Francois Loeb

ZAUBERGLÖCKCHEN

Zaubern? Zauberhaft in den Winter? Zu erfahren in meiner Wochengeschichte
„Ach schau mal Papa“, ruft meine kleine Tochter ins Schaufenster blickend, mich anstupsend, „schau mal die verkaufen ein Zauberglöckchen. Süss ist das“, fährt sie fort. „Könnte ich damit echt zaubern? An einen Wunsch denken und der erfüllt sich gleich? Kaufst du es mir? Bitte, bitte. Die 99.99 ist es bestimmt wert! Wenn du es mir gekauft hast wünsche ich mir 100 und du hast dein Geld subito zurück. Ist doch genial. Und nicht nur die Hundert! Nein, darauf wünsche ich mir Tausend! Und wir sind reich auf einen Schlag! Ist doch mehr als genial. Bitte, bitte kauf es mir!“ Mit ruhigen Worten kläre ich meine Tochter, der ich so unheimlich schwer einen Wunsch abschlagen kann, auf, dass Werbung nicht wörtlich zu nehmen sei. Sie müsse doch nur an die Anpreisung des Frühstücksgetränks denken, das so blumig im Fernsehen beschrieben werde, dieses auf der Zunge zergehe und wenn es dann gekauft sei nur enttäusche. Doch meine Tochter ist dickköpfig. Wenn sie sich etwas vorgenommen hat gibt sie nicht auf. Will es durchsetzen mit dem Gewicht ihrer ganzen Persönlichkeit. Sie nimmt mich an die Hand, zerrt mich in den Laden.
Beim Öffnen der Türe bimmelt süss ein Glöckchen. Meine Tochter strahlt und sagt zu mir gewandt: „Siehst du!“ In den Räumen riecht es nach einer Mischung aus Zimt und Süssholzraspel, also Lakritz. Zugemischt eine leichte Prise Mottenpulver, wie mein empfindsames Riechorgan leicht erschrocken feststellt. Neben den Gerüchen treten in meinem Gesichtsfeld, wohin ich auch blicke, hunderte, ja tausende Glöckchen. Hängende. Liegende. Auf Regalen nach Grösse sortiert und solche die frei im Raum herumtanzen, dabei ihre Schwengel munter klingen lassen. Ich muss eingeschlafen sein ist mein erster Gedanke. So was gibt es nicht, funkt mein Realitätszentrum meiner Hirnmasse zu. So laut, dass ich erschrecke. Die Folge dieses hingeworfenen Gedankens: Ich ziehe alle Glöckchen, als sei mein Kopf ein Riesenmagnet, an. Sie umkreisen mich. Laden mich zum Tanze. Das kann unmöglich wahr sein funkt erneut das erwähnte, in mir schlummernde Zentrum, meinem Kopf zu. Lauthals diesmal und nicht nur für mich hörbar.
Die Folge ist ein lautes, heiteres Lachen aus dem Schlund aller tanzenden Glöckchen die mich jetzt, Walzer summend, glockenschlagend an die Hand nehmen, mich zu einer grossen Glocke führen, die mich in tiefer, sonorer Glockensprache begrüsst. Mir dann - seit wann verstehe ich Glockensprache? - zuruft: „Kindermund hat Gold im Mund“, und aus der Glocke purzeln Goldstücke auf den Boden, klammern sich an mich, decken mich nach oben steigend zu, bis ich meinen Kopf nicht mehr drehen kann, nur noch Augen rollend erkenne , dass meine Tochter ein Glöckchen in der Hand hält dem sie jetzt befiehlt dafür zu sorgen, dass das Gold von mir ablasse, sich einzig wünscht, dass ich in Zukunft viel mehr Zeit für sie haben soll, satt mittels der neusten Apps allem Gold dieser Erde nachzujagen ...

Mit guten Wünsche für einen angenehmen und gesunden Winteranfang François
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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