Sylvia Sagmeister

Der ergonomische Bürodrehstuhl

Seit Tagen schon wartete sie darauf, genaugenommen seit die Direktion per  Rundschreiben angekündigt hatte, dass endlich auch in der Firma Vinovia & Co KG, der sie seit zehn Jahren als getreue Dienerin angehörte, der Fortschritt Einzug halten und die sehr alten und klapprigen Stühle durch arbeits- wie körpergerechte Möbel ersetzt werden sollten.

 

Nun war es endlich soweit. Der Portier hatte ihr schon von weitem verschwörerisch zugeblinzelt: „Heute, heute sind sie gekommen, um sechs in der Früh!“

Beschwingten Schrittes eilte sie die Stufen hinauf, erklomm Absatz um Absatz – wieder einmal war der Aufzug außer Betrieb – durchmaß mit wenigen Schritten den breiten Gang, blieb vor der Tür kurz stehen um zu verschnaufen und öffnete sanft den linken Flügel der grün gepolsterten Tür. Von ihren langen, glatten Haaren, die sie wie immer zu einem festen Knoten zusammengebunden hatte, lösten sich einige Strähnen und hingen in ihr zartgeschnittenes Gesicht, betonten dadurch nur noch stärker ihren schlanken Hals sowie ihre kleinen, enganliegenden Ohren. Zarte, aber lange Ohrgehänge schmückten diese und wippten nun aufgeregt im Takt mit den Haaren. Ihre goldenen Augen leuchteten lebenslustig und voll Erwartung Petra an. Die Sekretärin und treue Bürogefährtin seit nunmehr sechs Jahren stand an der Schiebetür zu ihrem Büro und winkte sie, aufgeregt von einem Bein aufs andere hüpfend, an ihre Seite. „Er ist da! Schau nur, er ist da!“

Verena eilte neben sie und drängte sich in den Türrahmen. Da stand er! Prachtvoll erstrahlte der neue ergonomische Bürodrehstuhl in schwarzer Lederausführung hinter dem Schreibtisch. Einladend streckte er ihr seine Armlehnen entgegen. „Endlich!“, murmelte Verena entzückt. Sie schlüpfte aus ihrem kurzen Mantel, hängte ihn wie jeden Tag säuberlich auf den Haken, umrundete den Schreibtisch und legte ihre Tasche neben dem Computer ab. Dann schloss sie die Augen, stützte sich wie immer erst mit beiden Armen auf dem Tisch ab, angelte mit dem linken Fuß – vorsichtig mit dem rechten auf den hochhackigen Pumps die Balance haltend – den silberverchromten fünfstrahligen und mit schwarzen Kugelrollen versehenen Sesselfuß heran, drehte mit ihrem vom kurzen Faltenrock kaum verdeckten rechten Oberschenkel die Sitzfläche zurecht und ließ sich langsam, jede Sekunde auskostend, in den Schoß des Sessels gleiten. „Herrlich!“,  seufzte sie, die Augen noch immer fest geschlossen, „so lässt sich’s arbeiten! Petra“, ein schneller Blick, knapp unter den Lidern hervorgeschossen, streifte die Sekretärin, „meinen Kaffee bitte!“

 

Zufriedenes Lächeln breitete sich über Petras Gesicht, als sie ein paar Minuten später mit einer dampfenden Tasse Cappuccino im Türrahmen erschien und das nun perfekte Ebenbild eines perfekten Büros in sich aufsog. Die futuristisch anmutenden Schränke in hellem Grau und glänzendem Schwarz, kombiniert mit verchromten Griffen und Seitenschienen, fügten sich nahtlos ineinander und hoben das helle  Blassgrün der getünchten Wände in den Augen des Betrachters als ideale Ergänzung hervor. Diese wurden von sparsam, aber optisch ausgeklügelt drapierten und arrangierten Grünpflanzen geziert, ein Kalender, in Rot, Schwarz und Weiß vervollständigte das Bild. Trat der Besucher ein, so empfingen ihn gleich nach der auf der Innenseite hellgrau gestrichenen Türe zu rechter Hand zwei weiche Lederfauteuils, die zum Verweilen einluden. Davor befand sich ein niedriger Hocker, auf dem einige Zeitschriften lagen um eventuelle Wartezeiten zu verkürzen. Wanderte der Blick weiter in die Mitte des Raumes, fiel er bald auf einen großen, farblich auf die Regale abgestimmten Tisch, bestückt mit dem üblichen Büroinventar: Bildschirm, Tastatur, Drucker, Ablagefächer für diverse Schriftstücke. Hinter diesem Tisch wurde der Besucher von dem immer freundlich lächelnden Gesicht Verenas empfangen. Genau über ihr hing das einzige Bild dieses Raumes. Eine Radierung mit dem Titel: Inventar.

 

Petras Lächeln wurde noch eine Spur breiter, als sie sich der geflüsterten Worte und des Kicherns erinnerte, die dem Kauf dieses Bildes vorangegangen waren. Mit hochgeröteten Wangen hatten die beiden Frauen es schließlich erstanden und – ohne sich der eifrig angebotenen männlichen Helfer zu bedienen – selbst aufgehängt. Es passte perfekt. In den Raum und ganz besonders zu Verena.

 

Die Radierung zeigte eine junge Frau mit zu einem Knoten hochgesteckten Haaren, nackt bis auf die schwarzen Strümpfe und die hochhackigen Schuhe. Sie saß, den Rücken durchgewölbt, sodass die kleinen spitzen Brüste frech in die Luft stachen, die Unterschenkel locker unter der Sitzfläche übereinandergeschlagen, auf einem einfachen Sessel, dem einzigen Möbelstück in einem stilistisch angedeuteten weiten Raum. Aber statt über Armlehen verfügte dieses Möbel über Arme, starke, muskulöse, männliche Arme. Die vorderen Sesselbeine wurden von ebensolchen Beinen gebildet, als wäre der sitzende männliche Torso eines ideal gebauten Mannes mit einem Stuhl verschmolzen. Die Füße hatte er auf die Zehenspitzen erhoben und seine Formen umfingen den Körper der jungen Frau, deren Gesicht, das der Betrachter nur von der Seite sah, in leidenschaftlicher Ekstase zerfloss.

 

Immer wieder, wenn sie den Raum ihrer Chefin betrat, hatte Petra den Anblick genossen, wenn Verenas Haltung die der jungen Frau in der Radierung widerspiegelte. Bisher hatte der alte Stuhl gestört, der durch einen Fehler der Verwaltung bei der Renovierung des Büros übersehen worden war. Jetzt bot sich ihren Augen ein harmonisches Gesamtkunstwerk, das durch den neuen Bürodrehsessel den letzten Schliff erhalten hatte. Das herzliche Lächeln nun direkt an ihre Vorgesetzte gerichtet, stellte Petra den Cappuccino mit dicker Milchschaumhaube (zart bestäubt mit süßem Kakaopulver) auf dem großen Schreibtisch ab. „Viel Spaß im neuen Büro!“ Dankend nickte Verena und legte die Zeitschrift, in der sie geblättert hatte, zur Seite. „Keine Besucher in der nächsten Stunde!“, rief sie ihrer Kollegin noch zu, als diese beim Hinausgehen die Tür hinter sich schloss.

 

Verena räkelte sich in dem großen ledernen Möbelstück, schlüpfte schließlich aus den hochhackigen schwarzen Pumps, schlug die Beine unter und presste ihren Rücken fest an den Sessel. War das eine Wohltat! Genussvoll tauchte Verena ihre Lippen in den warmen Cappuccino. Sie ließ ein wenig Milchschaum darauf zergehen, leckte ihn mit der Zungenspitze ab und presste dann ihren noch ein wenig feuchten Mund auf die Sessellehne. „Willkommen in meinem Reich!“, flüsterte sie dem Sessel zu, „auf eine gute Partnerschaft.“ Sie begann den neuen Stuhl abzutasten, erforschte Hebel um Hebelchen, Schraube um Schräubchen. Ihre Fingerspitzen streichelten das weiche kühle Leder der Armlehnen, fuhren den verchromten Verstrebungen entlang, kehrten schließlich zur Lehne zurück.

 

Langsam begann sie sich im Kreis zu drehen, linksherum, rechtsherum, immer schneller drehte sie sich, der Tisch, die Regale flogen an ihren Augen vorbei, wie im Karussell im Prater, nur viel gemütlicher.

„Hör auf, mir wird schwindlig!“

Erschrocken packte Verena mit beiden Händen die Schreibtischplatte und stoppte die rasante Rotation. Mit einem Kopfschütteln vertrieb sie einen Anfall von Kreislaufschwäche. „Ist da wer?“

„Ja, ich“, brummte eine tiefe metallische Stimme, „du sitzt auf mir!“

Entsetzt wollte Verena aufspringen. „Nein!“ Zwei mit weichem schwarzen Leder bezogene Armstützen legten sich um die junge Frau. Die Rückenlehne passte sich genau ihrem Körper an, die Kugeln rollten so weit vom Tisch weg, dass Verena gezwungen war die Platte loszulassen. „Ich will mehr!“

„Was, was willst du?“, stammelte sie.

„Dich!“ Weich begannen die Armstützen Verenas Körper abzutasten und zu streicheln. Schwach hörte sie ein Klicken, als ob die Tür abgesperrt worden wäre. „Küss mich noch mal! So wie vorher ...“

 

Sie spürte, wie sich die Armlehnen verwandelten, Muskeln und Sehnen ausbildeten, Hände und Finger entstanden, wie der Schoß des Sessels männliche Formen annahm und das weiche Leder menschlicher Haut wich. Vergeblich wand sie sich, presste sich dabei nur noch tiefer an das sie umschlingende Wesen. Ihr knapper Rock rutschte hoch, legte straffe, golden gebräunte Pobacken bloß, betont durch einen schwarzen Stringtanga. Warme Haut drängte sich in ihr Bewusstsein, ihre Schenkel spürten feste Muskeln an ihren glattrasierten Beinen, fühlten verlangende Männlichkeit wachsen. Kitzelnde Finger fuhren über ihren Rücken, schoben sich unter die Bluse, streichelten ihre Haut, ihren Busen, ihre knospenden Brustwarzen. Jetzt hätte sie aufstehen können. Nicht länger hielt er sie fest. Er. Ihr halbherziger Widerstand brach in sich zusammen. War nicht gerade das immer ihr Wunsch gewesen? Leidenschaft ohne nachzudenken, ohne überlegen zu müssen? Einfach nur sein? Verlangen kroch in ihr hoch, Kribbeln füllte ihren Bauch, drängte sich durch ihren Körper, bis es schließlich in einem wohligen Seufzer der Lust aus ihrem Hals brach. ‚Ja! Nimm mich! Nimm mich!’ schrie es in ihr und sie gab sich ungehemmt der ihren Körper, ihren Sinn erfüllenden Lust hin.

 

Als sie, ekstatisch entzückt, knapp bevor die Explosion der Leidenschaft ihren Körper durchflutete,  von den starken Armen des Stuhls herumgewirbelt wurde, streiften ihre geweiteten Augen die hinter ihr an der Wand befindliche Radierung ...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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