Monika Litschko

Sultan del Arabika Teil2

Emma stemmte ihre Hände in die Hüften und blickte ihm tief in die Augen. „Meinst du?“, fragte sie nachdenklich. „Oder sage ich nur die Wahrheit?“ Die Augen des Schwarzen sprühten vor Zorn. „Warten wir es ab“, antwortete er von oben herab. „Du solltest meine Autorität, die ich hier habe, nicht untergraben.“ 
„Oh je“, gelangweilt schaute Emma auf ihre Uhr, „ich muss schnell nach Hause, es ist schon spät und Hausaufgaben habe ich auch noch nicht gemacht. Wenn das mal keinen Ärger gibt.“ Aber bevor sie ging, stellte sie eine letzte Frage. „Warum können wir miteinander reden, Samira? Ich finde es großartig, aber es macht mir auch Angst. Oder träume ich nur?“ Samira schnaubte, bevor sie ihr eine Antwort gab. „Es ist Magie Emma, nichts weiter. Die Menschen verstehen, dass konnten wir schon immer. Aber mit ihnen sprechen? Oh Gott, bei weitem nicht. Du bist eine große Ausnahme.“
„Und außerdem reden wir nicht mit jedem“, mischte Quasselstrippe sich ein. „Sonst kommen wir noch in ein Labor, wo sie Versuche mit uns anstellen. Hilfe, nur nicht daran denken. Sie würden lauter Elektroden an uns befestigen und dann ginge es los. Piecks hier, Piecks da. Bitte sage keinem Menschen, dass wir sprechen können“, sagte sie flehentlich. Der schwarze Hengst stellte sich auf die Hinterläufe und wieherte. „Das würde ihr sowieso niemand glauben. So sind die Menschen und sie werden auch so bleiben. Soviel Klapsmühlen haben die auch gar nicht.“

Emma war ihm nicht böse. Sultan hatte absolut Recht. Erwachsene Menschen glaubten nicht daran und ihre Freundin Lilly bestimmt auch nicht.“
„Ok, ich verspreche es euch“, antwortete sie beeindruckt. „Aber nun muss ich los.“
„Warte, kannst du uns sagen, wie alt du bist?“, fragte Samira neugierig.
„Ich bin zwölf Jahre, aber fast dreizehn“, antwortete Emma stolz. „So, ich muss los. Bis Morgen.“
„Bis Morgen!“, riefen vier Pferde gleichzeitig und schauten ihr noch lange hinterher. Bis auf Sultan del Arabika. Der war immer noch ein wenig knatschig, wegen dem Vergleich mit der Kaffeebohne. Aber auch angetan von ihrem Mut. „Rotznäschen“, dachte er und trabte nachdenklich davon.

 

Beim gemeinsamen Abendbrot fragte Emma ihren Vater gleich nach dem Land Arabika. Papa, hast du schon einmal von Arabika gehört?“
„Du meinst bestimmt Arabien. Arabika sagt mir gar nichts. Doch, Kaffeebohnen fallen mir dazu ein.“ Emma griff mal wieder zu einer Notlüge. Aber erst belegte sie ein Brötchen und überlegte. Sollte sie ihre Eltern einweihen? Oder lieber nicht? Lieber nicht, beschloss sie. Die halten mich sonst für durchgeknallt und schicken mich zum Arzt. Außerdem habe ich versprochen mit niemanden darüber zu reden. „Ach, das habe ich mal gehört“, antwortete sie so überzeugend wie möglich. „Ich glaube, ein Junge an unserer Schule hat das mal erwähnt, schwindelte sie weiter. „Da habe ich mich wohl verhört.“
„So, da hattest du wohl Bohnen in den Ohren“, sagte ihre Mutter und grinst schelmisch.
„Kaffeebohnen hatte ich in den Ohren“, antwortete Emma und grinste ebenfalls. „Aber Arabische“, schmunzelt ihre Mutter nachsichtig. „Was meint ihr, können Tiere sprechen?“, fragte Emma vorsichtig. „Untereinander bestimmt“, antwortete ihre Mutter. „Aber wir können sie nicht verstehen. Oder wir wollen sie nicht verstehen. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.“
„Hast du heute noch ein paar sonderbare Fragen an uns?“, wollte ihr Vater wissen. „Interessiert es dich vielleicht, ob Tiere die Schule besuchen?“, neckte er sie. „Das kann ich armer, gebeutelter Lehrer nur mit einem ja beantworten. Ich habe nämlich ein paar Hornochsen in meiner Klasse, die ab und zu den Unterricht schwänzen.“
„Nein, das war alles“, antwortete Emma müde und streckte ihrem Vater kurz die Zunge heraus. „Ich werde jetzt auf mein Zimmer gehen und Musik hören.“


In ihrem Zimmer angekommen, öffnete sie das Fenster und schaute zur Weide. Aber die lag einsam und verlassen im Schatten des Waldes. „Bestimmt haben sie es sich im Stall gemütlich gemacht“, seufzte sie und legte sich ins Bett. Sie setzte ihre Kopfhörer auf und schaltete den MP 3 Player ein. Dann kuschelte sie sich in ihre Kissen und lauschte der Musik. Doch ihre Gedanken wanderten immer wieder zu Sultan del Arabika, zu Baron, Quasselstrippe, Samira und Melchior, bis sie erschöpft einschlief. Emma sank in einen tiefen Schlaf und erwachte in einem ungewöhnlichen Traum.

Im gleißenden Licht des Mondes, fand sie sich auf der kleinen Weide wieder. Verwirrt blickte sie sich um. Was machte sie hier so allein? Ein leises Schnauben wehte zu ihr herüber. „Sultan?“
„Ja, ich bin es“, flüsterte die bekannte Stimme. Langsam trabte er aus der Dunkelheit auf sie zu. „Ich will dir etwas zeigen, Emma. Du musst keine Angst haben.“ Er bat sie, auf seinen Rücken zu steigen. „Steig auf, Emma.“ Emma stieg auf seinen Rücken. Angst hatte sie keine. Sie wusste nicht warum, aber sie vertraute dem Schwarzen. „Halte dich gut fest!“, rief er ihr zu und sprintete los. Er jagte über die Weide, sprang elegant über das Gatter und ritt mit ihr über die Felder in den Wald hinein. Auf einer großen Lichtung, ganz tief im Wald hielt er an. „Emma, hier geht es nach Tubarzia.“
„Tubarzia, was ist das?“, fragte sie den Schwarzen neugierig. Der schwarze Hengst wieherte. „Das sage ich dir später. Lese den Silberling, in ihm steht die Antwort. Lese und vergesse es wieder“, sagte er eindringlich.

Emma überlegte. Der Silberling sagte ihr gar nichts. Lesen und vergessen war einfach nur komisch. Trotzdem war ihre Neugierde geweckt. Doch bevor sie weitere Fragen stellen konnte, kam der Schwarze ihr zuvor. „Willst du einmal etwas außergewöhnlich Schönes erleben?“, fragte er schelmisch. „Etwas wunderbares?“
„Was denn?!“, rief sie euphorisch. „Nun sag schon!“
„Halte dich jetzt gut fest,“, antwortete der Schwarze, „dann zeige ich es dir.“

Emma griff tief in Sultans Mähne und schon ging es los. Sultan del Arabika rannte schnell wie ein Herbststurm. Immer schneller und schneller, bis sie in die Lüfte stiegen. Emma staunte nicht schlecht, als sie sah, dass der Wald immer kleiner wurde. Er schrumpfte und schrumpfte. Bald war auch die Erde, nur noch ein kleiner, blauer Ball.
„Wo willst du hin!?“, rief sie ihm zu. „Zu den Sternen?“
„Warte es ab“, schnaufte er und stieg noch höher. Immer höher und höher.
„Sultan“, hauchte Emma verzückt, „ich kann schon fast den Mond berühren. Hast du die Sternschnuppe gesehen, die ans uns vorbeigeflogen ist?“
Sultan umkreiste den Mond mit ihr und sprang graziös von Stern zu Stern und jagte zurück zur Erde. „Denke an Tubarzia“, sagt er immer wieder. „Tubarzia, Tubarzia ...Tubarzia.“

Als Emma erwachte, dachte sie nur an eines. Tubarzia, Tubarzia und wieder Tubarzia. „War es ein Traum oder bin ich wirklich mit Sultan zu den Sternen geflogen?“, fragte sie sich unsicher. „Und was ist ein Silberling? Geld? Aber das kann man nicht lesen. Oh man, Tubarzia. Was soll das alles? Aber es war ein schöner Traum.“ "Emma reckte und streckte sich ausgiebig, dabei berührte ihre Hand einen Gegenstand. Sie drehte sich zur Seite und fand ein kleines, in Leder gebundenes, weißes Büchlein. „Silberling“, las Emma laut. „Gestern lag es noch nicht da.“ Aufgeregt schlug sie die erste Seite auf. „Es hat so viele Seiten, aber nur eine ist beschrieben.“ Neugierig las sie die Zeilen.

Der Silberling hat dich lange gesucht. Nun hältst du ihn in deinen Händen. Mit deinem Abenteuer, welches schon begonnen hat, füllst du seine leeren Seiten. Wenn dich der Silberling in deinen Träumen berührt, besitzt du die reine Seele eines Kindes und dein Geist ergreift die Feder. Verborgen hinter dem Schatten der Träume, habe ich auf dich gewartet. Mit dem Schlag deines reinen Herzes, hast du mein Siegel zerbrochen. Wenn das letzte Wort geschrieben ist, verschließe ich mich wieder und hüte die Wahrheit wie einen kostbaren Schatz in den Tiefen der Erde. Umschlossen von stillem Wasser, werde ich immer wieder den gleichen Traum träumen, damit meine Erinnerung an dich für immer bestehen bleibt. Wenn die Zeit gekommen ist, gebe ich dir deine Träume zurück. Öffne dein Herz und deinen Geist. Spüre Tubarzia. Emma, lebe in der Magie. So wirst du später mit vier Augen sehen. Mit den Augen einer Erwachsenen und mit denen eines Kindes. Ich bin deine Erinnerung.

Emma war verwirrt. Da war es wieder, Tubarzia. Das hatte Sultan ihr zugerufen. Sie schlug das kleine Büchlein zu, um es unter ihr Kopfkissen zu stecken. Doch dieses, schlug plötzlich heftig mit seinen Seiten, flatterte durch Emmas Zimmer und drehte sich anschließend immer schneller um die eigene Achse. Gebannt verfolgte Emma das Schauspiel. „Das glaubt mir keiner“, murmelte sie müde. „Ein Buch das plötzlich auf meinem Bett liegt, fliegt durch mein Zimmer. Es heißt Silberling und fängt meine Geschichten ein.“ Dann sank sie in einen tiefen Schlaf. Als sie die Augen wieder öffnete, hatte sie den Silberling vergessen, aber ihre Seele hielt schon längst die Feder in ihren magischen Händen und schrieb die ersten Sätze.

Der Silberling aber, war auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Seine Seiten trugen ihn nach Millozart und auf seinen Schwingen segelte er über die Baumkronen hinweg, bis er schließlich in den See der Geschichten eintauchte. Er schwamm zu einer kristallenen Höhle und suchte seinen Platz, zwischen unzähligen, schon geschriebenen Geschichten.

 

©Monika Litschko

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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In meinen Gedichten, schreibe ich mir meine eigene Realität, meine Träume auch wenn sie oft surreal, meistens abstakt wirken. Schreiben bedingt auch meine Sprache, meine Denkmechanismen mein Gefühl für das Jetzt der Zeit.

Ich vernehme mich selbst, ich höre tief in mich rein, bin bei mir, hier und jetzt. Die Sprache ist dabei meine Helfershelferin und Komplizin, wenn es darum geht, mir die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Wenn ich mein erzähltes Ich beschreibe, beeinflusse, beschneide, möchte ich begreifen, wissen, welche Ursachen Einflüsse bestimmte Dinge und Menschen auf mein Inneres auf meine Handlung nehmen, wie sie sich integrieren bzw. verworfen werden um mich dennoch im Gleichgewicht halten können.

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