Monika Litschko

Sultan del Arabika Teil4

Am anderen Morgen

Nach einem langen erholsamen Schlaf beschloss Emma, zur Schule zu gehen. Anschließend konnte sie sich damit befassen, herauszufinden, was oder wer Tubarzia war. Dieser Traum ließ ihr keine Ruhe. „Lieber Gott, lasse es nicht nur ein Traum gewesen sein. Bitte, bitte. Ich werde auch aufhören mit dem Flunkern, das verspreche ich dir.“

Die Erinnerung an Tubarzia hatte der Silberling ihr nicht genommen, denn dieses mysteriöse Wort, war der Schlüssel zu einem unvergesslichen Erlebnis. Es stand für Abenteuer, Tränen, Stolz, Kampf und Abschied.

Schnell aß sie eine kleine Schüssel mit Cornflakes, verabschiedete sich von ihrer Mutter und rannte los. Ihre Freundin Lilly wartete schon ungeduldig vor Oma Krauses, Tante-Emma-Laden. Dort trafen sie sich jeden Morgen, um gemeinsam zur Schule zu gehen.
Emma stürmte auf sie zu. „Sag mal, Lilly, weißt du was Tubarzia ist? Hast du es schon mal gehört? Es ist ungeheuer wichtig für mich.“
Lilly wusste es nicht. „Bestimmt, wenn man jemanden an seinem Bart zieht“, antwortete sie ratlos. „Tu Bart zieh ah.“ Denn je länger sie über dieses seltsame Wort nachdachte, umso lustiger fand sie es.
„Meinst du?“, murmelte Emma enttäuscht. „Außerdem finde ich das gar nicht zum Lachen“, maulte sie Lilly sauer an. „Ich habe dich nur etwas gefragt.“

Im Gegensatz zu Emma, hatte Lilly ihre schwarzen Haare immer zu einem Pferdeschwanz gebunden. Emmas blonde Lockenmähne, die ihr gerade bis zum Kinn reichte, zwirbelte sich keck um ihr hübsches Gesicht, aus dem zwei lustige, grüne Augen blinzelten. Lillys Augen waren braun und gelb, dass hatte Emma einmal festgestellt. Und so kamen sie zu dem Entschluss, das Emma einmal eine Hexe gewesen war und Lilly ein Wolf.

„Ich finde es echt nicht nett, wenn du mich so an maulst“, beschwerte sich Lilly. „Nur weil ich über Tubarzia gelacht habe. Mensch bist du empfindlich.“ Zu gerne würde Emma, Lilly alles erzählen. Aber erst müsste sie wohl Sultan del Arabika fragen. Das wäre peinlich, wenn sie Lilly mitnähme und die Pferde würden keinen Ton von sich geben. „Ist ja ok“, beruhigte sie Lilly. „War doof von mir.“

Die Schulstunden wollten nicht enden, und Emma rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Frau Binder, das war die Lösung. Eine gute Lehrerin würde so etwas wissen. Sie zappelt so lange auf ihrem Stuhl herum, bis Frau Binder auf sie aufmerksam wurde. „Bevor du dich da ganz verrenkst, löse mal die Aufgabe an der Tafel“, sagte Frau Binder da auch schon.
„Jetzt oder nie“, murmelte Emma. „Das nenne ich Schicksal.“ Sie ging zur Tafel, drehte sich zu Frau Binder und sagte supernett. „Tubarzia, was war das noch mal? Ich habe es glatt vergessen.“
Frau Binders Augen wurden noch größer, wie sie ohnehin schon hinter den dicken Brillengläsern erschienen. „Emma?“, sagte diese nur fragend und blickte sie über den Rand ihrer Brille finster an.
„Tubarzia meine ich“, versuchte Emma es noch einmal und kam sich ziemlich blöd vor.
„Also Emma, kannst du mir erklären was das soll?“, knurrte ihre Lehrerin ungehalten. Ist das wieder einer von den Schulstreichen, die in dieser Schule umhergehen? Bei mir zieht das nicht. Also rechne und lasse den Nonsens.“
Die ganze Klasse lachte so laut, dass Frau Binder für Ruhe sorgen musste. „Diese Kinder“, murmelte sie und gab einen genervten Seufzer von sich. „Als nächstes planen die noch einen Flashmob.“
Emma war enttäuscht. Es war wohl doch ein unwahrer Traum gewesen. Tubarzia, das Wort gab es in Wirklichkeit gar nicht. Ein schöner, blöder Wunschtraum.

„Sag mal, warum hast du Frau Binder auch nach Tubarzia gefragt?“, wollte Lilly wissen. „Mich hast du auch danach gefragt. Willst du uns damit auf den Wecker gehen? Tubarzia, Tubarzia“, nuschelte sie gelangweilt.
Emma suchte mal wieder nach einer halben Notlüge. „Ich dachte, dass ich das Wort kenne“, antwortete sie pikiert und kreuzte die Finger in der Jackentasche.„Aber woher denn?“, hakte Lilly nach. „Ich habe es noch nie gehört. Du kannst doch nicht jeden danach fragen und anschließend behaupten, dass du nur dachtest es zu kennen.“
„Dann habe ich mich wohl verhört“, antwortete Emma schnippisch.
„Kommst du heute Nachmittag zu mir?“, fragte Lilly. „Du warst schon lange nicht mehr bei mir. Wir könnten Musik hören oder heimlich einen Film gucken.“ Lilly lächelte verschwörerisch. „Einen Vampirfilm, was meinst du?“ Emma tat es leid, dass sie Lilly enttäuschen musste, aber die Pferde warteten ja auf sie. „Heute geht es nicht“, antwortete sie hastig. „Ich muss üben, Befehl von Papa. Aber Freitag kannst du zu mir kommen. Dann machen wir etwas Großartiges. Ach quatsch, bleib einfach ein Wochenende. Das wird bestimmt lustig. Und es könnte sein, dass ich dann eine Überraschung für dich habe.“
Lilly, die jetzt sehr neugierig war, wollte sofort wissen was für eine Überraschung. „Komm, sage es mir doch jetzt schon“, quengelte sie. „Bis Freitag ist noch lange hin. Ich sterbe, wenn du es mir nicht sagst.“
Blitzschnell griff Emma nach Lillys Nase und zog daran. „Wenn ich es dir sage, ist es keine Überraschung mehr und gestorben ist noch keiner daran. Außerdem ist morgen schon Freitag.“ Enttäuscht rieb Lilly ihre Nasenspitze. „Also gut, ich warte“, sagte sie lahm. „Aber wehe du veräppelst mich wieder. Das tust du gerne. Dann rede ich nicht mehr mit dir.“

An der nächsten Straßenecke trennten sich die Freundinnen und Emma rannte los. In ihr tobte ein Vulkan. Endlich konnte sie zu den Pferden.
Nachdem sie ihre Hausaufgaben erledigt hatte, schnappte sie sich eine leere Plastiktüte und stopfte sie voll mit Äpfeln, Karotten und Zucker. „Was soll das, Emma?“ Die vorwurfsvolle Stimme ihrer Mutter ließ sie zusammenschrecken. „Ich kann nicht jeden Tag neue Äpfel besorgen, die du anschließend an die Pferde verfütterst. Das kostet alles viel Geld“, tadelte sie ihre Tochter. „Außerdem ist der Bauer dafür zuständig. Ab und zu mal, das ist nicht weltbewegend. Aber dauernd, das geht zu weit.“

Emmas Herz schlug bis zum Hals. „Einmal noch, Mama“, bettelte sie. „Du hast ja recht. Es ist nur wegen einem alten Pferd. Es freut sich immer so.“ Dabei setzte sie ihr bezauberndes Lächeln ein. Denn Mamas Lieblingsgesicht zog immer.
„Also gut, aber ab morgen darfst du nur noch zwei Mal die Woche zugreifen. Das langt. Ich werde versuchen, Oma Krause ein paar schrumpelige Äpfel abzuschwatzen. Die mögen Pferde am liebsten.“ Emma drückte ihre Mutter und gab ihr einen dicken Kuss. „Danke Mama, ich nehme nur noch schrumpelige Äpfel, versprochen.“

Sultan del Arabika erwartet sie schon. „Na, hast du Angst das ich verhungre?“, schnaubte er gleich los. „Eine volle Tüte, nur für mich?“
Emma stellte die Tüte ins Gras und schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich nicht, ich habe für jeden etwas mitgebracht. Alle sollen davon abbekommen. Samira, Melchior, Baron, Quasselstrippe, ich habe etwas für euch!“, rief sie über die Wiese. Aber die Pferde rührten sich wieder nicht. Sie grasten einfach weiter. Nur Quasselstrippe hob einmal kurz den Kopf. „Und was machst du nun?“, fragte der Schwarze spöttisch. „Hast du immer noch nicht kapiert, dass sie erst auf meinen Befehl warten? Nix Verstanden?“

Emma reichte es. „Warum sollen sie auf deine Befehle warten?“, meckerte sie den Schwarzen an. „Bist du so etwas Besonderes? Mein Papa ist Lehrer, aber auf seine Befehle muss niemand hören. Also nicht unbedingt.“
Sultan rannte ein paar Runden über die Weide. Dabei wieherte er ununterbrochen und es hörte sich an, als würde er lachen. „Ein weiser Mann, edlen Blutes soll dein Vater sein? Aber auf seine Befehle hört niemand? Brrrrrrrr, Brrrrrrrr, komisch diese Menschen“, schnaubte er atemlos. „Aber du musst mich ja nicht gleich so anschreien, Rotznase.“ Emma zauberte ein hilfloses Verzeihlächeln in ihr Gesicht. „Tut mir leid, Sultan,“ sagte sie geknickt und hielt ihm einen Apfel hin. „Nimm den. Weißt du, eigentlich sollte man auf seinen Lehrer hören. Aber es gibt auch Schüler, die tun das nicht. Und mit denen hat er nur Ärger.“
„Na gut“, knurrte er. „Ich verzeihe dir. Dein Vater tut mir leid, wenn er solche Gören unterrichten muss. Alles unreife Rotzlöffel, die sich so benehmen. Das kannst du mir glauben.“ Nachdem er den ersten Apfel geknabbert hatte, schlug er wieder seine Hufe in die Wiese. Wie auf Befehl, trabten Quasselstrippe, Baron, Samira und Melchior nun heran. „Hallo, Emmachen!“, rief Quasselstrippe.

„Hallo Quasselstrippe, wie geht es dir?“, begrüßte Emma die rote Stute und hielt ihr einen Apfel hin. „Hier, heute habe ich jede Menge mitgebracht. Aber jetzt darf ich nur noch zwei Mal die Woche Äpfel mitbringen, sonst flippt meine Mutter aus. Aber wenn wir Glück haben, spendiert Oma Krause euch ein paar schrumpelige Äpfel. Bei Zucker und Rüben meckert Mama nicht. Denn Zucker ist ungesund und Rüben wachsen in ihrem Garten.

„Ach ja“, antwortete die rote Stute. „Es geht so. Mein Kopf ist voll mit Antworten. Er platzt gleich. Aber ich darf ja nicht so viel plappern. Oder möchtest du heute etwas wissen von mir? Deine Mutter hat absolut Recht. Äpfel kosten Geld, und Rüben schmecken mir genauso gut. Sag schon Emma, möchtest du etwas von mir wissen?“

Emma überlegt kurz. „Ja, das möchte ich. Wenn ihr in Arabika alle eine Aufgabe hattet, was war Sultans Aufgabe?“ Emma, die mit einem Wutanfall von Sultan del Arabika rechnete, trat schnell einen Schritt zurück. Aber das war gar nicht nötig. Der schwarze Hengst straffte sich und seine dunklen Augen leuchteten.

„Darf ich?“, kicherte Quasselstrippe und wartete auf Sultans Zustimmung. „Sicher, erzähle es ihr“, antwortete Sultan stolz und streckte sich noch mehr. Quasselstrippe war auf einmal sehr still und bewegte sich nicht einen Zentimeter. „Also fange schon an“, forderte Samira sie auf. Das Gehabe der Stute nervte sie.„Nur wenn wir es so machen wie sonst auch“, antwortete Quasselstrippe zickig und drehte sich um. „Oh man“, stöhnte  Baron, „geht, dass jetzt schon wieder los?“ Emma war verwirrt. „Was geht schon wieder los?“
„Sie will es singen“, seufzte Baron und rollte mit den Augen. „Ja, ja, und nochmals ja, das will ich“, maulte Quasselstrippe und vertrieb mit ihrem Schwanz die Fliegen von ihrem Hinterteil. „Wenn nicht, dann rede ich den ganzen Tag, ohne Punkt und Komma.“ Abwartend trommelte sie mit ihrer Hufe auf der Wiese herum. „Bitte nur dass nicht!“, riefen Melchior, Baron, Samira und Sultan gleichzeitig. „Also gut, singe es“, sagte Sultan, „sonst stehen wir morgen noch hier“. Quasselstrippe kicherte und drehte sich wieder zu ihnen. „Ich habe noch eine Bedingung“, näselte sie anzüglich. „Melchior und Samira begleiten mich, wie letztens im Stall. Mit Schubidu und Bumbumdibum. Und du Baron, schlägst mit deinen Hufen den Takt. Sonst läuft nichts.“

Emma, die sich das sonderbare Spektakel aufmerksam verfolgte, hielt sich die Hand vor den Mund. Sie fand Quasselstrippes Benehmen sehr lustig. So benahm sich auch ihre Cousine Lotte, wenn sie ihren Willen nicht bekam. Aber Lotte war erst fünf Jahre alt.

„Jaaaaaa, machen wir!“, rief Sultan. „Aber fange endlich an“, befahl er ihr und wiehert dabei gefährlich. Also gut“, säuselte Quasselstrippe entzückt. „Alle bitte auf ihre Plätze.“

Sultan del Arabika stellte sich mitten auf die Weide. Samira und Melchior stellten sich neben Quasselstrippe, und Baron legt sich umständlich auf die Wiese und rollte sich ächzend auf den Rücken. Mühsam streckte er die dünnen Beine in die Luft.

„Ich fange an!“, rief Quasselstrippe und warf sich in Pose. „Baron, Takt!“
Der alte Baron schlug mit seinen Hufen einen fetzigen Rhythmus und Quasselstrippe begann zu singen.

Er führte die Parade an, dieser wunderschöne Pferdemann.

Schubschubschidu.

Der schwarze Hengst marschierte derweilen stolz und mit gereckten Hals über die Weide.

Mit Kraft und Stolz, aus edlem Holz.

Schubschubschidu

Wir folgten ihm voller Vertrauen,
besonders folgten ihm die Frauen.

Schubschubschidu

Seine Federkrone, die war edel,
schwang im Wind stets wie ein Wedel.

Schubschubschidu

Posaunen spielten für ihn Lieder,
Stuten knieten vor ihm nieder.

Bumbumdibum
Bumbumdibum

Elefanten, Löwen und auch Tiger,
knieten auch schon vor ihm nieder.

Baaaahuuuuuuu

Für alle, war er ein Star,
der Sultan von Arabika.

Lalalalalalalalaalalalala

So endete Quasselstrippes Gesang. Stolz stellte sie sich auf ihre Hinterläufe und drehte sich einmal um sich selbst. „Das war nur für dich kleine Emma!“, sagte sie fröhlich und schnaubte zufrieden. „Gesang und Tanz vom Quasselstrippen Chor.“
Melchior und Samira straften sie dafür mit einem finsteren Blick. „Das wir nicht lachen“, meckerte Melchior. „Quasselstrippen Chor“, meckerte jetzt auch Samira.

Sultan, der während ihres Gesanges, stolz wie ein König, die Wiese auf und ab marschiert war, verneigt sich vor Emma. „Und?“ fragte er neugierig. „Hat es dir gefallen?“

Emma klatschte Beifall. „Hurra, großartig!“, rief sie, immer noch ganz entzückt von dieser Vorstellung. „Dann warst du ein Paradepferd“, sagte sie anerkennend zu dem Schwarzen.
„Und was für eins“, antwortete Quasselstrippe. „Ganz Arabika lag ihm zu Füßen. Ach, waren diese Zeiten schön. Sultan war schon etwas Besonderes. Weißt du......“ Bevor die weiße Stute ihn weiter blamieren konnte, trabte der Schwarze zu Emma.
„Ja, ich war ein Paradepferd. Und nun stehe ich auf einer kleinen Weide, wohne in einem alten Stall und träume mit meinen Freunden von längst vergangenen Zeiten. So habe ich mir das nicht vorgestellt. „Ich dachte immer, wir würden bis an unser Lebensende in Arabika leben.“

Samira schniefte verhalten. „Aber wir haben ja uns“, sagte sie traurig und trottete langsam davon.
„Was hat sie?“, fragte Emma und blickte Samira hinterher, die langsam die Weide hoch trabte.
„Sie ist sehr traurig“, antwortete Melchior. „Ihre Tochter Saphira lebt noch in Arabika. Samira hat sie lange nicht gesehen. Es wird ihr bald das Herz brechen, befürchte ich.“

Emma war sichtlich gerührt. „Das ist ja schlimm“, flüsterte sie mit Tränen in den Augen. „Ich will nie ohne meine Eltern leben. Da darf ich gar nicht drüber nachdenken. Saphira heißt ihre Tochter? Ein schöner Name.“ Emma kletterte durch den Zaun und lehnte sich an Quasselstrippe. Irgendwie war es unglaublich, dass auch die Pferde eine Vergangenheit hatten und ein eigenes Leben. So wie die Menschen auch.

„Ich weiß noch, als Saphira geboren wurde“, sagte Quasselstrippe. „So ein niedliches, kleines Pferdemädchen war sie gewesen. Schneeweiß mit einer roten Zeichnung. Samira nannte sie liebevoll Saphir. Wir alle nannten sie so. Ich vermisse Arabika und Saphira.“

Sultan del Arabika neigte seinen Kopf und erzählte Emma, warum sie Arabika verlassen mussten. Er erzählte noch einmal von der plötzlichen Armut Arabikas. Von der großen Not und dem traurigen Abschied, der Samiras Herz zerbrochen hatte.

„Das war das letzte Mal, dass sie ihre Saphira gesehen hat“, beendete er seine Geschichte. „Arme Samira“, flüsterte Emma. Der alte Baron gab ihr einen Stups. „Komm, sei nicht traurig. Samira wird damit klarkommen, denn sie ist schon mit vielen Dingen des Lebens fertig geworden. Wollen wir alle mal ein Stück laufen?“, fragte er und blickte in die Runde. „So bis zum Stall meine ich. Das lange Stehen geht mir auf den Rücken. Oder wollt ihr hier Wurzeln schlagen?“ Sultan nickte. „Okay, gehen wir ein Stück. Samira ist schon oben und wir sollten in ihrer Nähe bleiben. Komm Rotznase, klettre auf meinen Rücken. Ich trage dich.“

„Darf ich in euren Stall gucken“, fragte Emma neugierig, als sie endlich oben angekommen waren. Denn für sie sah das Zuhause der Pferde richtig gemütliich aus. Wie eine Abenteuerhütte aus einem Wildwest Film. Der Stall lag so nahe am Wald, dass Emma die Indianer, die dort leben könnten, schon auf sich zureiten sah. Mit erhobenem Pfeil und Bogen, jagten sie über die Weide.
„Sicher, darfst du das“, antwortete Sultan. „Aber mache nichts durcheinander. Kinder kramen immer herum. Jeder von uns hat sein eigenes Stroh, denke bitte daran.“

Emma warf einen Blick hinein und fand, dass es ein ganz normaler Stall war. Außerdem konnte sie hier gar nichts durcheinander machen. Das Stroh lag gleichmäßig verteilt in den Boxen. Wasser und Futter waren auch reichlich vorhanden und so kehrte sie zu den Pferden zurück.

„Sultan?“, sagte sie fragend und schaute ihm in die Augen. „Ja, was ist?“, antwortete er. „Und lass, dass, es stört mich, wenn du mich so anguckst“.
„Schon gut“, sagte Emma und schaute woanders hin. „Weißt du was Tubarzia ist?“ Jetzt war es gesagt. Es brannte schon den ganzen Nachmittag unter ihren Nägeln. Sultan tänzelte aufgeregt hin und her. „Tubarzia? Ja, das weiß ich. Ich habe dir in deinem Traum gesagt, du sollst es nicht vergessen.“
„Du bist wirklich in meinem Traum gewesen? Wow.“

Sultan, der ein bisschen Gras knabberte, hob verblüfft den Kopf. „Wau?“, wieherte er. „Bist du ein Hund?“
„Ich habe nicht Wau gesagt. Ich habe Wow gesagt. Das bedeutet so viel wie, sag bloß.“

Melchior konnte sich ein Wiehern nicht verkneifen. Sultan war eben nicht mehr auf dem neuesten Stand, was die Sprache anging. „Wow“, sagte jetzt auch Quasselstrippe. „Das werde ich mir merken. Wow, ist cool.“ Der Schwarze schaute sie strafend an und schüttelte verständnislos den Kopf.

„Ach ja“, seufzte er. „Legen wir uns doch auf die Wiese, dann erzählen wir dir von Tubarzia.“ Emma nickte und legte sich mit ihm in das weiche grüne Gras. Vorsichtig schmiegte sie sich an den Schwarzen. „Es kann losgehen“, sagte sie aufgeregt. Ihre Wangen waren vor Aufregung leicht gerötet, denn sie war so glücklich, dass es Tubarzia wirklich gab.

„Tubarzia ist ein Ort, wo wir hingehen, wenn wir diese Erde verlassen“, fing Sultan an. „Du meinst, ihr geht dann in den Himmel?“, fragte Emma atemlos. „So ungefähr“, fuhr Samira fort. „Tubarzia ist ein Land, in dem die Einhörner leben. So wie ihr, wenn ihr den Himmel betretet und strahlende Seelen werdet.“
Emma überlegte. „Aber Einhörner gibt es doch nur in Legenden, oder?“
„Jede Legende Emma, lebt von einem Hauch Wahrheit“, antwortete Melchior. „Ein Mensch, der ein Einhorn sehen kann, hat ein reines Herz. Er kann es aber nur für einen Bruchteil der Sekunde sehen, und er wird denken, geträumt zu haben. „Wenn wir nach Tubarzia gehen, werden wir, dass sein, was wir schon immer waren.“
„Einhörner“, vollendete Baron, Melchiors langen Satz. „Dann sind wir zu Legenden geworden. Legenden, die sich die Menschen erzählen. Legenden, an die Kinder glauben.“
„Oh Mann“, flüsterte Emma ehrfurchtsvoll. „Der Pferdehimmel heißt Tubarzia und da leben die Einhörner. Und warum heißt es Tubarzia und nicht Pferdehimmel?“ Quasselstrippe schaute sich um, denn sie wollte sicher sein, dass kein anderer hörte, was sie nun sagte. „Das Wort setzt sich aus den Namen der großen Drei zusammen“, flüsterte sie verschwörerisch. „Ich werde dir nun ihre Namen verraten.“ Emma schluckte, denn das was sie gehört hatte, war zu fantastisch, um wahr zu sein. Sie kam sich vor wie in einer Fantasiewelt. Es fehlten nur noch Könige und Prinzessinnen, Burgen, Zauberer und Paradiesvögel.

„Also, höre mir zu. Tula ist die Mutter aller Einhörner. Sie beschützt und bewacht diese. Ihr entgeht nichts, was uns zu Lebzeiten widerfährt. Barsus ist ein Torwächter. Er lässt die Seelenpferde ein, die ihr irdisches Dasein gelebt haben und er öffnet das Tor, wenn ein Einhorn die Welt der Menschen besuchen will. Aber da gibt es noch Ziandra, sie ist die Bewacherin der geheimen Schrifttafeln. Sie bewacht die Geheimnisse der Einhörner und  verteidigt sie mit ihrem Leben. Denn diese Geschichte gehört nur den Einhörnern und Pferden. Sie ist voller Magie und Mystik.“
Emma hörte gespannt zu und knabberte dabei an ihrem kleinen Finger. Das tat sie immer, wenn etwas sehr Aufregendes passierte. Oder wenn sie mit Lilly heimlich einen Film schaute. „Das heißt, wenn ihr tot seid, lebt ihr in Tubarzia weiter?“, flüsterte sie andächtig. Der Schwarze nickte. „Ja, so ist es. Aber wenn einer von uns starke Not hat, kann er Tula bitten, schon zu Lebzeiten das Tor zu öffnen.“ Quasselstrippe wieherte laut. „Na, das wollen aber nicht viele von uns“, beteuerte sie inbrünstig. „Hier ist es ja auch schön.“

„Tubarzien, Tubarzien da hat man kleine Warzien“, ertönte es plötzlich hinter einem Busch, nahe am Wald. Der schwarze Hengst sprang auf und schimpfte sofort los. „Beppo, hast du schon wieder gelauscht? Komm sofort aus deinem Versteck!“ In dem Busch raschelte es verdächtig und der Kopf eines Wildschweins schob sich durch das Grün der Blätter. „Sorry, sollte ich nicht? Aber obwohl ihr versucht habt leise zu sprechen, habe ich alles gehört. Ich kann nichts dazu.“
„Dem Lauscher im Busch, trifft des Jägers Schuss“, schnaubte Sultan empört. Das Wildschwein mit Namen Beppo, wackelte mit seinem Rüssel. „Alles klar, mein Alter“, grunzte es und kroch ganz heraus. „Die Spinne an der Decke, fliegt zur Strafe in die Ecke. Genauso ein dummer Spruch.“ Sultan holte tief Luft, aber er wusste nicht was er darauf sagen sollte. Beppo hatte manchmal die merkwürdigsten Sprüche drauf und damit konnte er nichts anfangen.

„Wer ist denn dieser kleine Frischling?“, fragte Beppo neugierig und schob seine Rüsselnase an Emma heran. Frech schnupperte er an ihrer Kleidung herum.„Bäh!“, sagte Emma und lehnte sich ein Stück zurück. „Ein Wildschwein rüsselt mich an!“ Beppo zog beleidigt die Nase zurück und grunzte eingeschnappt. „Wenn ich dich anrüsseln würde meine Kleine, sähest du nicht mehr so frisch aus. Außerdem bin ich ein Keiler.“


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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