Syelle Beutnagel

Zweikampf

Aride begann mit ihrem Tageswerk. Noch perlte früh morgendlicher Tau zwischen den Grashalmen. Kaum ein Windhauch bewegte die Halme. Der ideale Zeitpunkt zu beginnen.

Aride begann, dicht über dem Erdboden am Grashalm den ersten Endpunkt zu setzen. Dann lief sie zum nächsten Grashalm befestigte, zum Himmel gerichtet, den anderen Endpunkt. Dazwischen spann sich ein Faden. Aride lief Richtung Boden an dem Grashalm entlang, und, fast unten angekommen, begann sie wieder zu arbeiten. Dann ging es zurück zum anderen Grashalm. Und wieder war ein Faden entstanden.

Jetzt zog eine Windböe über die Wiese hinweg. Das erinnerte Aride daran, ihr Vorhaben gegen Wind rechtzeitig abzusichern. Gedacht, getan. Sie lief zu einem dritten, im Winkel stehenden Grashalm und schuf einen Ankerpunkt. So entstand, Stück für Stück, Faden für Faden.

Als das Gerüst stand, begann Aride mit ihrem Meisterwerk. Jetzt verband sie die Fäden miteinander. Sie lief von Faden zu Faden, und nach einer Runde war ein Kreisring fertig. So ging es immer weiter, bis ein Netz entstanden war. Jetzt war Aride fertig. Einen Augenblick konnte sie sich ausruhen, aber dann ging es darum, das gesponnene Netz zu bewachen. Sie zog sich für eine Weile ganz in sich und in das Gras zurück. Sie träumte von kleinen Obstfliegen und anderen Fliegen, die sich in ihrem Netz verfangen würden, denn sie hatte Hunger.

Doch Wunscherfüllung stand heute nicht auf dem Tagesprogramm, denn noch lange, nachdem Aride ihren kurzen Schlummer beendet hatte, näherte sich niemand ihrem sorgsam hergestellten Netz. Gegen Abend döste Aride vor Müdigkeit und Hunger ein. Da gerieten die Fäden ihres Netzes ins Schwanken. Sofort war Aride hellwach. Eine Biene war mit einem Bein kleben geblieben und versuchte nun mit aller Kraft, frei zu kommen. Vom Hunger getrieben eilte Aride zur Biene. In Panik kämpfte die Biene, beladen mit ihrer Last, noch stärker und verfing sich nur noch weiter im Netz.

Sie begann, heftig mit ihren Flügeln zu schlagen. Dabei wirbelte ihr Stachel heftig hin und her. Das machte es Aride sehr schwer, denn sie wollte nicht gestochen werden. Für sie konnte so ein Stich durchaus auch tödlich enden. Sie schnellte vor und zurück.

So ging das eine ganze Weile hin und her. Und beide ermüdeten sie. Aber hier ging es um alles. Todesangst kämpfte gegen Riesenhunger. Oder der Wunsch nach Leben. Das galt für beide, Biene und Spinne. Und so maßen sie ihre Kräfte. Bis die Biene völlig entkräftet die Flügel hängen ließ.

Erstaunlicherweise entglitten ihre Beine dem Netz. Ein sanfter Lufthauch schien aus dem Nichts zu entstehen, legte sich unter ihre müden Flüge,l und sanft, zentimeterweise trug er sie zu Boden.

Aride fiel ebenfalls entkräftet hinterher. Zu müde, um fressen zu können. Und der Abend legte sich lautlos über die Szene.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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