Klaus Mallwitz

NACHT

00:00 Uhr

Es ist Mitternacht. Takeshi ist müde. Er legt sich in sein Bett und schließt die Augen. Er weiß, mit geschlossenen Augen schläft es sich besser als mit geöffneten. Er atmet leise ein und aus, so wie er es gelernt hat, so wie es ihm sein Stimmlehrer und Atemtherapeut einst beigebracht hat. Und schon nach wenigen Minuten schläft er ein. Und träumt.

03:00 Uhr

Es sind drei Stunden vergangen. Takeshi wacht auf, schiebt die wärmende Decke von seinem Körper, schließt die Augen und versucht, unbedeckt weiter zu schlafen.

Und er schläft ein.

04:00 Uhr

Takeshi wacht noch einmal auf und weiß, dass er weiterschlafen will. Er denkt an nichts, außer an ein Weiterschlafen. Es gelingt ihm ohne jede Mühe.

04:40 Uhr

„Ich muss jetzt endlich schlafen“, denkt sich Takeshi, nachdem er merkt, dass er ja schon wieder wach im Bett liegt. „Oder lieg ich schon seit 03:25 Uhr ohne Schlaf?“, denkt er. „Was ist schon wieder los mit mir? Ich will schlafen!“

05:05 Uhr

Immer mehr Gedanken schwirren in Takeshis Kopf herum, es sind beinahe schon 10 oder 11, oder auch 12, - aber für ihn fühlt es sich an, als wären es tausende.

So viele,

so durcheinander,

so schnell…

einer nach dem anderen.

05:20 Uhr

Diese Gedanken in Takeshis Kopf, sie kommen, sie kommen, gehen und kommen.

Immer mehr,

immer konfuser,

immer schneller…

nacheinander

hintereinander

miteinander

haufenweise

gegeneinander

05:32 Uhr

Takeshi versucht, die Gedanken zu fassen, festzuhalten, er versucht, sie zu umzingeln. Er rennt hinter ihnen her, überholt sie, dreht sich um, um sie in seine weit geöffneten Arme rennen zu lassen, doch plötzlich sind sie weg, einfach verschwunden, in Luft aufgelöst. Manchmal ist er ganz dicht dran an einem, ganz dicht, doch kaum schnappt er zu, da wird er von einem anderen Gedanken hinter ihm gezwickt, und schon verliert er wieder an Boden.

„Wenn ich nur einen einzigen festhalten könnte“, denkt er, „ihn dann vorsichtig weiterspinnen könnte, ihn aufnehmen könnte, ihn fühlen, und dann vielleicht endlich mal verstehen könnte. Wenn ich dann mit ihm reden könnte, Fragen stellen könnte, seinen Fragen lauschen könnte, wenn daraus ein Gespräch entstehen, lebendig werden könnte, in mir ganz tief, - wenn ich begreifen könnte. Wenn ich begreifen könnte, wer oder was das ist, was da im Kopf herumschwirrt. Ist das ein Teil von mir? Sind Gedanken Teile von mir? Oder bin ich ein Teil von ihnen? Bin ich ein Gedanke? Bin ich ein tausendfacher Gedanke? Oder bin ich tausend Gedanken?“

05:42 Uhr

Aus heiterem Himmel, ganz von selbst aus ihm heraus, entdeckt Takeshi; dass ihm alle Gedanken entfallen sind. Alle bis auf einen einzigen. Das ist der vom Festhalten. Vom Festhalten eines Gedankens, von den Möglichkeiten, die sich ergeben könnten, wenn er nur einen einzigen Gedanken zu fassen bekäme. Er spürt, dass er sich allein im Konjunktiv befindet, dass er nur in der Vorstellung lebt, was wäre, wenn…

Und tausend Gedanken fallen heraus, herunter, fallen auf den Boden. Aber der Boden? Was ist mit dem Boden? Der öffnet sich. Die Gedanken verlieren den Boden unter sich. Er erinnert sich. Wie oft hat er selbst den Boden unter seinen Füßen verloren! Im Wirrwarr der Gedanken geschah dies oft, oft genug, und er erinnert sich, erinnert sich an den einen, den einen Gedanken, der ihn vor wenigen Minuten von hinten gezwickt hat. Können auch Gedanken den Boden unter den Füßen verlieren?

Ist es den Gedanken möglich, noch einmal aufzutauchen, wenn sie den Boden verloren haben? „Was ein Gedanke kann, kann ich das dann nicht auch? Kann ich aus dem Loch heraus einfach wieder, einfach erneut auftauchen? – Wenn ich dann wieder da bin, bin ich dann wieder genauso wie vorher? Erlebe ich mich dann anders? Oder passiert alles, was passiert, nicht immer und immer wieder gleich, nur in anderen Facetten, in anderen Formulierungen, mit neuen Rhetoriken, unter anderen Prämissen, mit austauschbaren Fakten und explodierenden Fantasien“,  fragt sich Takeshi, und in dem Moment taucht vor ihm, in ihm, im Kopf, im ganzen Körper ein fremder Gedanke auf, der sich wie ein Film vor seinen Augen öffnet:

05:47Uhr

Takeshi sieht, was er damals nicht wahrnehmen konnte, jedenfalls nicht bildlich, denn er lag bereits in Koma, als sein Cousin Takumi ihn aus dem Brunnen zog. Damals, vor 63 Jahren, ist Takeshi als zweijähriger Bub in den Brunnen gefallen. Seine Mutter verlor ihn aus den Armen, als sie dabei war, ihn über dem Brunnen haltend zum Seeungeheuer auszubilden. Man konnte in den 60ger Jahren nicht früh genug damit beginnen, den Kleinsten den Sturm des Lebens schmackhaft zu machen. Takumi, der zufällig sein Küchenfenster kurz vor dem Unfall geöffnet hatte, hörte ein kurzes, aber lautes Aufseufzen seiner Tante, rannte sofort hinaus in den Garten, entdeckte dort an einem Baum gelehnt einen Apfelpflücker und fischte mit dessen Hilfe den kleinen, auf dem Grund liegenden Takeshi aus dem Brunnen heraus.  

05:49 Uhr

Takeshi hat plötzlich keinen Gedanken mehr. Er verfolgt die Szenerie ein zweites Mal, er entdeckt, wie die Mutter schaut, wie sie schaut, als sie ihn aus den Armen verloren hat. Er sieht irgendwie eine Art von, ja wirklich, er erkennt eine Art Freude, eine Art von Erleichterung. Er erkennt heute, nach 63 Jahren, dass seine Mutter ihn absichtlich fallen gelassen hat. Darf das wahr sein? Ist es Fantasie? Ist es nur ein Gedanke? Eine Angst? Oder? Oder? - Oder?

Takeshi sieht seinen Cousin. Wie er zittert. Wie er sich den Angstschweiß von der Stirn wischt. Er kann sich nicht erinnern, aber er sieht…, er sieht vor sich, und er erinnert sich. Erinnern? Fantasieren? Träumen? Alptraum?

05:50 Uhr

Takeshi sieht auf einmal einen Zeitungsartikel. Er kennt ihn. Er hat ihn gelesen. Er hat sich damals, vor 4 Monaten, als er ihn las, erschrocken. Erschrocken. Aber bis zum heutigen Tag wieder vergessen. Jetzt sieht er den Artikel wieder vor seinen Augen. Er war überschrieben mit „Takumi tötet Ehefrau aus Lust und Laune heraus“.

Takumi.

Takeshis Cousin.

Takeshi wälzt sich auf die rechte Seite, gähnt, rollt auf die linke Seite, schreit, steht auf, geht in sein kleines Zimmer und versteht die Welt nicht mehr. Versteht sich nicht mehr. Alles ist leer. Leer in ihm, leer um ihn herum. Alles leer. Alles.

 

05:51 Uhr

Takeshi schaltet den PC an, setzt den Kopfhörer auf und klickt auf „In the ghetto“, hört Elvis, hört ihn, sieht ihn, erkennt ihn, sieht ihn auf seinem Bildschirm. Er singt. Er singt. Mehr nicht. Aber das ist es. Das ist eine Wahrheit. Die Wahrheit. Jetzt ist er gerade bei der Zeile „Mama cries“, und mittendrin, mitten im Lied, mitten im „Mama cries“, da erscheint eine Einblendung, da schiebt sich eine Anzeige über die Hälfte der Breitseite des Bildschirms: „Dieser BH hat Europa erobert!“

05:52 Uhr

Takeshi schreit, schaltet den PC aus, rennt zurück, fällt ins Bett mit dem Gedanken: „Ich falle noch einmal in den Brunnen, hier und jetzt! Takumi, zieh mich raus, zieh mich raus, nur noch einmal! Ich habe gelernt! Ich habe damals nichts kapiert, nichts kapieren können, aber du hast mich gerettet! Du bist kein Mörder! Lass uns miteinander reden! Auch, wenn du tausend Mal im Gefängnis bist! Lass uns miteinander reden!“

Und er glaubt, dass es niemals zu einem Mord gekommen wäre, wenn er gespürt hätte, dass er einen Menschen gerettet hat, der, wie er, auch ein Mensch gewesen ist. Und dass die Verzweiflung, die Hilflosigkeit, die Einsamkeit die wahren Verführerinnen sind. Und er glaubt auch, dass ein Mörder versteht, dass seine nun eingeschränkte Freiheit nicht leicht zu handeln ist. Für ihn nicht, für niemanden.

10:10 Uhr

Es ist spät am Morgen. So spät? Takeshi ist wach. Er öffnet die Augen und setzt sich an den Rand seines Bettes. Und denkt. Einen Gedanken:

„Wenn ich jetzt in mein Bett falle.

Jetzt!

Oder morgen!

Oder wann auch immer!

Dann weiß ich, mich begleitet ab sofort nur ein einziger Gedanke. Ich will in mein Bett fallen! Und mit dem Willen falle ich hinein….

Und niemand ist da, der mich herauszieht. Wie damals, der Retter a.D., der Mörder in spe.

Aber sollte mich tatsächlich mal ein Mensch, egal, ob ein Mörder oder ein Retter, herausziehen aus einem Loch, aus einem Bett, aus einem Brunnen, egal, woraus, egal auch, wann und wie, und egal, warum auch immer, - werde ich dann mit ihm sprechen? Ich bin nicht mehr 2 Jahre alt. Werde ich mit ihm reden? Werde ich endlich anfangen, verstehen zu wollen? Zu begreifen?

Oder lerne ich nie?“

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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