Christa Astl

Heimepisoden "Ich mag nicht mehr"

 

 

"Ich mag nicht mehr...",

diesen Satz musste ich leider hin und wieder von manchen Heimbewohnern hören. So auch von Frau Therese. Sie war eine hochgewachsene, noch agile Frau in den hohen Neunzigern, ruhig und ausgeglichenen Charakters, früher sehr sportlich, begeisterte Bergsteigerin und Schifahrerin. Von ihrem Familienleben weiß ich so gut wie nichts, außer dass sie einen Teil ihrer Eckbank und einen passenden kleinen Tisch aus ihrer Wohnung mit her gebracht hat. Dieselben Möbel hatte ich auch.

Ich traf sie oft im Garten, manchmal im Gespräch mit anderen Bewohnern. Dann lernte sie ihre neue Zimmernachbarin kennen, und in kürzester Zeit waren die beiden ein Herz und eine Seele. Leider stellte sich bei der Nachbarin bald eine beginnende Demenz ein. Sie hatte irgend was studiert, war hoch intelligent anfangs, dann merkte ich, wie sie zunehmend im Gespräch unsicher wurde, Begebenheiten und Namen verwechselte und ihr auch das Lesen Schwierigkeiten bereitete. Frau Therese fiel diese Veränderung nicht weiter auf und so sah ich die beiden oft an schönen Nachmittagen auf einer Gartenbank sitzen und sich gegenseitig die Zeitung vorlesen. Einmal hörte ich wie Frau Therese sagte: „Was liest du denn da zusammen, komm gib mir die Zeitung.“ Von da an übernahm sie das Amt der Vorleserin.

Regine, der Nachbarin, ging es leider rasch zunehmend schlechter, kurze Krankenhausaufenthalte trugen zu ihrer Verwirrtheit noch bei, Frau Therese fühlte sich bald in ihrer Gegenwart immer einsamer. Ganz schlimm wurde es, als dann Frau Regine starb.

Frau Therese war so traurig, hatte sie doch nun ihre gute Freundin verloren, über deren Verlust sie nicht hinweg kam. Immer wieder sprach sie davon.

Eines Tages war sie kurz vor Mittag noch im Bett. Auf meine Frage: „Sind Sie denn krank?“ erreichte mich ein leidender Blick. „Ich mag nicht mehr. Das Leben ist nichts mehr“. – Wie sollte ich reagieren? Widersprechen wäre eine unechte Lösung, also nachfragen. „Warum? Erzählen Sie mir!“ Als ob sie darauf gewartet hätte, strömten die Worte, dass ihr die Freundin Regine so fehle, dass sie nun so alleine sei und mit niemandem mehr reden könne. Worüber wolle sie wohl sprechen, versuchte ich in meiner Erinnerung ihre Biografie zu erforschen. Ein Blick zum Fenster, dem sie vom Bett aus folgte, und wo der Berg im vollen Sonnenschein leuchtete, gab mir die Antwort: Sie dachte wohl ebenso wie ich: wie schön wäre es jetzt dort oben! Ich sprach das aus, und bald waren wir im Gespräch auf den höchsten Höhen der Gipfel, von denen auch ich die meisten kannte. Doch diese Frau hatte noch mehr geleistet, ich zollte ihr alle Achtung! Die Zeit verging, bald war es zum Mittagessen. Wie eine Junge schwang sie sich aus dem Bett: „Wissen Sie was, jetzt geht es mir wieder gut!“ Wie ausgewechselt durch die eine Stunde meines Besuches.

Probleme verschwinden durch das Reden. Möge doch jeder Bewohner solche Ansprechpartner finden!!

 

 

ChA 04.12.20

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Christa Astl).
Der Beitrag wurde von Christa Astl auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Buch von Christa Astl:

cover

Sie folgten dem Weihnachtsstern: Geschichten zu meinen Krippenfiguren von Christa Astl



Weihnachten, Advent, die Zeit der Stille, der frühen Dunkelheit, wo Menschen gerne beisammen sitzen und sich auch heute noch Zeit nehmen können, sich zu besinnen, zu erinnern. Tirol ist ein Land, in dem die Krippentradition noch hoch gehalten wird. Ich habe meine Krippe selber gebaut und auch die Figuren selber gefertigt. So habe ich mir auch die Geschichten, wie jede wohl zur Krippe gefunden hat, dazu erdacht.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (3)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Lebensgeschichten & Schicksale" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Christa Astl

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Am Anfang war das Wort.... von Christa Astl (Gedanken)
Kurze Geschichte meiner Donnerstage von Heino Suess (Lebensgeschichten & Schicksale)
Kriegsverbrechen von Paul Rudolf Uhl (Krieg & Frieden)