Leon Daraen

Doch die Zeit steht nicht still

Baum.. Baum.. Baum.. Baum..“, dachte er sich, während er gedankenverloren aus dem Fenster des fahrenden Autos die Bäume vorbeisausen sah. Seine Eltern stritten sich auf den beiden vorderen Sitzen des alten VWs, während er und seine kleine Schwester sich auf der Rückbank gelegentlich ansahen und gegenseitig stummen Beistand schenkten. Er war froh, dass der Urlaub vorbei war. Diese zwei Wochen in Italien waren ein verzweifelter Versuch seiner Mutter gewesen, die Familie vor dem unvermeidbaren Auseinanderfall zu bewahren. Doch selbst seinem jungen Bewusstsein war von vorneherein klar, dass nicht einmal zwei Wochen in Nirwana den Streitereien der beiden ein Ende bereiten konnten. Er wollte einfach nur nach Hause, zu Speedy. Drei Jahre war es nun schon her, dass Speedy mit seinem silbergrauen Fell und niedlich-großen Ohren an seinem siebten Geburtstag in sein Leben gekommen war. „Ach, wie die

 

Zeit vergeht“, murmelte er, als er sich plötzlich an jene Heimreise von Italien erinnern musste. Er nahm noch einen Zug von seinem Joint und war erstaunt über die Abgründe seines Bewusstseins, die sich aufgrund dessen Wirkung auftaten, während es aus seinen Kopfhörern melodisch „I’m coming home from Italy - just for you“ klang. Es schien ihm fast so, als wären die Jahre, die seither schon verstrichen waren, bloß einige Monate gewesen. Mit Melancholie erinnerte er sich an jene Zeit zurück, die ihm nun im Nachhinein so viel schöner vorkam, als er sie damals empfunden hatte. Er sehnte sich danach, nochmal ein Kind sein zu können, nochmal mit seinen Freunden alberne Streiche zu spielen, nochmal ohne Bremsen den höchsten Berg im Dorf mit dem Fahrrad herunterzufahren, nochmal Lebensfreude zu verspüren. Schmerzlich wurde er sich bewusst wie sehr sich sein Leben seither, zu großen Teilen durch die Trennung seiner Eltern, verändert hatte: der Umzug und die damit einhergehende Entfernung zu seinen Freunden, seine schlechten schulischen Leistungen, seine fehlende Motivation und nicht zuletzt das zerrissene, geschwisterliche Band, das ihn einst so fest mit seiner Schwester verband. „Wenn ich doch nur

 

die Zeit zurückdrehen könnte“, schluchzte er in seinen Kopfpolster. Tief in ihm spürte er eine gewaltige, alles umfassende Leere, die sich wie ein schwarzes Loch durch ihn fraß. Seine Umgebung wurde ihm unklar, seine Sinne ließen ihn im Stich und der Kissenbezug wurde von seinen salzigen Tränen feuchter und feuchter. Vor seinen Augen spielten sich unendlich viele Filme gleichzeitig ab und er erlebte, so kam es ihm vor, jeden Moment, den er je zusammen mit seiner Schwester verbracht hatte, von neuem. Oh wie er es bereute, nicht früher wieder in Kontakt mit ihr getreten zu sein und er wollte sich selbst, Gott, ja die ganze Welt dafür bestrafen, dass er nun, da sie fort war, nicht noch mehr Zeit mit ihr verbringen konnte. Wie unglaublich dämlich und bescheuert er doch damals war, als er sich selbst bemitleidend und nichts tuend seiner Kindheit nachtrauerte, während seine Zukunft noch vor ihm lag. Langsam hörte er auf zu weinen – nicht, weil sein Schmerz nachließ, sondern seine Tränendrüsen nicht mehr mithalten konnten. Weit entfernt spürte er, wie Lilia seine Hand ergriff und ihm leise zuflüsterte: „Sie hat dich geliebt. Und ich liebe dich. Dein Schmerz ist mein Schmerz. Es wird alles

 

wieder gut“, versicherte er seiner Tochter, die soeben zum ersten Mal in ihrem Leben mit dem Fahrrad gestürzt war. Er hatte vom Fuße des kleinen Hügels aus zugesehen, wie sie mit kindlicher Freude und im Rausche des Adrenalins so sehr vom Moment gepackt wurde, dass sie (womöglich mit Absicht) auf seine Anweisung vergaß, stätig und kontinuierlich zu bremsen. Nun hielt er sie im Arm, während ihr blutendes Knie dunkle Flecken auf seiner Jeans und ihr rotes Gesicht nasse Stellen auf seinem Shirt hinterließen. Vor nicht allzu langer Zeit, so kam es ihm vor, hatte er selbst solche Flecken in sein Kissen geweint und es war nicht zuletzt die Nachricht, dass er bald Vater werden würde, die ihn damals aus seinem nahezu endlosen Zustand der Motivationslosigkeit und Lethargie zu holen vermochten. Ihr Gesicht löste sich nun von seiner Schulter und sie sah ihn mit großen, glasigen, grau-grünen Augen, die denen seiner verstorbenen Schwester so unverkennbar ähnlich waren, an. Ja, er liebte sie. Genauso, wie er diesen Moment liebte. Und er glaubte, sich zum ersten Mal bewusst zu werden, dass er den Schmerz hinter sich lassen konnte. Dass er die Trauer und die Sehnsucht nach seiner Kindheit, seinen Eltern und seiner Schwester vom sicheren Ufer aus empfinden konnte, um nicht im reißenden Fluss der Vergangenheit untergehen zu müssen. So stand er auf, stieg auf das viel zu kleine Kinderfahrrad, stapfte den niedrigen Hügel hoch und fuhr - kontinuierlich bremsend - hinunter, um seiner Tochter zu zeigen, wie auch sie diese Hürde ohne Schrammen bewältigen konnte. Dabei blickte er zu der Baum-Allee auf seiner rechten Seite und dachte mit kindlicher Leichtigkeit „Baum.. Baum.. Baum.. Baum..

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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