Karl Wiener

Glaubensbekenntnis

Nicht der Glaube, der Zweifel versetzt Berge

Für mich ist Wissen und Glauben kein Widerspruch, falls der Glauben nicht in Dogmen gegossen wird. Wenn der Mensch nicht weiter weiß zieht er erst mal einen Kreis. An der Peripherie seines Gesichtskreises zeichnen sich dann Dinge ab, die er nicht versteht und deshalb mit viel Phantasie durch Glauben zu erklären sucht. Das betrifft vor allem seine eigene Existenz. Im 1. Buch Mose, Vers 27, heißt es sinngemäß: „Gott schuf die Menschen sich zum Bilde“. Doch gibt es für diese Spezies in vielen modernen Sprachen keinen eigenständigen Gattungsbegriff. Zumeist wird Mensch gleich Mann gesetzt. Bereits den Verfassern des Alten Testaments muß aber aufgefallen sein, daß das der Erhaltung der Art nicht zuträglich ist, denn der Legende nach gesellte sich zum ersten männlichen Geschöpf alsbald ein weibliches Wesen. Seitdem hat sich die Menschheit redlich gemehrt und auch das Wissen um Sein und Bewußtsein hat sichtlich zugenommen. Vertauscht man im erwähntem Vers 27 des 1. Buch Mose Subjekt und Objekt durch das Anfügen der Endung „en“ an das Wort „schuf“, dann bekommt er in der Form „Gott schufen die Menschen sich zum Bilde“ eine ewig gültige menschliche Dimension.

 

Irrten die Menschen anfangs noch in Familienverbänden oder kleinen Gruppen auf Nahrungssuche durch die Wälder, begegneten sie sich mit zunehmender Zahl immer öfter und wurden so zu Nahrungskonkurrenten. Das führte zu beträchtlichen Revierstreitigkeiten, was wiederum den Fortbestand der Art gefährdete. Weise Männer formulierten deshalb bereits vor Jahrtausenden einen Verhaltenskodex für das Zusammenleben der Menschheit. Sie bedienten sich dabei einer sehr bildhaften Sprache und füllten Wissenslücken mit Gleichnissen, die ihre Lehren den Menschen verständlicher machen sollten. So setzten sie beispielsweise als Sinnbild der Hoffnung auf ausgleichende Gerechtigkeit eine gütige Vaterfigur, die gute Taten belohnt und Untaten bestraft. Dabei vertrösteten sie auf eine spätere Abrechnung in einer anderen Welt, die sie mit den Sinnbildern von Himmel und Hölle ausstatteten. Für die damalige Zeit, in der die Menschen noch keine rechte Vorstellung von Werden und Vergehen hatten, war das eine zukunftsweisende Geistesleistung.

 

Seither haben viele Propheten versucht, den Menschen die Welt zu erklären, zumeist in bester Absicht. Zuweilen mischen sich aber auch falsche Propheten unter das Volk, deren Weissagungen die Menschen zum eigenen Vorteil gegeneinander auszuspielen suchen. Die eigenen Verkündungen werden zur einzig gültigen Leitschnur des Handelns erklärt und Abweichler rigoros verfolgt. Dabei stehen die Vertreter des Diesseits den Verkündern des Jenseits in nichts nach. Sie schüren den Hass zwischen Andersdenkenden. Hass richtet sich gegen diejenigen Individuen, die den jeweiligen eigenen Denkmustern nicht folgen. Tiere kennen keinen Hass. Gewiß, Tiere verfolgen sich und töten sogar einander im Interesse der Erhaltung der eigenen Art, zur Optimierung der Fortpflanzung, zur Nahrungsaufnahme oder zur Vertreibung von Nahrungskonkurrenten, nicht aus Hass. Der bleibt allein dem Menschen vorbehalten.

 

Ich bin sehr beeindruckt von den frühen Versuchen, das menschliche Zusammenleben durch Gebote zu regeln. Doch seit diese ersten Verhaltensregeln formuliert wurden sind viele neue Erkenntnisse herangereift. Sollte es da nicht an der Zeit sein, die Jahrtausende alten Dogmen zu überdenken und die Leitlinien für das menschliche Zusammenleben neu zu formulieren? Wenn die Menschen ihr Heil nicht im Himmel suchten, sondern auf Erden, würden sich ihre Blicke öfter begegnen. Wenn sie aber den Blick beider Augen nach innen richten, erscheinen ihnen die Sommersprossen auf der eigenen Nase allemal bedeutender als das Leid anderer.

 

Die Gretchenfrage

 

In Goethes Faust fragt Gretchen schon:

Wie hast du’s mit der Religion?

Der Mensch, wenn er nicht weiter weiß,

zieht erst mal einen großen Kreis,

trägt Kraut und Knochenwerk zusammen

und entzündet heil’ge Flammen.

Jedoch beim Tanz im Feuerschein

fällt ihm nichts Gescheitres ein

als daß ein Gott ihn einst erschaffen,

im Unterschied zu andren Affen,

als sein getreues Ebenbild,

was nicht einmal als eitel gilt.

Wenn ich es aber recht bedenke,

ich hoffe, daß ich keinen kränke:

Wirf in den Spiegel einen Blick.

Schaut dort vielleicht ein Gott zurück?

 

 

Die Menschenplage

 

Der Mensch in seinem eitlen Wahn

glaubt, daß die Welt ihm untertan

und hat ein Wesen sich erdacht,

das ihn zum Herrscher hat gemacht,

zum Herrscher über die Natur

und jede andre Kreatur.

 

Das Wesen hat er Gott genannt

und sich in die Idee verrannt,

daß er dem göttlich‘ Wesen gleicht

und eingeht in das Himmelreich.

Jedoch was er auf Erden treibt

macht ihm die Götter nicht geneigt.

 

Die Menschheit hat sich stets geplagt

mit Terror, Krieg und Hexenjagd,

zerstört die Erde Stück für Stück,

läßt Wüstenei und Karst zurück

und ruft dazu noch wie zum Spott,

der Mensch, er gleiche seinem Gott.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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