nach einer schlechten Note, hatte sich Brill immer beklagt; immer hatte er um einen Umschwung gekämpft. Diesmal sagte er nichts mehr. Er war besiegt.

Und ich wusste nichts Tröstendes zu sagen. Vorhin noch hatte ich seinen Aufsatz ordentlich gefunden. Jetzt, wo ich wusste, wie man den Sonntag sehen muss, war der Aufsatz schlecht. Vorhin hätte ich mich für seinen Aufsatz einsetzen können. Jetzt war die Note gerecht.

Brill ist am Ende des Jahres sitzengeblieben und später ziemlich schnell von der Schule verschwunden. Die Klasse nahm es gelassen und vergaß ihn. Ich trauerte ihm noch eine Weile nach, weil ich mir vorstellen konnte, was es heißt: sitzenbleiben, aus dem Gedächtnis gestrichen werden, die Spreu sein, die man wegpustet. Und war er nicht entwürdigend „weggepustet” worden? Als mir ein altes Klassenfoto mit seinem Namen in die Hand fiel, habe ich daran wieder gedacht. Jetzt empfinde ich eine große Wehmut. Die alltäglichen Situationen, in denen es damals um Ungerechtigkeit und Erniedrigung ging, waren schön verpackt. Weder unser Lehrer noch Brill noch ich hätten an jenem Tage sagen können, dass etwas Ungerechtes passiert sei.

Gut, dass immerhin die Erinnerung das Unrecht aufdecken kann.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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