Lisa Olesch

Ein Brief an Dich

Hey Du,
bin selbst überrascht, dass ich dir auf diesem Wege schreibe, aber offiziell habe ich mich ja irgendwie von dir verabschiedet.
Leider ist es nun mal so, dass man ständig das Gefühl hat, sich erklären zu müssen, wenn man verliebt ist.

Darum eben so:
Kennengelernt habe ich dich mit 12 Jahren. In unserer Raucherecke hast du dich mir vorgestellt und gefragt, ob ich nun auch hier wohne.
Da ist es bei mir eingeschlagen wie ein Blitz. Liebe auf den ersten Blick.
Natürlich musste ich das vor dir verbergen, weil ich eh nicht davon ausging, dass du dich für mich interessiertest. Du warst zwei Jahre älter als ich und mit 14 hat man nichts für jüngere übrig. Trotzdem haben wir uns gut verstanden, auch wenn du anfänglich eher zurückhaltend warst.
Im Laufe der Zeit sind meine Gefühle für dich nicht verschwunden, sondern haben sich verstärkt. Klar war ich schon mal verknallt in den ein oder anderen, aber das war schnell wieder vorbei, wie das eben so ist in der Jugend, aber mit dir war es anders. Ich habe dich sogar mit einer Freundin von mir verkuppelt, da mir dein Glück wichtiger war als meine Gefühle.
Das hat nur leider nicht gehalten, wie mit allen anderen auch. Jedes Mädchen, das bei uns war, hatte das Vergnügen, dich besser kennenzulernen und ich stand daneben und hoffte, die nächste in der Reihe zu werden. Die ein oder andere wusste sogar, wie sehr ich auf dich stand und trotzdem hat es sie nicht davon abgehalten, mit dir etwas anzufangen.
Als junger Kerl hätte ich wohl auch jede Erfahrung mitgenommen, die sich mir geboten hätte, darum mache ich dir auch keine Vorwürfe, es war nur sehr frustrierend, immer nur die Freundin zum reden zu sein. Und das in einer Lebensphase, in der man seine ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht macht. Nicht nur du warst ein prägendes Beispiel dafür.
Ich war schließlich fast ein ganzes Jahr lang das einzige Mädchen unter euch 8 Jungs. Und die meisten Erfahrungen, die ich gemacht habe, haben mir gezeigt, dass Attraktivität keine Sache war, die man mit mir in Verbindung brachte. Na ja, ich will aber auch nicht rumjammern. 
Als ich dann 14 war, hast du unsere Gruppe verlassen und ich war sehr traurig deswegen auch deshalb, weil ich nie die Chance nutzte, dir zu sagen, was ich fühlte.
Mit 15 ist mir dann etwas Komisches passiert. Ich schrie jemanden am Hbf hinterher, dass ich ihn echt gut aussehend fand. Daraufhin ist dieser mir hinterhergelaufen und wollte unbedingt mit mir kontakt halten. Ich sagte ihm einige Wochen später, dass ich schon in jemand anderes verliebt sei und ich es ihm erst einmal gestehen müsste.
Darum habe ich dich angerufen und wollte mich mit dir persönlich treffen.
Als ich vor dir stand, hat mein Herz wie wild geklopft und trotzdem habe ich den Mut gefunden, dir endlich meine Gefühle zu gestehen.
Du sagtest, du würdest dich geschmeichelt fühlen, aber hast mich immer wie eine kleine Schwester angesehn und darum würde aus uns nie was werden. Als du mich zur Bahn brachtest, meintest du noch ganz frech zu mir, wir würden beim nächsten Mal ein Eis essen gehen :-)
Danach habe ich dich nur noch sporadisch und zufällig getroffen und später dann gar nicht mehr.
Natürlich hatte ich die ein oder andere Beziehung, doch es kam mir immer wie die zweite Wahl vor und ich habe mich darauf eingelassen, weil ich dachte, er findet mich toll, warum also nicht? Vielleicht empfinde ich im Laufe der Beziehung ja mal mehr als nur Freundschaft. Das war aber nur Wunschdenken. Du warst immer in meiner Erinnerung und wenn ich mit Freunden über Liebe gesprochen habe, viel auch immer dein Name. Ich hatte mir geschworen, nie wieder eine Beziehung mit jemandem einzugehen, nur weil dieser sich für mich interessiert. Das, was du in mir ausgelöst hast, sollte die Messlatte für alle kommenden Männer sein. Ist mir aber nicht mehr passiert. 
Nun, 19 Jahre später, haben wir uns wieder getroffen. Beim Einkaufen. Zufällig. Wie das Leben halt so spielt.
Du warst mit deiner kleinen Tochter unterwegs und ich dachte, mein Herz bleibt stehen. 10 Minuten haben wir nur gesprochen und zum Glück Nummern ausgetauscht.
Ich war danach so durch den Wind, dass ich zwei Wochen lang nicht schlafen konnte. Alle zwei Nächte nur für drei stunden. Mein ganzer Körper hat gezittert und ich habe in einer Woche 6 kg verloren, weil ich einfach nichts mehr runter bekam. Ich konnte mir nicht erklären, warum ich so Adrenalin geladen war und dachte schon, das ich mir irgendwas eingefangen hätte, es konnte doch nicht sein, das mich dieses kurze Wiedersehen so sehr aus der Bahn warf, aber dann hast du mir geschrieben und ich wusste, das du der Grund warst. Du wolltest dich mit mir treffen um über alte Zeiten zu sprechen, und ich war so glücklich.
8 Monate konnte ich es erneut vor dir geheimhalten, obwohl meine Welt sich längst wieder nur um dich drehte. Dann schließlich fand ich den Mut, dir am Telefon zu sagen, das ich dich nicht vergessen habe und immer noch in dich verliebt sei. Du meintest, du wirst gerade rot und ich hatte Herzflattern. Ich sagte, dass ich ja weiß, das du nicht so für mich empfindest, aber du fielst mir ins Wort und meintest nur, man weiß ja nicht was noch so kommt, wir hätten uns doch immer gut verstanden. Ich bat dich direkt, mir keine Hoffnungen zu machen, wenn da doch nichts ist. Aber auch das hast du mit den Worten, wir müssen uns halt mal wieder öfter unterhalten, zu Nichte gemacht. Das taten wir auch. Und du hast mir sogar gesagt, dass es in Ordnung wäre, wenn ich mir etwas darauf einbilde, zu denen zu gehören, mit denen du so lange telefonieren kannst.
Also war es so weit. Du wusstest, was ich für dich empfand und wolltest dich auch treffen. Damit wir uns wieder neu kennenlernen können und ich hoffte vielleicht endlich die Chance zu bekommen, dein Herz zu erobern. Mein Glück konnte ich darum nicht fassen. Doch zu früh gefreut.
Einen Tag vor unserer Verabredung riefst du mich an, um noch mal zu besprechen, wann wir uns sehen und was wir so machen wollten. Ich habe aber an deiner Stimme schon gehört, dass du eigentlich absagen wolltest. Und so war es dann auch. Am Tag der Verabredung, ganz früh morgens, schriebst du mir, dass es wohl nichts wird, weil es zur Zeit bei dir ziemlich viel wäre und du hoffst das ich nicht enttäuscht oder verärgert wäre.
Meine Enttäuschung kannst du dir ja vorstellen. Seitdem schrieb ich dir immer wieder hinterher und hoffte das es sich trotzdem noch mal in die richtige Richtung entwickelt, aber mehr, als mich in der Luft hängen zu lassen ist nicht passiert. Was hat dir solche Angst gemacht? Mehr als ein stinknormales Date hatte ich nicht von dir erwartet. Klar wollte ich wissen, wie es dir so ergangen ist und mit den anfänglichen Erzählungen von dir hast du mich auch echt neugierig gemacht. Und meine Sorgen um dich geweckt. Leider hast du mir, nach dem du abgesagt hattest, gar nichts mehr erzählt. Das hat mich zum Verzweifeln gebracht. Nichts mehr von dir zu hören. Darum musste ich davon ausgehen, dass du kein Interesse mehr daran hattest, dich mit mir zu treffen. Schließlich habe ich dir eine perfekte Vorlage geliefert, mir zu sagen, dass du einfach nicht mehr als Freundschaft für mich übrig hast und dich gebeten, mir endlich mein Herz zu brechen, damit ich endlich mit dir abschließen kann. Auch darauf sagtest du nur, ich habe gerade den Kopf voll, aber sonst alles gut soweit.
Wie soll ich da die Hoffnung aufgeben? 
Jeder aus meinem Freundeskreis hat mir versichert, dass ich mir umsonst den Kopf zerbreche, warum du dich mir nicht mehr mitteilst. Jetzt wünsche ich mir, ich hätte dich nicht wieder gesehen. Und das ich mir das wünsche, macht mich einfach nur traurig. 
Ich hätte nie gedacht, dass ich so sehr an jemanden hängen kann. Du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich denke ständig nur an dich. Für mich gibt es nun mal nur dich. Kannst du dir denn nicht vorstellen was du mir bedeutest? Seit 23 Jahren bist du der einzige den ich schon immer wollte. Mit 15 konnte ich Gedanken an dich viel leichter unterdrücken, weil ich von Anfang an wusste, dass ich nicht das war was du wolltest. Aber jetzt, nach so langer Zeit, sehe ich dich endlich wieder und du machst mir direkt Hoffnung auf mehr. Auch wenn es total kindisch, kitschig und übertrieben romantisch ist, mein Herz liebt nur einmal. Mein Kopf hat da gar nicht mitzureden. Mein Körper reagiert auf dich wie noch auf niemanden. Für mich gibt es nur ganz oder gar nicht. Ich hätte mich so sehr gefreut, wenn du es mal mit mir ausprobiert hättest. Wäre es dann nicht das was du dir vorgestellt hast, würde ich viel eher damit fertig werden, denn für fehlende Gefühle kann ja Niemand was.
Bitte, wenn du es so siehst wie ich denke, dann lösche einfach meine Nummer, denn melden willst du dich ja nicht mehr. Du verlierst doch nur eine flüchtige Bekannte aus deiner Jugend zu der du gar keine Erinnerungen mehr hast. Ich bin diejenige, die, schon wieder, die einzige Person verdrängen muss, die jemals solche Gefühle in mir ausgelöst hat. Ich halte das nicht mehr aus. Es ist auch echt gemein von dir, mich so hängen zu lassen. Eine Antwort oder Reaktion schuldest du mir schon allein aus Höflichkeit. Ich bitte dich doch nur, mir zu helfen über dich hinwegzukommen. Falls ich dir je auch nur ein kleines Bisschen bedeutet habe, lösche meine Nummer und ich weiß bescheid. Wenigstens auf diesem Wege könntest du mir zeigen, dass ich keine Chance bei dir habe.
Ansonsten werde ich immer darauf warten, dass du dich doch noch mal meldest und mir ewig Hoffnungen machen.

Lisa 

 

​​​​​​P.S.

Jeden Tag wünsche ich mir das es dir und deiner Tochter gut geht und du diesen Brief lesen wirst. 

 


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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