Monika Litschko

Sultan del Arabika Teil1

 

Auf einer kleinen grünen Weide, die umgeben war von hohen mächtigen Tannen, standen fünf Pferde. Sie knabberten genüsslich, das grüne, saftige Gras zu ihren Füßen und trabten dabei gemütlich auf und ab. Ein stolzer schwarzer Hengst, hob ab und zu seinen Kopf und schaute ausgiebig in die Runde. Man wollte glauben, dass er die Herde aufmerksam bewachte. Wenn er dieses getan hatte, schnaufte er laut, schüttelte den Kopf und graste zufrieden weiter.

Emma, die mit ihren Eltern ganz nah an der Weide wohnte, lief jeden Tag hinüber und fütterte den Schwarzen mit Zucker und Rüben. Die anderen Pferde würde sie auch füttern, aber immer kam nur der schwarze Hengst auf sie zu. Wenn er seinen Kopf weit über das Gatter beugte und mit weichen Lippen den Zucker von ihrer Hand nahm, streichelte Emma seine schwarze Mähne. „Na, schmeckt es dir?“, fragte sie ihn jedes Mal. Dann schaute er sie lange an, drehte sich um und trabte langsam davon. Heute hatte Emma Äpfel eingepackt. Heimlich natürlich. Gegen Zucker und Rüben hatte ihre Mutter nichts einzuwenden. Zucker war ungesund und Rüben wuchsen zur Genüge in ihrem Beet. Aber die süßen, grünen Äpfel musste sie kaufen und fand es gar nicht gut, wenn Emma sie später an den Hengst verfütterte.

Der schwarze Hengst erspähte Emma schon in der Ferne und galoppierte gemütlich auf das Gatter zu. Ruhig wartete er auf sie. „So mein Schwarzer, heute habe ich Äpfel für dich!“, rief Emma atemlos und hielt ihm einen vor die Nüstern. Der Schwarze beschnupperte den grünen Apfel und schnaufte zufrieden aus.„Wurde ja auch mal Zeit“, meckerte er eingebildet. „Immer nur Rüben. Du isst doch auch nicht jeden Tag Erbsensuppe. Oder etwa doch?“ Emma erschrak und schaute hinter sich. „Keine Angst, ich habe mit dir geredet“, sagte er hochnäsig und freute sich, dass er das Mädchen erschreckt hatte. „Da staunst du, was?“„Pferde können nicht sprechen“, stotterte Emma verwirrt. „Sprechen können nur Menschen. Also, wer versteckt sich hier?“
„Wer sagt das?“, fragte der Schwarze und blies laut Luft aus seinen Nüstern. „Und wer sollte sich hier verstecken? Also wirklich, da lässt man sich nieder und spricht einen Menschen an, da geht es schon los. Wer ist da? Tiere können nicht sprechen. Blablabla."
„Das sagt jeder“, antwortete Emma und sah dabei nicht gerade glücklich aus. Und zweitens könnten es ja Schulfreunde sein, die mir einen Streich spielen wollen.“
„Hallo, wie guckst du denn? Das ist unhöflich“, schimpfte der Schwarze sauer. „Du guckst mich ja an, als käme ich von einem anderen Planeten. So zitronensaure Gesichter mag ich nicht. Sag mal, was für Schulfreunde hast du denn? Halbfertige Ärgernisse, die sich in Büschen und hinter Bäumen verstecken? Aber keine Angst, hier ist niemand.“

Emma glaubte nun doch, dass der schwarze Hengst sprechen konnte. Wer sonst sollte hier mit ihr reden? Es war niemand da, nur sie und der Schwarze standen sich gegenüber. Links, rechts und hinter ihr war niemand zu sehen. „Hm“, hüstelte sie, „ich habe noch nie ein Pferd gefüttert, das sprechen kann. Weißt du, Tiere reden wirklich nicht mit den Menschen. Das ist äußerst ungewöhnlich. Kein Mensch kann tierisch reden.“
Der Schwarze schaute sie einen Augenblick sprachlos an. Dann senkte er den Kopf und lachte. „Tierisch, ist das!“, rief er und wieherte laut. „Hahahahahahaha, ich kann nicht mehr. Ich wiehere mich schlapp.“ Aber so schnell wie er begonnen hatte, hörte er auch auf. „Dann hast du jetzt etwas dazu gelernt,“ antwortete er amüsiert. „Ich glaube, wir reden menschlich miteinander. Außerdem sollten wir uns vorstellen. Falls es dir nichts ausmacht, fange ich an.“ Emma nickte und der schwarze Hengst verneigte sich kurz vor ihr. „Man nennt mich Sultan del Arabika“, sagte er stolz und schüttelte seine lange Mähne. „Ich bin von edlen Bluten. Und nun sage mir, wer du bist.“
„Ich heiße Emma und wohne da unten in dem kleinen Haus“, antwortete sie und zeigte ihm die Richtung. „Siehst du es?“
„Ja, ich sehe“, stöhnte Sultan del Arabika. „Und weiter? War das alles?“
„Nichts weiter“, antwortete Emma. „Außerdem weiß ich nicht was du meinst.“

Der schwarze Hengst wieherte laut und tänzelte dabei auf der Stelle. „Wie kann man so dumm sein“, wetterte er. „Von welchem edlen Blut stammst du ab? Oder hast du keins? Langsam wurde es Emma zu bunt. Konnte es sein, dass der schwarze Hengst ziemlich eingebildet war? Auf jeden Fall nervte er gehörig. „Mein Blut ist ganz normal“, antwortete sie patzig. „Und wie kommst du auf die Idee von edlen Bluten zu sein? Das kann jeder behaupten, pah.“
„Pah, pah, pah, papperlapapp“, äffte Sultan ihr nach. „Ich kann es beweisen“, sagte er wütend und schnaufte sauer. Er schaute hinter sich, wieherte einmal laut und schlug seine Hufe in die Wiese. Die anderen vier Pferde, die in einiger Entfernung standen, hoben ihre Köpfe und trabten ehrfürchtig auf ihn zu.

„Sultan“, sagte eine schöne weiße Stute und verbeugte sich vor ihm, „was möchtest du von uns? Sprich.“ Sultan streckte seinen schwarzen Körper, bevor er antwortete. „Samira, sage diesem abgebrochenen Zwerg wer ich bin“, forderte er sie auf. Die weiße Stute schaute auf Emma und schnaufte bedächtig. „Das ist Sultan del Arabika, Kleine“, sagte sie freundlich. „Er hat edles Blut in seinen Adern. Sein Vater war der Prinz del Arabika und ebenso stolz und schön wie Sultan.“ Sultan del Arabika stupste Emma mit seiner Schnauze. „Siehst du!“, rief er eingebildet. „Ich bin, wer ich bin.“ Dann tänzelte er elegant auf der Stelle und bäumte sich kurz auf.

„Ist ja schon gut“, stöhnte Emma. „Du bist also der Sultan del Arabika. Aber wo liegt Arabika? Ich habe noch nie davon gehört.“ Die weiße Stute kam nun näher an den Zaun. „Arabika ist ein kleines Land,“ sagte sie geheimnisvoll. „Aber es ist sehr weit von hier entfernt.“ Emma überlegte, ob sie in der Schule schon etwas über Arabika gelernt hatte. Aber sie konnte sich nicht erinnern, dass ihre Lehrerin ein Land Namens Arabika genannt hatte. „Sultan del Arabika hört sich aber an wie eine Kaffeemarke“, sagte sie und lachte. „Meine Mama kauft immer Kaffee, der aus Arabischen Kaffeebohnen gemacht ist.“

Der schwarze Hengst regierte sauer auf Emmas Vergleich. Aufgeregt rannte er ein paar Runden über die Weide. Dabei schlug er mit seinen Hinterläufen gefährlich aus und es dauerte eine ganze Weile, bis er sich einigermaßen beruhigt hatte. „Mit einer Kaffeebohne vergleichst du mich also!“, rief er böse und wieherte wütend. „Mit einer kleinen, braunen Kaffeebohne. Wie kommst du dazu, mich so zu beleidigen?“ Emma verdrehte die Augen. „Das habe ich doch nur so gesagt. Aber ich kenne Arabika nicht. Wenn es dich beruhigt, frage ich meinen Vater, denn der weiß fast alles. Ich kann nicht jedes Land kennen.“

Der schwarze Hengst schaute sie nun interessiert an, und wollte mehr von ihr wissen. „Also ist er auch von edlen Bluten, dein Vater?“, fragte er aufgeregt. „Er besitzt Wissen und Wissen ist Macht. Jetzt sage mir schon, wie heißt er weiter? Die Menschen heißen doch immer von so und so. Oder von dies und das. Graf oder Gräfin. Sie sind alle so Erlaucht.“ Emma hatte keine Lust, mit dem Schwarzen über edles Blut zu reden und griff zu einer Notlüge. Dazu griff sie immer, wenn ihr etwas gehörig auf den Keks ging. „Mein Vater ist Jürgen von Meier“, sagte sie ganz erhaben. „Und somit bin ich Emma von Meier und meine Mutter Gaby von Meier. Und nun kannst du mir ja auch deine Freunde vorstellen.“
„Siehst du“, näselte der Schwarze, „es geht doch. Jetzt weiß ich auch wer du bist. Eine kleine freche Rotznase, deren Eltern edles Blut in ihren Adern tragen.“

Emma ärgerte sich gewaltig. Was bildete sich dieser Sultan eigentlich ein. „Schön!“, fauchte sie. „Und ich weiß wer du bist. Ein alter schwarzer Ackergaul, der vor lauter Langeweile das Meckern erfunden hat.“ Zufrieden holte Emma Luft. Dem hatte sie es aber gegeben.

Sultan lehnte sich lässig gegen das Gatter und wieherte spöttisch. „Huch, habt ihr das auch gehört? Die kann frech werden, diese kleine Rotznase!“ Samira schüttelte die weiße Mähne. „Also wirklich Sultan“, sagte sie vorsichtig. „Manche Worte müssen nicht gesagt werden. Und das mit der Kaffeebohne, war doch nur ein Vergleich. Mehr nicht. Ich glaube es war ein Scherz.“
„Ja, ein Vergleich“, plapperte eine rote Stute ihr nach. „Mehr nicht.“
Sultan del Arabika seufzte theatralisch, aber dann stellt er Emma die anderen Pferde vor.

„Die kennst du ja schon,“ sagte er. „Das ist Samira die weiße Stute. In jungen Jahren war sie die schönste Stute von Arabika. Sie verbeugte sich immer ehrfürchtig vor den Menschen und Tieren. Ihre Weisheit war überall bekannt und zeichnete sie aus.“ Samira lächelte Emma lieb an. „Na ja“, sagte sie verlegen, „so bin ich heute auch noch.“

Ein schwarz-weißer Hengst wieherte und zwinkerte Emma neckisch zu. „Neben mir steht Melchior“, fuhr der Schwarze fort. „Er war der beste Traber im Land. Melchior, zeige ihr was du draufhast.“ Melchior verbeugte sich und tänzelte auf der Stelle, dann trabte er los. Sein schwarz- weißes Fell leuchtete hell im Sonnenlicht. Zwei weiße Schmetterlinge, die hinter ihm her tanzten, setzten Melchiors Trab so richtig in Szene. Stolz und schön drehte er ein paar Runden für Emma und gesellte sich wieder zu ihnen. „Hat es dir gefallen, Emma?“
„Oh ja“, erwiderte sie beeindruckt. „Es sah sehr schön aus. Und so würdevoll.“ Melchior verneigte sich noch einmal vor ihr. „Das hast du schön gesagt, danke. Ja, jetzt geht es mir richtig gut.“

Sultan rief nun den braunen Hengst zu sich, der etwas abseitsstand. „Nun stelle ich dir Baron vor“, sagte er mit weicher Stimme. „Baron zog die schönsten Wagen in Arabika. Und auf seinem Kopf trug er eine bunte Federkrone. Er ist der Älteste von uns und schon sehr gebrechlich. Baron kannte meinen Vater noch, den Prinzen del Arabika. Die leichte Wehmut in seiner Stimme, konnte er dabei nicht unterdrücken.
„Ich kann dir leider nichts mehr zeigen“, sagte Baron müde. „Ich habe ja keinen Wagen und auch keine bunte Federkrone. Außerdem bin ich ein lahmer alter Gaul.“ Liebevoll steckte Emma ihre Hand durch das Gatter und tätschelt Barons graue Brust. „Das brauchst du auch nicht“, flüsterte sie ihm zu. „Du warst bestimmt ein stolzer, schöner Hengst. Und die Wagen, die du gezogen hast, waren bunt und wundervoll. Der alte Baron tat ihr leid. Dankbar schaute Baron sie an. „Ja, Kleine. In jungen Jahren war ich stolz und schön. Und die Wagen, die ich zog, waren bunt und imposant“, murmelte er verträumt. „Wenn ich an den Menschenmengen, die die Straßen säumten, vorbeizog, ging ein Raunen durch die Menge. Baron gähnte laut. „Siehst du, ich bin schon wieder müde.“
Emma tätschelte noch einmal Barons Brust, bevor er langsam davon trabte.

„Und wer ist die schöne, rote Stute dort?“, fragte sie neugierig. Die rote Stute kam unaufgefordert auf sie zu. Doch bevor sie etwas sagen konnte, mischte Sultan del Arabika sich ein. „Das Emma“, sagte er schnell, „ist Quasselstrippe. Wenn sie einmal anfängt zu reden, hört sie nicht mehr auf. Meistens bekommen wir Kopfschmerzen von ihrem Gerede. Aber in Arabika wusste sie auf jede Frage eine Antwort.“
„Ja, so war das auch“, fing Quasselstrippe an zu plappern. „Immer fragten sie mich etwas und ich beantwortete alles. Damals war ich noch jung und voller Elan. Heute fragt mich niemand etwas. Sie sagen alle, ich soll still sein. Aber das Reden macht mir so viel Spaß. Willst du etwas von mir wissen? Sag was willst du wissen? Mach schnell, ich bin schon ganz aufgeregt“, schnatterte sie übermütig.

„Ruuuuuuuuuuuuuhe!“, brüllte Sultan. „Siehst du, dass meine ich! Sie redet wie ein Wasserfall. Aber vor einem Wasserfall kann man weglaufen. Vor ihr leider nicht.“ Emma schaute den Schwarzen böse an. „Trotzdem kann sie allein für sich sprechen. Du redest auch viel und verbieten deine Freunde dir das Reden?“

Sultan del Arabika beugte seinen langen Hals weit über das Gatter. „Rotznase“, murmelte er wütend. „Respektlos und frech bist du.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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