Peter Kröger

Dada

 

 

 

 

Nicht für die Liebe geboren, erzwang sie sie dennoch mit Verve durch einen Augenaufschlag, der in Kiel seinesgleichen suchte, und Kiel ist zwar hässlich aber groß. Eine Holsteinerin aus Neigung, eine Schleswigerin qua Geburt, beschloss sie schon früh, ihr Leben in geordnete Bahnen zu lenken. Als Kieferchirurgin erwarb sie sich Ansehen, als Seglerin setzte sie auf den Dreiklang Freundschaft, Festigkeit und Mut in ruhigen wie in stürmischen Zeiten. An ihrem Nachnamen Zinken war nicht zu rütteln, den Vornamen Hedda nahm sie zwar zur Kenntnis, nannte sich aber Dada, was weniger bedrohlich dafür aber feuilletonistischer klang.

Am Bootsanleger lernten wir uns kennen, heirateten und zogen nach Lübeck, da ich es dort schöner fand. Ein Fehler, vielleicht. Dada vermisste Kiel; die mittelalterlichen Gassen Lübecks verstimmten sie, das Bollwerk hinter der Fassade, wie sie es nannte, zerrte an ihren Nerven. Ihre Leistungen in der Kieferchirurgie am Städtischen Krankenhaus verschlechterten sich, sie wurde fahrig und unkonzentriert, manch argloser Patient verließ die Klinik nach Dadas Pfuschereien als Glöckner von Sankt Petri. Es war furchtbar. Sie war uneinsichtig und wurde entlassen. Ich hielt zu ihr. Ich war ihr Mann. Darüber hinaus gelang es Dada wie immer mühelos, den Fliehkräften ehelicher Ermüdungen mit einem bloßen Augenaufschlag den Garaus zu machen; gelegentliche Segeltörns erneuerten unseren heiligen Schwur.

Die Stelle als Aushilfskraft in einer Biobäckerei trat die Gefallene ohne Murren an. Mehr noch, langsam wurde Lübeck ihr Heimat und gute Stube zugleich, zwischen Vollkornbroten, Kümmelstangen und Mandelhörnchen winkte das Glück, so schien es. Sie sei ganz bei sich, höre ich sie heute noch in einem seltenen Moment der Selbstbespiegelung kühl und unaufgeregt sagen und glaubte ihr, weil es mir passte. Am nächsten Tag fiel sie um, wie Menschen manchmal einfach umfallen, wenn ihre Zeit abgelaufen ist. Hinter dem Verkaufstresen röchelte sie wohl noch ein kurzes Weilchen, bis ihr Licht erlosch und die feinen, bemehlten Hände zur Ruhe kamen. Auf dem Friedhof Russee vor den Toren Kiels fand sie ihre letzte Ruhestätte. Ich trauerte um die gute Freundin, eine Gattin ohne Launen, Lust und Liebe, wie ich heute denke, und weinte bittere Tränen in den grauen Straßen der Landeshauptstadt, bis ich den Bahnhof erreichte. Zurück in Lübeck gelang mir ein Leben ohne Dada. Doch vergaß ich sie nie. Als ich mir einmal den Kiefer fünffach brach (so etwas gibt es wirklich), folgten mir ihre Augen.

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