Leandra Tenebra

Wolfsstunde

Ihr Blick lähmte seine Glieder. Sein ganzer Körper war von einem qualvollen, jedoch süßen Schmerz erfüllt, während ihre unbeschreibliche Schönheit sein Herz zum Rasen brachte. Sie stand so dicht vor ihm, dass sein Leib von ihrem heißen Atem zu glühen und sein Blut zu sieden begann. Ihre ausgestreckte Hand war im Begriff, ihm nun endlich die lang ersehnte Berührung zu gewähren und seine Seele damit für immer zu beanspruchen. ''Heute ist es soweit. Heute wirst du mir gehören'', flüsterte ihm ihre engelsgleiche Stimme ins Ohr. Der donnernde Knall des Dampfhammers riss ihn aus seinen Träumen und brachte ihn auf unsanfte Art und Weise in die Realität zurück. Das ohrenbetäubende Geräusch bahnte sich seinen Weg durch die gesamte Fertigungshalle bis in sein Arbeitszimmer, wo es die Wände erschütterte und für einen kurzen Moment die ganze Welt zum Zittern brachte. Langsam richtete er sich auf und rieb seine Augen. Er wunderte sich ein wenig darüber, dass ihn doch tatsächlich auf dem harten Schreibtisch aus Tropenholz der Schlaf ereilte. Müde muss er gewesen sein... Müde von all den schlaflosen Nächten der letzten Tage. Die Schuld daran gab er wie immer der Fabrik, die ihn bereits seit seiner Kindheit mit Angst und Hass erfüllt. Auch wenn er es nicht wahrhaben wollte, hat er immer gewusst, dass er sie eines Tages von seinem Vater erben würde. Erbost drehte er seinen Kopf und blickte auf das Gemälde, welches ihm letzte Woche anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums seines Schienenwerks vom Bürgermeister überreicht wurde. Es zeigt den Blick auf die Anlage von den Weinbergen herab. Die grüne Idylle aus Hügeln, Wäldern und Bächen offenbart einem die Schönheit der Natur und lädt zum Träumen ein. Beinahe könnte man beim Betrachten des Bildes so etwas wie Freude empfinden, würde in seiner Mitte nicht dieses abscheuliche Monster aus Beton und Ziegeln thronen, welches die Flüsse austrinkt und schwarze Wolken in den Himmel hustet. Er griff nach dem Brieföffner und stach ein Loch in die Leinwand. Davon ausgehend fuhr er die Umrisse von Wänden, Schornsteinen und Dächern nach, bis die Fabrik ausgeschnitten war und aus dem Rahmen fiel. Sein schallendes Gelächter durchflutete das Arbeitszimmer und erfüllte ihn mit neuem Leben. Voller Energie warf er sich seinen Mantel um, stürmte zur Tür hinaus, durchquerte den Hof und sprang schließlich in seinen Wagen. Mit einem Kavalierstart raste er auf das weit geöffnete Tor zu, als wäre der Teufel hinter ihm her und es dauerte keine Minute, da war im Rückspiegel von der Fabrik nichts mehr zu sehen. Sein Weg führte ihn die Hügel hinauf, vorbei an rauschenden Bächen und Wiesen, die auf keiner Karte verzeichnet waren. Schließlich erreichte er den Waldrand, der im Schatten der Bäume eine Grenze markierte. Hier stellte er den Wagen ab und entledigte sich seines Mantels. Die Mittagssonne brachte unerwartete Hitze. Der Übergang vom Licht in die Dunkelheit schien wie das Tor in eine andere Welt. Das Überschreiten jener Schwelle stellte für ihn die Rückkehr in eine lang vergessene Heimat dar. Ein Gefühl nie da gewesener Freiheit und Unbeschwertheit überkam ihn, als er von einer inneren Stimme geleitet, tiefer und tiefer in den Wald vordrang. Einen Weg gab es nicht. Es dauerte nicht lange, da schloss sich vor ihm eine Lichtung auf. Die heiße Sommerluft war erfüllt vom Duft der unzähligen Wildblumen, die hier im Schutz der umliegenden Bäume Bienen aus allen Ecken des Waldes anlockten. Endlich war der Tag gekommen, an dem sich alles ändern würde. Sie saß auf einem umgestürzten Baum in der Mitte der Lichtung. Die von ihrem weiß-silbrig schimmernden Kleid reflektierten Sonnenstrahlen brachen sich in Tautropfen, welche in diesem Augenblick der Trauer und Freude, des Abschieds und des Neubeginns, des Todes und der Liebe wie Tränen der Natur von den spitzen Buchenblättern hinab auf den erhitzten Waldboden fielen. In Erwartung dessen, was kommen würde, näherte er sich steten Schrittes, bis er schließlich vor der lichtumhüllten Erscheinung der jungen Frau in die Knie ging. Nun war er am Ziel. Es dauerte nicht lange, da spürte er, wie sie ihre Lippen auf die Seinen presste und er in ihrer innigen Umarmung aus einem viel zu lang andauernden Schlaf erwachte.

 

Am nächsten Morgen war die Aufregung in der Fabrikhalle groß. Die Arbeiter legten ihr Werkzeug nieder und versammelten sich in einem Kreis um den Sekretär des Fabrikbesitzers, der die neue Ausgabe der Tageszeitung in den Händen hielt. Man hat den Wagen ihres Vorgesetzten gefunden. Komplett zertrümmert und verbeult lag das Fahrzeug in einem Graben neben der schmalen Straße, die zum Wald hinauf führt. Vom Fahrer fehlt jede Spur, wie es wortwörtlich im Bericht stand. Ein Hilfspolizist will zwischen den Scherben der Windschutzscheibe ein silberglänzendes Haar erblickt haben. Jenes sei jedoch, von einem heftigen Windstoß erfasst, plötzlich wieder im Nichts verschwunden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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