Qayid Aljaysh Juyub

Eine Fabel-Parabel: Der Wellensittich mit der eisernen Maske

Es war einmal im fernen Land Absurdistan, da lebte ein bedauernswerter Wellensittich namens Philippe in einem feuchten, finsteren Keller. Zusammen mit seinem Zwilling erwarb ihn eine Vogelliebhaberin in fortgeschrittenem Alter, die einen soliden und wohlhabenden Vogelzuchtbetrieb von ihrem Onkel Gerhard geerbt hatte. Der Bruder verstand es, sich bei seiner Besitzerin gehörig einzuschleimen und verleumdete den wohlgesinnten Philippe auf übelste Weise, sodass die wankelmütige Firmenchefin den unglücklichen Wellensittich einsperren ließ und ihm zur Strafe eine eiserne Maske verpasste.
Hingegen sein böser Zwillingsbruder Louis, auch ‚Perruche du Soleil‘ genannt, residierte nun in einem goldenen Käfig im Palast seines senilen Frauchens. Nicht ganz Herrin ihrer Sinne lauschte die Vogel-Mutti voller Angst den üblen Einflüsterungen ihres sprachbegabten Lieblingsfederviehs. Zusammen mit einem Rat braver Papageien, die Muttis von Louis eingepflanzte Weisheiten bei jeder (un)passenden Gelegenheiten zitierten, regierte die Greisin sehr zum Nachteil der Vogelschar. Einst querulierte ein alter Kakadu aus den bajuwarischen Anden gegen seiner Herrin Beschluss, ohne Rücksicht auf den Futtervorrat stets neue Vögel zu kaufen, aber als Mutti ihn bei einigen Gelegenheiten böse ansah, zog der kleine Rebell es vor, fortan gehorsam die bekannten Parolen nachzuplappern. So litt das gebeutelte Federvieh mehrheitlich schweigend unter der wenig weisen Herrschaft der großen Mutter und ihrer Papageien, denn es hatte mehr als genug mit der Suche nach dem knapper werdenden Futter zu tun. Zwar gab es doch einige Schreihälse, die offen Kritik an der ruinösen Geschäftspolitik übten, aber die brachte der ‚Perruche du Soleil‘ mit Futterentzug schnell zur Raison und ließ ihnen von Mutti unter dem Vorwand der gerade grassierenden Vogelgrippe zusätzlich maulkorbartige Gesichtsmasken verpassen, damit sie endlich den Schnabel hielten.
Der Misswirtschaft überdrüssig, beschlossen drei tapfere Nymphensittiche mit den Namen Athos, Porthos und Aramis dem ruinösen Treiben des bösartigen Louis ein Ende zu setzen und ihn durch den gutmütigen Philippe zu ersetzen, damit der die prinzipienlose Chefin, die sich gleich einer Wetterfahne beeinflussen ließ,  zum Wohle der Gemeinschaft beraten möge. Weil sein geliebter Vater zu den maskierten Kritikern gehörte, schloss sich den Dreien voll leidenschaftlicher Wut der Kampf-Kanarienvogel d’Artagnan an. So drangen die vier Schnabeltiere entschlossen bis zu jenem Kerker vor, in dem Louis Zwillingsbruder, bewacht vom Edelvogel Rochefort und einer Garde von Zwergadlern, sein elendes Dasein fristete. Nun zeichnete den ‚Perruche du Soleil‘ neben seinen sonstigen Fehlern besonders eine grenzenlose Arroganz gegenüber seiner Meinung niederen Vögeln aus. So strich er seinen Zwergadlern die Mittel und ließ sie hungern. Auch machte sich Louis einen Spaß daraus, seine Sicherheitskräfte grundlos zu schikanieren. Lustlos für ihren Herren ihre Federn zu Markte zu tragen, suchte die heruntergekommene Truppe beim ersten Ansturm der vier Kleinvögel das Weite. Nur der wohlgenährte Rochefort stellte sich den Helden entgegen, wurde aber schnell von d’Artagnan besiegt und floh nach dem Verlust etlicher Schwanzfedern kreischend ins nahegelegene Tierasyl.
So befreite das heroische Geflügel den Gefangenen aus seinem finsteren Verlies und überwältigte den von allen Zwergadlern verlassenen Tyrannen. Also landete denn Philippe im goldenen Käfig, während Louis nicht unverdient maskenbewehrt im Keller schmachtete. Zwar bemerkte der eine oder andere Papagei, das offensichtlich der dunkle Einflüsterer nicht mehr das Sagen hatte, aber die hielten in gewohnter Manier lieber den Schnabel. Mutti jedenfalls bemerkte den Unterschied nicht und wunderte sich nur, dass die Ratschläge ihres Lieblingsvogels plötzlich eine positive Wirkung auf die Lebenssituation der Vogelschar zeitigten. Zwar ließen Ruhmsucht und Altersstarrsinn Frauchen noch immer zweifelhafte Entscheidungen fällen, aber wenigstens milderte der gütige Philippe die übelsten Konsequenzen ab.
Hier endet die Geschichte vom Wellensittich mit der eisernen Maske, aber die drei Schnabeltiere und d’Artagnan kämpften weitere gegen Tyrannei und Ungerechtigkeit. Das sind allerdings andere Geschichten, die ich vielleicht bei Gelegenheit erzählen werde.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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