Wolfgang Hoor

Weihnachten - mein Fest der Versöhnung

Weihnachten – mein Fest der Versöhnung

Das Jahr 1952 war das garstigste Jahr in meinem Leben. Ich, Alfred, war 12 und hatte mich mit allem überworfen, was für mein Fortkommen im Leben wichtig gewesen wäre. Die Schule war nach meiner Meinung ein Ort der Kränkung und Demütigung, mein Vater stand immer auf der falschen Seite, meine Mitschüler, mit denen ich spielte, hatten eine ähnliche Einstellung wie ich. Am liebsten hätte ich zusammen mit meinen Spielkameraden auf einer einsamen Insel gelebt und nie mehr etwas von den Aufgaben gehört, die, leider leider, ein normaler12jähriger Junge zu bewältigen hat.

Die schlimmsten Tage waren die Sonntage, an denen ich vollständig meiner Familie ausgeliefert war. Zu den religiösen Aufgaben kam die Überprüfung meines Wissenstandes durch meinen Vater. Für ihn war vor allem das Fach Latein wichtig, und Latein war das Schulfach, von dem ich mich ganz konsequent verabschieden wollte. Also wurde mein Vater mein Nachhilfelehrer, der immer nur Lücken entdeckte, dessen Zorn mit jeder Vokabel, die ich nicht kannte, und mit jeder grammatischen Figur, die ich nicht beherrschte, gewaltig anstieg und dessen Stimme immer schriller wurde.

  1. es ganz schlimm geworden war, heulte ich. Mein Vater verstand nicht, was es da zu heulen gebe, Ich sei schließlich kein Baby mehr, und nicht selten setzte es dann eine Ohrfeige. In diesem Fall wechselte meine Stimmung vom Gefühl der Wertlosigkeit und Aussichtslosigkeit aller Anstrengungen in offene Wut. Ich räumte den Schreibtisch ab, wo die Lateinsachen noch lagen, nahm sie, rannte zur Wohnzimmertür, rannte an Schwester und Bruder vorbei, die von dem fürchterlichen Geschrei angezogen worden waren und vor der Tür standen, stürmte in mein Arbeitszimmer und schloss ab.

Und dann saß ich vor dem Lateinbuch und dem Vokabelheft, beides blieb geschlossen, hatte die Arme über der Brust gekreuzt, starrte zum Fenster hinaus, wo die großen Kastanienblätter sich regten, blieb verstockt und unfähig, einen Reuegedanken zuzulassen. Und so saß ich da, mit verheultem Gesicht, bis mich meine Mutter zum Kaffee rief. Ich ging hin, ja, aber keiner bekam aus mir an so einem solchen Sonntag noch ein Wort aus mir heraus. Ich hasste sie alle, alle, alle.

Ich wurde trotz Latein in die Quinta versetzt. Ich nahm mir vor weiter zu trotzen. Latein lernte ich immer noch nicht. Ich protestierte weiter gegen die Schule. Ich wünschte mir noch immer die einsame Insel. Ich bemerkte aber, dass sich einige Mitschüler wieder für die Schule zu interessieren begannen. „Die haben ja nur Schiss, weil sie für ihre Faulheit den Hintern versohlt bekommen“, sagte Dieter, mein Freund, der in unserem Haus eine Etage über uns wohnte. Und allmählich hätte mir auch eine einsame Insel nur für mich gefallen. Mein Vorbild wurde jetzt der große Robinson Crusoe.

Dann aber geschah etwas Seltsames. Mein Vater hörte auf, mein Latein-Nachhilfelehrer zu sein. Er kümmerte sich nicht mehr um meine Latein-Kenntnisse. Er kümmerte sich überhaupt nur noch selten um mich. Und seit er nicht mehr mein Nachhilfelehrer war, schien ich ihm immer gleichgültiger zu werden. Früher hatte er mir noch, wenn er gut gelaunt war, von seiner Jugend und von seiner Internatszeit erzählt und wie es da viel strenger zugegangen sei und wie man da noch den Stock seiner Lehrer zu fürchten hatte. Jetzt beschränkte er sich auf ein paar knappe Anweisungen und ein paar verächtliche Blicke. Ich war aus seiner Welt verwiesen worden wie Adam und Eva aus dem Paradies.

Zuerst fand ich das schön. Das war doch das, was ich gewollt hatte, oder? Was sollte mich sein mürrischer Ton ärgern, wenn er mich nur nicht mehr zusammenschrie. Aber allmählich drückte dieser Zustand auf mein Gemüt. In der Zeit, in der ich meine Ohrfeige bekommen hatte, da war ich meinem Vater noch wichtig gewesen. Jetzt begann ich ein Nichts zu sein. Ich wartete jetzt darauf, dass er sich wieder meine Lateinsachen zeigen ließe, aber das geschah nicht. Und jetzt ging es auf Weihnachten zu und wenn wir uns nicht versöhnten, konnte das doch kein richtiges Weihnachtsfest werden!

 

„Sag mal, willst du es mit Latein nicht noch einmal versuchen?“, fragte mich Dieter eines Tages. „Meine Eltern hätten es sicher nicht gern, wenn mein Freund ein Sitzenbleiber wäre.“ Das war nun ein herber Schlag. Robinson Crusoe hatte zuletzt auf seiner einsamen Insel immerhin noch seinen FREITAG. Ich hätte, wenn ich nicht mehr mit Dieter spielen dürfte, gar niemanden mehr.

„Ich kann das alleine nicht mehr“, sagte ich. „Und wenn ich dir helfen würde? Mein Vater hat mir auch eine Methode beigebracht, wie man im Lateinischen aus eigener Kraft besser werden kann.“ Also wurde Dieter mein Nachhilfelehrer. Seine Methode half nicht sofort, aber sie half. Und so bekam ich schließlich im Oktober eine Lateinarbeit zurück, die war immer noch Fünf, Fünf plus wohlgemerkt, und unter der Arbeit stand: „Weiter so. Du hast Fortschritte gemacht.“.

Ich wollte sie meinem Vater auch zeigen, aber der wollte nur die Note wissen. „Fünf plus!“, sagte ich. „Fünf!“, sagte er. „Also aussichtslos. Behalte dein Heft in der Tasche. Ich will es nicht sehen.“ „Aber Papa“, versuchte ich es noch einmal. „Hör mir doch zu. Unter der Arbeit …“ - „Fünf ist Fünf. Wir melden dich am Ende des Schuljahres vom Gymnasium ab, für deine Faulheit zahle ich kein Schulgeld mehr. Du hast es nicht verdient, dass man dir hilft.“ Es war seit langem das erste Mal, dass ich vor seinen Augen wieder in Tränen ausbrach. Er ließ mich stehen und verließ den Raum.

Und so ging es auf Weihnachten zu und ich war verzweifelt. Ich wollte jetzt keine einsame Insel mehr, sondern ein richtiges Weihnachtsfest haben und mich mit Papa versöhnen. Aber vielleicht konnte ich ihn durch einen gut auswendig gelernten Bibeltext überzeugen. Vielleicht nicht wirklich endgültig überzeugen, aber doch wenigstens für diesen Tag gnädig stimmen!

Um gemeinsam Weihnachten zu feiern, mussten wir Kinder uns einer Prüfung unterziehen. Meinem Vater mussten wir die Weihnachtstexte aus dem Evangelium auswendig vortragen. Die Großen mussten den Prolog des Johannesevangeliums auswendig können („Im Anfang war das Wort …) und die Jüngeren mussten das Kapitel 2 des Lukas-Evangeliums vortragen. („In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl…“) Und das sollte mir gelingen. Wenigstens das!

So saß ich mit drei meiner Geschwister in meinem, besser unserem „Studierzimmer“ und wir gingen noch einmal unsere Texte durch. Da kam Papa herein. Er sagte freundlich: „Macht nur weiter, ich hab was mit dem Alfred zu bereden. Lass die Bibel ruhig hier, Alfred, mit dir möchte ich mal ins Dachgeschosszimmer gehen.“ Schweiß trat auf meine Stirn. Was um Himmels willen sollte ich mit einem immer noch zürnenden Vater im Dachgeschosszimmer?

Schweigend an seiner Hand ging es die Treppen hoch, schweigend schloss mein Vater auf, mit einer Handbewegung forderte er mich dazu auf, mich auf das Bett zu setzen. Er setzte sich mir gegenüber auf einen Stuhl, auf seinem Schoß eine Aktentasche.

Er sah mich lange lange mit einem Blick an, den ich nicht deuten konnte. Es war nicht mehr die Verachtung der letzten Zeit, es war aber noch nicht der Blick eines weihnachtlich gestimmten Menschen. „In manchen Familien feiert man Weihnachten mit dem Weihnachtsmann. In diesen Familien kommt der Weihnachtsmann in einer Doppelrolle: er bringt Geschenke oder straft. Was meinst du, in welcher Rolle würde der Weihnachtsmann dich besuchen?“

Ich wagte nicht zu antworten. Natürlich käme für mich nur der strafende Weihnachtsmann in Frage. Mein Vater lächelte. Es war das erste Lächeln, das er mir seit Monaten gönnte. „Na, sag’s schon.“ – „Ich bin aber besser geworden in Latein!“, rief ich. „Ich lerne auch wieder.“ – Mein Vater öffnete seine Aktentasche und holte ein Heft heraus, das ich kannte: mein lateinisches Klassenarbeitsheft.

„Das ist richtig“, sagte mein Vater. „Die letzte Arbeit, die ihr noch nicht zurückhabt, die habe ich mir bei deinem Lateinlehrer abgeholt, und die ist eine Drei.“ Ich starrte ihn an, als hätte ich eben das tollste Weihnachtsgeschenk meines Lebens bekommen. Er drückte mir das Heft in die Hand, und jetzt erst merkte ich, dass Papa inzwischen alles gesehen haben musste, was er bisher nicht hatte sehen wollen: die Sechs vom Anfang des Schuljahres, die Fünf danach, den kleinen ersten Erfolg, die Fünf plus, dann die Vier und jetzt die glatte drei. Er nahm sich das Heft zurück.

„Also noch mal die Frage“, fuhr mein Vater fort, immer noch lächelnd, „in welcher Rolle würde der Weihnachtsmann dich besuchen, wenn er zusammenrechnet: sechs, fünf, fünf plus, vier und drei?“ Ich ließ den Kopf hängen. Im Durchschnitt war ich immer noch Fünf. „Du brauchst nicht zu antworten. Ich sehe, was du sagen willst.“

Eine ganz lange Pause entstand. Ich wusste, was viele Kinder vom Weihnachtsmann erzählten: dass bei ihm „strafen“ heißt: den Schuldigen übers Knie legen. Und das wollte jetzt Papa mit mir machen? Natürlich! Darum hatte er mich hierher ins Dachgeschosszimmer geführt, damit es von unserer Familie niemand hören könnte, wenn ich heulte und schrie. Das also sollte meine Weihnachtsversöhnung sein? Es gab wieder eine ganz lange Pause, Papa schob die Tasche von seinem Schoß weg. Damit war er bereit, mich übers Knie zu legen.

Aber sein Gesicht passte nicht zu dieser Befürchtung. Das Lächeln, das vorhin auf seinem Mund erschienen war, war nicht mehr verschwunden. „Nun?“, fragte mein Vater schließlich. „Meinst du wirklich, ich feiere in unserer Familie mit dir den Weihnachtsmann? Wir feiern die Ankunft des Christkinds. Das ist ganz was anderes. Und dass du wieder lernst, hat die letzte Lateinarbeit bewiesen, und dass du dich auf die Ankunft des Christkinds vorbereitet hast, dass musst du mir jetzt beweisen mit den Worten des Lukas-Evangeliums.“

O ja, das konnte ich. Schon nach ein paar Sätzen unterbrach mich Papa. „Ich weiß, du kannst wieder lernen und du hast wieder gelernt. Für mich ist das mein schönstes Weihnachtsgeschenk. Und such mir aus dem, was du gelernt hast, den schönsten Satz heraus.“ – Und der fiel mir sofort ein, weil ich mich jetzt schon so lange nach ihm gesehnt hatte. „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Frieden bei den Menschen seiner Gnade.“

Als ich wieder ins Studierzimmer kam, wo die anderen sich inzwischen leise unterhielten, sagte mein Vater: „Ich schaue jetzt nach, ob der Alfred gelernt hat. Wenn das der Fall ist, darf er als erster ins Weihnachtszimmer und das Christkind in die Krippe legen. Komm “ Und als Papa mich in die Küche führte, wo er die Prüfungen abhielt, schloss er mich in seine Arme.

„Ich bin stolz auf dich“, sagte er. „Du hast was scheinbar Unmögliches möglich gemacht.“ Dann drückte er mir das Christkind in die Hand, das ich in die Krippe legen durfte.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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