Francois Loeb

PAPPENSTIEL

Pappenstiel? Was es damit auf sich hat zu erlesen in meiner Wochengeschichte:

 



Meine Reise führt mich als reisender Schriftsteller und Reporter stets in fremde Lande. Dort besuche ich regelmässig die Einkaufsstätten der einheimischen Bevölkerung. So auch heute, kaum bin ich dem Linienflug entkommen. „Ein Pappenstiel ist das! Ein Pappenstiel ist das“, schreit der untersetzte Mann lauthals vor sich hin als er durch das Einkaufszentrum langsam schreiend schreitet. Alle Blicke der zahlreichen maskierten Menschen - es ist Coronazeit - sind auf das Männchen gerichtet. Mit seiner Grösse von 160 cm fällt nur seine Stimme auf. Sogleich sind uniformierte Sicherheitskräfte unterwegs, versuchen ihn zu finden. Dieser Einkaufstempel darf in seinen, beinahe rituellen Einkaufsabläufen nicht gestört werden. Zahllose Zeigefinger weisen den Uniformierten den Weg. Die geduckte Haltung des ‚Pappenstielers‘ erschwert das Auffinden und die spitze Stimme, diese erinnert an einen Kontertenor, schreit vorwärts schreitend weiter. Der Ärger der still geniessend Wollenden ist in der Luft spürbar, ein entsprechendes Ärger-Messgerät - wäre es bereits erfunden, aber was nicht ist kann noch werden - würde bereits in den roten Bereich ausschlagen, wilde Alarmtöne von sich geben. Evakuierungen einleiten, denn so eine Stimmung schlägt sich auf das Kaufverhalten mehr als negativ nieder. Jetzt erreichen die Laden-Hüter das mickrige Männlein. „Ihr auch, ihr Häscher seid ein Pappenstiel, nichts weiter“, entladen sich die Worte in Stakkato aus seinem Mund. Ich stehe mit anderen neugierigen Einkauftempel-Besuchern im Kreis um die Gruppe, bin gespannt was vor sich gehen wird. „Gaffer tretet zurück, aber sofort, sonst vertreiben wir euch alle mit unseren Schlagstöcken, oder rufen Verstärkung durch die Polizei“, rufen sie uns zu. So eine Beleidigung, denke ich, bin doch kein Gaffer, schaue nur zu damit die Menschenrechte gewahrt werden, keine Übergriffe geschehen können. Übergriffe wie sie täglich geschehen. „Mich als Gaffer zu bezeichnen ist kein Pappenstiel“, rufe ich den privaten Ordnungshütern, die in meinen Augen eher als Unordnungshüter zu titulieren sind, zu. Denn nicht wahr, wenn ein Mensch nicht einmal mehr Pappenstiel rufen darf, wo bleibt da die Freiheit? Und tatsächlich kommt sogleich einer der Kerle, gezückten Schlagstocks schwingend auf mich zu, bleibt in Drohstellung wenige Zentimeter vor mir stehen. Wo bleiben da die Anstands- und Abstandsregeln, denke ich, und schleudere ihm, nach der schweren Wortartillerie greifend, zu meinem in mir schlummernden Schulhof-Repertoire: „Du bist auch so ein Pappenstiel“, und ich wache mit brummendem Schädel in einer kleinen Zelle auf, eiskaltes Wasser rinnt über mein Haar. „Los komm sofort zum Verhör mit!“, werde ich aufgefordert. Mit schweren Beinen stehe ich auf, folge dem Knastwärter, jedenfalls denke ich er gehöre zu dieser Kaste, in einen kahlen Raum. Muss mich an ein Tischchen setzen. Eine starke blendende Verhörlampe nimmt mir jede Sicht. Eine Stimme, dumpf und dunkel, muss mein Gegenüber sein, bemerkt: „Sie sind der Majestätsbeleidigung angeklagt. Unser Herrscher der mächtige Leader unseres Landes heisst SEINE EXZELLENZ PAPPENSTIEL, gesegnet sei sein Leben. Du hast IHN verlacht. Erniedrigt. Wer den Pappenstiel der Macht, des Mächtigen der Mächtigsten angreift, entmachtet sich, wird selbst ein Nichtsnutz-Pappenstiel. Muss dann sein Leben als Pusteblume fristen.“ Und so puste ich wacker und immerdar weiter. Puste auf die Macht, die fröhlich sich verbreitend zu Boden fällt ...
Wünsche angenehme lange Nächte! François

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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