Hella S.

Fotografinnen leben gefährlich

Was mich dazu bewogen hat, in einen Fotoclub zu gehen weiß ich ganz genau. 2006 suchte ich mir mit meiner neuen Kamera bewaffnet einen Fotokreis in meiner Nähe aus. Ich dachte, meine Fotos sind ganz gut und ich hatte schon des Öfteren gehört: „Deine Bilder sehen aus wie Ansichtskarten.“ Mehr Lob geht wohl nicht, dachte ich. Außerdem gehörte ich zu einem Fotoforum im Internet und konnte meine Bilder mit anderen Fotografen/innen vergleichen. Dort bekam ich Anerkennung und mir begegnete Erich, der mich mit seiner konstruktiven Kritik immer weiter nach vorne brachte. Als ich dann die Tür zum Fotoclub öffnete, saßen dort nur Männer mit riesigen Fotoapparaten und noch größeren Objektiven. Als sie sich irgendwann an meinen Anblick gewöhnt hatten, ich war und blieb eine Frau, setzte sich der eine oder andere zu mir und wir zeigten uns gegenseitig unsere Bilder. Was ich da alles zu hören kam: Nicht schlecht, oder kannst du in die Tonne werfen usw. Ich dachte, man könnte hier etwas lernen!!! Was ich gelernt habe war: Männer interessieren sich nur für knackig scharfe Bilder und damit meine ich nicht nackte Frauen. Meine Blümchenbilder waren nicht angesagt. Sie beschäftigten sich mit toten Objekten wie Architektur oder Haken aus Metall, Maschinen und Autos usw. Irgendwann brachte jemand seine Frau mit und dann erschienen immer mehr weibliche Wesen. Manchmal wurde ich gefragt: „Mit welcher Blende hast du das fotografiert?“ Ich wusste es nicht, war aber klug genug, eine passende Antwort zu geben. Wenn die gewusst hätten, dass ich nur die Automatik eingestellt hatte, bis heute, 14 Jahre später auch noch. Meine Fotos sind spontan, da kann ich nichts vorher einstellen.

Eines Tages sollte unsere erste Ausstellung stattfinden, doch ich war ehrlich und sagte daher: „Ich bin noch nicht so weit.“ Bei der zweiten Ausstellung bereitete ich meine Fotos vor, machte Abzüge und dann wurde ich krank. Ich schickte meine Bilder zum Initiator der Gruppe, mit der Bitte, doch auch meine Bilder mitzunehmen. Ich bekam keine Antwort und war auch beim zweiten Mal nicht bei der Ausstellung, die Fotos waren einfach verschwunden. Schade, denn inzwischen waren meine Bilder gut und hätten zu den anderen nicht nur gepasst, sondern gezeigt, dass ich eine andere Sicht der Dinge habe. Vielleicht waren sie ja mit dem Aufhängen meiner Bilder überfordert. Langsam ging es für mich bergab in der Gruppe, sie fingen an, mich nicht mehr zu mögen, warum auch immer? Ich dränge mich nie in den Vordergrund, aber wenn eine Ausstellung ist und jeder 4 Bilder hängen darf, sollte doch auch für mich Platz da sein. Ich saß traurig auf der Bank mit meinen Fotos und sie mussten erst wieder Platz schaffen, damit meine Bilder hinzukamen. Ich hatte ihnen sogar angeboten, meine Bilder wieder mit nach Hause zu nehmen.

Meine Fotos wurden immer besser und außergewöhnlicher, sodass ich böse E-Mails von zwei Fotofreunden bekam. Ich versuchte mit ihnen zu reden, das wollten sie nicht, was sollten sie auch sagen, meine Fotos waren und blieben gut. Sie hatten doch auch klasse Fotos. Es war nur Neid, oder? Je mehr sie mich mobbten desto besser wurde ich, auch dank Erich. Als mir der Umgang mit den Fotografen und der dritten Mobberin zu viel wurde, entschloss ich mich, mein eigenes Ding zu machen, denn nach der letzten großen Gemeinschaftsausstellung wurde ich von dem Besitzer der Galerie in drei Hausfluren gefragt, ob ich nicht mal eine Einzelausstellung machen wollte. Natürlich wollte ich und musste über 50 Bilder aufhängen. Es kamen sogar 3 Leute aus meiner erledigten Fotogruppe. Mein Erfolg war groß und dadurch traute ich mich auch, bei der Kulturnacht meine Bilder auszustellen und dort wurden 5 Bilder von mir gekauft.


Dann ging es Schlag auf Schlag: Von Restaurants, Ärztehäusern mit Galerie, sowie die drei Häuser in denen die Gemeinschaftsausstellung von meinem Fotoclub war, sie alle fragten mich, ob ich bei ihnen ausstellen wollte. Natürlich wollte ich und erst wusste ich gar nicht, dass man sich eigentlich bewerben musste. Als ich das erfuhr, war ich natürlich stolz. Bei einer Ausstellung in Alzey wurden 300 Künstler eingeladen und von Vieren zeigten sie ein paar Bilder im Regionalfernsehen und auch dazu gehörte ich mit 4 meiner Fotos. Ich hatte immer einen Traum, ich wollte in zwei angesagten Galerien hier in meiner Umgebung ausstellen und dann irgendwann wurde ich tatsächlich gefragt, ob ich bei ihnen auch meine Bilder zeigen wollte. Die Zuschauer und Besucher waren begeistert von meinen außergewöhnlichen, besonderen Fotos, wie viele sagten.

Was meine Fotos auch so interessant machte, war die Gefahr in der ich oft schwebte und meine besonderen Ideen, wie die Glassplitterfotos. Mit 63 Jahren fing ich ja erst an zu fotografieren, sprang schon mal über einen vermeintlichen Graben, der sich dann als Tümpel entpuppte und stand mit einem Bein im knietiefen Wasser. Dann kletterte ich mir hochhackigen Schuhen und eleganter Kleidung (ich wollte danach in ein Konzert) auf eine kleine Mauer von der ich erst nicht wagte, wieder herunter zu steigen. Weit und breit keine helfende Hand, also musste ich springen. Zum Glück blieben die Absätze dran und alles war gut, aber warum denke ich nie daran, dass es auch noch ein Gegenstück zu meinen Aktionen gibt, gehe ich rauf, muss ich meist auch wieder runter. Ich sprang über die Schienen einer Dampflok, die schon ganz nah war, aber langsam fuhr, gut dass ich nicht umgeknickt bin. Am Meer stieg ich auf eine Befestigung mit Findlingen und als ich mich umdrehte wurde mir erst mal schwindelig. Drei Bekannte standen in meiner Nähe und machten keine Anstalten, mir zu helfen. Erst ein fremder Mann reichte mir seine Hand, während seine Partnerin mir böse Blicke zuwarf. Lustig war aber meine Aktion, als ich mich auf den Rasen vor meinem Haus legte und meine Nachbarin aus dem Haus stürmte, weil sie dachte, mir wäre etwas passiert. Ich wollte doch nur Gänseblümchen fotografieren!

Ja, Fotografinnen leben gefährlich.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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